INICIAR SESIÓNNur weil ich unachtsam war und vergessen hatte, die Gefährtin meines Gefährten zurückzubringen, ließ ich sie drei Stunden allein in der Wildnis. In rasender Wut warf er mich in einen ausgetrockneten Brunnenschacht am Rande des Niemandslands. „Du solltest selbst einmal das Leid kosten, das Belinda ertragen musste.“ Der Schacht war so tief und eng, dass ich mich nur zusammengerollt in meiner Wolfsform hineinzwängen konnte. Ich bekam kaum Luft. Ich flehte ihn an, gestand meinen Fehler und bat um Hilfe – doch alles, was ich erhielt, war seine eiskalte Verurteilung. „Bereue deine Schuld. Nur wenn du aus dieser Strafe lernst, wirst du begreifen, was es heißt, eine wahre Luna zu sein.“ Er befahl, einen schweren Felsblock über dem Brunnenschacht zu platzieren. Ich brüllte verzweifelt, klammerte mich immer wieder an der Wand empor – nur um erneut in die Tiefe zu stürzen. Die Wände waren zerkratzt von meinen verzweifelten Krallenhieben. Bis meine trockene Kehle keinen Laut mehr hervorbringen konnte. Erst zwei Wochen später, als er das Geburtstagsgeschenk sah, das ich für ihn bestellt hatte, wurde sein Herz einen Moment lang weich. Er beschloss, meine Strafe zu beenden. Doch er wusste nicht, dass mein Körper am Grund des Brunnens längst von Insekten und Schlangen bis zur Unkenntlichkeit zerfressen worden war.
Ver másDie Ohrfeige traf mich, noch bevor ich überhaupt sah, wie sich ihre Hand bewegte.
„Wenn du es noch einmal wagst, mich so anzusehen“, zischte Elena, während das Licht auf ihren Ringen glitzerte und sie für einen zweiten Schlag ausholte, „werde ich dafür sorgen, dass du es für den Rest deines erbärmlichen Lebens bereust.“
Meine Wange brannte weißglühend, dann heiß, dann unerträglich heiß, und der Schmerz breitete sich bis in meinen Kiefer aus, als wäre unter meiner Haut etwas aufgebrochen. Ich presste meine Handfläche dagegen und spürte meinen eigenen Puls unter meinen Fingern hämmern, schnell und verängstigt, genau so, wie er es immer tat, wenn Elenas Wut mich traf statt eine Tür, eine Vase oder irgendetwas anderes, das gerade näher war. Tränen schossen mir in die Augen, obwohl jeder Instinkt in mir schrie, ihr nicht die Genugtuung zu geben, und ich hasste mich ein wenig dafür, wie automatisch dieser Instinkt nach sechsundzwanzig Jahren noch immer war. Ich hasste es, dass irgendein kleiner, tierischer Teil von mir noch immer zusammenzuckte, kalkulierte und die Entfernung zum nächsten Ausgang abschätzte, noch bevor ich den Schmerz überhaupt vollständig wahrgenommen hatte.
Ich hatte sie nicht einmal falsch angesehen. Ich hatte nur von den Gästebettwäsche aufgeschaut, die ich gerade zusammenlegte, als sie ins Zimmer gestürmt war und wegen einer Floristin geschrien hatte, die ihre Pfingstrosen im falschen Rosaton gefärbt hatte.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich, denn ich hatte vor zwanzig Jahren gelernt, dass die Worte selbst nicht wichtig waren, sondern nur, wie schnell ich sie sagte. Schnelligkeit war Gnade. Schnelligkeit war der Unterschied zwischen einer Ohrfeige und drei.
„Du siehst immer irgendetwas an.“ Sie packte eine Handvoll meiner Haare und riss meinen Kopf nach hinten, sodass ich gezwungen war, ihr in die Augen zu sehen, und für einen schrecklichen Moment dachte ich, sie würde es tatsächlich tun, würde mein Gesicht wirklich so zerschmettern, wie sie es schon ein Dutzend Mal gedroht hatte, wenn ihre Laune schlecht genug war. Meine Kopfhaut schrie vor Schmerz. Meine Augen tränten von dem Zug, heiß und unwillkürlich, und ihr wütendes, wunderschönes Gesicht verschwamm vor meinen Augen zu etwas, das ich kaum noch als das Gesicht meiner Zwillingsschwester erkennen konnte.
