Mag-log inNATALIES PERSPEKTIVE
Das Handy wäre mir fast aus der Hand gerutscht.
„Was zum Teufel?“, murmelte ich.
Jason war vieles, aber das war ein ganz neues Tief.
Ich tippte: „Stalkst du mich jetzt etwa?“
Dann löschte ich die Nachricht.
Ich starrte auf die Nachricht, geriet in Panik und überlegte, wie ich antworten sollte.
Also tat ich es nicht.
Ich hatte keine Zeit für Spielchen.
Ich zog mir etwas an, das eher für den Geschäftsalltag geeignet war. Ich hatte mir im Laufe der Jahre extra dafür mehrere Outfits gekauft, in der Hoffnung und Erwartung genau dieses Moments.
Monatelang hatte ich Bewerbungen verschickt, die sich wie in ein schwarzes Loch verloren. Jede Absage-E-Mail fühlte sich an, als würde sich eine weitere Tür vor meiner Nase schließen.
Aber das hier…
Das war anders. Es war kein weiterer Teilzeitjob und auch kein weiteres Versprechen à la „Wir melden uns bei dir.“
Das war die Chance, auf die ich so sehr gehofft hatte.
Ich wäre dumm, mich von Jason und seinen kleinlichen Drohungen aus der Ruhe bringen zu lassen – zumindest nicht heute.
Ich sah zu Ava zurück. „Bist du bereit?“
Sie nickte. „Bist du jetzt glücklich?“
Ich lächelte sie an und musste fast wieder weinen. „Ja, mein Schatz, Mama ist sehr glücklich.“
Sie lächelte mich an, und für den Bruchteil einer Sekunde kam mir Jason wieder in den Sinn. Ich hatte sie jahrelang geheim gehalten – wer weiß, was er mit ihr vorhatte.
„Okay, lass uns gehen.“ Ich hob sie hoch und eilte zur Tür hinaus.
Ich brachte sie in die Kindertagesstätte, und überraschenderweise machte sie keinen Wutanfall.
Ich stieg in das Taxi und fühlte mich endlich frei und seltsam ruhig. Bis ich einen weiteren Anruf von Jason erhielt. Das ärgerte mich so sehr, dass ich fast sofort auf die Sperrtaste drückte.
Das gab mir zwar kein Gefühl der Erleichterung, aber ich musste mir keine Sorgen mehr machen, dass er mich stören würde.
Sobald ich ausstieg und das riesige Gebäude betrachtete, in dem hochrangige Leute ein- und ausgingen, überkam mich Angst.
Angst, nicht dazuzugehören, Angst, nicht gemocht zu werden … Angst, nicht ausgewählt zu werden.
Ich trat trotzdem ein und hielt sofort Ausschau nach Mia.
Ich sah sie an der Rezeption, wo sie gerade telefonierte. Sie blickte auf und winkte mich zu sich herüber.
Ich stand ein paar Sekunden lang neben ihr und sah mich einfach nur um. Niemand schenkte mir wirklich Beachtung, aber ich beobachtete jeden und alles.
Mia beendete ihr Gespräch und zog mich sofort in eine Umarmung.
„Kannst du das glauben?“
„Was glauben?“
„Vor fünf Jahren hast du auf meiner Couch geweint, weil dein Verlobter dich betrogen hat.“
„Bitte erinnere mich nicht daran.“
„Jetzt arbeitest du bei King’s Corporation. Ach, es ist so schön, dich so gekleidet zu sehen.“
„Was stimmt denn nicht mit meiner üblichen Kleidung?“
Sie lachte: „Nichts, Schatz. Dein Büro ist oben, ich zeige es dir, aber zuerst musst du im Sitzungssaal vorbeischauen. Dort wirst du unseren Chef kennenlernen.“
„Unser.“ Ich lächelte, konnte meine Nervosität aber nicht verbergen.
Sie blieb stehen und drehte sich zu mir um.
„Natalie, du hast jahrelang dafür gebetet, und du hast es verdient. Du bist genauso klug und talentiert wie alle anderen hier, also schüttel diese Ängste ab und mach Ava stolz.“
Ich atmete tief durch. „Okay, was soll ich tun?“
„Zuerst brauchst du eine Tasse Kaffee. Ich hole dir eine. Dann musst du an einer Besprechung teilnehmen. Der Geschäftsführer will sehen, wie gut du unter Druck arbeitest.“
„Oh mein Gott, okay.“
Mia führte mich zum Aufzug. Es war ein paar Sekunden lang still, dann sprach ich.
