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Kapitel 5 & 6

Auteur: PhloxPe
last update Date de publication: 2026-03-20 06:05:43

Kapitel 5

Simone Nielsen sitzt im Bus nach Rønne. Sie hat den Laptop auf dem Schoss. Die Nachricht der Andromedaen ist geöffnet. Sie versucht, die Fragen in ihrem Kopf zu sortieren.

Arbeitete das Übersetzungsprogramm fehlerhaft?

  Die Software hatte die Nachricht der Andromedaen mit hoher Wahrscheinlichkeit korrekt übersetzt, da die Menschheit bereits seit achthundert Jahren Radiosignale mit den Andromedaen austauschte. Es hatten insgesamt sieben erfolgreiche Kommunikationsversuche stattgefunden. Der Signallaufweg betrug anfangs noch 120 Jahre, nahm wegen der Annäherung beider Galaxien jedoch ständig ab. Da bei den Kontaktversuchen stets größere Mengen von Daten getauscht wurden, hatten Sprachwissenschaftler somit Gelegenheit ein provisorisches Übersetzungsprogramm für den Computer zu schreiben.

  Stammte die Nachricht der Andromedaen wirklich aus der Milchstraße?

Ihr Kollege, Peter Blohm, hatte bereits andere Radioteleskope auf der Nordhalbkugel angeschrieben und um Rückmeldung gebeten, ob die Nachricht auch andernorts eingegangen war. Sie mussten jetzt einfach nur abwarten, bis das Signal durch ein anderes Radioteleskop verifiziert werden würde.

  War es realistisch, dass ein Planet den Weg zwischen zwei Galaxien überbrücken konnte?

Milchstraße und Andromedanebel hatten sich stark angenähert und Simone weiß, dass sich die Ausläufer beider Galaxien bereits berühren. Es gibt bereits Bereiche, wo Sonnensysteme beider Galaxien aneinander vorbeischwebten oder miteinander kollidieren. Es kann sein, dass der Geisterplanet aus einem der äußeren Bereiche der Andromedagalaxie stammte. Dieser war aus seinem Sonnensystem geschleudert worden, hatte zehn-zwölf Sonnen in größerem Abstand passiert und war schließlich in ein Sonnensystem eingetreten, wo es von der Massenanziehung des Zentralgestirn, sprich von Tau-Ceti, eingefangen worden war. Es war ein denkbares Szenario.

  Wie viel Zeit hatte der Planet für seine Reise benötigt?

Der Geisterplanet musste auf seinem Weg die Welt der Andromedaen passiert haben. Von da an konnte die Reise des Planeten gute vierhundert Jahre gedauert haben. Die Anreise der Aliens war also ein Generationenprojekt.

  Wie konnten die Andromedaen auf dem unbekannten Planeten überleben?

Während der Reise durch den interstellaren Raum hatte der Planet keine Energiezufuhr durch eine Sonne erhalten, sodass es dort sehr kalt sein mochte. Vielleicht verbringen die Aliens einen beträchtlichen Teil des Tages in Höhlen, denkt sich Simone. Die Temperatur in der Atmosphäre mochte sehr hoch gewesen sein, als der Planet sein heimatliches Sonnensystem verlassen hatte, ähnlich der Venus. Wie aber mit dem Druck zurechtkommen? Vielleicht spendet aber auch die Kruste des Planeten, getrieben durch Radioaktivität oder Vulkanismus, dauerhaft Wärme, ähnlich dem Jupitermond Io. Wie aber mit harter Strahlung oder Erdbeben zurechtkommen? Über all dies lässt sich jetzt nur spekulieren. Fakt ist, dass die Aliens auf die Rohstoffe des Planeten zurückgreifen, um ihr Überleben zu sichern. Sie würden die Antwort liefen, wenn man nur hinflöge.

  Würde der Planet eine stabile Bahn um Tau-Ceti finden?

Simone hat bei ihrer Arbeit herausgefunden, dass der neue Planet dem Zentralstern des Tau-Ceti-Systems nahe genug gekommen war, um von dessen Massenanziehung in eine elliptische Bahn gezogen worden zu sein. Die Bahn mochte stark exzentrisch, also langgezogen sein, aber die Gefahr in den interstellaren Raum abzudriften schätzt Simone als gering ein. Natürlich mussten Simones Daten noch gegengerechnet werden.

