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Kapitel 30

last update Veröffentlichungsdatum: 28.06.2026 19:46:27

„Ich will die Unruhe. Den Schmerz. Den Kuss, der blutet. Den Blick, der verbrennt. Ich will die Nächte, in denen sie schreit und ich nicht helfen kann. Ich will die Morgen, in denen sie lächelt und alles wieder gut ist. Ich will das Chaos der Liebe. Nicht den Frieden ohne sie.“

Das Weiß im See wurde dunkler.

Nicht schwarz.

Nur weniger weiß.

Ein Hauch von Grau.

Ein Hauch von Braun.

Ein Funke Gold.

„Dann wähle neu“, sagte das Spiegelbild.

Viktor öffnete die Augen.

„Ich wähle zurück.“

„Es gibt kei
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  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 46

    Sie gingen wieder in die Schlucht.Diesmal ohne Vorbereitung. Ohne Fackeln. Ohne silberne Fäden. Nur mit dem, was sie waren. Mit Messern. Mit Fäusten. Mit dem letzten Rest Wahl, der noch in ihnen brannte.Der Abstieg war anders. Das Eis war nicht mehr glatt. Es war rau geworden. Kleine Risse zogen sich hindurch wie Adern. Und aus den Rissen sickerte etwas heraus. Kein Wasser. Kein Licht. Etwas Dunkles. Etwas, das sich bewegte.Unten angekommen war die Schlucht nicht mehr leer.Die Masse war zurück.Aber sie war nicht mehr eine Masse.Sie war viele.Hunderte kleiner Gestalten. Jede so groß wie ein Kind. Jede aus Knochen und Staub und Augen. Und jede hatte das Gesicht von jemandem, den sie kannten.Torvald sah seine Tochter. Die, die ins Weiß gegangen war.Kjara sah ihre Mutter.Fenrir sah seine.Lira sah sich selbst. Als Kind. Allein im Schnee.Selene… Selene sah niemanden. Sie stand einfach da. Und lächelte. Schwach. Traurig.„Sie haben unsere Gesichter genommen“, flüsterte Liesel.Vi

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 45: Der Moment, bevor der Schnee bricht

    Die Sonne kehrte nicht zurück. Nicht am nächsten Tag. Nicht am übernächsten. Der Himmel blieb eine einzige, schwere Platte aus Grau, die tiefer und tiefer sank, bis es sich anfühlte, als könnte man die Hand ausstrecken und sie berühren. Der Schnee fiel jetzt in perfekten, lautlosen Linien, senkrecht, ohne Wind, ohne Wirbel, als würde er von etwas Unsichtbarem gezählt und platziert. Jede Flocke landete exakt dort, wo die vorige gelegen hatte, und baute Schicht um Schicht eine Stille, die schwerer wog als jeder Sturm.Viktor spürte es in den Zähnen. Ein dumpfes Vibrieren, das nicht aufhörte. Kein Schmerz. Nur Druck. Als würde etwas in seinem Kiefer wachsen, das nicht dorthin gehörte. Er stand jeden Morgen früher auf, noch bevor das erste graue Licht durch die Ritzen kroch, und ging hinaus. Barfuß. Immer barfuß. Der Schnee fühlte sich jetzt nicht mehr kalt an. Er fühlte sich neutral an. Gleichgültig. Als hätte er aufgehört, eine Meinung zu haben.Der junge Baum stand noch. Aber er stand

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 44

    Dann kam die Schlucht.Sie fiel plötzlich ab. Tief. Dunkel. Der Boden war nicht mehr Schnee. Sondern blankes Eis. Schwarz glänzend. Wie ein Spiegel, der nichts reflektierte.Viktor blieb am Rand stehen.„Hier unten ist es.“Torvald sah hinunter.„Kein Weg zurück, wenn wir fallen.“„Dann fallen wir nicht.“Sie stiegen hinab. Vorsichtig. Einer nach dem anderen. Aethera ließ silberne Fäden als Seile fallen. Sie hielten. Kaum. Aber sie hielten.Unten war es warm. Zu warm. Die Luft stand still. Kein Wind. Kein Schnee. Nur dieses Knirschen. Jetzt laut. Jetzt überall.Die Wände der Schlucht waren aus Eis. Aber nicht klar. Sondern trüb. Und in dem Eis bewegte sich etwas. Schatten. Lange Finger. Augen. Kleine Augen. Die jetzt offen waren.Die Splitterknochen warteten.Nicht als einzelne Gestalten. Sondern als eine. Eine einzige, riesige Masse aus Knochen und Staub und Licht. Sie füllte die Schlucht. Von Wand zu Wand. Von Boden zu Decke. Und sie atmete.Viktor trat vor.Das Messer in der Hand.

