INICIAR SESIÓNKapitel 2
♡ SAGES SICHTWEISE ♡ Ich blieb eine lange Zeit auf dem Boden sitzen. Mein Rücken lehnte an der eiskalten Wand, meine Knie zog ich an die Brust, und meine Arme schlang ich so fest um sie, dass es sich anfühlte, als versuchte ich mich selbst zusammenzuhalten. Genau das tat ich auch. Wenn ich losließ, würde ich mich auf dem staubigen Hartholz vermutlich in eine Million winzige Teile auflösen. Draußen wurde es schlimmer. Mehr Autos. Mehr Transporter. Mehr Stimmen. Die Drohne summte noch immer wie eine riesige, wütende Mücke in der Luft, und ich hörte das Stampfen schwerer Stiefel auf meiner Veranda. Jemand klopfte an die Tür – kein höfliches Klopfen, sondern ein schnelles, lästiges Tak-tak-tak, das mich zusammenzucken ließ. «Sage! Sage, komm raus! Sag uns einfach, wo Ellis ist!», brüllte eine Männerstimme durch das Holz. Ich kniff die Augen zusammen. Verschwindet. Verschwindet einfach. «Lebt die da drüber überhaupt noch?», murmelte eine andere Stimme. «Wer weiß. Vielleicht versteckt sie das Geld.» Das Geld. Die vierzig Millionen Dollar. Als würde ich in einem eiskalten Haus ohne Strom sitzen und ein einziges Glas Senf essen, wenn ich vierzig Millionen Dollar besäße. Ein scharfes, hysterisches Lachen stieg in meiner Kehle hoch, aber ich würgte es hinunter. Wenn sie mich lachen hörten, würden sie denken, ich sei verrückt. Vielleicht war ich das ja. Vielleicht fühlte sich der Weg in den Wahnsinn genau so an... langsam, leise, bis die Kälte ins Gehirn kroch und jeden normalen Gedanken einfror. Mein Herz begann heftig zu hämmern. Bum-bum-bum. Es war in meinen Ohren so laut, dass die Reporter draußen es ganz bestimmt hören mussten. Meine Brust fühlte sich eng an. Viel zu eng. So als saße jemand darauf. Ich klammerte mich an den Kragen von Ellis’ Bademantel und versuchte, ihn von meiner Kehle wegzuziehen, aber das half nicht. Ich bekam keine Luft. Die Wände schienen auf mich zuzukriechen. Der Raum schrumpfte. Der Lärm draußen bildete eine Wand aus Geräuschen, die von allen Seiten auf mich einpresste. Kameras, Mikrofone, Drohnen, Reporter, die meinen Namen schrien und den Namen meines grausamen Ehemanns, und Antworten forderten, die ich nicht besaß. Panik. So fühlt sich also eine Panikattacke an. Ich erinnerte mich daran, einmal in einer Zeitschrift im Wartezimmer beim Zahnarzt darüber gelesen zu haben. In dem Artikel stand, man solle tief durchatmen. Durch die Nase ein, durch den Mund aus. Aber meine Nase war von der Erkältung verstopft, mein Mund trocken, und ich bekam nicht genug Sauerstoff. Ich muss hier raus. Ich muss rennen. Aber meine Beine wollten sich nicht bewegen. Sie waren schwer, als steckten sie voller nasser Sand. Ich saß fest. Völlig und vollkommen gefangen im eigenen Haus. Dann hörte ich es. Einen Motor. Nicht das blecherne, klappernde Geräusch eines Nachrichtenwagens. Nicht das leise Schnurren einer Limousine. Das war etwas Tieferes. Etwas Schweres. Ein tiefes, kehliges Grollen, das durch die Dielen direkt in meine Brust vibrierte. Es schnitt durch den Lärm draußen wie ein heißes Messer durch Butter. Die Reporter verstummten. Ich öffnete die Augen. Das summende Geräusch der Drohne schien in der Luft zu stottern. Das Geschrei hörte auf. Das geschah so plötzlich und so absolut, dass ich für eine Sekunde glaubte, ich wäre taub