LOGINMorgenlicht schnitt durch den dünnen Vorhang und legte sich über mein Gesicht. Ich hatte nicht geschlafen. Der blaue Knopf lag noch fest in meiner Faust, die Kanten tief in die Haut gedrückt. Meine Augen fühlten sich roh an. Der metallische Geschmack blieb im hinteren Teil meines Rachens hängen.
Ich setzte mich auf. Thistle war bereits wach, hockte auf dem Fensterbrett und drückte sein Silberfell flach gegen das Glas. Es beobachtete die Straße darunter in vollkommener Stille, als könnte sich dort unten etwas bewegen, sobald es wegsah.
Die Tür meiner Mutter blieb geschlossen. Von der anderen Seite kam weiches, gleichmäßiges Atmen. Sie hatte mich in der Nacht nicht zurückkommen hören. In diesen Tagen schien sie entschlossen, überhaupt nicht mehr viel zu hören.
Ich wusch mich in dem kalten Waschbecken, zog ein trockenes Hemd an und steckte den Knopf in die Tasche statt in den Stiefel. Das Gewicht fühlte sich dort anders an. Schwerer. Absichtlicher.
Das Echo blieb still, während ich meine Stiefel schnürte. Auch die Stille fühlte sich absichtlich an.
Draußen hatte der Regen aufgehört. Die Unterstadt roch nach nassem Stein und alter Farbe. Die Menschen bewegten sich mit demselben ruhigen Zweck durch die Straßen wie immer. Körbe an den Armen. Köpfe gesenkt. Stimmen leise gehalten. Nichts wirkte zerbrochen. Nichts wirkte verändert. Für ein paar hoffnungsvolle Schritte glaubte ich beinahe, die vorige Nacht sei nichts weiter als ein langer, grausamer Traum gewesen.
Dann erreichte ich die Ecke beim Gewürzladen.
Er wartete.
Dieselbe große Gestalt aus dem Regen stand unter dem Vordach, die Hände in den Taschen, dunkles Haar an den Enden noch feucht. Das Tageslicht zeigte sein Gesicht jetzt deutlich. Jung. Scharf. Augen genau in der Farbe von Wasser vor einem Sturm. Er sah so müde aus, wie ich mich fühlte.
Er richtete sich auf, als er mich sah.
„Lumi Quill“, sagte er.
Meinen vollen Namen in seinem Mund zu hören, ließ mich stehen bleiben. Ich war mir sicher, ihn vor der letzten Nacht noch nie gesehen zu haben.
Thistle drückte sich fest an meinen Knöchel und gab einen leisen Laut in der Kehle von sich.
„Ich kenne dich nicht“, sagte ich.
„Ich weiß“, antwortete er. „Aber dein Echo schon.“
Die Worte trafen mit mehr Kraft, als sie sollten. Ich blickte die Straße entlang. Niemand schenkte uns Aufmerksamkeit. Eine Frau eilte mit einem Korb nasser Tücher vorbei. Zwei Jungen stritten sich um ein kaputtes Wagenrad. Gewöhnlicher Morgenlärm umhüllte etwas, das alles andere als gewöhnlich war.
„Woher kennst du meinen Namen?“ fragte ich.
Er trat näher, ließ aber bewusst Abstand zwischen uns. „Ich kann Echos hören“, sagte er. „Nicht nur mein eigenes. Andere. Meistens sind sie nur Fragmente, weich und halb geformt. Gestern Nacht war deins laut genug, um mich drei Straßen weit zu erreichen. Es sprach mit deiner Stimme. Ich habe noch nie eines gehört, das das tut.“
Mir drehte sich der Magen um. „Du hast zugehört.“
„Ich wollte es nicht. Es hat gerufen. Es hat gesagt, jemand müsse dich finden, bevor es zu spät ist.“
Ich spürte, wie das Echo sich hinter meinen Rippen regte, ein schwacher Druck wie ein zu lange angehaltener Atem.
„Wer bist du?“
„Jax Glimmer.“
Der Name bedeutete mir nichts.
„Was willst du?“ fragte ich.
