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last update publish date: 03.03.2026 19:28:07

Kapitel 2 – Ariana

Es war gekommen, wie es kommen musste. Janna und Pearl waren in Frankreich – und ich saß in Spring Valley fest. Fest in einem Haus, das längst kein Zuhause mehr war. Keine sechs Monate nach Mums Tod hatte Vater erneut geheiratet. Seine neue Frau war fünfundzwanzig. Nur sieben Jahre älter als Janna. Ihr Name war Sisi – und sie wirkte, als hätte man sie mitten in eine Welt geworfen, in der sie keinen Halt fand. Sisi war die Tochter eines alten Rivalen – einem Mann aus der Bratva. Ihre Ehe mit meinem Vater war Teil eines Friedensdeals. Der Mafiaboss hatte entschieden, dass Leano Ferrari die Bratva-Braut nehmen sollte. Ein anderes Mitglied musste im Gegenzug seine Tochter an einen Mann der russischen Seite verheiraten. Ein Handel. Ein geopferter Mensch. Wie so oft. Vater, ein stolzer Italiener und Mitglied der Cosa Nostra, war nun der Erste, der ein Bündnis mit der Bratva über eine Heirat geschlossen hatte. Und er war unfassbar stolz. Er durfte in der Hochzeitsnacht seine junge Braut entjungfern – mit dem offiziellen Siegel, dass Sisi noch Jungfrau war. So funktioniert Macht bei Männern wie ihm: Besitz, Blut, Beweis. Ich hatte das Pech, ihre Schreie zu hören. Ich hätte weinen können. Stattdessen übergab ich mich. Lautlos. Auf den kalten Badezimmerfliesen. Am nächsten Morgen war Vater nervös – das kam selten vor. Wahrscheinlich hatte er vergessen, dass ich noch im Haus lebte. Oder es war ihm schlicht egal gewesen. Vielleicht hatte er geahnt, dass Sisi sich gewehrt hatte. Ich hatte den blauen Fleck auf ihrer Wange gesehen – und ihr ein Eispack gebracht. Sie hatte nichts gesagt. Nur stumm genickt. Ihre Augen: leer. Wie eine Gefangene. Einen doppelt so alten Mann zu heiraten, stand vermutlich nicht auf ihrer Wunschliste fürs Leben. Ich hasste dieses Haus. Ich hasste alles hier. Deshalb beschloss ich zu gehen. Zum nächsten Semester würde ich auf die Uni. Weg von hier. Für immer. Mum hatte mir etwas Geld hinterlassen – genug für zwei Jahre Studium und eine kleine Wohnung. Sie hatte es heimlich angelegt. Für den Fall, dass ... Für mich. Als Vater das Haus verließ, saßen Sisi und ich beide in der Küche. Zum ersten Mal sah sie mich wirklich an. „Dein Vater ist ein Mistkerl." „Ja", sagte ich. „Das weiß ich." Ihre Lippen bebten. „Es tut mir leid, dass du alles mitbekommen hast." Ihre Stimme war brüchig. Sie war allein. Verdammt allein. „Es tut mir leid, dass es so gekommen ist", sagte ich leise. Was sollte man auch sonst sagen zu einer Frau, die zur Friedensware gemacht wurde? „Sorry, wenn ich frage ... aber deine Mutter ist doch erst kürzlich gestorben, oder?" Ich nickte. „Vor sechs Monaten." „Er hat sie nicht geliebt, oder?" Ich schüttelte den Kopf. „Wie hieß sie – wenn ich fragen darf?" „Romina." Sisi lächelte schwach, als würde der Name allein schon ein Echo von Würde tragen. Dann fragte sie vorsichtig: „Kannst du mir einen Gefallen tun?" Ich nickte. „Ich habe nur noch für diesen Monat die Pille. Wenn du mir irgendwie für die nächsten sechs Monate welche besorgen könntest ..." Ich sah sie an – dann schnaubte ich trocken. „Mach dir keine Sorgen. Du wirst nicht schwanger. Es sei denn, Dad lässt sich rückoperieren." Sisi runzelte die Stirn. „Was meinst du?" „Mum konnte die Pille nicht nehmen. Irgendeine Unverträglichkeit. Und anscheinend war mein Vater Kondome leid – also hat er sich sterilisieren lassen." Ihre Augen weiteten sich. „Aber ... hat er nicht auf einen Sohn gehofft?" Ich lachte ohne Humor. „Töchter kann man strategisch verheiraten. Und deren Kinder bringen gutes Erbe – sagt er. Außerdem war Pearls Geburt hart. Sie hätte Mum fast umgebracht. Noch ein Kind kam nicht infrage. Aber wer weiß – vielleicht will er's mit dir trotzdem versuchen." Sisis Gesicht verzog sich. Der Ekel stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Danke, dass du mit mir redest. Ich hab nicht vor, hier die Stiefmutter zu spielen – nur damit du's weißt." Ich lächelte schwach. Zum ersten Mal fühlte ich so etwas wie ... Verbundenheit. Die nächsten Monate waren die Hölle. Sisi hasste meinen Vater – und er ließ die Finger nicht bei sich. Sie war gefangen. Ich nicht. Ich hatte einen Plan. Und ein bisschen Mut. Ich packte meine Sachen und ging. Ich hatte mir eine kleine Wohnung gemietet, kaum größer als ein Hotelzimmer. Aber sie gehörte mir. Sie war still. Kein Geschrei. Kein Zwang. Kein Vater. In einer Woche würde ich an der Columbia University anfangen – Literaturstudium. Endlich frei. Endlich ich. Vater merkte erst nach drei Tagen, dass ich weg war. Sisi hatte dichtgehalten. Dann kam sein Anruf. Wut in jeder Silbe. „Ja, Vater?", meldete ich mich kühl. „Wo bist du?!", knurrte er. „Ich werde an der Columbia studieren." „Du denkst doch nicht, dass ich das bezahlen werde?!", brüllte er. „Wie nett, dass du fragst, Vater. Musst du auch nicht – ich bin versorgt", sagte ich mit süßem Spott in der Stimme. „Komm. Sofort. Zurück." „Nein." Ich legte auf. Er war zu stolz, um mich öffentlich zu holen. In der Mafia galt er als der Mann, der seinen Töchtern jede Bildung ermöglichte – modern, großzügig, gebildet. Mich zwangsweise zurückzuholen würde seinem Ruf schaden. Und Ehre war ihm alles. Also blieb ich. Blieb, wo ich sein wollte. Später rief Janna an. Sie war vorsichtig, aber nicht kalt. „Was ist bei euch los? Vater hat fast das Haus auseinander genommen." Ich erzählte ihr alles. Sie schwieg lange. Dann sagte sie nur: „Du hättest was sagen können. Vorher." Ich verstand sie. Aber ich hatte keine Wahl gehabt. Nicht wirklich. Manche Käfige sperrt man nicht von außen zu – sondern von innen. Und ich hatte endlich den Schlüssel gefunden.

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