geworden. Ich kroch zum Fenster, während meine Beine unter mir zitterten. Ich hakte die Finger über die Fenstersitzbank und zog mich gerade hoch genug, um durch das schmutzige Glas zu spähen. Ein schwarzer SUV hatte direkt hinter dem Van von Kanal 7 gehalten. Er war riesig. Die Sorte Fahrzeug, die auf ein Schlachtfeld gehörte, nicht in eine Vorstadtsiedlung. Mattschwarz, mit getönten Scheiben, die so dunkel wirkten wie massive Tintenblöcke. Die Reifen waren gewaltig, mit Profilen, die mühelos eine Schotterstraße zerreißen konnten. Er hielt direkt vor meinem Haus. Eine lange, schwere Sekunde lang geschah absolut gar nichts. Der Motor lief im Leerstand, ein tiefes Knurren, das die Luft schwer machte. Die Reporter erstarrten auf der Stelle. Janice, die Frau im roten Blazer, senkte tatsächlich ihr Mikrofon. Dann öffnete sich die Fahrertür. Eine Frau stieg aus. Sie war groß und wie eine Ziegelwand gebaut. Breite Schultern, Arme voll von dunklen, geschwungenen Tätowierungen, die unter den Ärmeln ihrer schwarzen Lederjacke verschwanden. Ihr Kopf war kurzrasiert. Sie blieb einfach stehen, hielt die Tür offen und musterte die Menge der Reporter mit Blicken, die so kalt und tot waren, dass sie aus Stein hätten sein können. Sie sagte kein einziges Wort. Sie stand nur da. Und die Menge wich zurück. Es war unglaublich. Wie Moses, der das Rote Meer teilte – nur handelte es sich statt Wasser um eine Meute überbezahlter Journalisten, die von der schieren Präsenz einer einzigen, äußerst furchterregenden Frau zurückgedrängt wurden. Sie ging um das Heck des SUV herum und öffnete die hintere Beifahrertür. Ich hielt den Atem an. Eine Frau stieg aus. Sie war groß. Größer als die Fahrerin, größer als die Reporter, größer als alle Menschen, die ich je im wirklichen Leben gesehen hatte. Sie trug einen langen, schwarzen Wollmantel, der ihr über die Knie reichte. Ihr Haar war zu einem strengen Zopf zurückgebunden... schwarz mit silbernen Strähnen an den Schläfen. Aber es war ihr Gesicht, das mein Blut gefrieren ließ. Hohe Wangenknochen. Ein Kiefer, scharf genug, um Glas zu schneiden. Eine dünne, blasse Narbe schnitt genau durch ihre linke Augenbraue. Und ihre Augen. Selbst von hier aus, durch das schmutzige Glas hindurch, erkannte ich, dass sie die Farbe von Eis besaßen. Ich kannte dieses Gesicht. Es prangte auf meinen Hochzeitsfotos. Sie hatte damals ganz hinten in der Kirche gesessen, ohne zu lächeln, und mich wie ein Habicht beobachtet. Sie hatte mich auf einer überfüllten Wohltätigungsgala gemustert und meinen Blick für einen langen, unangenehmen Moment festgehalten, bevor sie sich abwandte. Victoria Harlowe. Meine Schwiegermutter. Ich hatte sie seit fast zwei Jahren nicht mehr gesehen. Ich hatte in den drei Jahren meiner Ehe mit Ellis insgesamt vielleicht zehn Wörter mit ihr gewechselt. Sie war ein Geist in meinem Leben gewesen – eine kalte, distanzierte Gestalt, die ganz offensichtlich der Ansicht war, ich stünde weit unter ihrer Würde. Und jetzt war sie hier. Sie stand auf meinem abgestorbenen Rasen. In einem makellosen schwarzen Mantel. Sie betrachtete mein heruntergekommenes Haus so, als wolle sie gleich die ganze Straße kaufen und dem Erdboden gleichmachen. Ich beobachtete sie. Mein Herz hämmerte noch immer, aber es fühlte sich jetzt anders an. Es war keine Panik mehr. Es