„Jason hat angerufen.“
Sie drehte sich zu mir um. „Was!“
Die Aufzugstür öffnete sich mit einem Signalton.
„Darüber reden wir später. Jetzt müssen wir uns darauf konzentrieren, dass ich mir nicht in die Hose mache.“
„Oh nein, wir müssen jetzt darüber reden.“
Ich schwieg.
Wir gingen direkt zum Couchtisch und ich schenkte mir eine Tasse ein.
„Was hat er gesagt? Was will er?“
„Mia, nicht jetzt.“
Wir bogen nach links ab und ich sah einen großen Raum voller Menschen.
Ganz am anderen Ende stand ein Mann, der offensichtlich der Geschäftsführer war. Zuerst konnte ich sein Gesicht kaum erkennen, aber irgendetwas an ihm ließ mich einfach nicht wegsehen.
Seine Haltung und seine Stimme kamen mir sehr bekannt vor. Mir fiel nur eine Person mit dieser Stimme ein, und ich hatte sie seit fünf Jahren nicht mehr gehört.
„Nein, das kann n
icht sein“, sagte ich mir.
Während Mia immer noch darauf herumreite, dass ich hineingehen müsse, konnte ich mich nicht von der Stelle rühren, bis ich sicher war, dass er nicht der war, für den ich ihn hielt.
Sobald er sich umdrehte, weiteten sich meine Augen.
„Nat? Nat?“ Ich hörte Mias Stimme nur leise, aber ich fühlte mich, als wäre ich in meiner eigenen Welt.
Plötzlich blickte er auf und starrte mich direkt an.
Ich ließ meinen Kaffee auf den Boden fallen.
Ich spürte, wie alle mich ansahen, aber ich stand immer noch wie angewurzelt da.
Fünf Jahre.
Fünf Jahre, in denen ich mir eingeredet hatte, dass diese Nacht keine Rolle spielte, fünf Jahre, in denen ich so tat, als wäre er nur ein Fremder, fünf Jahre, in denen ich mir ein Leben ohne ihn aufgebaut hatte.
Und jetzt stand er zwanzig Fuß entfernt.
Mein Puls setzte einen Schlag aus.
Denn plötzlich kamen all die Fragen, die ich verdrängt hatte, wieder hoch.
Erinnerte er sich an mich? Hatte er jemals an mich gedacht? Würde er mich erkennen?
„Oh mein Gott, Nat!“
„Hä? Ja, ich bin hier.“ Ich drehte mich zu ihr um.
Mein Herz raste, ich konnte kaum atmen.
„Bist du das?“
Eine sehr wütend aussehende Dame kam herüber, um die Unordnung zu beseitigen, und ich drehte mich sofort um und ging los. Mia folgte mir.
„Was zum Teufel, Nat? Ist alles in Ordnung mit dir?“
„Was? Ja, alles in Ordnung.“
„Ä-“
„Dieser Mann im Konferenzraum“, unterbrach ich sie. „Der, der da steht. Ist er der Geschäftsführer?“
Sie schaute zurück, aber ich weigerte mich, weiterzugehen.
„Ja, das ist er. Geht es um Jason? Natalie, das ist nicht der richtige Zeitpunkt, du musst da reingehen.“
„Oh mein Gott!“
„Was ist denn los?“
„Nichts, nur die Nerven, mir geht es gut.“
„Na, das hoffe ich mal, denn er ist verdammt streng, und du hast gerade bei ihm und allen anderen einen schlechten Eindruck hinterlassen.“
Ich atmete tief durch. „Ich bringe das schon in Ordnung.“
„Bist du sicher, dass es dir gut geht?“
„Mir geht’s gut! Ich bringe das schon in Ordnung.“
Ich zog mein Hemd glatt, hob das Kinn und zwang meine Füße, sich zu bewegen.
Alle Blicke im Raum folgten mir, als ich eintrat.
„Guten Morgen“, sagte ich und lächelte höflich. „Ich entschuldige mich für die Unterbrechung. Ich bin Natalie Hart. Vielen Dank für Ihre Geduld.“
Ein paar Leute nickten, bevor ich den freien Platz einnahm, der am weitesten von ihm entfernt war.
