ANMELDENJade
Der Tag bricht kaum durch die zugezogenen Vorhänge. Ein blasses, goldenes Licht, das die zerknitterten Bettlaken, die nackte Haut, die schwebende Stille streichelt.
Ich wache an seiner Seite auf.
Meine Wange auf seiner Brust, sein regelmäßiger Atem unter meinem Ohr. Er schläft nicht mehr, das weiß ich. Er atmet zu sanft, zu bewusst. Aber er sagt nichts. Und ich auch nicht.
Ich lasse meine Finger träge über seine Haut gleiten. Genau dort, an der Linie seiner Rippen. Dort, wo Männer sich entspannen, wenn sie sich endlich sicher fühlen. Dort, wo die Mauern leise fallen.
Unter meinen Fingern spüre ich, wie sein Körper weicher wird.
— Du bewegst dich, murmelt er mit einer Stimme, die noch rau vom Schlaf ist.
Ich lächle an ihn.
— Und du tust so, als würdest du schlafen.
Ein gedämpftes Grummeln. Seine Hand wandert in meinen Rücken, große, langsame, besitzergreifende Handfläche. Nicht im Sinne eines eifersüchtigen Mannes. Im Sinne von jemandem, der zu oft verloren hat, um zu riskieren, nicht festzuhalten.
— Ich versuche, den Moment zu verlängern, haucht er.
Ich hebe den Kopf. Sein Blick trifft meinen, und da ist etwas Neues darin. Ein schüchterner Frieden. Ein Waffenstillstand, vielleicht. Noch kein Vertrauen. Aber ein Boden, auf dem wir etwas aufbauen könnten.
— Es war kein Moment, sage ich. Es war eine Entscheidung.
Er bleibt still.
Aber seine Hand hält mich fest, als ich anfange, aufzustehen. Er drückt nicht fest. Nur genug, damit ich es weiß.
Ich stehe trotzdem auf. Ich suche mein Hemd, das ich auf einem Stuhl liegengelassen habe. Als ich es anziehe, spüre ich seinen Blick auf mir. Nicht der Blick eines Mannes, der sich daran labt. Der Blick eines Mannes, der sich erinnert. Jeder geknöpfte Knopf ist wie eine Minute, die sich von der Nacht entfernt.
— Hast du Hunger? fragt er.
Ich erstarre. Habe ich richtig gehört?
— Kochst du? antworte ich, ungläubig.
Er zuckt mit einer Schulter und fährt sich durch sein zerzaustes Haar. Er sieht aus wie ein Jugendlicher, der in seiner ersten Verwundbarkeit überrascht wurde. Nur ist er Caleb. Und nichts an ihm ist jemals belanglos.
— Nicht wirklich. Aber... sie können uns etwas bringen.
Ich runzle die Stirn, überrascht. Und da wird mir klar: Ich bin nicht bei irgendeinem Mann. Ich bin bei ihm. Bei diesem Typen, dessen Stille Vermögen verbirgt. Bei diesem ungreifbaren Chef, von dem man mehr flüstert, als dass man ihn nennt.
Und trotzdem ist er hier, barfuß, in Unterwäsche, vor mir, und fragt mich, ob ich Hunger habe.
Er drückt einen Knopf an einem Wandtelefon. Seine Stimme bleibt neutral:
— Zwei Tabletts. Einfach. Eier, Früchte, Toast. Und starken Kaffee.
Ich sehe ihn an, halb amüsiert, halb bewegt.
Er trifft meinen Blick, das Kinn etwas erhoben, fast defensiv.
— Was ist?
— Nichts. Es ist nur... seltsam, dich ein Frühstück bestellen zu sehen, als wäre es ein Verhör.
Er lächelt, ein echtes, müdes, verzogenes Lächeln. Aber ehrlich.
