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Kapitel 2

Clara Aven
Am nächsten Morgen war der Esstisch mit allerlei Gerichten vollgestellt.

Blanchierte Garnelen, Rindfleisch mit Koriander, Meeresfrüchtebrei und gedämpfte Krabben.

Der aufsteigende Dampf brannte mir in den Augen, sodass meine Sicht langsam verschwamm.

Ich war allergisch gegen Meeresfrüchte und aß auch keinen Koriander. Mama wusste das ganz genau.

Doch heute löste sie das Fleisch aus den Krabbenbeinen und legte es in eine kleine rosa Schüssel.

„Sophie isst am liebsten Krabben.“

„Auch der Koriander darf nicht fehlen. Sie sagt, ohne ihn schmeckt es nicht.“

„Ich muss vorher üben, ihre Lieblingsgerichte zu kochen, damit sie sich nach ihrer Rückkehr nicht erst wieder an alles gewöhnen muss.“

Ich saß lange mit dem Besteck in der Hand da.

Dann senkte ich den Kopf und stopfte mir hastig einen Bissen Reis in den Mund, um die aufsteigenden Gefühle mit aller Kraft hinunterzuschlucken.

Mein Hals fühlte sich schmerzhaft zugeschnürt an. Erst nach einer langen Weile gelang es mir, meine Stimme wieder zu kontrollieren und den Tränenklang darin zu verbergen.

„Mama, erinnerst du dich noch daran, dass ich gegen Meeresfrüchte allergisch bin?“

Ich hielt den Kopf die ganze Zeit gesenkt und starrte auf den Reis in meiner Schüssel. Ich wagte nicht, aufzusehen.

Mamas Hand, die gerade den Reisbrei schöpfte, hielt kurz inne.

„Ausgerechnet jetzt machst du dir noch Gedanken um so etwas?“

„Wenn deine Schwester zurückkommt, muss sie sich erst an vieles gewöhnen.“

„Was macht es schon, wenn du eine Mahlzeit auslässt?“

Ich nickte, legte mein Besteck beiseite, stand auf und ging zurück in mein Zimmer.

Am Nachmittag kam Lukas vorbei.

Als er meine blassen Lippen sah, zuckte seine Stirn leicht.

Ich umklammerte den Saum meiner Kleidung und sah ihn lange an. Meine Stimme war so leise, dass sie kaum hörbar war.

„Lukas, kannst du einmal mit mir ans Meer fahren?“

„Ich wollte schon immer einmal dorthin.“

„Schließlich werde ich sowieso bald sterben.“

Er erstarrte.

Ich dachte, solange ich ihn nur darum bat, würde er vielleicht wirklich zustimmen.

Doch im nächsten Moment hörte ich ihn sagen:

„Du solltest in den nächsten Tagen besser nicht einfach herumgehen.“

„Falls bei der Ersetzung etwas schiefgeht, würde deine Mama das nicht ertragen.“

Ich lachte selbstironisch auf.

„Hast du wirklich solche Angst, dass sie nicht zurückkommt?“

Lukas’ Gesicht verfinsterte sich.

„Anna, hör auf, immer so zu reden.“

„Ich mache mir Sorgen um dich.“

Ich hob den Kopf und blinzelte verzweifelt, um die Tränen zurückzuhalten.

Dann setzte ich wieder ein Lächeln auf – sogar ein noch größeres als zuvor. Meine Mundwinkel schmerzten dabei.

„Du machst dir Sorgen um mich, deshalb hast du ohne zu zögern auf dem Bildschirm auf ‚Ja‘ gedrückt und mich in den Tod geschickt?“

Er senkte den Blick, wich meinem Blick aus und presste die Lippen fest zusammen. Er erklärte nichts mehr.

Plötzlich fühlte ich, dass jede weitere Diskussion sinnlos war.

Ich drehte mich um, ging zurück in mein Zimmer und öffnete mit zitternden Händen die App.

Ich versuchte es mit dem Passwort, das Mama am häufigsten benutzte. Und tatsächlich konnte ich mich einloggen.

Ich sah meine medizinischen Untersuchungsberichte, meine Schlafdauer und meine Stimmungsschwankungen.

Also hatten sie sich längst darauf vorbereitet.

Mein Magen verkrampfte sich plötzlich. Ich stützte mich am Tisch ab, während ein metallisch-süßer Geschmack in meiner Kehle aufstieg.

Ganz unten auf der Seite erschien plötzlich eine rot markierte Audiodatei.

Meine Fingerspitzen zitterten, als ich darauf tippte.

Eine sehr leise Frauenstimme erklang, brüchig und stockend.

„Wählt nicht meine Schwester.“

„Mama, ich will nicht, dass sie mich ersetzt.“

„Sie ist auch deine Tochter.“

Wie wahnsinnig schnappte ich mir mein Handy, stürmte aus dem Zimmer und hielt Mama den Bildschirm hin.

„Mama, hör dir das an.“

„Das ist die Stimme meiner Schwester.“

Als sie das erste Wort „Mama“ hörte, fiel ihr die Suppenkelle aus der Hand und schlug klirrend auf den Boden.

„Sophie ...“

Doch als sie den letzten Satz hörte, erstarrte die Aufregung in ihrem Gesicht langsam.

Im nächsten Moment traf mich ihre Ohrfeige.

Mein Kopf wurde zur Seite geschleudert. Meine Ohren dröhnten, und meine Wange brannte heiß.

„Anna, bist du wirklich so weit gegangen, sogar die Stimme deiner Schwester zu fälschen, nur um ihre Rückkehr zu verhindern?“

Papa riss mir das Handy aus der Hand und löschte die Aufnahme.

„Deine Schwester ist bereits einmal gestorben. Willst du, dass sie noch einmal stirbt?“

Mit leerem Blick sah ich Lukas an.

„Du hast es gehört, oder?“

„Sie hat gesagt, dass sie es nicht will.“

Ich hielt ihm den Bildschirm hin. Dort stand die Option: „Widerrufen“.

„Widerrufe es.“

„Wenn du es widerrufst, kann ich noch weiterleben.“

Lukas’ Finger schwebte über dem Bildschirm.

Plötzlich sank Mama auf die Knie und griff nach seinem Ärmel.

„Lukas, ich bitte dich.“

„Sophie hat dir damals das Leben gerettet. Du darfst ihr jetzt nicht den Rücken kehren.“

Lukas schloss die Augen.

Erst nach langer Zeit legte er das Handy weg.

„Anna ... es tut mir leid.“

Plötzlich begann meine Hand, durchsichtig zu werden.

Lukas streckte erschrocken die Hand nach mir aus.

Ich wich einen Schritt zurück.

„Fass mich nicht an.“

„Das war deine Entscheidung.“

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