Home / Mafia / Jade und die Eisernen Drillinge / Kapitel 6 — Der Akt des Bleibens

Share

Kapitel 6 — Der Akt des Bleibens

Author: Déesse
last update Last Updated: 2026-02-14 02:05:37

Jade

Ich sage nichts mehr.

Es gibt einen Moment, in dem die Stille eine Sprache wird. Ein Atemzug, der lauter ist als die Worte. Und das, was er mir anvertraut hat, was er mir ins Gesicht geworfen hat wie einen Schrei... es ist kein Geheimnis. Es ist ein Riss.

Und diesen Riss spüre ich noch gegen meine nackte Haut vibrieren.

Ich bewege mich nicht sofort.

Ich bleibe da, reglos, meine Augen geöffnet in der Dunkelheit, an ihn geklebt. Der Schlag seines Herzens hämmert gegen meine Schläfe, unregelmäßig, fieberhaft. Er ist angespannt unter mir, fast schmerzhaft in seiner Zurückhaltung.

Er atmet kaum.

Er wartet, wie man auf ein Urteil wartet.

Und ich treffe eine Entscheidung.

Langsam richte ich mich auf, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Das gedämpfte Licht zeichnet den Schatten seines angespannten Kiefers, die nervöse Linie seiner Arme, die auf der Matratze liegen. Er schaut mich mit einer Art Wachsamkeit in den Augen an. Eine tierische Wachsamkeit. Er ist bereit, verlassen zu werden. Er ist bereit zu sehen, wie dieser Moment zusammenbricht, den er niemals hätte erleben sollen.

Aber ich bleibe.

Und ich mache mehr als nur bleiben.

Ich berühre ihn.

Langsam. Mit all der Geduld der Welt.

Als wäre er etwas Kostbares, Fragiles.

Als wäre er kein gefährlicher Mann, sondern ein Wesen, das man nie gelernt hat zu trösten.

Meine Finger gleiten über seine Brust, streifen die unsichtbaren Narben, die Erinnerungen, die in seinem Fleisch eingraviert sind. Seine Haut ist warm. Lebendig. Und doch zittert er unter meiner Handfläche.

— Weißt du, was du gerade getan hast, Caleb? Du hast aufgehört, dich zu verstecken.

Ich flüstere diese Worte an ihn, mein Mund streift über sein Schlüsselbein, dann die Vertiefung seiner Schulter. Ich küsse ihn dort, langsam. Ich suche nichts. Ich gebe. Ich biete an.

Ich positioniere mich über ihm, meine Oberschenkel umrahmen ihn, und ich schaue von oben auf ihn herab. Nicht um zu dominieren. Sondern um ihn zu sehen, ihn wirklich zu betrachten.

— Schau mich an, Caleb.

Er gehorcht.

Seine Augen fangen meine wie ein Netz, in dem er hängt. Er ist am Ende. Nackt. Und er weiß nicht, was er mit dieser Nacktheit anfangen soll.

Also beschließe ich, es ihm zu zeigen.

Langsam öffne ich sein Hemd, der Stoff gleitet über seine Haut wie eine Aufgabe. Unter meinen Fingern spüre ich, wie sich seine Muskeln anspannen, widerstehen und dann allmählich nachgeben. Er sagt nichts. Er lässt mich machen. Und das ist an sich schon ein Wunder.

Ich berühre ihn überall. Ich lasse meine Hände über seine Brust, seinen Bauch, seine Flanken gleiten. Ich entdecke jeden Zentimeter wie ein vergessenes Territorium, das zu lange vernachlässigt wurde.

Ich schaue ihn zärtlich an, aber auch mit diesem Feuer im Bauch, das ich nicht mehr kontrollieren kann.

Denn Caleb, das ist nicht einfach ein Mann.

Es ist ein eingesperrter Schrei.

Ein beschädigtes Versprechen.

Ein Sturm in einem zu ruhigen Körper.

Und ich möchte ihm sagen, mit jeder Geste, jedem Kuss, dass ich ihn sehe. Dass ich ihn höre.