Er musterte mein Gesicht einen Moment lang. „Wissen, ob es dir gut geht. Und verstehen, was dein Echo wirklich ist.“
Ich lachte kurz und humorlos. „Da sind wir schon zwei.“
Wir standen im dünnen Morgenlicht, während Menschen an uns vorbeizogen. Thistle blieb an meinem Bein gepresst. Der Knopf in meiner Tasche fühlte sich an wie ein zweiter Herzschlag.
Jax sprach wieder, diesmal leiser. „Es hat Angst vor dir. Das habe ich deutlich gehört. Die meisten Echos haben keine Angst vor ihren Wirten. Sie sind einfach übrig gebliebene Stücke von jemand anderem. Deines ist anders.“
„Das ist mir aufgefallen.“
Er lächelte beinahe, doch der Ausdruck erreichte seine Augen nicht. „Es gibt einen Ort, an dem wir reden können, ohne belauscht zu werden. Wenn du willst.“
Ich hätte ablehnen sollen. Ich hätte geradewegs zu Koras Tür gehen, ihr alles erzählen und so tun sollen, als wäre die vorige Nacht nie geschehen. Stattdessen hörte ich mich fragen: „Wo?“
Er nickte in Richtung der verlassenen Webhallen am Fluss, die seit der letzten Fadeninspektion vor fünf Jahren leer standen. „Dort. Niemand geht mehr hinein.“
Ich zögerte. Das Echo gab keine Führung, was sich wie eine Antwort anfühlte.
„Gut“, sagte ich. „Aber wenn das irgendein Trick ist—“
„Ist es nicht. Das verspreche ich.“
Wir gingen schweigend. Die Straßen wurden ruhiger, je weiter wir uns vom Markt entfernten. Die alten Webhallen standen am Rand der Färbereien, Fenster dunkel, Türen halb aus den Angeln hängend. Dicker Moos bedeckte den Stein. Drinnen roch die Luft nach Staub und längst vergessenem Faden.
Jax stieß eine der Türen auf und wartete, bis ich zuerst eintrat. Thistle schlüpfte vor uns beiden hinein.
Sonnenlicht fiel in langen grauen Schächten durch das zerbrochene Dach. Leere Webstühle standen in Reihen wie die Skelette vergessener Tiere. Ich hielt den Rücken nah an der Wand.
Jax drehte sich zu mir um. „Gestern Nacht hat dein Echo gesagt, du würdest das wieder tun. Was?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Es hat nichts erklärt.“
„Hat es seitdem gesprochen?“
„Nein.“
Er beobachtete mich, wie jemand eine Karte studiert, die nicht mehr zur Landschaft passt. „Ich brauche, dass du etwas versuchst. Stelle ihm eine Frage. Laut. Ich werde zuhören.“
Jeder Instinkt sagte mir, abzulehnen. Stattdessen holte ich langsam Luft und sprach zu dem stillen Ort in meiner Brust.
„Was bist du?“
Stille dehnte sich.
Dann kam die Stimme, klar und kalt und ganz und gar die meine. „Ich bin das, was du wirst, wenn du versagst“, sagte das Echo.
Jax’ Ausdruck veränderte sich sofort. Er hatte es gehört. Ich sah den genauen Moment, in dem die Worte ihn erreichten.
„Frag es, wie oft“, sagte er, die Stimme angespannt.
Mein Mund fühlte sich trocken an. „Wie oft bin ich gescheitert?“
Die Antwort kam ohne Gnade. „Oft genug, dass der Faden müde ist, dich zu retten“, sagte das Echo.
Jax trat einen Schritt zurück. Seine Augen waren weit aufgerissen.
„Lumi“, sagte er. „Wir müssen gehen. Sofort.“
„Warum?“
Bevor er antworten konnte, gab der Boden unter der Webhalle ein tiefes, dumpfes Beben. Staub rieselte von den zerbrochenen Balken herab. Irgendwo draußen schrie eine Frau.
Wir rannten zur Tür.
Auf der Straße waren die Menschen stehen geblieben. Sie starrten auf den alten Uhrturm am Ende der Gasse. Die Zeiger der Uhr drehten sich rückwärts, immer schneller, bis sie völlig zum Stillstand kamen. Die Glocke läutete nicht.
