LOGINAus Natalies Perspektive:
Mein Handy fing an zu klingeln, noch bevor ich auch nur einen Schluck nehmen konnte. Ich warf einen angewidert Blick darauf. Es war eine unbekannte Nummer, und ich war nicht in der Stimmung, auch nur zu raten, wer es sein könnte.
Ich starrte auf den Bildschirm und überlegte, ob ich den Anruf ignorieren sollte.
Das Handy klingelte erneut. Und noch einmal.
Mit einem Seufzer nahm ich ab.
„Hallo?“
Ich erstarrte, als ich eine Stimme hörte, die ich seit Jahren nicht mehr gehört hatte und die meinen Namen rief.
„Natalie.“
Mir sank das Herz in die Hose.
Es war Jason.
Für einen Moment konnte ich nicht atmen.
„Was willst du?“
Ein kurzes Lachen knisterte durch den Lautsprecher. „Freut mich auch, deine Stimme zu hören.“
Ich krallte mich am Rand der Theke fest.
„Was willst du?“, wiederholte ich mit leiser, zitternder Stimme.
Sein Tonfall wurde sofort härter. „Ich muss mit dir reden.“
„Nein, musst du nicht.“
„Natalie –“
„Hör mal, wenn du anrufst, um es wieder gutzumachen, dann hast du dir den falschen Zeitpunkt ausgesucht.“
„Ich will es nicht wieder gutmachen.“
Als ich das hörte, riss bei mir etwas. Ich saß zwar nicht herum und wartete darauf, dass er sich wieder meldete, aber ich hatte mit allem anderen gerechnet, nur nicht damit, falls wir jemals wieder miteinander sprechen sollten. Das machte mich wütender, als es hätte sein sollen.
„Meinst du das ernst?! Es sind fünf Jahre vergangen, Jason. Fünf! Und du rufst mich einfach an einem beliebigen Dienstag an, um mir das zu sagen?“
„Mama?“ Eine leise Stimme hallte hinter mir wider. Ich drehte mich um und sah Ava in ihrem viel zu großen Nachthemd stehen, ihr Lieblingskuscheltier in der Hand. Allein ihr Anblick ließ mich sofort weich werden.
„Natalie, es tut mir leid, okay?“
Ich hätte fast vergessen, dass er noch am Telefon war.
„Gib mir ein paar Minuten, okay?“ Ich lächelte sie an und drehte mich wieder um.
„Warum hast du mich angerufen, Jason?“
Er zögerte. „Ich brauche nur etwas Geld … als Darlehen.“
Mein Mund öffnete sich langsam, während er sprach.
„Nach all den Jahren, Jason. Ich weiß gar nicht, warum ich immer noch Vertrauen in dich habe.“
Er atmete tief aus, als würde er sich davor fürchten, mich um Hilfe zu bitten.
„Gibst du mir das Geld jetzt oder nicht?“
„Nein.“
„Komm schon, Nat, ich zahle es dir zurück, ich schwöre es, es ist nur –“
„Das ist mir egal! Okay? Fünf Jahre lang war es mir egal, und jetzt ist es mir definitiv auch egal. Wage es nicht, diese Nummer jemals wieder anzurufen, verstanden?“
Ich gab ihm keine Sekunde Zeit, um zu antworten. Ich beendete das Gespräch sofort.
Ich holte tief und zittrig Luft. Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen, aber ich konnte es mir nicht einmal leisten, zu weinen.
Welches Problem er sich auch immer eingebrockt hatte, es war nicht meins. Ich hatte schon genug.
Der Stapel Umschläge auf meiner Küchentheke schien jedes Mal zu wachsen, wenn ich ihn ansah. Stromrechnungen, Miete, Wasser, Avas Schule. Sogar eine Mahnung, die ich noch nicht geöffnet hatte.
Ich stand da, mit einem Taschenrechner in der einen Hand und meinem Handy in der anderen, und versuchte, Zahlen, die sich einfach nicht addieren wollten, irgendwie in Einklang zu bringen.