war Angst. Echte, kalte, kriechende Angst. Sie sah die Reporter nicht an. Sie würdigte die Kameras keines Blickes. Sie stand einfach nur da, die Hände in den Taschen, und fixierte mit ihren Augen meine Haustür. Mein Atem stockte mir in der Kehle. Was wollte sie? Warum war sie hier? War sie gekommen, um mir die Schuld zu geben? Um mich anzuklagen? Um das Haus zu nehmen? Was immer es war, es verhieß nichts Gutes. Menschen wie Victoria Harlowe tauchten nicht in den Einfahrten von Vororten auf, es sei denn, sie wollten eine Schuld eintreiben. Ich blieb vollkommen regungslos. Ich bewegte keinen einzigen Muskel. Und vorerst beobachtete ich sie einfach nur.Kapitel 8♡ SAGES SICHTWEISE ♡Ich konnte nicht schlafen.Ich versuchte es. Gott, ich versuchte es wirklich. Ich lag in diesem großen, weichen Bett mit den viel zu vielen Kissen und der warmen grauen Decke, die mir bis zum Kinn hochgezogen war, und starrte an die Decke.Das Zimmer war ruhig. Die Lichter der Stadt flimmerten durch das Fenster und warfen weiche Schatten an die Wände. Der Tee, den Mikko mir gemacht hatte, stand immer noch halb getrunken auf dem Nachttisch. Alles war perfekt. Alles war bequem.Und trotzdem wollten sich meine Augen einfach nicht schließen.Jedes Mal, wenn ich blinzelte, sah ich die Reporter. Jedes Mal, wenn das Haus knarrte, zuckte ich zusammen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, spürte ich Ellis' besitzergreifende Hände auf mir... Sie kontrollierten mich stets. Die Art und Weise, wie er mich berührte, als wäre ich etwas, das ihm gehörte.Ich warf die Decken fort und setzte mich auf.Das war dumm. Ja, ich war in Sicherheit. Victoria hatte dafür gesorgt
Kapitel 7 ♡ SAGES SICHTWEISE ♡ Die Stille nach Fens Weggang lag so schwer im Raum, dass ich hätte ersticken können. Ich stand einfach da mitten im Penthouse, die Reisetasche zu meinen Füßen, während meine abgenutzten Turnschuhe aussahen, als wären sie direkt aus einem Müllcontainer gekrochen und dort gestorben. Meine Finger waren vor Kälte praktisch blau angelaufen. Meine Nase lief. Meine Haare bildeten ein strähniges Chaos, das seit vier Tagen kein Shampoo gesehen hatte. Und hier standen ein paar Frauen und musterten mich, als wäre ich ein Rätsel, das sie zu lösen versuchten. Jules bewegte sich als Erste. Sie klatschte in die Hände, der Laut klang scharf und hell in dem ruhigen Zimmer, und jenes breite Lächeln kehrte zurück, als wäre es nie dagewesen. «Okay», sagte sie und dehnte das Wort. «Das ist ja deprimierend. Du siehst aus, als würdest du gleich umkippen. Komm, ich zeige dir dein Zimmer.» Sie ging auf mich zu, hakte ihren Arm in den meinen, als kennten wir uns schon seit
Kapitel 6 ♡ SAGES SICHTWEISE ♡ Vier Frauen warteten auf mich. Die Erste trat vor, noch ehe ich blinzeln konnte. Sie hatte goldbraune Haut und einen wilden Haufen dunkler Locken, die von einem leuchtend gelben Stirnband aus dem Gesicht gehalten wurden. Ihr Lächeln wirkte breit und warm – jene Sorte Lächeln, die einen dazu brachte, ihr sofort vertrauen zu wollen, selbst wenn man sie überhaupt nicht kannte. «Da ist sie ja», sagte sie. Ihre Stimme besaß einen weichen, musikalischen Akzent, den ich nicht recht einordnen konnte. Vielleicht Französisch. «Wir fingen schon an zu glauben, du hättest dich irgendwo zwischen Garage und Aufzug verlaufen. Mikko, du solltest sie eigentlich direkt nach oben bringen.» Mikko erwiderte nichts. Sie ging einfach an mir vorbei, stellte meine Reisetasche an der Wand ab und nahm ihren Platz neben den anderen ein. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und verharrte dort wie eine schweigende Wächterin. Die lockige Frau verdrehte theatralisch die Augen
