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Kapitel 6

Autor: Rizinksin
Vielleicht lag es daran, dass Mia nun wusste, wie viele Auszeichnungen Nora gewonnen hatte, aber ihre Haltung ihr gegenüber wurde endlich etwas freundlicher.

Die beiden unterhielten sich lange über Ballett.

Als sie über ihre Lieblingsballetttänzerinnen sprachen, erwähnte Nora Anna Keller.

„Anna hat morgen Abend einen Auftritt in Marnovia. Ich glaube, es ist ihre Abschiedsvorstellung. Danach wird sie wahrscheinlich nicht mehr auf der Bühne tanzen.“

„Sie hört auf?!“

Nora war völlig überrascht.

Doch nach kurzem Nachdenken erschien ihr diese Entscheidung auch verständlich.

Als sie als Teenager Anna bewundert hatte, war diese bereits fast dreißig Jahre alt gewesen.

Mit zunehmendem Alter konnte man schließlich nicht ewig als Tänzerin auf der Bühne stehen.

Marnovia ...

Plötzlich kam Nora ein Gedanke.

Sie nahm ihr Handy und suchte nach den Fluginformationen.

Als sie angekommen war, hatte sie die Nachricht zwar gesehen, aber nicht weiter darauf geachtet.

Erst jetzt bemerkte sie:

Es handelte sich um ein Flugticket nach Marnovia für heute Abend.

Eine Abschiedsvorstellung!

Natürlich.

Sie wollte bestimmt Annas letzten Auftritt sehen.

Offenbar hatte die Person, die ihren Körper übernommen hatte, doch noch einen kleinen Funken Gewissen besessen.

Sie hatte zumindest vorher ein Ticket gekauft.

Nora konnte es kaum erwarten.

Sie stand auf, nahm ihre Tasche und wollte zurück zur Villa.

Elena kam verwundert hinter ihr her.

„Nora, wo willst du hin?“

„Ich muss nach Hause und meinen Koffer packen, Mama. Ich komme wieder vorbei, sobald ich Zeit habe.“

Nach diesen Worten war Nora bereits aus der Tür gegangen.

Dieser Satz traf Elena wie ein Schlag.

„Natürlich ...“

Ihre Augen wurden rot.

Die Freude, die gerade erst wieder in ihrem Herzen aufgeflammt war, wurde sofort wieder ausgelöscht.

Sie bekam vor Schmerz kaum Luft.

Leon hatte recht.

Sie spielte es nur vor.

Sie wollte tatsächlich mit diesem Julian gehen.

Elena hielt sich weinend die Hand vor den Mund.

Als Thomas ratlos zu ihr kam, brachte sie nur unter Tränen hervor:

„Thomas ... tun wir einfach so, als hätten wir diese Tochter nie gehabt.“

...

Als Nora wieder in der Villa ankam, begann sie sofort, ihren Koffer zu packen.

Obwohl sie keinerlei Erinnerungen an diese acht Jahre hatte, wusste sie nicht warum.

Sie fand sich beim Packen erstaunlich gut zurecht.

Sie wusste automatisch, wo alles lag.

Seltsam.

War das eine Art Muskelgedächtnis?

Der Kleiderschrank war voller wunderschöner Kleidung.

Nora bekam sofort eine Entscheidungskrise.

Sie wusste nicht, was sie mitnehmen sollte.

Also stopfte sie kurzerhand einfach alles in den Koffer.

Gerade als sie auf dem Koffer kniete und mit aller Kraft den Reißverschluss zuzog, wurde die Tür vorsichtig einen Spalt geöffnet.

Nora drehte den Kopf.

Liam stand draußen.

Als er bemerkte, dass sie ihn entdeckt hatte, zog er erschrocken die Hand zurück.

„Schatz~“

Noras Stimme wurde automatisch ganz weich.

Sie lächelte ihn an.

Wie süß!

Wie unglaublich süß!

Kein Wunder, dass er ihr Sohn war.

Diese großen Augen. Diese gerade Nase. Diese kleinen Lippen.

Sie wollte ihn am liebsten sofort in den Arm nehmen und ihn tausendmal küssen.

Doch bei ihrer sanften Stimme bekam Liam nur noch mehr Angst.

Er riss die Augen auf und wich unbewusst einen Schritt zurück.

„Schatz, was ist denn los? Komm her.“

Nora kniete sich hin und winkte ihn zu sich.

Liam verschränkte seine kleinen Hände hinter dem Rücken und knetete nervös seine Finger.

Er versuchte herauszufinden, ob Mama dieses Mal wirklich ehrlich war oder wieder nur so tat.

Früher hatte Mama es doch am meisten gehasst, wenn er ihr zu nahe kam ...

Unter Noras erwartungsvollem Blick ging Liam schließlich langsam auf sie zu.

Doch als er den gepackten Koffer sah, fühlte es sich für ihn an, als würde seine ganze Welt zusammenbrechen.

Seine großen Augen füllten sich sofort mit Tränen.

Eine Träne nach der anderen lief über seine Wangen.

Nora war völlig überfordert.

Ihr Herz schmolz beinahe dahin.

Sofort wischte sie ihm die Tränen weg.

„Was ist los, Schatz? Warum weinst du?“

„Mama ... wirst du danach nicht mehr zurückkommen?“

Nora war verwirrt.

„Nicht zurückkommen? Wer hat das gesagt?“

Liam schluchzte und zeigte auf den Koffer am Boden.

„Du gehst weg.“

Erst jetzt verstand Nora.

