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Kapitel 6

Penulis: Jan Schäfer
Inge begegnete Julians Blick. Er sah sie mit einem Lächeln an, das keines war – als stünde er völlig außen vor und beobachtete, wie unwohl sie sich fühlte.

Inge ballte unmerklich die Fäuste. Auch der letzte Rest Hoffnung löste sich in ihr auf.

Sie wich seinem Blick nicht aus. Im Gegenteil, sie hielt ihm stand. „Na dann. Hallo.“

Kaya Jansens Lächeln wurde noch zufriedener, und sie schmiegte sich spielerisch an seine Seite.

Julian stockte einen Moment, sah kurz zu Inge, dann legte er den Arm um Kaya und ging mit ihr in den Empfangsraum.

„Was spielst du dich so großmütig auf?“ Lora Zohr kam herüber und verzog spöttisch die Lippen.

„Mein Bruder schaut sich ganz bestimmt keine verheiratete Frau an.“

„Und diese Dame, der Herr Luther gestern zum Geburtstag gratulierte – Frau Sommer, eine promovierte Luftfahrtingenieurin, um die sich die ganze Unternehmenswelt reißt … Wie soll da eine Hausfrau mithalten, die nur kocht und einem Mann das Bett wärmt?“

„Oder fürchtest du, bald kläglich aus dem Haus geworfen zu werden, und willst dich nun wieder an die Zohrs klammern?“

Diese erbärmliche Ehe – alle warteten nur darauf, sich an ihrem Unglück zu weiden…

Ihr Herz zog sich zusammen. Sie stellte das Geschenk beiseite. „Keine Sorge. Ob es mir künftig gut oder schlecht geht, hat mit der Familie Zohr nichts mehr zu tun. Ich heiße schließlich Winter.“

Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging sie fort.

Zu bleiben hätte nur weiteren Groll erzeugt.

„Sie ist gegangen?“

Kaum war Markus Zohr aus dem Seitensaal getreten, sah er, wie Inge den Raum mit entschlossenem Schritt verließ. Sein Gesicht verfinsterte sich.

Lora kam wieder zu sich und murmelte verärgert: „Papa, hast du gesehen, wie sie sich aufführt? Sie nimmt weder die Familie Zohr noch dich ernst. Früher oder später wird Herr Luther sich ohnehin von ihr trennen.“

Nach drei Jahren war Markus längst klar, dass Inge niemals Jannis’ Herz gewonnen hatte.

Abgesehen von jener kurzen Phase direkt nach der Hochzeit, in der er dank Inge ein wenig vom Ansehen der Familie Luther profitiert hatte, erhielt die Familie Zohr später bei keinem ihrer Projekte auch nur den Hauch von Unterstützung. Jannis schenkte seinem Schwiegervater nie die geringste Beachtung.

War das nicht alles Inge Winters eigene Unfähigkeit?

Nicht einmal das Herz ihres eigenen Mannes konnte sie für sich gewinnen. Sie war eine völlige Versagerin.

Er ließ sein Gesicht hart werden, warf Lora einen Blick zu und sagte:

„Du bist auch nicht mehr so jung. Inge taugt nichts. Vielleicht bekomme ich bald die Gelegenheit, dich vor Herrn Luther ins rechte Licht zu rücken.“

Wie hätte Lora das nicht verstehen können?

Ihr Gesicht erstarrte für einen Moment. Fast unwillkürlich wandte sie den Blick zu Julian hinüber – und sah, wie der Mann ihr mit einem verwegenen Lächeln eine Weintraube an den Mund hielt und sie Kaya zusteckte.

Lora biss sich auf die Unterlippe, und ein Hauch gekränkter Verletztheit flackerte in ihren Augen auf.

Inge mietete eine Zweizimmerwohnung – fertig eingerichtet und bezugsbereit. Sie unterschrieb einen Vertrag über ein Jahr. Bis zum Krankenhaus, in das sie häufig musste, waren es nur zwei Kilometer – praktisch genug, um bei Bedarf jederzeit hinfahren zu können.

Als sie von der Familie Zohr zurückkam, war ihr Kopf schwer und schwindelig. Aber eines vergaß sie nicht: Sie blockierte Jannis auf WhatsApp.

Ihr Telefon behielt sie vorerst – falls er sich meldete, um etwas im Hinblick auf die Scheidung zu klären.

Was sie jetzt tun musste, war schlicht das Trennungsjahr zu überstehen.

Nachdem sie das Handy beiseitegelegt hatte, ging sie duschen und sank anschließend erschöpft aufs Bett.

Zur selben Zeit.

Als Jannis in die Villa zurückkehrte, brannte nicht einmal ein Licht im Eingangsbereich.

Früher hatte Inge – egal wie spät es geworden war – immer eine Lampe für ihn angelassen, war ihm entgegengekommen, hatte ihm den Mantel abgenommen und seine frische Kleidung bereitgelegt.

Er kam nur selten nach Hause. Und wenn doch, dann ausschließlich an ein paar festgelegten Tagen im Monat – um seiner „Pflicht“ nachzukommen.

Als er heute wie gewohnt nach seiner Ankunft die Hand ausstreckte, um ihr den Mantel zu überreichen, griff er ins Leere. Er ließ den Blick durch den Eingangsbereich wandern und zog die Brauen leicht zusammen.

War sie beleidigt?

Er ging die Treppe hinauf und stieß die Tür zum Hauptschlafzimmer auf. Eigentlich hatte er erwartet, dass sie höchstens aus Trotz früher schlafen gegangen war – als stumme Form des Protests. Doch das Bett war leer.

Die ganze Villa lag still und beinahe im Dunkeln.

Inge war nicht nach Hause gekommen.

Kai Zauner hatte ihm berichtet, wie Inge auf die Sache mit Nea reagiert hatte – bis zu dem Punkt, an dem sie ihm mit möglichen rechtlichen Konsequenzen drohte.

Und jetzt…

Jannis lockerte seine Krawatte. Ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen.

Hatte sie jetzt sogar gelernt, einfach wegzubleiben?

Aber er maß dem keine große Bedeutung bei.

Sie sollte doch erst einmal selbst zur Ruhe kommen.
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