LOGINIn einer fernen Zukunft verschmilzt die Milchstraße mit Andromeda. Die gewaltige Galaxienkollision bewirkt, dass Asteroiden, Kometen, Planetoiden und Planeten von ihren Heimatgestirnen hinfort gerissen werden und sich ziellos durch den interstellaren Raum bewegen. Der Neugier von Astronomen wird geweckt, als ein Himmelskörper ein benachbartes Sternensystem erreicht. Astronauten, denen es auch in Zukunft versagt bleiben wird, die gewaltigen Weiten des Kosmos zu durchqueren, beschließen eine Forschungsreise, zu dem neuen Nachbarn, zu unternehmen.
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- In einer fernen Zeit -
Ihr Blick ist gebannt vom Sternenhimmel. Die Luft ist kühl und trocken, denn es ist ein sternenklarer Abend im Winter. Eine dünne Schneedecke liegt über den Feldern und Wiesen. Die Dächer ihres Heimatdorfes glitzern im Mondlicht. Wie viele solcher Abende werden ihr wohl noch bevorstehen, fragt sich Simone, denn die Situation spitzt sich zu. Sie geniest das Spektakel am Himmel. Es ist ein Himmel mit abertausenden von Pünktchen in der Größe von Nadelstichen. Die Nadelstiche haben in den letzten fünftausend Jahren stark zugenommen, weiß Simone. In einem Bereich, der sich vom kleinen Bären bis zur Königin mit Stuhl zieht, sind neue Fixsterne erschienen. Das Sternenbild Kassiopeia, welches ursprünglich aus sieben Sterne bestand, die am Himmel einen Stuhl samt sitzender Frau formten, hat nun drei Sterne hinzugewonnen. Die Königin trägt jetzt eine Pendelwaage in der Hand ihres ausgestreckten Armes. Infammatus, dessen fünf Sterne ein Haus mit Spitzdach bildeten, hat inzwischen eine Veranda hinzugewonnen, denn es haben sich zwei Sterne hinzugesellt. Ganze neun sind es beim kleinen Bären! Das Bärchen, welches eigentlich ein Drache ist, hat inzwischen eine lange Drachenschnur, die vom Waagepunkt herunterhängt. Die Neuankömmlinge am Himmel sind Vorboten.
Sie sind Vorhut, Ausläufer und Ende zugleich!Kapitel 1Simone Nielsen arbeitet in einem Observatorium, wo sie Himmelskörper beobachtet. Erst kürzlich ist ihr die Entdeckung eines neuen Planeten gelungen, der aus dem interstellaren Raum, in das Tau-Ceti-System eingedrungen ist. Tau-Ceti, ein Hauptstern im Sternbild Fisch, wurde ursprünglich von fünf Planeten umlaufen. Ein sechster Planet hatte sich vor kurzer Zeit hinzugesellt. »Da gerät gerade einiges durcheinander«, murmelt Simone, als sie sich eine Grafik über die Radialgeschwindigkeit von Tau-Ceti ansieht. Stern und Planeten teilen ein gemeinsames Massezentrum. Der Stern umkreist das Massezentrum in einem kleinen Radius. Die Planeten umrunden das Massezentrum und den Stern in größeren ellipsoiden Bahnen. Die jeweiligen Bahnen schneiden sich für gewöhnlich nicht.
Mittelfristige Auswirkungen, die das Eintreffen des Geisterplaneten auf das Gefüge des Tau-Ceti-Systems haben würde, lassen sich noch nicht abschätzen. Simone muss das Lichtspektrum des Sterns weiterhin beobachten. Sie muss die Wellenlänge im Auge behalten. Nähert sich Tau-Ceti, durch Eigenbewegung, seiner irdischen Beobachterin, wird die Wellenlänge gestaucht (Frequenzanstieg). Entfernt sich der Stern, wird die Wellenlänge gestreckt (Frequenzabfall). Die Längenänderung (oder Frequenzänderung) führt Simone zur Radialgeschwindigkeit. Die Beobachtung der Radialgeschwindigkeit Tau-Cetis über einen Zeitraum von mehreren Jahren würde Gewissheit über den Zustand des Sternensystems bringen.Kapitel 2Der Schimmer der Milchstraße wird vom Schein des Andromedanebels hinterleuchtet. Andromeda, eine Spiralgalaxie, bildet am Horizont eine weißliche Kugel, von der sich ein Staubband abspreizt, welches sich diagonal zur Milchstraße über das spätabendliche Firmament erstreckt.