Einige Minuten später klopfen zwei Hausangestellte an die Tür. Sie sind leise, fast unsichtbar, perfekt höflich. Einer von ihnen schiebt einen Wagen, der mit weißer Wäsche bedeckt ist, auf dem silberne Glocken, makelloses Besteck und eine weiße Porzellantasse thronen.
— Danke, sagt Caleb mit leiser Stimme.
Sie ziehen sich ohne ein Wort zurück.
Wir essen im Wohnzimmer. Er, lässig an eine Armlehne gelehnt. Ich, mit angezogenen Beinen, in seinem zu großen Hemd. Wir reden nicht viel. Aber in seinen Gesten liegt eine unerwartete Zärtlichkeit. Er reicht mir die Scheiben Toast. Er schenkt mir Kaffee ein. Er fragt mich, ob ich Zucker möchte.
Jedes Detail ist ein Geschenk.
Ich glaube, ich habe noch nie ein so langsames Frühstück gehabt. So still. Und doch schlägt mein Herz laut. Weil er hier ist. Ganz. Präsent. Und ich auch.
Als ich meine Tasse leere, stehe ich endlich auf.
— Ich muss nach Hause, mich umziehen und mich für die Arbeit vorbereiten.
Er antwortet nicht sofort. Er steht ebenfalls auf, fährt sich mit einer Hand über den Nacken.
— Ich bringe dich.
Ich erstarre.
— Das ist nicht nötig, Caleb. Ich habe mein Auto, und...
— Ich bringe dich, wiederholt er. Sanfter. Aber fester. Du musst nicht so gehen, als wäre das alles... nichts.
Ich bewege mich nicht. Mein Herz schlägt ein wenig schneller.
Er kommt näher. Legt eine Hand auf meine Wange. Sein Blick ist fest, ernst, fast schmerzhaft.
— Lass mich diese Geste machen. Nur das.
Ich nicke.
Nachdem ich geduscht habe, bringt er mich. Die Fahrt erfolgt in einem Auto, das teurer ist als alles, was ich besitze. Das Leder riecht noch neu, die Fenster sind getönt, das Radio murmelt einen leisen Jazz. Er fährt ruhig. Eine Hand am Steuer. Die andere auf seinem Oberschenkel, nicht weit von meinem.
Manchmal gleitet sein Blick zu mir.
Aber er spricht nicht.
Er braucht es nicht.
Als wir vor meinem Zuhause ankommen, steige ich schnell aus.
— Zehn Minuten, rufe ich ihm zu.
Er nickt. Er bleibt im Auto, Motor läuft.
Ich gehe nach oben, und unter der Dusche fließt das Wasser über meine Haut wie eine Erinnerung. Aber es ist nicht schmerzhaft. Es ist kein Bedauern.
Es ist Gewissheit.
Ich will ihn nicht zurückstoßen.
Ich kann nicht mehr.
Ich ziehe mich schlicht an. Ich schminke mich kaum. Als ich wieder herunterkomme, ist er immer noch da. Die Musik spielt immer noch leise. Er wartet auf mich.
Ich steige ein. Er sieht mich an. Und diesmal lächelt er ehrlich.
— Bereit?
Ich nicke. Er fährt los.
Einige Straßen weiter sagt er, ohne mich anzusehen:
— Du weißt, dass ich nicht erwarte, dass du mich rettest.
Ich sehe ihn überrascht an.
— Ich weiß.
Er dreht kurz den Kopf zu mir und sagt dann:
— Aber vielleicht bist du die Einzige, die mich daran hindert, leise unterzugehen.
Ich antworte nicht.
Ich lege einfach meine Hand auf seine, die zwischen den Sitzen liegt. Er bewegt sich nicht. Aber er umschließt meine Finger.
Als er vor meinem Arbeitsplatz parkt, macht er keinen Kommentar zu dem Ort. Er fragt nicht, was ich tue. Er interessiert sich nicht für meine Stelle. Es ist keine Neugier. Es ist Respekt.
Bevor ich aussteige, hält er meine Hand noch etwas länger.
