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Kapitel 4

last update Veröffentlichungsdatum: 15.10.2026 02:45:33

Kapitel 4

♡ SAGES SICHTWEISE ♡

Fünf Minuten.

Wunderbar. Schließlich war das Zusammenpacken der zertrümmerten Trümmer meines gesamten Lebens ganz bestimmt eine Aufgabe für fünf Minuten.

Ich stand noch eine Sekunde lang im Wohnzimmer und starrte abwechselnd auf den schwarzen Ordner auf der Theke und die orangefarbene Benachrichtigung auf dem Tisch. Mein Gehirn fühlte sich an, als bestünde es nur noch aus Rauschen.

«Du hast fünf Minuten.»

Ich drehte mich um und ging die Treppe hinauf. Meine Beine zitterten noch immer vor Kälte, und die dritte Stufe quietschte unter meinem Gewicht wie gewohnt.

Aus purer Gewohnheit stieg ich über sie hinweg.

Brav so, Sage. Weck bloß das Monster nicht. Nur dass das Monster längst nicht mehr da war. Das Monster war mit vierzig Millionen Dollar abgehauen und hatte mich zurückgelassen, um elend zu erfrieren.

Ich betrat das Schlafzimmer. Hier oben war es noch kälter. Ich riss die Schranktür auf und zog die alte grüne Reisetasche aus der hintersten Ecke.

Sie war verblasst, mit Staub bedeckt, und der Reißverschluss auf der linken Seite war kaputt. Ich hatte sie einst für eine Studienreise gekauft, die ich dann nie antrat. Ellis meinte damals, das sei Geldverschwendung gewesen.

Ich warf sie auf das Bett und öffnete den Reißverschluss.

Piep, piep, piep.

Der Wecker auf meinem Handy schrillte los. Wie eine Idiotin hatte ich ihn auf 7:30 Uhr gestellt, da ich wohl vergessen hatte, dass ich keinen Grund mehr zum Aufstehen besaß.

Ich griff danach, schaltete ihn aus und warf ihn in die Tasche.

Nun raffte ich alles zusammen, was mir in die Quere kam. Jeans. Zwei Paar. Die mit dem Loch im Knie. Unterwäsche. Ein paar BHs. Socken ohne Löcher. Ich beeilte mich und warf die Sachen einfach hinein, ohne sie zu falten. Es spielte keine Rolle. Nichts davon spielte noch eine Rolle.

Erst als ich den hinteren Teil des Schranks erreichte, hielt ich inne.

Meine Finger strichen über weiche Wolle. Ich zog den Pullover hervor, den meine Großmutter vor ihrem Tod für mich gestrickt hatte.

Er war viel zu groß, die Ärmel hingen über meine Handgelenke hinaus, und er roch noch immer schwach nach ihrem Haus. Nach Lavendel. Nach einem Ort, an dem ich tatsächlich sicher gewesen war.

Einen kurzen Augenblick drückte ich ihn an mein Gesicht.

Weine nicht. Wag es ja nicht zu weinen. Ich stopfte ihn in die Tasche.

Als Nächstes ging ich ins Badezimmer. Ich schnappte mir meine Zahnbürste, ein Stück Seife und einen Kamm, dem die Hälfte der Zähne fehlte.

Im Spiegel erhaschte ich einen Blick auf mein Spiegelbild und blickte sofort wieder weg. Blasse Haut. Dunkle Ränder. Strähniges Haar. Ich sah aus wie eine Leiche, die man im Regen zurückgelassen hatte.

Zurück im Schlafzimmer ging ich vor dem Bett auf die Knie. Unter der Matratze suchten meine Finger nach der Kante. Ich zog mein Skizzenbuch hervor.

Die Ecken waren weichgescheuert, die Seiten dick mit Kohle und Bleistift gefüllt. Drei Jahre lang hatte ich es dort versteckt.

Ellis konnte es nicht leiden, wenn ich zeichnete. «Mach etwas Nützliches», pflegte er zu sagen.

Ich strich mit dem Daumen über den Einband. Dann packte ich es ein, zusammen mit meinen Kohlestiften, Bleistiften und dem kleinen Anspitzer in Fischform. Die einzigen Dinge in diesem Haus, die sich noch nach mir anfühlten.

Ich riss den Reißverschluss zu. Er klemmte. Mit einem kräftigen Ruck zog ich ihn noch einmal an, und endlich schloss er sich.

Ich streifte mir meine dünne Jacke über – das Wärmste, was ich besaß, was freilich nicht viel hieß –, zog meine abgenutzten Turnschuhe an und ging nach unten.

Im Flur hielt ich inne. Das Glas Senf stand nach wie vor in der offenen Kühlschranktür. Ich musterte es. Blassgelb. Halb voll. Ellis’ Lieblingssorte.

«Leb wohl», sagte ich zu dem Senf.

Der Senf antwortete nicht. Immer noch nicht verrückt. Gut so.

Ich öffnete die Haustür und trat ins Freie.