„Du hast alles angesehen, was mir gehört, seit dem Tag, an dem wir geboren wurden. Mein Zimmer. Meine Kleidung. Und jetzt meine Hochzeit. Glaub nicht, dass ich nicht bemerkt habe, wie du Damians Foto in der Zeitung angestarrt hast, als hättest du irgendein Recht dazu.“
„Ich will nichts von dir.“ Die Worte kamen dünn und gebrochen aus mir heraus. „Das habe ich nie.“
„Lügnerin.“ Sie stieß mich so heftig gegen die Tür des Wäscheschranks, dass das Holz hart gegen meine Wirbelsäule krachte. Ein scharfer, splitternder Schmerz durchfuhr mich und raubte mir die Luft aus den Lungen. Ich biss den Schrei nieder, der aus mir herauswollte, biss so fest zu, dass ich Kupfer schmeckte, denn Weinen hatte es immer nur schlimmer gemacht, hatte ihr immer nur mehr gegeben, womit sie arbeiten konnte.
„Papa sagt, du hast wieder ohne Erlaubnis die Haushaltsbücher geführt. Hast du gedacht, das würde dich klug machen? Hast du gedacht, das würde bedeuten, dass du wichtig bist?“
„Ich wollte nur helfen—“
„Du darfst nicht helfen. Du darfst die Wäsche zusammenlegen und mir aus dem Weg gehen, bis diese Hochzeit vorbei ist. Danach kannst du wieder niemand sein, so wie Gott es vorgesehen hat.“
Sie ließ meine Haare so plötzlich los, dass ich beinahe umkippte, strich ihre Bluse glatt, als wäre sie auf dem Weg zu etwas Wichtigem lediglich an einem Möbelstück vorbeigekommen, und sah auf mich hinunter, die ich zusammengesunken an der Schranktür lag. In ihren Augen lag etwas, das schlimmer war als Hass.
Langeweile.
Ich war für sie bereits nicht mehr interessant.
„Mach dich vor dem Abendessen sauber. Du siehst erbärmlich aus.“
Sie ließ mich dort auf dem Boden zurück.
Ich weiß nicht, wie lange ich so blieb. Lange genug, dass der Schmerz in meiner Kopfhaut sich zu einem dumpfen, ständigen Pochen legte. Lange genug, dass meine Wirbelsäule steif wurde, dort, wo der Türrahmen sie getroffen hatte, während sich unter meiner Bluse bereits ein Bluterguss ankündigte.
Ich saß mit angezogenen Knien und dem Rücken gegen genau die Tür gelehnt, die mir gerade wehgetan hatte, und erlaubte mir, das zu tun, was ich vor niemandem sonst in diesem Haus jemals tat.
Ich weinte.
Still, methodisch, so wie ich mir das Weinen seit meiner Kindheit beigebracht hatte. Kein Laut, keine bebenden Schultern, nur Tränen, die über mein Gesicht liefen und von meinem Kiefer auf die Wäsche tropften, die ich vor dem Abendessen ohnehin wieder zusammenlegen musste.
Ich dachte an meine Mutter, die nun seit elf Jahren fort war, gestorben, bevor sie überhaupt die Chance gehabt hatte, dabei zuzusehen, wie daraus eine Gewohnheit statt eines Unfalls wurde.
Früher stellte ich mir vor, sie hätte es verhindert. Sie hätte sich zwischen Elenas Wut und meinen Körper gestellt, so wie Mütter es tun sollten. An manchen Abenden erlaubte ich mir noch immer, daran zu glauben.
An den meisten Abenden jedoch, wenn ich ehrlich zu dem rohen, schmerzenden Teil von mir war, der nur in leeren Fluren zum Vorschein kam, vermutete ich, dass sie es einfach ebenfalls nicht bemerkt hatte.
Vielleicht war das der grausamere Gedanke.
Vielleicht war es auch der wahrere.
Sechsundzwanzig Jahre alt, und ich zählte noch immer die Ausgänge in jedem Raum, den ich betrat.
Sechsundzwanzig Jahre alt, und ich zuckte noch immer zusammen, wenn Türen zu schnell zufielen, bei erhobenen Stimmen zwei Zimmer weiter und bei dem ganz bestimmten Klicken von Elenas Absätzen auf dem Hartholz, wenn sie auf der Suche nach etwas war, wofür sie mir die Schuld geben konnte.
Ich hatte aus kleinen, unsichtbaren Gewohnheiten wie diesen eine ganze Architektur des Überlebens errichtet, Mauern, die niemand sonst sehen konnte, und ich war so gut darin geworden, innerhalb dieser Mauern zu leben, dass ich an den meisten Tagen vergaß, dass es jemals eine Version von mir gegeben hatte, die von diesem Haus etwas anderes erwartet hatte.
Schließlich stand ich auf, weil der Boden kalt war und weil das Abendessen vorbereitet werden musste, unabhängig davon, was mein Körper gerade durchgemacht hatte.
Im Badezimmer im Erdgeschoss ließ ich das Wasser laufen, bis es lauwarm wurde, und drückte ein feuchtes Tuch gegen meine Wange. Dabei beobachtete ich den Spiegel so, wie ich es immer tat, als könnte mir das Gesicht einer Fremden entgegenblicken statt meines eigenen.