Schnell erklärte sie: „Nein, ich gehe nicht weg. Ich muss nur für eine Weile etwas erledigen.“

Sie hielt kurz inne und fragte dann:

„Schatz, möchtest du mit Mama mitkommen?“

In der einen Sekunde weinte Liam noch.

In der nächsten war er völlig still.

„Mitkommen?“

„Ja.“

Nora nickte.

„Ich weiß nur nicht, ob es noch Tickets gibt. Ich schaue mal.“

Dann fiel ihr noch etwas ein.

„Ach ja, Schatz. Hast du einen Reisepass?“

Liam war noch völlig überrascht.

Doch sobald er das hörte, nickte er automatisch.

Dann drehte er sich um und lief zurück in sein Zimmer.

Kurz darauf brachte er alle wichtigen Dokumente.

Seit seiner Kindheit hatte er sich angewöhnt, seine Sachen ordentlich aufzubewahren.

Nora sah die Unterlagen an und lächelte.

„Was für ein Glück, Schatz. Für den Flug heute Abend gibt es tatsächlich noch einen freien Platz. Aber leider nur Economy Class.“

Sie legte nachdenklich einen Finger ans Kinn.

„Dann tausche ich später meinen Platz in der First Class gegen deinen Platz neben mir. Wir sitzen ein paar Stunden zusammen in der Economy. Ist das okay?“

Liam nickte sofort kräftig.

In seinem Herzen war er trotzdem unglaublich aufgeregt.

War das alles wirklich wahr?

Mama nahm ihn nicht nur mit.

Sie wollte sogar neben ihm sitzen.

Früher hatte Mama es doch am meisten gehasst, neben ihm zu sitzen.

Jedes Mal hatte sie einen angewiderten Blick gezeigt.

„Mama ...“

Kinder konnten ihre Gedanken schließlich nicht lange verstecken.

Deshalb fragte Liam vorsichtig:

„Du magst mich doch eigentlich nicht, oder?“

„Was?“

Nora legte das Handy weg.

Sie kniete sich hin und wischte mit einem feuchten Tuch die letzten Tränen aus seinem Gesicht.

„Wie könnte ich Liam nicht mögen?“

„Weil Mama gesagt hat ... du magst Papa nicht. Ich bin ein Kind von dir und einem Menschen, den du nicht magst. Deshalb ... magst du mich auch nicht.“

„Nein, nein, nein.“

Nora runzelte die Stirn und unterbrach ihn.

„Liam ist so süß. Wie könnte Mama dich nicht mögen?“

Der Kleine blinzelte zweimal.

Dann fragte er vorsichtig:

„Dann mag Mama Papa?“

„Ähm ...“

Nora erstarrte.

Fast wäre sie von diesem kleinen Jungen in die Falle gelockt worden.

Sie lachte verlegen.

„Schatz, dass ich dich liebe und dass ich deinen Papa nicht mag, sind zwei völlig verschiedene Dinge.“

Liams Blick sank sofort.

Ach ...

Mama war also immer noch genauso wie früher.

Sie mochte Papa wirklich nicht.

„Na gut, Liam. Wir müssen unseren Flug erwischen.“

Nora stand auf.

„Ich helfe dir beim Packen. Morgen ist Wochenende. Wir können dort zwei Tage bleiben und ein bisschen spielen, okay?“

„Ja!“

Während oben weiter gepackt wurde, lief Marta unten nervös hin und her.

Schließlich schaffte sie es nicht länger und rief Herrn Hartmann an.

„Herr Hartmann. Es ist etwas passiert! Frau Hartmann scheint Ihren Sohn mitnehmen und das Haus verlassen zu wollen. Ich habe gehört, dass sie Koffer packt und auch ihre Pässe geholt hat.“

Zu diesem Zeitpunkt befand Leon sich gerade in einer wichtigen Führungssitzung.

Als er diese Nachricht hörte, umklammerte er sein Handy.

Sein Blick wurde eiskalt.

Im Konferenzraum herrschte absolute Stille.

Leon stand auf und verließ mit dem Handy in der Hand den Raum.

Sein Assistent Daniel König trat vor die Führungskräfte.

„Die heutige Sitzung ist hiermit beendet.“

Er arbeitete bereits seit vielen Jahren an Leons Seite.

Er wusste genau: Wenn es um Frau Hartmann ging, war wieder etwas passiert.

„Herr Hartmann, soll ich die Sicherheitsleute rufen und Frau Hartmann und Ihren Sohn zuerst aufhalten?“

„Nein.“

Leon stand vor dem Fenster.

Eine Hand lag an seiner Stirn.

Seine gesamte Ausstrahlung wirkte von tiefer Erschöpfung und Verzweiflung geprägt.

Er unterdrückte die Enttäuschung und den Schmerz in seinem Herzen.

„Marta.“

Seine Stimme klang heiser.

„Lass sie gehen.“

„Herr Hartmann! Ihre Frau können Sie gehen lassen, aber Ihr Sohn ...“

„Ich weiß.“

Leon schloss kurz die Augen.

„Keine Sorge. Ich werde Liam zurückbringen.“

Nachdem er aufgelegt hatte, atmete Leon tief durch.

Er zwang die düstere Wut in seinem Herzen zurück.

Dann drehte er sich zu Daniel um.

„Buche einen Flug nach Marnovia. So schnell wie möglich.“

Daniel überprüfte sein Handy.

„Herr Hartmann, der früheste Flug geht erst heute Nacht. Er landet morgen früh.“

Morgen früh?

Leon lächelte bitter.

Wenn er morgen dort ankam ...

Würde er dann vielleicht genau das sehen?

Sie und Julian ...

Zusammen in einem Bett?

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