Als Simone zum nächtlichen Himmel hinauf sieht, nimmt sie all das wahr und ist sich in diesem Moment bewusst, dass Ausläufer vom Andromeda bereits in die Milchstraße eingedrungen sind. Die andromedaischen Staubbänder durchschneiden den äußeren Arm der Milchstraße und tangieren den Perseusarm. Die Andromedagalaxie ist dabei in die Milchstraße zu stürzen und die Konsequenzen davon, würden bald auf der Erde zu spüren seien. Dies alles ist seit tausenden von Jahren bekannt und dennoch findet es Simone interessant, in einer Zeit zu leben, in der sich zwei Galaxien vereinigen.Kapitel 35Missionstag 57, Therapietag 47: Martin verabreicht sich die dritte und letzte Impfung seines Therapieplans. Die Luft an Bord schmeckt abgestanden, denn die CO₂-Wäscher stehen kurz vor der Kapazitätsgrenze. Die Nahrungsvorräte sind erschöpft. Die Wasservorräte sind noch ausreichend, aber leicht verschmutzt. Die treu arbeitende Wasseraufbereitungsanlage hält die Situation stabil. Martin setzt einen Notruf zur Erde ab und stellt auf die Not-Luftversorgung um. Seine Therapie zeigt Wirkung: Der Körperscan bestätigt die Verkleinerung der Metastase im Rippenbogen. Doch die Impfung forciert ein Fieber. Er handelt entschlossen. Injeziert sich Tocilizumab. Kann man sich mit Fieber in Kryostase begeben? Seine Gedanken sind wirr, sein Verstand getrübt. Mit letzter Kraft kehrt er in die Kryostase zurück – bevor er noch mehr Sauerstoff verbraucht, bevor er noch mehr CO₂ erzeugt. Die Wochen der Isolation finden ein Ende. Martin gesellt sich zu Inma und Horst in den Kryoschlaf. Ja
Kapitel 32An disem Tag isoliert Martin Baker die RNA der T-Zellen. Unter sterilen Bedingungen verändert er ihr Erbgut so, dass diese im Stande sind spezifisch Claudin-6-exprimierende Tumorzellen anzugreifen. Er züchtet die genetisch modifizierten Immunzellen, pausiert zwischendurch, ruht sich aus, isst. Gedanken über die Erde und die Andromedaen streifen seinen Verstand. Am fünften, sechsten, siebenten Tag injiziert er sich die Chemotherapeutika. Die Nebenwirkungen setzen schnell ein. Er verliert den Appetit, rasiert sich den Kopf. Fieber. Übelkeit. Ein Rest von Schmerz kriecht durch seinen Körper. Eine Infusion mit Glukose hält ihn bei Kräften. Zehn Tage nach der Apharese holt er die modifizierten Lymphozyten, sogenannte CAR-T-Zellen, aus dem Kryolager und injiziert sie in seinen Blutkreislauf. Sein Körper reagiert heftig. Das Cytokin-Freisetzungssyndrom trifft ihn mit voller Wucht. Interleukin-6 steigt auf alarmierende Werte. Tocilizumab. Er injiziert sich das Medikament gege
Kapitel 30Annika Nilson lag angeschnallt in ihrer Sitzschale, die Hände fest um die Armlehnen geklammert. Der Countdown lief unaufhaltsam herunter. In wenigen Sekunden würden die chemischen Triebwerke der "Fourmi-2" zünden und sie mit brachialer Kraft von der Oberfläche des Zwergplaneten Charon ins All katapultieren. Annika saß im Cockpit des Raumfrachters "Fourmi-2", der mit der Raumstation "Fourmilière" gekoppelt war – einer modularen Konstruktion, die den kühnen Ambitionen des interstellaren Projekts Tau-Ceti Nexus entsprungen war. Ihr Ziel war klar: Die "Fourmilière" in eine stark elliptische Umlaufbahn um die Sonne zu bringen. Diese elliptische Bahn war präzise berechnet worden, sodass der von der Sonne abgewandte Abschnitt exakt in Richtung des Sternensystems Tau Ceti wies – genau in jenem Moment, wenn die "Lilienthal" auf ihrer langen Rückreise vom Tau-Ceti-System die Umlaufbahn kreuzen würde. Es war eine anspruchsvolle Mission, bei der nichts schiefgehen durfte. Kurz be
Kapitel 27Ein grelles Licht flackert auf. Ein leises Surren, dann ein Alarmton. Die Kryokapsel öffnet sich. Martin blinzelt, seine Gedanken sind noch träge, sein Herzschlag langsam. Ein Protokoll der Bord-KI flimmert vor seinen Augen. Medizinischer Notfall erkannt. Anomalie im Zellwachstum. Diagnose: Maligne Tumorbildung. Martin starrt auf die Worte. Sein Atem beschleunigt sich. Er weiß, was das bedeutet und zieht sich langsam aus der Kryokammer; seine Muskeln protestieren. Schwerelos schwebt er zum Medi-Pult hinüber. Mit zitternden Fingern aktiviert er den Monitor. Das Ergebnis ist eindeutig: Hodenkrebs. Er aktiviert die Protokolle für medizinische Notfälle und erweckt Horst, den Missionsbiologen. Gemeinsam analysieren sie die Lage. Eine Chemotherapie ist die einzige Option. Nachdem der Therapieplan erstellt ist, begibt sich Horst zurück in die Kryostase. Die Vorräte an Luft, Wasser und Nahrung sind nur begrenzt im All. Es ist ein riskantes Unterfangen, doch es gibt keine Al