MasukDer Freitagmittag im April war der letzte Bistrofreitag fuer eine Weile. Das war kein Abschluss, kein Aufhoeren, kein Ende von etwas. Es war die Pause, die das Leben manchmal einlegte, wenn sich etwas veraenderte: Petra hatte entschieden, fuer drei Monate nach Lissabon zu gehen, weil sie seit Jahren davon geredet hatte und weil das Reden irgendwann aufhoerte und das Tun anfing, wenn man wirklich meinte, was man sagte. "Lissabon," hatte Petra gesagt, als sie es Noelle mitgeteilt hatte. "Wann?" hatte Noelle gefragt. "Mai bis Juli," hatte Petra gesagt. "Drei Monate." "Was machst du dort?" hatte Noelle gefragt. "Das, was ich hier nicht tue," hatte Petra gesagt. "Schreiben. Lesen. Die Stadt kennenlernen, ohne einen Grund." "Du schreibst?" hatte Noelle gefragt. "Ich moechte versuchen," hatte Petra gesagt. "Das ist nicht dasselbe. Aber der Versuch ist der Anfang." Das stimmte. Der Versuch war der Anfang. Das war das, was Noelle gelernt hatte, in all den Dienstagen. Der Versuch w
Der Tag nach dem Gut war ein Sonntag. Renz blieb noch den Sonntag, weil Noelle ihn gebeten hatte und weil er gern blieb, wenn man ihn bat, weil das Bleiben bei Menschen, die man mochte, eine der wenigen Dinge war, die er sich noch goennte, ohne dass die Aerzte dagegen hatten. Der Sonntag begann mit Fruehstueck, lang und ohne Eile, mit dem Licht des Maerzsonntags, das durch die Kuechenfenster fiel und das die Tasse und den Tisch und die Menschen daran in etwas verwandelte, das schoeiner war als die Summe seiner Teile. Renz sass an dem Kuechentisch und aß und schaute gelegentlich aus dem Fenster auf die Strasse, die sonntagsstill war, und hatte den Ausdruck eines Mannes, der nichts vermisste und nichts mehr brauchte und dem das gut genug war. Das war das Schoenste, das man ueber jemanden sagen konnte: dass er nichts vermisste und nichts mehr brauchte. Das war Ankommen auf die Art, die kein Ort hatte. Damian sass ihm gegenueber und las die Zeitung. Noelle sass zwischen beiden und
Albrecht Renz kam im Maerz. Das war spaeter als geplant, weil der Februar einen Rueckschlag gebracht hatte, keinen grossen, aber einen, der seine Aerzte vorsichtiger gemacht hatte: eine Erkaeltung, die laenger gedauert hatte als eine Erkaeltung bei einem Mann seines Alters und mit seiner Vorgeschichte dauern durfte, und die sie darauf bestand, dass er wartete, bis der Winter wirklich vorbei war, bevor er reiste. Renz hatte protestiert. Die Aerzte hatten nicht nachgegeben. Das war das Schoenste an dem kleinen Rueckschlag: dass Renz protestiert hatte, was bedeutete, dass er reisen wollte, und das Wollen war das Zeichen des Lebenden. Er kam am siebzehnten Maerz. Frankfurt hatte an diesem Tag den ersten wirklichen Fruehlingtag des Jahres beschlossen: nicht warm, aber klar, das Licht, das aus einer anderen Richtung zu kommen schien als im Winter, hoeher und mit mehr Intensitaet, das Licht, das anzeigte, dass die Erde sich weitergedreht hatte und dass der Winkel anders geworden war.
Der Januar war wieder da, und er war der Januar nach dem Hamburg-Weihnachten, der erste Januar, der anders war als alle vorangehenden, weil er der erste war, in dem Noelle Fischer-Wolff das Gefuehl hatte, dass alle Teile ihres Lebens gleichzeitig an ihrem richtigen Ort waren. Das war selten. Das war das Seltenste. Meistens war ein Teil falsch oder zu wenig oder noch unterwegs. Aber dieser Januar hatte das Gefuehl des Vollstaendigen, nicht weil nichts fehlte, sondern weil das, was fehlte, nicht mehr vermisst wurde. Das war der Unterschied. Man vermisste nicht mehr, was man hatte. Man lebte das, was war. Sie sass am ersten Januarmorgen auf dem Balkon. Die Jacke, die Tasse, das Licht. Frankfurt darunter, still, weil der erste Januar die Stadt schlafen liess, solange er konnte. Damian trat hinter sie. Er hatte Kaffee, wie immer, den er gemacht hatte, waehrend sie draussen stand, weil das ihre Aufteilung war, die keine war, die sich einfach ergeben hatte. Er stellte sich neben
Das dritte Weihnachten war das erste in Hamburg. Das war die Entscheidung gewesen, getroffen im November, weil es Zeit war und weil Hanna Fischer seit zwei Weihnachten allein geblieben war oder die Reise nach Frankfurt gemacht hatte, und weil man Dinge nicht fortsetzte, die man aendern konnte, wenn man die Wahl hatte. Sie fuhren mit dem Zug, am dreiundzwanzigsten, einen Tag vorher, damit Hamburg Zeit hatte, sich einzuleben, bevor der Heiligabend kam. Noelle wollte den Weg, wie immer. Damian wollte ankommen, wie immer. Sie waehlten das Langsame. Der Zug von Frankfurt nach Hamburg war drei Stunden, die sie mit Schweigen und Gesprach fuellten, abwechselnd, weil das die Art war, wie sie Zugfahrten verbrachten. In der zweiten Stunde sagte Damian: "Ich war zuletzt als Kind in Hamburg." "Wann?" fragte Noelle. "Als mein Vater noch lebte," sagte er. "Er hatte Geschafte dort. Er hat mich einmal mitgenommen. Ich war acht Jahre alt, und das ist das Einzige, das ich von dieser Zeit habe
Lena Brandt war anders als ihr Vater. Das war das Erste, was Noelle bemerkt hatte, als Lena zum zweiten Mal in die Firma gekommen war, nicht als Praktikantin, sondern als Mitarbeiterin mit einem echten Titel und echten Verantwortlichkeiten und dem Blick einer Frau, die wusste, was sie wollte und die das nicht zu verbergen versuchte. Felix war der Mann des Zurueckhaltens gewesen. Der Mann, der sah und schwieg, bis der Moment da war, bis der Raum bereit war und bis das Gesagte ankommen konnte. Lena war die Frau des Vorwaertsgehens. Sie sah und handelte, manchmal zu frueh, manchmal genau richtig, und das Verhaltnis von zu frueh zu genau richtig verschob sich mit der Zeit mehr und mehr in die richtige Richtung, weil sie lernte, und das Lernen war das Zeichen, dass sie eine war, die es verdiente, gelernt zu haben. Noelle beobachtete das. Das war ihre Qualitaet, das Beobachten, das sie immer gehabt hatte und das in diesem Buero, in diesen Jahren, zum Wichtigsten geworden war. Man m







