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Party

last update Last Updated: 2026-03-03 19:28:27

Kapitel 3 – Zwei Jahre später (Ariana)

Ich hatte mich in ein bodenlanges, schulterfreies Samtkleid in tiefem Tannengrün geworfen; die Haare fielen mir in weichen Locken über die Schultern. Janna war aus Frankreich zurück – mit einem glänzenden Abschluss in der Tasche. Meinen eigenen würde ich nächstes Jahr machen, und ja: Ich war verdammt stolz darauf.

„Du siehst toll aus."

Sisi steckte den Kopf in mein altes Kinderzimmer und schenkte mir ein vorsichtiges Lächeln. Wir waren so etwas wie Freundinnen – sehr zu Vaters Missfallen. Er brauchte sie nur als schmückendes Beiwerk für seine öffentlichen Auftritte; alles andere interessierte ihn nicht. Heute trug Sisi ein silbernes, schlichtes Abendkleid – anmutig und leider auch eine Einladung für seinen Jagdtrieb.

„Wenn du so hot aussiehst, überfällt er dich heute definitiv."

Sie verdrehte die Augen. „Ihn hält sowieso niemand auf."

Janna kam herein, umwerfend in einem roten A-Linien-Kleid.

„Du siehst großartig aus, Janna", sagte Sisi sanft.

„Danke – du auch", erwiderte meine Schwester, noch ein wenig reserviert.

Da platzte Vater in den Raum.

„Es wird Zeit, Sisi. Wir müssen die Gäste empfangen. Ihr beiden kommt, sobald ihr fertig seid." Sein Blick glitt prüfend über uns. „Janna, du bist hinreißend. Ariana ... du wärst es auch, wenn du lächeln würdest."

Er zog Sisi ab wie einen Preis an seiner Seite. Sie tat mir leid.

Janna sah ihnen nach. „Ihr versteht euch wirklich gut."

„Sie hat niemanden außer mir zum Reden", murmelte ich. „Vater packt sie nur an und spricht kaum mit ihr."

Janna verzog das Gesicht. „Zum Glück müssen wir sie nicht Mama nennen."

„Sie würde sich eher umbringen", antwortete ich trocken, und Janna lachte heiser.

Vater bestand darauf, dass ich jedes Wochenende heimkam – Samstag an, Sonntag weg. Also tat ich es, um den Streit kleinzuhalten. Im Saal tauchten wir sofort in ein Meer aus bekannten Mafia-Gesichtern ein. Manche kannte ich nur vom Sehen: Für Frauen war das Business schließlich tabu.

Sisi löste sich von Vater, kam zu uns.

„Ich soll ausrichten, ihr mögt euch tadellos benehmen – der Boss ist heute da."

Ich rollte die Augen, nahm ihr Champagnerglas und leerte es. „Wir brauchen alle Alkohol."

Sisi trank immer, wenn sie ahnte, dass Vater ihr heute Nacht zu nahe kommen würde. Ich konnte ihr das nicht verdenken. Ein Kellner ging vorbei; ich tauschte das leere Glas gegen ein volles. „Ich brauch was Härteres ... Oh, Tant-e Felicia! Wie geht es dir?" In Wahrheit hasste ich fast jeden hier, außer Sisi und Janna. Tante Felicia bestand trotzdem auf ihren Titel, da wir wirklich sehr sehr weit weg entfernt verwandt waren. Keine Ahnung welcher Ururopa auch ihrer war wie der von uns.

Vater gesellte sich zu uns, den Arm fest um Sisis Taille gelegt.

Felicia plapperte: „Ich habe gehört, Ariana besucht die Columbia!"

Vater grinste eisig. Da wurde sie weggerufen – Gott sei Dank. Ich schnappte mir ein Weinglas vom Tablett eines Kellners. Vater seufzte.

„Sag bitte niemandem, dass du gegen meinen Willen dort studierst."

Ich hob spöttisch die Brauen. „Aber Vater, bist du nicht stolz auf mich?" Dann drehte ich ihm den Rücken zu und ging zur Bar, Janna im Schlepptau.

„Dieser kalte Krieg muss aufhören, Ari", raunte sie.

„Niemals."

„Vater ist doch... netter geworden."

„Weil er schuld daran ist, dass ich Depressionen habe."

Sie stockte. „Du hast Depressionen?"

Ich nickte. „Ich hab Mums Krankheit gesehen, ihre Schreie gehört. Du warst in deinem Schloss in Frankreich. Ich war hier." Meine Stimme zitterte zum ersten Mal. „Und dann kam Sisi. Vater hat in der Hochzeitsnacht vergessen, dass ich im Haus war."

Janna wurde bleich. „Du hast das – gehört?"

„Ich höre es immer noch, wenn ich die Augen schließe."

Sie schluckte Tränen hinunter. „Weiß er von den Depressionen?"

„Seit Jahren. Er schreit mich nicht mehr bei jedem Mist an – macht ihn aber nicht zu einem besseren Menschen."

Mein Blick schweifte durch den Saal – stoppte. Damon ... der Arzt von Mums Beerdigung. Neben ihm hing eine bildschöne Blondine an seinem Arm. Ich riss mich los, gerade als Janna flüsterte: „Dad will später noch mit uns reden, irgendwas Wichtiges."

An der Bar bestellte ich Scotch.

„Du trinkst Scotch?", japste Janna.

„Klar." Ich nahm einen kräftigen Schluck, reichte ihr das Glas. Sie nippte. „Stark, aber gut. Du hast Geschmack."

„Hatte ich schon immer."

Alessio tauchte auf – unser Cousin, einst Mafia-Prinz, heute College-Dozent. Sein Vater, unser leiblicher Onkel war aus der Mafia ausgetreten, was in den Augen seines Bruders - unseres Vaters eine Sünde war. Er umarmte Janna, dann mich.

„Herzlichen Glückwunsch zum Abschluss", sagte er zu Janna.

„Danke. Ich hab ... einiges vermisst." Eine Lüge, die wir alle hörten.

„Mama lädt euch zum Essen ein." – „Gern", meinte ich. Tante Rosa war eine der Wenigen hier, die ich mochte.

Kaum war Alessio weg, küsste Vater Sisi auf offener Bühne. Janna würgte demonstrativ.

„Sie hasst ihn fast mehr als ich", seufzte ich und leerte den Scotch.

Der Barkeeper reichte uns zwei neue Gläser; ich zog Jannas weg und drückte es Vater in die Hand.

„Der ist gut. Beruhig dich."

Vater funkelte mich an, kippte den Scotch aber auf Ex. „Wenn du weiter so trinkst, brauchst du bald 'ne neue Leber."

Dann, fast bittend: „Bitte benehmt euch. Betrinkt euch nicht wie Teenies, Ariana."

Ich war so irritiert von seinem Tonfall, dass ich nur nicken konnte.

„Siehst du? Er spricht sogar höflich mit dir!", stichelte Janna.

„Hier läuft etwas gewaltig schief", warnte ich. „Er plant irgendwas. Warum sonst ist er so gut gelaunt?"

„Soll er. Wir trinken, er amüsiert sich." Janna hob ihr Weinglas.

Ich verspürte ein ungutes Kribbeln. In diesem Haus kam nichts je ohne Preis.

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