Die Besprechung wurde fast sofort fortgesetzt. Anscheinend hatte niemand vor, sich lange mit meinem peinlichen Auftritt aufzuhalten.
Gott sei Dank.
Ein Mann, der in der Mitte des Tisches saß, warf einen Blick in meine Richtung.
„Da Frau Hart gerade erst zu uns gestoßen ist, lassen Sie uns das schnell hinter uns bringen.“
Er lächelte herzlich, was mir irgendwie noch mehr Unbehagen bereitete.
„Ich bin Tom Reynolds, Leiter des operativen Geschäfts. Die restlichen Vorstellungsrunden können bis nach der Besprechung warten.“
Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Kopf des Tisches.
„Und Herrn King habt ihr natürlich bereits kennengelernt.“
Mir zog sich der Magen zusammen.
Alle Köpfe wandten sich instinktiv ihm zu.
Lucas King.
Gründer und CEO der King’s Corporation.
Der Mann, der mich gerade mit einer Intensität ansah, die mir das Atmen schwer machte.
Und der Mann, der keine Ahnung hatte, dass er gerade die Mutter seiner Tochter anstarrte.
NATALIE'S PERSPEKTIVE Ich richtete das Notizbuch in meinen Händen und griff gerade nach der Tür zum Konferenzraum, als Lucas’ Stimme mich zurückhielt.„Natalie.“Ich drehte mich um.„Ja, Mr. King?“„Du musst nicht mitkommen.“Ich machte einen kleinen Schritt zurück.„Ich … muss nicht?“Er schüttelte den Kopf. „Emily nimmt diesmal an der Besprechung teil.“Für einen Moment dachte ich, ich hätte ihn falsch verstanden.„Habe ich etwas falsch gemacht?“„Nein, natürlich nicht.“„Warum gehe ich dann nicht mit?“„Weil du eine Pause machst.“Ich blinzelte. „Eine Pause?“„Eine Stunde.“Ich musste mich beinahe zusammenreißen, nicht zu lachen. „Ich brauche keine Pause.“„Doch.“„Mir geht es vollkommen gut.“„Du bist vor drei Tagen beinahe ohnmächtig geworden.“„Ich habe mich erholt.“„Das weiß ich. Und gestern hast du etwas in Ordnung gebracht, worüber Tom sich den Kopf zerbrochen hat. Das verdient irgendeine Art von Belohnung.“„Belohnung? Dafür, dass ich meine Arbeit mache?“„Das war Toms Auf
LUCAS PERSPECTIVÉ In dem Moment, als Sophia mein Büro betrat, machte sie es sich bequem, als käme sie schon seit Jahren hierher. Sie schaute sich neugierig im Raum um, bevor sie vor den Fenstern stehen blieb.„Ich verstehe jetzt den Hype, hier oben zu arbeiten.“Ich schloss die Akte vor mir.„Ich weiß nicht, wie es den anderen geht, aber die Aussicht hilft. Beruhigt mich ein bisschen.“„Sie ist wirklich entspannend.“„Besitzt dein Vater nicht auch so ein Unternehmen?“„Doch, aber deins ist mir neu, denke ich.“Sie drehte sich mit einem Lächeln zu mir um.„Ich habe King’s Corporation noch nie von innen gesehen.“„Ich dachte, Victoria hätte dich schon mal mitgebracht.“Sie lachte leise.„Wenn sie das getan hätte, würde ich dann um eine Führung bitten?“„Ich dachte, das wäre nur eine Ausrede, um allein zu sein.“„Nun ja, das auch.“ Sie machte ein paar Schritte näher zum Stuhl. „Aber ganz allein waren wir ja nicht, oder?“ Sie setzte sich.Ich senkte den Kopf und versuchte, das, was sie g
NATALIE'S PERSPEKTIVE „Morgen.“Ich schaute von meinem Schreibtisch hoch.Lucas stand vor meinem Büro, in der einen Hand einen Kaffee, die andere in der Tasche.„Guten Morgen, Mr. King.“„Wie war deine Nacht?“Ich warf ihm einen zweiten Blick zu, unsicher, woher die Frage kam.„Sie war… gut.“Er nickte.„Und Ava?“„Ihr geht es auch gut. Sie freut sich schon auf die Schule.“Seine Lippen zuckten.„Ich erinnere mich, dass ich vor meinem ersten Schultag auch ungeduldig war.“„Du?“Er wirkte leicht beleidigt.„Ich war auch in der Schule, Natalie.“Ich lachte.„Ich weiß. Es ist nur schwer, sich dich als kleinen Jungen vorzustellen.“„Ich war sehr brav. War sogar im Schülerrat.“„Das überrascht mich überhaupt nicht.“Er lachte leise.„Und du? Wie fühlst du dich dabei, dass sie in die Schule kommt?“Ich stieß einen langen Seufzer aus.„Ich kann nicht sagen, dass ich traurig bin. Ich wollte immer, dass sie Freunde findet… und der Gedanke, mir nicht ständig um sie Sorgen machen zu müssen, ist