Ich gleite hinunter, erkunde seine Haut mit meiner Zunge, meinem Mund, meinen Händen. Langsam. Zart. Als würde ich einen von innen aufgerissenen Körper wieder zusammennähen. Ich spüre, wie sein Atem schneller wird, seine Hand sich in die Laken verkrampft.

Als ich ihn in den Mund nehme, tue ich es ohne Brutalität, mit Ehrfurcht.

Denn ich möchte, dass er sich würdig fühlt, geliebt zu werden, würdig, berührt zu werden.

Und er taumelt.

Er gleitet in eine Form stummer Trance. Seine Hand in meinen Haaren zittert. Er stöhnt, erstickt, als hätte er nicht mehr gewohnt, etwas ohne Gegenleistung angeboten zu bekommen.

Ich steige langsam zu ihm zurück. Unsere Blicke kreuzen sich.

Er ist verloren.

Also schmiege ich mich ohne zu zögern an ihn. Meine Haut gegen seine. Mein Bauch gegen seinen Atem. Meine Brüste gegen seine Brust.

Und ich nehme ihn in mich auf.

Ganz sanft. Als würde ich empfangen. Als würde ich versprechen.

Nicht das Versprechen, für immer zu bleiben.

Sondern das, jetzt hier zu sein. Nicht zu fliehen. Nicht heute Abend.

Ich bewege mich langsam. Mein Körper schwingt zärtlich gegen ihn. Jede Bewegung ist ein Wort. Ein Wort, das ich nicht auszusprechen weiß.

Ich bin hier.

Du existierst.

Du verdienst.

Du bist nicht allein.

Er beißt die Zähne zusammen, die Augen auf mich gerichtet. Er versucht zu widerstehen. Aber ich sehe es. Er bricht zusammen. Er lässt es geschehen. Er lässt mich ihm Gutes tun. Und ich spüre, wie etwas in ihm zerbricht. Oder vielleicht ist es keine Zerbrechung.

Vielleicht ist es eine Schwelle.

Er murmelt meinen Namen in einem Atemzug.

Kein Ruf.

Ein Dankeschön.

Ich küsse ihn. Lange. Tief. Nicht um zu besitzen. Um zu bleiben. Um das zu verwurzeln, was er noch für unwirklich hält.

Als das Vergnügen steigt, ist es keine Explosion. Es ist eine langsame, breite Welle, die uns umhüllt, uns überwältigt, uns schmelzen lässt. Er kommt mit einem heiseren Stöhnen, den Kopf an meinem Hals vergraben, sein Herz schlägt wie verrückt. Und ich bin hier, gegen ihn, keuchend, mit Tränen in den Augen, ohne zu verstehen, warum.

Vielleicht, weil ich endlich seine Seele spüre.

Vielleicht, weil er mir etwas Rares angeboten hat:

das Vertrauen eines verletzten Mannes.

Ich bleibe da. Auf ihm liegend. Atemlos. Die Muskeln noch zitternd.

Er umarmt mich. Fest.

Nicht aus Verlangen.

Sondern aus Dankbarkeit.

Und da verstehe ich: Was wir gerade getan haben, hat nichts Sexuelles.

Es war ein stummer Schwur.

Er bewegt sich nicht. Er umschließt mich. Als hätte er Angst, ich könnte verfliegen.

Dann murmelt er, fast in einem Seufzer:

— Du wirst mir weismachen, dass ich noch gerettet werden kann.

Ich schließe die Augen. Meine Lippen streifen seinen Hals, dort, wo sein Herz schneller schlägt.

— Ich bin nicht hier, um dich zu retten, Caleb. Ich bin hier, um nicht zu fliehen.

Und das ist wahr.

Denn lieben bedeutet nicht zu reparieren.

Es bedeutet zu bleiben.

Selbst wenn es Angst macht.

Selbst wenn der andere ein Trümmerfeld ist.

Selbst wenn man sich nicht sicher ist, dass man unversehrt davonkommt.

Seine Arme ziehen sich fester um mich.

