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In der Parallelwelt gibt es keinen Schmerz
In der Parallelwelt gibt es keinen Schmerz
Penulis: Clara Aven

Kapitel 1

Penulis: Clara Aven
Mama stützte sich am Tisch ab und stieß langsam einen langen Atemzug aus.

„Gott sei Dank.“

Ihre Augen waren gerötet, doch ihre Mundwinkel hoben sich.

„Sophie kann endlich wieder nach Hause kommen.“

Papa legte einen Arm um Mamas Schultern und sagte: „Auf diesen Tag haben wir viel zu lange gewartet.“

Die Kerzen auf der Torte waren noch nicht ausgeblasen.

Ich blieb wie angewurzelt stehen, während ein dumpfes Summen in meinen Ohren dröhnte.

„Viel zu lange gewartet … seit wann?“

Mama hob den Kopf und sah mich an. Für einen Moment flackerte etwas in ihrem Blick.

„Seit du sechs Jahre alt warst.“

„Damals bist du ihr immer weniger ähnlich geworden.“

Ich schluckte unwillkürlich, doch plötzlich verschluckte ich mich und bekam kaum noch Luft.

Ich krümmte mich vor Husten, bis mir die Tränen in die Augen schossen.

Doch niemand sah mich auch nur ein einziges Mal an.

Seit ich sechs Jahre alt war, sagte Mama immer wieder zu mir: „Du bist deiner Schwester überhaupt nicht ähnlich.“

Sie holte das weiße Kleid hervor, das meine Schwester zurückgelassen hatte, und zwang mich, es anzuziehen.

Das Kleid war zu klein geworden. Der Kragen schnürte mir die Luft ab, und die Ärmel lagen eng um meine Arme.

Mama runzelte die Stirn und sah mich missbilligend an.

„Bei Sophie sah das nicht so aus.“

Sie spielte mir die Aufnahmen meiner Schwester aus der Zeit vor ihrem Tod immer wieder vor.

Jedes Mal drückte sie mitten in der Aufnahme auf Pause.

„Sophie zeigte beim Lächeln nie ihre Zähne.“

„So hielt Sophie den Stift.“

„Sophies Stimme war immer ganz leise.“

Also begann ich, sie jeden Tag nachzuahmen.

Die Frisuren meiner Schwester von den Fotos konnte ich mit geschlossenen Augen nachmachen.

Die Bewegungen und die Art zu sprechen aus ihren Aufnahmen konnte ich besser auswendig als jeden Schultext.

Ich gab mir alle Mühe, mich in ihre Gestalt zu verwandeln.

Ich dachte, wenn ich ihr nur ein bisschen ähnlicher wäre … nur ein bisschen mehr … dann würden Mama und Papa vielleicht glücklicher sein.

Doch egal, wie viel Mühe ich mir gab, jedes Mal, wenn sie mich ansahen, schüttelten sie enttäuscht den Kopf.

„Du bist ihr immer noch nicht ähnlich.“

„Der Unterschied ist einfach zu groß.“

Einmal zog ich das weiße Kleid an und rief sie, genau wie meine Schwester es getan hatte, mit gesenktem Kopf „Mama“.

Sie sah mich lange an. Dann liefen ihr plötzlich Tränen über das Gesicht.

„Anna, hör auf damit.“

„Egal, wie ähnlich du es machst – du bist nicht sie.“

In dieser Nacht versteckte ich mich unter meiner Decke und weinte bis zum Morgengrauen.

Doch am nächsten Tag sah ich mir die Aufnahmen meiner Schwester wieder von Anfang bis Ende an und prägte mir jedes Detail ein.

Später war es Lukas Weber, der mich aus diesem Leben herauszog.

In der Oberstufe sah er mich eines Tages auf dem Flur dabei, wie ich wieder einmal das Tagebuch meiner Schwester auswendig lernte. Er riss es mir aus der Hand und warf es in den Mülleimer.

Dann sagte er: „Anna, du bist nicht der Schatten von irgendjemandem.“

Dieser Satz hielt mich viele Jahre lang aufrecht.

Deshalb hatte ich noch immer einen lächerlichen Funken Hoffnung in meinem Herzen, als die Abstimmungsseite eben auf seinem Handy erschien.

Doch auch er drückte auf „Ja“.

Ich sah ihn an.

„Lukas … glaubst du auch, dass ich sie zurücktauschen lassen sollte?“

Sein Adamsapfel bewegte sich. Dann wich sein Blick meinen Augen aus.

„Anna, das ist doch nur ein Test.“

„Es bedeutet nicht, dass es wirklich funktioniert.“

Meine Zungenspitze wurde plötzlich taub.

„Als du auf ‚Ja‘ gedrückt hast … hast du da überhaupt an mich gedacht?“

Er runzelte die Stirn.

„Kannst du bitte aufhören, immer mit diesem Ton mit mir zu sprechen?“

„Deine Mama leidet schon genug.“

„Sie vermisst deine Schwester einfach zu sehr.“

Papa nahm meinen Ausweis aus meiner Tasche.

Ich streckte die Hand aus, um ihn zurückzuholen.

Doch er stieß mich einfach weg.

„Sophie wird ihn brauchen, wenn sie zurückkommt.“

Ich sah ihm in die Augen und fragte: „Und was ist mit mir?“

Papa schloss den Schrank ab. Seine Stimme klang ungeduldig.

„Ihr seid doch Schwestern.“

„Bei manchen Dingen muss man nicht so kleinlich sein und alles auseinanderrechnen.“

Ich ging zurück in mein Zimmer und holte mein Universitätsdiplom hervor.

Gerade als meine Fingerspitzen meinen Namen berührten, begannen die schwarzen Buchstaben plötzlich zu verschwimmen, als wären sie von Wasser aufgeweicht worden.

Die zwei Schriftzeichen „Anna Schneider“ wurden Strich für Strich blasser.

Und langsam erschienen an ihrer Stelle die Zeichen: „Sophie Schneider“.

Das Gesicht auf dem Foto verschwamm, als läge ein Nebelschleier darüber. Am Ende blieb nur noch ein undeutlicher Umriss zurück.

Ich starrte auf diese Worte und vergaß sogar zu blinzeln.

Erst als meine Augen trocken wurden und vor Schmerz brannten, schloss ich langsam die Augen.

Im nächsten Moment liefen mir Tränen über die Wangen.

Die Tür wurde aufgestoßen.

Als Mama das Diplom sah, leuchteten ihre Augen plötzlich auf.

„Sophie hatte als Kind nie die Möglichkeit, erwachsen zu werden.“

„Jetzt bekommt sie diese Chance irgendwie zurück.“

Mein Gesicht war voller Tränen. Ich blickte zu ihr auf.

„Mama, was ist, wenn ich wirklich sterben werde?“

Sie umklammerte den Türrahmen so fest, dass ihre Nägel mit einem leisen Geräusch über das Holz kratzten.

Nach einer langen Pause sagte sie: „Sag so etwas Unheilvolles nicht.“

Nachdem die Tür geschlossen war, rutschte ich langsam an der Wand hinunter und setzte mich auf den Boden. Ich zog meine Knie an mich, umklammerte sie fest und vergrub mein Gesicht darin.

In der Familiengruppe hatte Mama gerade meinen Namen geändert.

Von „Anna“ zu „Ersatz von Sophie“.

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