Aber so sehr ich auch versuchte, es zu ignorieren, es gelang mir nicht. Dieser Anruf hatte meine Stimmung völlig ruiniert. Erinnerungen, die ich tief in mir vergraben hatte, brachen plötzlich hervor. Bilder von Jasons Verrat tauchten klar vor meinem inneren Auge auf, und Streitigkeiten mit Vanessa, die ich so sehr zu vergessen versucht hatte, fühlten sich an, als wären sie erst gestern passiert.
„Mama? Darf ich jetzt kommen?“ Ava schlich sich wieder
hinter mich.
Ich entspannte mich wieder und hob sie hoch, umarmte sie so fest, dass ich fast all den Schmerz vergaß, den ich ertragen hatte, bevor sie in mein Leben trat.
„Bist du traurig?“
Die Frage traf mich unvorbereitet. Ich setzte sie auf die Arbeitsplatte und sah sie mir genau an.
„Natürlich nicht.“
Sie neigte den Kopf zur Seite.
„Du machst dieses Gesicht, wenn du traurig bist.“
Ich lachte leise und küsste sie auf den Scheitel. „Mir geht es gut.“
Das stimmte nicht ganz, aber wie hätte ich einer Fünfjährigen erklären sollen, dass ich das Gefühl hatte, meine ganze Welt würde zusammenbrechen?
Sie war ohnehin schon viel zu klug für ihr Alter, ich wollte ihr keine zusätzliche Last aufbürden.
Dennoch griff sie nach meiner Hand.
„Bist du dir sicher?“
Ich drückte ihre Finger.
„Ich bin mir sicher.“
Ihr kleines Gesicht entspannte sich.
„Okay.“ Dann grinste sie.
„Ich muss bald zur Arbeit, also musst du bei Tante Mia bleiben, okay?“
„Okay.“
„Was möchtest du zum Frühstück?“
„Pfannkuchen!“
„Wirklich? Du hattest doch gestern schon Pfannkuchen.“
Sie nickte mit einem breiten Lächeln.
„Na gut, dann.“
Ich drehte mich kurz um, bevor mein Handy wieder zu klingeln begann.
Ich dachte, es wäre Jason, und wollte schon rangehen, nur um ihn ordentlich anzuschimpfen, aber zum Glück war es nur Mia.
Ich atmete erleichtert auf.
„Hey Mia, bist du schon unterwegs?“
„Ähm, nein.“
„Was? Ich dachte, du hättest heute frei.“
„Hatte ich auch, aber ich wurde in letzter Minute einspringen lassen, tut mir leid.“
Ich seufzte: „Ist schon okay, ich verstehe das. Gibt’s schon Neuigkeiten zu dem Jobangebot?“
„Eigentlich habe ich tolle Neuigkeiten. Hast du keine E-Mail bekommen?“
„Ich glaube nicht. Ich habe noch nicht nachgesehen.“
„Na, dann schau mal nach.“
„Sag mir einfach, was es ist.“
„Du hast den Job bekommen, Nat.“ Ich konnte hören, wie sie vor Aufregung am Telefon quietschte.
Ich war so geschockt, dass ich gar nicht wusste, wie ich reagieren sollte.
„Du musst Ava in der Kita abgeben und sofort herkommen. Du musst dich heute noch mit dem Geschäftsführer treffen.“
„Was? Meinst du das ernst?!“
„Ja, komm sofort her, ich muss auflegen.“
„Oh mein Gott, okay, okay.“
Sie beendete das Gespräch, bevor ich mich bei ihr bedanken konnte.
Ich hob Ava hoch und rannte ins Zimmer, um sie umzuziehen.
„Gehen wir in die Kita?“, fragte sie mit so leiser Stimme, dass ich fast bereit war, das Risiko einzugehen, sie mit zur Arbeit zu nehmen.
„Ja, Schatz, aber nur für heute, okay? Danach gehen wir nicht mehr hin.“
Sie nickte und wandte den Blick ab. Ich merkte, dass sie traurig war, aber ich hatte niemanden, der auf sie aufpassen konnte, und diese Gelegenheit durfte ich mir nicht entgehen lassen.
Ich überflog hektisch meine ungelesenen E-Mails, konnte aber nichts finden.
Ich war kurz davor, in Panik zu geraten, als eine Benachrichtigung eintraf.
„Die King’s Corporation möchte Ihnen die Stelle anbieten.“
Ich lächelte und musste vor Erleichterung fast weinen.