NATALIE'S PERSPEKTIVE Ich lag so falsch.Eine Nacht lang hatte ich tatsächlich geglaubt, dass sich endlich alles beruhigt.Ich hätte es besser wissen müssen.In dem Moment, als ich am nächsten Morgen aus dem Aufzug trat, wusste ich, dass etwas anders war.Mitarbeiter, die sonst in einem gemütlichen Tempo unterwegs waren, bewegten sich deutlich schneller. Emily eilte mit zwei Ordnern an der Brust an mir vorbei. Jemand aus der Personalabteilung verschwand in einem der Konferenzräume. Sogar Mia, die sonst unmöglich zu übersehen war, saß nicht an ihrem Schreibtisch.Ich dachte, ich hätte wieder einmal ein Meeting verpasst – aber auch das war falsch.Kaum hatte ich mein Büro erreicht, rief Emily mir hinterher.„Natalie.“Ich drehte mich um.„Morgen.“„Morgen.“ Sie lächelte nervös. „Mrs. King ist wieder da.“Mein Lächeln verblasste. „So früh?“Emily nickte. „Sie ist schon seit fast einer halben Stunde hier.“Bevor ich antworten konnte, öffnete sich die Tür zu Lucas’ Büro.Victoria trat her
NATALIE'S PERSPEKTIVE Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit… wachte ich ohne Wecker auf.Kein Hetzen, um mich anzuziehen, kein Checken der E-Mails, bevor meine Füße überhaupt den Boden berührten, kein Sorgen um Ava oder Carla.Die Wohnung war still. Sanftes Morgenlicht fiel durch die Vorhänge und malte warme Flecken auf den Schlafzimmerboden.Ich streckte mich unter der Decke und warf einen Blick auf die Uhr.Halb neun.Ich lachte darüber, weil ich in Panik geraten wäre, wenn es ein normaler Arbeitstag gewesen wäre. Aber ich lag immer noch im Bett.Es klopfte an meiner Schlafzimmertür, bevor sie sich knarrend öffnete. Ein kleines Gesicht lugte herein.„Mama?“Ich lächelte sofort. „Guten Morgen, Schatz.“Ava grinste, rannte durchs Zimmer und kletterte neben mich aufs Bett.„Fahren wir nicht zu Carlas Haus?“„Nein, Schatz. Carla muss dich heute nicht aufpassen.“„Du hast keine Arbeit?“„Zumindest heute nicht.“Ihre Augen wurden groß.„Heißt das, wir können den ganzen Tag zusamme
LUCAS PERSPECTIVÉ Am nächsten Morgen kam ich früher als sonst ins Büro. Emily war noch nicht da, ebenso wenig wie Ethan. Nur das Reinigungspersonal bewegte sich durch den Flur und ersetzte die Blumen von gestern durch frische.Ich betrat mein Büro und stellte meine Aktentasche neben den Schreibtisch. Fast instinktiv wanderte mein Blick zu den Glaswänden des Büros gegenüber.Es war leer. Aus guten Gründen gefiel mir das gar nicht. Natalie war normalerweise eine der Ersten, die zur Arbeit kam.Ich wandte den Blick ab. Das ging mich nichts an.Ich hatte meinen Laptop kaum geöffnet, als Schritte durch den Flur hallten. Einen Moment später tauchte Natalie mit einer Mappe unter dem Arm auf.Gerade als sie ihr Büro erreichte, blickte sie auf und erstarrte. Sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass ich schon da war. Unsere Blicke trafen sich über den Flur hinweg, und ich hätte sie beinahe gefragt, ob es ihr schon besser ginge.Stattdessen …„Du bist zu spät.“Sie blinzelte und blickte dann