Zuerst traf mich die Kälte, kurz darauf der Lärm. Es fühlte sich an, als liefe man gegen eine Wand aus Geräuschen. Kameras klickten. Stimmen überschlugen sich. Die Drohne summte direkt über meinem Kopf.

«Mrs. Calloway! Wohin gehen Sie?»

«Wussten Sie von dem Betrug?»

«Verlassen Sie das Haus mit Victoria Harlowe?»

Ich senkte den Kopf und ging weiter, während ich die Reisetasche krampfhaft wie einen Rettungsring umklammerte.

Ich erkannte den schwarzen SUV am Straßenrand. Die Fahrerin, jene Frau mit den Tätowierungen und dem kahlen Kopf, stand bereits an der geöffneten Hintertür. Sie stellte sich direkt vor mich und schirmte mich mit ihrem Körper vor den Kameras ab.

«Steigen Sie ins Auto», forderte sie mich auf. Ihre Stimme klang tief und rau. Nicht gemein... einfach nur direkt.

Ich kletterte auf den Rücksitz. Die Tür fiel hinter mir mit einem satten Dumpf ins Schloss, und augenblicklich verstummte die Welt.

Das Geschrei, das Klicken, die Drohne – alles war verschwunden. Nur noch warme, saubere Luft und weiche Ledersitze.

Ich blickte nach links. Victoria saß bereits im Wagen. Sie harrte kerzengerade aus, die Hände im Schoß gefaltet, und starrte aus ihrem Fenster. Sie würdigte mich keines Blickes. Sie sagte kein einziges Wort.

Die Fahrerin stieg ein. Der Motor erwachte schnurrend zum Leben. Wir setzten uns in Bewegung.

Ich drehte den Kopf und beobachtete mein Haus durch die getönte Scheibe. Es wurde immer kleiner und kleiner. Die Nachrichtenwagen. Die Reporter. Der abgestorbene Rasen. Mrs. DeWitt stand mit verschränkten Armen auf ihrer Veranda und sah mir beim Gehen zu. Ich winkte nicht zurück.

Wir bogen um die Ecke, und das Haus war verschwunden.

Einfach so. Drei Jahre meines Lebens waren ausgelöscht.

Die Fahrt verlief in absoluter Stille. Die Stadt glitt am Fenster vorüber – ruhige Straßen, kahle Bäume, Menschen, die den Kopf gegen den Wind gesenkt hatten.

Der Himmel zeigte sich in einem matten, blanken Weiß. Ich fühlte mich hohl an. Leer. Als hätte mir jemand die Innereien herausgeschöpft und nichts zurückgelassen.

Victoria schwieg nach wie vor beharrlich. Sie saß einfach nur da und blickte hinaus. Allerdings spürte ich förmlich die Anspannung, die von ihr ausging.

Ihre Schultern waren straff. Ihr Kiefer steif. Es wirkte, als hielte sie den Atem an, den sie partout nicht entweichen lassen wollte.

Ich hätte ihr am liebsten hundert Fragen gestellt.

Wohin fahren wir? Was passiert jetzt? Warum kümmert Sie das überhaupt? Aber meine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an.

Ich vertraute meiner eigenen Stimme nicht. Also blieb ich einfach still und sah zu, wie die Stadt draußen verschwamm.

Schließlich bog der SUV in eine Tiefgarage ein. Wir schraubten uns immer weiter nach unten, bis das Tageslicht vollständig verschwand. Neonröhren flackerten über unseren Kopf. Betonwände drängten von beiden Seiten herbei.

Die Fahrerin parkte auf einem Parkplatz mit der Aufschrift RESERVIERT. Sie stellte den Motor ab.

Niemand rührte sich.

Die Stille drückte so schwer, dass ich mein eigenes Herz schlagen hörte. Ich hörte Victorias Atem. Langsam. Gleichmäßig.

Schließlich wandte Victoria den Kopf. Ihre eisblauen Augen trafen auf meine.

«Sie sind jetzt in Sicherheit», sagte sie. «Verstehen Sie das?»

Ich verstand überhaupt nichts. Ich verstand nicht, warum sie das tat. Ich verstand nicht, warum sie drei Jahre lang gewartet hatte. Ich verstand nicht, warum sie mich ansah, als wäre ich es wert, gerettet zu werden.

Aber ich nickte dennoch.

Sie hielt meinen Blick noch einen Moment lang fest, öffnete dann ihre Tür und stieg aus.

Die Fahrerin drehte sich um und sah mich an. «Ich nehme Ihre Tasche», sagte sie. Das war keine Frage.

Ich reichte sie ihr. Unsere Finger berührten sich. Ihre Hände waren rauh und warm.

Sie stieg aus. Für einen kurzen Moment saß ich ganz allein auf dem Rücksitz und starrte auf die Betonwand vor mir. *Sie sind jetzt in Sicherheit.*

Ich wusste nicht mehr, was dieses Wort überhaupt bedeutete.

Ich öffnete meine Tür und trat in die kalte Garage hinaus. Victoria ging bereits auf den Aufzug zu, und ihre Stiefel klackten auf dem Betonboden.

Ich folgte ihr in die Dunkelheit.

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