„Oh mein Gott.“
Meine Augen brannten, als ich auf die E-Mail starrte.
Ich hatte einen Job. Einen richtigen Job.
Vielleicht änderte sich die Lage endlich. Vielleicht fanden Ava und ich endlich etwas Ruhe. Ich sah sie an, die Hand vor dem Mund, während mir eine einzelne Träne über die Wange lief.
Mein Handy summte erneut.
Eine weitere SMS von derselben unbekannten Nummer. Ich starrte einen Moment lang auf den Bildschirm, bevor ich die Nachricht öffnete.
„
Du machst einen Fehler.“
Ich verdrehte die Augen und wollte ihn gerade blockieren. Doch dann kam eine weitere SMS.
Mir lief ein Schauer über den Rücken, als ich sie las.
„Ich weiß von Ava.“
Das hätte er eigentlich nicht wissen dürfen.
NATALIE'S PERSPEKTIVE Ich richtete das Notizbuch in meinen Händen und griff gerade nach der Tür zum Konferenzraum, als Lucas’ Stimme mich zurückhielt.„Natalie.“Ich drehte mich um.„Ja, Mr. King?“„Du musst nicht mitkommen.“Ich machte einen kleinen Schritt zurück.„Ich … muss nicht?“Er schüttelte den Kopf. „Emily nimmt diesmal an der Besprechung teil.“Für einen Moment dachte ich, ich hätte ihn falsch verstanden.„Habe ich etwas falsch gemacht?“„Nein, natürlich nicht.“„Warum gehe ich dann nicht mit?“„Weil du eine Pause machst.“Ich blinzelte. „Eine Pause?“„Eine Stunde.“Ich musste mich beinahe zusammenreißen, nicht zu lachen. „Ich brauche keine Pause.“„Doch.“„Mir geht es vollkommen gut.“„Du bist vor drei Tagen beinahe ohnmächtig geworden.“„Ich habe mich erholt.“„Das weiß ich. Und gestern hast du etwas in Ordnung gebracht, worüber Tom sich den Kopf zerbrochen hat. Das verdient irgendeine Art von Belohnung.“„Belohnung? Dafür, dass ich meine Arbeit mache?“„Das war Toms Auf
LUCAS PERSPECTIVÉ In dem Moment, als Sophia mein Büro betrat, machte sie es sich bequem, als käme sie schon seit Jahren hierher. Sie schaute sich neugierig im Raum um, bevor sie vor den Fenstern stehen blieb.„Ich verstehe jetzt den Hype, hier oben zu arbeiten.“Ich schloss die Akte vor mir.„Ich weiß nicht, wie es den anderen geht, aber die Aussicht hilft. Beruhigt mich ein bisschen.“„Sie ist wirklich entspannend.“„Besitzt dein Vater nicht auch so ein Unternehmen?“„Doch, aber deins ist mir neu, denke ich.“Sie drehte sich mit einem Lächeln zu mir um.„Ich habe King’s Corporation noch nie von innen gesehen.“„Ich dachte, Victoria hätte dich schon mal mitgebracht.“Sie lachte leise.„Wenn sie das getan hätte, würde ich dann um eine Führung bitten?“„Ich dachte, das wäre nur eine Ausrede, um allein zu sein.“„Nun ja, das auch.“ Sie machte ein paar Schritte näher zum Stuhl. „Aber ganz allein waren wir ja nicht, oder?“ Sie setzte sich.Ich senkte den Kopf und versuchte, das, was sie g
NATALIE'S PERSPEKTIVE „Morgen.“Ich schaute von meinem Schreibtisch hoch.Lucas stand vor meinem Büro, in der einen Hand einen Kaffee, die andere in der Tasche.„Guten Morgen, Mr. King.“„Wie war deine Nacht?“Ich warf ihm einen zweiten Blick zu, unsicher, woher die Frage kam.„Sie war… gut.“Er nickte.„Und Ava?“„Ihr geht es auch gut. Sie freut sich schon auf die Schule.“Seine Lippen zuckten.„Ich erinnere mich, dass ich vor meinem ersten Schultag auch ungeduldig war.“„Du?“Er wirkte leicht beleidigt.„Ich war auch in der Schule, Natalie.“Ich lachte.„Ich weiß. Es ist nur schwer, sich dich als kleinen Jungen vorzustellen.“„Ich war sehr brav. War sogar im Schülerrat.“„Das überrascht mich überhaupt nicht.“Er lachte leise.„Und du? Wie fühlst du dich dabei, dass sie in die Schule kommt?“Ich stieß einen langen Seufzer aus.„Ich kann nicht sagen, dass ich traurig bin. Ich wollte immer, dass sie Freunde findet… und der Gedanke, mir nicht ständig um sie Sorgen machen zu müssen, ist