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 43: Die Stille vor dem Splittern

    Die Sonne, die sich am Morgen des Vortags so mutig durch die Wolken gekämpft hatte, war wieder verschwunden. Sie hatte sich nicht zurückgezogen. Sie war einfach nicht mehr da. Der Himmel hing jetzt tief und grau, eine einzige, endlose Decke aus Blei, die das Licht erstickte, bevor es den Boden erreichen konnte. Der Schnee fiel nicht mehr in Flocken. Er fiel in dünnen, scharfen Platten, die sich waagerecht legten und sofort festfroren. Jeder Schritt knackte wie brechendes Glas. Die Luft roch nach Metall und nach etwas, das man nicht benennen konnte, weil es noch keinen Namen verdient hatte.Viktor erwachte vor allen anderen. Er lag auf dem Rücken, starrte an die Decke aus dunklem Holz und spürte, wie sein Herzschlag unregelmäßig wurde. Nicht schnell. Nicht langsam. Sondern falsch. Als würde etwas zwischen den Schlägen warten. Etwas, das lauschte. Er drehte den Kopf. Liesel schlief neben ihm, die Hand auf seiner Brust. Ihre Finger bewegten sich leicht im Schlaf, als wollten sie ihn fest

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 42

    Lira nähte. Flickte Kleidung. Verband alte Wunden neu. Ihre Hände zitterten nicht mehr. Sie zitterten jetzt vor Wut.Mara saß bei Selene. Sie spielten mit kleinen Steinen. Bau ten Türme. Rissen sie wieder ein. Bau ten neue.Kjara patrouillierte. Allein. Sie kam alle Stunde zurück. Jedes Mal mit einer neuen Nachricht.„Näher.“„Noch näher.“„Jetzt nur noch fünfzig Schritte.“Beim letzten Mal blieb sie stehen. Schnee hing in ihrem Fell. Ihre Augen waren weit.„Sie sind da. Vor der Tür. Ich sehe sie. Nicht klar. Aber ich sehe sie.“Viktor ging hinaus.Der Hof war leer. Nur Schnee. Nur Wind.Aber dann hörte er es.Knirschen.Leise. Tief. Wie Knochen, die sich aneinander reiben.Es kam aus allen Richtungen zugleich. Aus dem Schnee. Aus dem Wind. Aus der Luft selbst.Viktor zog das Messer. Das alte, gezahnte Ding. Er hielt es hoch.„Kommt“, sagte er laut. „Wenn ihr wollt. Aber ihr nehmt niemanden mit.“Das Knirschen wurde lauter.Dann teilten sich die Schneeflocken.Gestalten formten sich.

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 41: Der Ruf der Splitterknochen

    Der Schnee hörte nicht auf zu fallen, aber er fiel jetzt anders. Nicht mehr sanft und zudeckend, sondern in harten, kleinen Körnern, die gegen die Haut stachen wie winzige Nadeln. Der Wind hatte sich gedreht. Er kam nicht mehr aus dem Norden, wo das Weiß geboren wurde, sondern aus dem Osten, aus den alten Schluchten, wo die Berge sich auftürmten wie erstarrte Wellen. Der Geruch, den er mitbrachte, war neu und alt zugleich: verbranntes Harz, rostiges Eisen, der süßliche Hauch von altem Blut, das nie ganz getrocknet war.Viktor spürte es zuerst in den Knochen. Ein Ziehen, tief in den Gelenken, als würde etwas an ihm zerren, das noch keinen Namen hatte. Er stand vor dem Haus, die Hände in den Taschen des alten Ledermantels vergraben, und starrte in die Richtung, aus der der Wind kam. Der junge Baum zitterte leicht. Das silbergrüne Blatt in der Mitte bog sich, als würde es lauschen.Liesel trat neben ihn. Sie trug jetzt einen dicken Wollumhang, den Kjara für sie genäht hatte. Darunter das

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 7: Das Erwachen der Vergessenen

    Die große Halle der Sturmherzfestung lag in gespenstischer Stille da. Die Kerzen flackerten noch immer, doch ihr Licht schien schwächer geworden zu sein, als hätte der Wind aus der Nacht sie mit Kälte gefüllt. Überall lagen Körper. Einige regten sich langsam, stöhnten, setzten sich auf. Andere blie

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 6

    „Ist fast nichts mehr“, sagte er. „Der Mondwolf... er heilt schneller.“Sie sah ihn an. „Was war das heute Morgen? Dieses Leuchten? Diese Gestalt?“Viktor schwieg lange. Dann seufzte er. „Ich weiß es nicht genau. Es war, als hätte etwas in mir gewartet. Etwas Altes. Etwas, das der Mond nur weckt, w

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 5: Der Weg nach Norden

    Die Sonne stand bereits hoch, als der letzte Jubel im Tal der Schattenfelsberge langsam verebbte. Das Blut auf dem Schnee war bereits zu einem dunklen, gefrorenen Fleck geworden, der wie eine Mahnung dalag. Die Menge löste sich auf, nicht hastig, sondern mit einer Ehrfurcht, die schwer in der Luft

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 4: Das Duell im Morgengrauen

    Der Himmel über den Schattenfelsbergen war noch nachtschwarz, als die ersten Trommelschläge durch das Tal hallten. Tiefe, langsame Schläge, wie das Schlagen eines riesigen Herzens. Das Rudel erwachte nicht sanft. Es erwachte mit Knurren, mit Zähnefletschen, mit dem metallischen Geruch von Blut, das

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