Kapitel 5♡ SAGES SICHTWEISE ♡Die Fahrertüren der Aufzugskabine glitten mit einem leisen Zischen zu.Ich stand in der hinteren Ecke, die Arme fest um meinen eigenen Körper geschlungen, als wären sie das Einzige, was mich noch am Boden hielt.Die Wände bestanden von unten bis oben aus Spiegeln, so makellos poliert, dass ich mich dutzendfach darin gespiegelt sah. Blasse Haut. Strähniges Haar. Eine abgetragene Jacke, die unter dem warmen, goldenen Licht noch elendiger wirkte.Ich sah aus wie ein streunender Hund, der sich in einen prächtigen Palast verirrt hatte.Mikko stand neben dem Bedienfeld, die Reisetasche nun in ihrer Hand, den Blick starr nach vorne gerichtet. Sie hatte kein einziges Wort gesprochen, seit wir die Tiefgarage verlassen hatten.Victoria befand sich in der Mitte des Aufzugs, den Rücken kerzengerade, die Hände locker vor sich gefaltet. Sie starrte auf die Türen, als könnte sie durch sie hindurchsehen.Die Kabine summte leise und begann sich nach oben zu bewegen.Ich
Kapitel 4♡ SAGES SICHTWEISE ♡Fünf Minuten.Wunderbar. Schließlich war das Zusammenpacken der zertrümmerten Trümmer meines gesamten Lebens ganz bestimmt eine Aufgabe für fünf Minuten.Ich stand noch eine Sekunde lang im Wohnzimmer und starrte abwechselnd auf den schwarzen Ordner auf der Theke und die orangefarbene Benachrichtigung auf dem Tisch. Mein Gehirn fühlte sich an, als bestünde es nur noch aus Rauschen.«Du hast fünf Minuten.»Ich drehte mich um und ging die Treppe hinauf. Meine Beine zitterten noch immer vor Kälte, und die dritte Stufe quietschte unter meinem Gewicht wie gewohnt.Aus purer Gewohnheit stieg ich über sie hinweg.Brav so, Sage. Weck bloß das Monster nicht. Nur dass das Monster längst nicht mehr da war. Das Monster war mit vierzig Millionen Dollar abgehauen und hatte mich zurückgelassen, um elend zu erfrieren.Ich betrat das Schlafzimmer. Hier oben war es noch kälter. Ich riss die Schranktür auf und zog die alte grüne Reisetasche aus der hintersten Ecke.Sie war
Kapitel 3♡ SAGES SICHTWEISE ♡Das Klopfen blieb aus.Ich kauerte noch immer am Fenster, beobachtete Victoria Harlowe, wie sie auf meinem Rasen stand, als gehöre ihr das Anwesen, und wartete darauf, dass sie den Weg heraufkam und an die Tür hämmerte. Ich wartete auf das Drama. Auf die Konfrontation.Aber sie klopfte nicht.Stattdessen hörte ich, wie sich die Haustür knarrend öffnete.Mein Herz setzte aus. Ich herzte den Kopf herum und starrte in den Flur.Ich hatte die Tür nicht abgeschlossen. Ich schloss sie nie ab. Wer verriegelt schon seine Haustür, wenn nichts mehr da ist, das gestohlen werden könnte?Die kalte Luft strömte als Erste herein, scharf und beißend, und zog wie ein unwillkommener Gast durch den Flur.Und dann hörte ich ihre schweren Schritte. Sie klangen langsam, bedächtig und selbstbewusst.Sie trat einfach ein.Sie ging einfach in mein Haus, ohne anzuklopfen, ohne zu fragen, ohne ein einziges Wort.Ich rappelte mich auf die Beine, während meine Beine vom langen Sitze