  Wie wahrscheinlich war eine Kollision mit einem anderen Himmelskörper?

Das Eintreten des neuen Planeten in das Sonnensystem beeinflusst auch die Geschwindigkeiten, Bahnradien und -Neigungen aller anderen Planeten. Es kann sogar sein, dass einer der Planeten seine Bahn mit seinem Nachbarn tauscht, so wie es früher einmal bei Jupiter und Saturn der Fall gewesen war. Die Gefahr von Kollisionen besteht!

  Konnte der Planet von der Erde aus wirklich erreicht werden?

Tau-Ceti, ein gelber Hauptreihenstern im Sternbild Walfisch, ist nur 11,9 Lichtjahre von der Sonne entfernt. Tau-Ceti ist der zweitnächste sonnenähnliche Stern. Mit einem modernen Raumschiff, welches Ionenantrieb, Feststoff- und Flüssigkeitsraketen sinnvoll kombiniert, können Geschwindigkeiten erreicht werden, um die Reise nach Tau-Ceti in annehmbarer Zeit zu bewerkstelligen. Zudem würde das Raumschiff vom Erdmond aus gestartet werden und würde so den Schwung des Mondes beim Erdumlauf mit auf die Reise nehmen.

Kapitel 6

Simone blickt gedankenverloren aus dem Seitenfenster und stellt erstaunt fest, dass der Bus bereits Rønne erreicht hatte. Rønne ist die größte Stadt einer ehemaligen Ostseeinsel namens Bornholm, welche im Verlauf der vergangenen vier Milliarden Jahre nach Norden gewandert war und dort mit Südschweden, zu einer Halbinsel, verschmolzen war. Auch Christiansø, eine Nachbarinsel von Bornholm, war durch die Plattentektonik viel dichter an Südschweden herangerückt. Christiansø war zu einer Startrampe für Raumfahrtzeuge umgebaut worden.

  Der Bus fährt den Galløkkevej entlang, biegt nach rechts in den Ullasvej, mit dem Bornholms Hospital zur Linken und der Regionskommune von Bornholm zur Rechten. Als der Bus hält, springt Simone auf und verlässt, mit dem Laptop unter ihrem Arm geklemmt, den Bus. Sie eilt auf das Rathaus zu und sprintet treppauf. Nur wenige Momente später betritt Simone einen Raum mit weißen Kacheln an der Wand, weißen Bodenfliesen und weißer Decke. Von hier aus wird sie gleich das Ministerium für Sternenkunde zur dringlichen Konsultation einberufen.

  In der Mitte dieses sterilen Ambientes steht ein Stuhl. Simone setzt sich. Um sie herum befinden sich Projektoren. Mit einem Sprachbefehl wählt sie sich in die Sitzung des Ministeriums für Sternenkunde ein. Projektoren zeichnen das dreidimensionale Abbild eines Sitzungssaals, mit neun Teilnehmern, in den Konferenzraum. Das eigentliche Ministerium für Sternenkunde befindet sich Åhus, einer schwedischen Stadt, fünfundzwanzig Kilometer entfernt.

  Simone Nielsen berichtet den anwesenden Staatssekretären und den Ministern von der Einladung der Andromedaen zu einem Treffen auf einem Planeten im Tau-Ceti-System. Noch während die Sitzung läuft, treffen Bestätigungen anderer Radioteleskope ein, dass die Nachricht korrekt ist und dass eine weitere eingetroffen sei. Dass ein Geisterplanet in das Tau-Ceti-System eingedrungen ist, ist den Mitarbeitern des Ministeriums bereits bekannt.

  Gemeinsam beschließen die Anwesenden, eine Raumfahrtmission, mit Tau-Ceti als Ziel, zu organisieren. In den folgenden Wochen holt sich das Ministerium die Bestätigung beim Parlament ein, den Einsatz durchzuführen. Es wird beschlossen, eine Crew bestehend aus Pilot, Biologen und Exolinguisten* für den Erstkontakt auszuwählen. Ein Dossier, mit einer Absichtserklärung zur Aufnahme von Handelsbeziehungen, soll den Andromedaen feierlich, durch die Besatzung des Expeditionsraumschiffs überreicht werden.

*Sprachkundiger für extraterrestrische Zwecke

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