Ein Mann ganz vorn in der Menge presste beide Hände an den Kopf und gab einen gebrochenen Laut von sich. „Ich kann mich nicht an den Namen meiner Tochter erinnern“, sagte er. „Ich kann mich nicht an ihr Gesicht erinnern.“
Die Menschen um ihn herum traten zurück, als könnte das Vergessen ansteckend sein.
Jax’ Hand schloss sich um mein Handgelenk. „So fängt es an.“
Ich sah ihn an. „Was fängt an?“
Seine Stimme war leise und gewiss. „Der Faden zerfasert. Und dein Echo ist der Grund.“
Hinter meinen Rippen sprach die Stimme, die die meine war, ein letztes Mal, weich und beinahe sanft.
„Er hat nur halb recht“, sagte das Echo. „Aber halb reicht schon, um euch beide vor Einbruch der Nacht umzubringen.“
Das Messer lag in seinem offenen Kasten wie etwas, das länger gewartet hatte, als irgendeiner von uns gelebt hatte.Staub fiel weiter von der gerissenen Decke. Die Uhrzeiger über dem Turm knirschten rückwärts mit einem Geräusch, das mir in den Zähnen wehtat. Corbin beobachtete mich, ohne zu blinzeln. Meine Mutter sah aus, als hätte sie bereits begonnen zu trauern. Jax stand zwischen mir und der Klinge, Blut lief immer noch an der Seite seines Gesichts herunter, und er atmete schwer.„Lumi, tu es nicht“, sagte er.Das Echo drückte gegen die Innenseite meines Schädels, ruhig und absolut.„Nimm es auf. Die Übung ist vorbei.“Kora war immer noch auf den Knien, das Kind-Echo kämpfte mit ihr um die Kontrolle. Thistle hockte tief, das Fell gesträubt, und knurrte den älteren Fadenweber an, der den Kasten getragen hatte.Ich machte einen Schritt vorwärts.Jax packte mein Handgelenk. Seine Hand war warm und ruhig trotz allem. „Wenn du dieses Ding anfasst, weiß ich nicht, ob ich dich noch erreic
Das Geräusch der schweren Tür, die sich über uns schloss, legte sich über das Archiv wie ein angehaltener Atem.Jax bewegte sich zuerst. Er ging zur Eisentür, die wir verriegelt hatten, und presste das Ohr dagegen. Kora stemmte sich auf der Bank aufrecht, das Gesicht blass, das Kind-Echo immer noch hinter ihren Augen flackernd. Thistle plattete sich unter einem Regal voller alter Karten nieder.Ich blieb, wo ich war, auf dem Boden und lauschte den langsamen Schritten, die die Turmtreppe hinunterkamen. Mehr als ein Paar. Die Warnung meiner Mutter war wahr gewesen.Jax blickte zu mir zurück. „Drei Leute. Vielleicht vier. Sie lassen sich Zeit.“„Sie will, dass wir sie kommen hören“, sagte ich.Er durchquerte den Raum und hockte sich vor mich. Regen tropfte immer noch aus seinem Haar. Die Schnittwunde über seiner Augenbraue hatte aufgehört zu bluten, hinterließ aber eine dunkle Linie. Für einen Moment wirkten das Archiv, die Schritte, sogar die zerfasernde Stadt draußen entfernt. Seine Ha
Die Laternen erloschen alle auf einmal, und der Grat versank in dichter, regendurchtränkter Dunkelheit.Einen Moment lang bewegte sich niemand. Das einzige verbliebene Licht war der schwache Schein des Gegenstands in den Händen meiner Mutter. Er malte ihr Gesicht in kaltem Blauweiß und ließ die Tränen auf ihren Wangen wie Linien aus Eis aussehen.Das Echo hielt immer noch meine Stimme.„Du kannst nicht aufhalten, was du mit erschaffen hast“, sagte es durch mich. „In jeder Wendung versuchst du, mich einzusperren. In jeder Wendung bricht der Faden trotzdem.“Die Hände meiner Mutter zitterten. „Verschwinde aus meiner Tochter.“Sie hob den Gegenstand höher. Die Luft zwischen uns wurde schwer und drückte gegen meine Brust und meinen Schädel wie Wasser. Das Echo zuckte in mir mit einem scharfen, stummen Knurren zurück. Meine Knie knickten beinahe ein.Jax stürzte vor. Er erreichte meine Mutter, bevor die beiden Unverwobenen, die ihr den Grat hinunter gefolgt waren, ihn aufhalten konnten. Si