NATALIE'S PERSPEKTIVE Ich lag so falsch.Eine Nacht lang hatte ich tatsächlich geglaubt, dass sich endlich alles beruhigt.Ich hätte es besser wissen müssen.In dem Moment, als ich am nächsten Morgen aus dem Aufzug trat, wusste ich, dass etwas anders war.Mitarbeiter, die sonst in einem gemütlichen Tempo unterwegs waren, bewegten sich deutlich schneller. Emily eilte mit zwei Ordnern an der Brust an mir vorbei. Jemand aus der Personalabteilung verschwand in einem der Konferenzräume. Sogar Mia, die sonst unmöglich zu übersehen war, saß nicht an ihrem Schreibtisch.Ich dachte, ich hätte wieder einmal ein Meeting verpasst – aber auch das war falsch.Kaum hatte ich mein Büro erreicht, rief Emily mir hinterher.„Natalie.“Ich drehte mich um.„Morgen.“„Morgen.“ Sie lächelte nervös. „Mrs. King ist wieder da.“Mein Lächeln verblasste. „So früh?“Emily nickte. „Sie ist schon seit fast einer halben Stunde hier.“Bevor ich antworten konnte, öffnete sich die Tür zu Lucas’ Büro.Victoria trat her
NATALIE'S PERSPEKTIVE Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit… wachte ich ohne Wecker auf.Kein Hetzen, um mich anzuziehen, kein Checken der E-Mails, bevor meine Füße überhaupt den Boden berührten, kein Sorgen um Ava oder Carla.Die Wohnung war still. Sanftes Morgenlicht fiel durch die Vorhänge und malte warme Flecken auf den Schlafzimmerboden.Ich streckte mich unter der Decke und warf einen Blick auf die Uhr.Halb neun.Ich lachte darüber, weil ich in Panik geraten wäre, wenn es ein normaler Arbeitstag gewesen wäre. Aber ich lag immer noch im Bett.Es klopfte an meiner Schlafzimmertür, bevor sie sich knarrend öffnete. Ein kleines Gesicht lugte herein.„Mama?“Ich lächelte sofort. „Guten Morgen, Schatz.“Ava grinste, rannte durchs Zimmer und kletterte neben mich aufs Bett.„Fahren wir nicht zu Carlas Haus?“„Nein, Schatz. Carla muss dich heute nicht aufpassen.“„Du hast keine Arbeit?“„Zumindest heute nicht.“Ihre Augen wurden groß.„Heißt das, wir können den ganzen Tag zusamme
LUCAS PERSPECTIVÉ Am nächsten Morgen kam ich früher als sonst ins Büro. Emily war noch nicht da, ebenso wenig wie Ethan. Nur das Reinigungspersonal bewegte sich durch den Flur und ersetzte die Blumen von gestern durch frische.Ich betrat mein Büro und stellte meine Aktentasche neben den Schreibtisch. Fast instinktiv wanderte mein Blick zu den Glaswänden des Büros gegenüber.Es war leer. Aus guten Gründen gefiel mir das gar nicht. Natalie war normalerweise eine der Ersten, die zur Arbeit kam.Ich wandte den Blick ab. Das ging mich nichts an.Ich hatte meinen Laptop kaum geöffnet, als Schritte durch den Flur hallten. Einen Moment später tauchte Natalie mit einer Mappe unter dem Arm auf.Gerade als sie ihr Büro erreichte, blickte sie auf und erstarrte. Sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass ich schon da war. Unsere Blicke trafen sich über den Flur hinweg, und ich hätte sie beinahe gefragt, ob es ihr schon besser ginge.Stattdessen …„Du bist zu spät.“Sie blinzelte und blickte dann