— Ruf mich an, wenn du irgendetwas brauchst. Auch wenn es nichts ist.
Ich nicke, unfähig zu sprechen.
Ich steige aus. Ich gehe zur Tür.
Und als ich mich umdrehe, ist er immer noch da.
Durch das Fenster sieht er mich an.
Und er lächelt.
Nicht wie ein Mann, der verführt.
Sondern wie ein Mann, der wählt.
Und ich, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit, betrete dieses kalte Gebäude mit dem Gefühl, dass irgendwo jemand beschlossen hat, mich zu behalten.
Nicht für das, was ich ihm geben kann.
Sondern für das, was ich bin.
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JadeIch spüre Caleb dicht an mir, jeder Schlag seines Herzens hallt sanft gegen meine Brust wider.Sein warmer Körper drängt sich an meinen, wie ein stiller Anker, eine Präsenz, die Zweifel vertreibt und Qualen besänftigt.Unter meinen Fingern ist die Haut seines Rückens weich, warm, vibrierend vor Leben, ein vertrautes Terrain, das ich jeden Morgen mit der gleichen Faszination entdecke, dem gleichen Verlangen, diesen Augenblick festzuhalten.Seine Arme schlingen sich langsam um mich, fest, aber ohne je zu drücken, halten mich gerade so, dass ich mich nicht mehr bewegen will, dass ich zugleich beschützt und frei bin.Ich spüre seinen warmen Atem, der meinen Nacken streift, über meine Haut gleitet, mein Haar mit einer Sanftheit liebkost, die fast schmerzhaft ist in ihrer Intensität.Ich schließe die Augen und lasse jede Empfindung sich entfalten, jeden Schauer mich durchdringen.Die Textur seiner Haut an meiner, der beruhigende Rhythmus seiner Atmung, das leichte Schlagen seiner Lippe
JadeIch bin liegen geblieben.Hingestreckt, hingegeben, noch immer pulsierend, die Laken an meine nackte Haut geklebt, mein Atem in Fetzen, die Lider halb geschlossen, als ob die unregelmäßigen Schläge meines Herzens die einzigen Zeugen dafür wären, dass ich noch lebte.Die Stille um mich herum ist wattig, aufgeladen.Es gibt keine Uhr mehr, keine Zeit, keine Außenwelt mehr.Nur dieses zerwühlte Bett, diesen Körper, der nicht mehr ganz meiner ist, und Caleb hinter mir, liegend, so nah, dass ich noch die Spur seiner Finger auf meinen Hüften spüre, das Gewicht seiner Lenden an meinen Schenkeln, die Wärme seines Mundes dort, wo er mich gezeichnet hat, sanft, langsam, furchtbar.Seine Finger streifen kaum meine Haut, als wollten sie überprüfen, dass ich wirklich bin, dass ich noch da bin. Vielleicht auch, um zu sagen: Ich bereue nichts.Aber ich… ich zittere, doch nicht vor Angst. Vor Übermaß.Ich bin verzehrt.Von ihm, von dem, was er geweckt hat, was er hat entstehen lassen, was er ohn
JadeIch kann mich nicht erinnern, seit ich hier eingetreten bin, normal geatmet zu haben.Alles ist zu viel: zu schön, zu berechnet, zu perfekt. Und doch bin ich hier, aufrecht, die Schultern steif, die Hände feucht, das Herz hämmernd, als versuche es, meine Rippen zu sprengen, und er, mir gegenüber, äußerlich unbewegt, aber jede Linie seines Gesichts, jede kleinste Spannung in seinen Fingern verrät eine Form von beherrschter Fiebrigkeit.Er schenkt mir Wein ein, und die rubinrote Flüssigkeit fließt langsam in das Glas, wie ein Versprechen, eine Provokation, ein langsamer Biss. Ich danke ihm mit halber Stimme, meine Augen lassen nicht von seinen, und doch gelingt es mir nicht zu verstehen, was hier wirklich geschieht, was er von mir erwartet, oder was ich ihm gerade anbiete, ohne ein Wort, ohne Bedingung.„Du bist angespannt“, murmelt er.„Du lädtst mich in eine Falle ein, die nach Wein und Kerzen duftet, Caleb. Was genau erwartest du von mir?“Er lächelt, sanft, fast zärtlich, aber