Und in dieser erschöpften Stille, geschlagen vom Atem unserer Herzen,

spüre ich, wie sich etwas verändert.

Nicht in ihm.

In mir.

---

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Jade und die Eisernen Drillinge   Kapitel 14 — Im fragilen Licht des Morgens

    JadeIch spüre Caleb dicht an mir, jeder Schlag seines Herzens hallt sanft gegen meine Brust wider.Sein warmer Körper drängt sich an meinen, wie ein stiller Anker, eine Präsenz, die Zweifel vertreibt und Qualen besänftigt.Unter meinen Fingern ist die Haut seines Rückens weich, warm, vibrierend vor Leben, ein vertrautes Terrain, das ich jeden Morgen mit der gleichen Faszination entdecke, dem gleichen Verlangen, diesen Augenblick festzuhalten.Seine Arme schlingen sich langsam um mich, fest, aber ohne je zu drücken, halten mich gerade so, dass ich mich nicht mehr bewegen will, dass ich zugleich beschützt und frei bin.Ich spüre seinen warmen Atem, der meinen Nacken streift, über meine Haut gleitet, mein Haar mit einer Sanftheit liebkost, die fast schmerzhaft ist in ihrer Intensität.Ich schließe die Augen und lasse jede Empfindung sich entfalten, jeden Schauer mich durchdringen.Die Textur seiner Haut an meiner, der beruhigende Rhythmus seiner Atmung, das leichte Schlagen seiner Lippe

  • Jade und die Eisernen Drillinge   Kapitel 13 — Der andere Hunger

    JadeIch bin liegen geblieben.Hingestreckt, hingegeben, noch immer pulsierend, die Laken an meine nackte Haut geklebt, mein Atem in Fetzen, die Lider halb geschlossen, als ob die unregelmäßigen Schläge meines Herzens die einzigen Zeugen dafür wären, dass ich noch lebte.Die Stille um mich herum ist wattig, aufgeladen.Es gibt keine Uhr mehr, keine Zeit, keine Außenwelt mehr.Nur dieses zerwühlte Bett, diesen Körper, der nicht mehr ganz meiner ist, und Caleb hinter mir, liegend, so nah, dass ich noch die Spur seiner Finger auf meinen Hüften spüre, das Gewicht seiner Lenden an meinen Schenkeln, die Wärme seines Mundes dort, wo er mich gezeichnet hat, sanft, langsam, furchtbar.Seine Finger streifen kaum meine Haut, als wollten sie überprüfen, dass ich wirklich bin, dass ich noch da bin. Vielleicht auch, um zu sagen: Ich bereue nichts.Aber ich… ich zittere, doch nicht vor Angst. Vor Übermaß.Ich bin verzehrt.Von ihm, von dem, was er geweckt hat, was er hat entstehen lassen, was er ohn

  • Jade und die Eisernen Drillinge   Kapitel 12 – Die Lust am Risiko

    JadeIch kann mich nicht erinnern, seit ich hier eingetreten bin, normal geatmet zu haben.Alles ist zu viel: zu schön, zu berechnet, zu perfekt. Und doch bin ich hier, aufrecht, die Schultern steif, die Hände feucht, das Herz hämmernd, als versuche es, meine Rippen zu sprengen, und er, mir gegenüber, äußerlich unbewegt, aber jede Linie seines Gesichts, jede kleinste Spannung in seinen Fingern verrät eine Form von beherrschter Fiebrigkeit.Er schenkt mir Wein ein, und die rubinrote Flüssigkeit fließt langsam in das Glas, wie ein Versprechen, eine Provokation, ein langsamer Biss. Ich danke ihm mit halber Stimme, meine Augen lassen nicht von seinen, und doch gelingt es mir nicht zu verstehen, was hier wirklich geschieht, was er von mir erwartet, oder was ich ihm gerade anbiete, ohne ein Wort, ohne Bedingung.„Du bist angespannt“, murmelt er.„Du lädtst mich in eine Falle ein, die nach Wein und Kerzen duftet, Caleb. Was genau erwartest du von mir?“Er lächelt, sanft, fast zärtlich, aber