Corbins Lächeln erreichte seine Augen nicht.Die beiden Unverwobenen an der gegenüberliegenden Wand setzten sich sofort in Bewegung. Meine Mutter drehte sich vollständig zur Tür und erstarrte, als sie mich sah. Für einen Herzschlag huschte etwas wie Schuld über ihr Gesicht. Dann verschwand es und wurde durch dieselbe sorgfältige Leere ersetzt, die sie jahrelang getragen hatte, wann immer mein Echo nachts zu laut gesprochen hatte.„Lumi“, sagte sie. „Du hättest nicht hierherkommen sollen.“„Du hast ihm gesagt, wo die Anker sind“, antwortete ich. Meine Stimme klang ruhig. Ich fühlte mich nicht ruhig.Corbin trat näher, die Hände offen, als wolle er zeigen, dass er keine Waffe trug. „Deine Mutter versteht, was du immer noch ablehnst zu sehen. Der Faden ist ein Käfig. Jedes Echo ist eine Kette. Ihn zu durchschneiden ist die einzige Barmherzigkeit, die noch bleibt.“Jax stellte sich vor Kora und mich. „Bleibt hinter mir.“Einer der Unverwobenen stürzte vor. Jax ging ihm entgegen, rammte di
Ich starrte auf den Metallsplitter in meiner Hand, als gehöre er jemand anderem.Die Kante hatte bereits eine dünne weiße Linie über meine gegenüberliegende Handfläche hinterlassen. Ich öffnete die Finger und ließ das Stück fallen. Es klirrte auf dem Holzboden des Lagerhauses und lag dort, gewöhnlich und hässlich.Jax hockte sich vor mich. „Lumi. Sieh mich an.“Ich tat es. Seine sturmfarbenen Augen suchten die meinen, ruhig und besorgt.„Ich habe das nicht aufgenommen“, sagte ich. „Ich habe es erst gesehen, als die Vision endete.“Kora stand ein paar Schritte entfernt, die Arme um sich geschlungen. „Dein Echo hat dich dazu gebracht.“„Es hat ‚Übung‘ gesagt“, antwortete ich. Das Wort schmeckte falsch in meinem Mund.Jax hob den Splitter vorsichtig auf und legte ihn auf eine zerbrochene Kiste, außer greifbarer Reichweite. „Die Vision hat dir gezeigt, wie du den Faden durchschneidest. Und jetzt versucht dein Echo, deine Hände an die Bewegung zu gewöhnen. Das ist keine Warnung. Das ist Vo
Die Worte hingen zwischen uns in der Dunkelheit.Koras Augen gehörten wieder ihr, weit und verängstigt, aber das Bild, das sie beschrieben hatte, blieb in der Luft wie Rauch. Ich spürte, wie Jax neben mir erstarrte. Wasser plätscherte leise gegen den steinernen Vorsprung. Hoch oben bewegten sich Corbins Männer durch die Tunnel, ihre Stimmen gedämpft, aber immer noch zu nah.„Was meinst du damit, dass ich ein Messer gehalten habe?“ fragte ich.Kora schluckte. Ihre Stimme war rau, als hätte das Kind-Echo ihre Kehle roh geschabt. „Es war kein gewöhnliches Messer. Es war etwas aus Fadenlicht und Metall. Du standest im Zentrum von allem, und der Himmel riss über dir auf. Du hast etwas durchschnitten, das wie ein leuchtendes Seil aussah, und in dem Moment, als du es tatest, begannen die Menschen zu schreien. Dann wurde alles weiß.“Jax’ Blick huschte zu mir. „Hat dein Echo dir etwas davon gezeigt?“Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Noch nicht.“In meiner Brust blieb die Stimme, die die meine