JadeIch habe nicht geschlafen.Oder so wenig, dass jede Vibration meines Handys, jede Erinnerung an seinen Blick hinter dem Bildschirm, mich wachgehalten hat wie ein gespanntes elektrisches Kabel. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Caleb wieder, dieses leicht geöffnete Hemd, diesen beinahe rauen Ton, der sich wie ein süßer und grausamer Schmerz in meine Gedanken schlich. Ich drehe mich, wende mich, unfähig, diesen Tumult zu beruhigen. Und dann gibt es dieses Treffen mit der Personalabteilung heute Morgen.Als mein Wecker klingelt, habe ich die Augen schon seit Stunden geöffnet. Unter der Dusche lasse ich das warme Wasser über meine Haut laufen, als wollte ich das Echo seiner Stimme auslöschen. Aber nichts hilft. Je mehr ich versuche, dieses Gefühl zu löschen, desto mehr wächst es, diffus, obsessiv.Ich wähle ein schlichtes Outfit: eine weiße Bluse, eine perfekt sitzende schwarze Hose, aber ich überrasche mich selbst, als ich einen dezenten Lippenstift auftrage. Ein Detail. Und ich
Kapitel 10 — Die Stimme in der NachtJadeDie Nacht ist schwer, zu still, um meinen Geist zu beruhigen. Ich liege in meinem Bett, das sanfte Licht der Stadt filtert durch die halb geöffneten Vorhänge. Mein Handy liegt neben mir, und ich kann nicht anders, als alle zwei Minuten auf den Bildschirm zu schauen, als könnte eine einfache Nachricht von ihm dieses Feuer stillen, das mich seit Stunden verbrennt.Und dann vibriert es.Ein Videoanruf: Caleb.Mein Atem stockt. Warum um diese Uhrzeit? Ich bleibe regungslos, mein Herz schlägt so laut, dass ich das Gefühl habe, es hallt im ganzen Raum wider. Wenn er mich jetzt anruft, dann will er es. Oder er will mich sehen.Ich nehme ab, meine Finger zittern leicht.— Guten Abend, Jade.Seine Stimme ist rau, tief, ein bisschen weicher als gewöhnlich. Das Bild stabilisiert sich und ich sehe ihn: Hemd offen, die Krawatte gelockert, eine dunkle Strähne fällt ihm auf die Stirn. Er ist nicht in einem Büro, sondern in einem schwach beleuchteten Raum, de
JadeDer Tag beginnt wie ein Wirbelwind. Sobald ich an meinem Schreibtisch sitze, strömen die E-Mails herein, die Benachrichtigungen häufen sich und das Telefon hört nicht auf zu vibrieren. Doch hinter dieser Fassade der Normalität spüre ich eine latente Spannung. Etwas brodelt, bereit zu explodieren.Aïda hat mir eine Nachricht geschickt: "Wir essen zusammen zu Mittag. Ich habe Neuigkeiten." Ich brauche nicht mehr, um zu wissen, dass unser morgendliches Gespräch nicht an der Tür des Besprechungsraums aufgehört hat.Um zwölf treffe ich sie im kleinen Café unten im Gebäude. Sie hat bereits bestellt, ein ernstes Gesicht.— Jade, beginnt sie, ich habe mit ein paar Leuten gesprochen. Es gibt Gerüchte. Gerüchte über bevorstehende Veränderungen, über Bewegungen in höheren Ebenen.Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, unsicher.— Bewegungen?— Ja, sie nickt. Der Flurfunk spricht von einer Umstrukturierung. Etwas Großes bahnt sich an. Und das könnte dich direkt betreffen.Mein Herz schlägt schn