  • Jade und die Eisernen Drillinge   Kapitel 11 — Die Linien, die verschwommen werden

    JadeIch habe nicht geschlafen.Oder so wenig, dass jede Vibration meines Handys, jede Erinnerung an seinen Blick hinter dem Bildschirm, mich wachgehalten hat wie ein gespanntes elektrisches Kabel. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Caleb wieder, dieses leicht geöffnete Hemd, diesen beinahe rauen Ton, der sich wie ein süßer und grausamer Schmerz in meine Gedanken schlich. Ich drehe mich, wende mich, unfähig, diesen Tumult zu beruhigen. Und dann gibt es dieses Treffen mit der Personalabteilung heute Morgen.Als mein Wecker klingelt, habe ich die Augen schon seit Stunden geöffnet. Unter der Dusche lasse ich das warme Wasser über meine Haut laufen, als wollte ich das Echo seiner Stimme auslöschen. Aber nichts hilft. Je mehr ich versuche, dieses Gefühl zu löschen, desto mehr wächst es, diffus, obsessiv.Ich wähle ein schlichtes Outfit: eine weiße Bluse, eine perfekt sitzende schwarze Hose, aber ich überrasche mich selbst, als ich einen dezenten Lippenstift auftrage. Ein Detail. Und ich

  • Jade und die Eisernen Drillinge   Kapitel 10 — Die Stimme in der Nacht

    Kapitel 10 — Die Stimme in der NachtJadeDie Nacht ist schwer, zu still, um meinen Geist zu beruhigen. Ich liege in meinem Bett, das sanfte Licht der Stadt filtert durch die halb geöffneten Vorhänge. Mein Handy liegt neben mir, und ich kann nicht anders, als alle zwei Minuten auf den Bildschirm zu schauen, als könnte eine einfache Nachricht von ihm dieses Feuer stillen, das mich seit Stunden verbrennt.Und dann vibriert es.Ein Videoanruf: Caleb.Mein Atem stockt. Warum um diese Uhrzeit? Ich bleibe regungslos, mein Herz schlägt so laut, dass ich das Gefühl habe, es hallt im ganzen Raum wider. Wenn er mich jetzt anruft, dann will er es. Oder er will mich sehen.Ich nehme ab, meine Finger zittern leicht.— Guten Abend, Jade.Seine Stimme ist rau, tief, ein bisschen weicher als gewöhnlich. Das Bild stabilisiert sich und ich sehe ihn: Hemd offen, die Krawatte gelockert, eine dunkle Strähne fällt ihm auf die Stirn. Er ist nicht in einem Büro, sondern in einem schwach beleuchteten Raum, de

  • Jade und die Eisernen Drillinge   Kapitel 9 — Das Spiel der Schatten

    JadeDer Tag beginnt wie ein Wirbelwind. Sobald ich an meinem Schreibtisch sitze, strömen die E-Mails herein, die Benachrichtigungen häufen sich und das Telefon hört nicht auf zu vibrieren. Doch hinter dieser Fassade der Normalität spüre ich eine latente Spannung. Etwas brodelt, bereit zu explodieren.Aïda hat mir eine Nachricht geschickt: "Wir essen zusammen zu Mittag. Ich habe Neuigkeiten." Ich brauche nicht mehr, um zu wissen, dass unser morgendliches Gespräch nicht an der Tür des Besprechungsraums aufgehört hat.Um zwölf treffe ich sie im kleinen Café unten im Gebäude. Sie hat bereits bestellt, ein ernstes Gesicht.— Jade, beginnt sie, ich habe mit ein paar Leuten gesprochen. Es gibt Gerüchte. Gerüchte über bevorstehende Veränderungen, über Bewegungen in höheren Ebenen.Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, unsicher.— Bewegungen?— Ja, sie nickt. Der Flurfunk spricht von einer Umstrukturierung. Etwas Großes bahnt sich an. Und das könnte dich direkt betreffen.Mein Herz schlägt schn

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status