Die Abdrücke ihrer Ringe waren bereits sichtbar geworden, eine dünne rote Strieme direkt unter meinem Wangenknochen, klein genug, um sie mit etwas Puder zu verstecken. Und ich verstand, ohne dass es jemals jemand laut aussprechen musste, dass genau das der Punkt war.
Elena hatte noch nie eine Spur hinterlassen, die sich nicht bis fünf Uhr überdecken ließ.
So war sie vorsichtig.
Vorsichtig auf die Art eines Menschen, der dies oft genug getan hatte, um genau zu wissen, wo die Grenze lag.
Ich tupfte Puder über die Strieme, mit Händen, die wieder ruhig geworden waren, denn ruhig zu sein war inzwischen das Einzige, was ich noch konnte. Ich starrte mein Spiegelbild an, bis ich das Mädchen, das mir entgegenblickte, wieder als jemanden erkannte, der es wert war, ernährt zu werden, der es wert war, Kleidung zu bekommen, der es wert war, noch einen weiteren Abend zu überstehen.
Das war so viel Freundlichkeit, wie ich mir selbst jemals entgegenbrachte.
Es musste reichen, denn niemand sonst in diesem Haus würde mir mehr geben, als ich selbst hervorbringen konnte.
Ich stand noch immer dort, das Tuch gegen mein Gesicht gedrückt, als ich durch die Tür des Arbeitszimmers am Ende des Flurs die Stimme meines Vaters hörte, leise und dringlich, in einem Tonfall, den ich überhaupt nicht wiedererkannte.
Und etwas in meinem Magen wurde kalt und klein, auf eine Weise, die nichts mit Elena zu tun hatte.
Belinda wurde schließlich hingerichtet – ihr Tod war noch grausamer als meiner damals.Und doch… es brachte mir kaum Erleichterung.So, wie sie es in ihren letzten Worten gesagt hatte:Derjenige, der mich wirklich getötet hat, war nicht sie.Es war Connor.Seit dem Tag ihrer Hinrichtung wirkte Connor wie ein Mann ohne Ziel.Er kümmerte sich nicht mehr um das Rudel, irrte tagein, tagaus um das Gebiet des Starlight Pack – immer auf der Suche nach meinem Grab.Halr hatte mich längst beerdigt – direkt neben meinem Vater.Doch Connor kannte den genauen Ort nicht.Er streifte weiter durch die Wälder, und Halr, der ihn schon lange nicht mehr sehen konnte,hielt sich nur aus einem Grund zurück:Weil Connor noch Alpha des Blackclaw Pack war.Ein offener Angriff hätte sofort einen Krieg ausgelöst.Erst ein Monat später, nachdem Halr sich mit den Blackclaw-Ältesten verständigt hatte, war der Weg frei.Connor war zu diesem Zeitpunkt längst zerbrochen.Er vernachlässigte sein Rudel, und viele warte
Connor saß die ganze Zeit in meinem alten Zimmer – aß und trank nichts, las mein Tagebuch einen ganzen Tag und eine ganze Nacht.Es war, als würde er mich zum allerersten Mal wirklich kennenlernen.Wenn er las, wie glücklich ich war, lächelte er.Und wenn er las, wie traurig ich war, wurden seine Augen rot.Erst als er das letzte Wort gelesen hatte, begriffe er, wie sehr ich ihn damals geliebt hatte.Und dass fast all mein Schmerz von ihm kam.Zusammengekauert auf dem Boden presste er mein Tagebuch an seine Brust, küsste das alte Papier, als wäre es mein Gesicht.„Clara… es tut mir leid…Es tut mir so leid…“„Bitte… komm zurück…Komm zurück zu mir…“Ich saß direkt neben ihm.Reglos.Ausdruckslos.Reue?Kann Reue ein Leben zurückbringen?Glaubst du wirklich, ein paar Tränen eines Mörders könnten mich rühren?Am nächsten Tag ließ Connor die Händler aus dem Konvoi verhören – jene, die am Tag von Belindas Verschwinden mit uns unterwegs gewesen waren.Und da erfuhr er die Wahrheit:Ich hatt
Connor stürmte eilig nach Hause.Hastig durchsuchte er die alten Kisten – auf der Suche nach meinen Tagebüchern.Seit ich sechs Jahre alt war, hatte ich begonnen, Tagebuch zu führen.Als ich ihn heiratete, hatte ich sie alle mitgebracht – ein kleiner Schatz meiner Kindheit.Mit zitternden Händen fand er schließlich das Buch aus meinem zwölften Lebensjahr.Frostmond, 17. TagHeute Nacht liegt silbriger Mondschein über dem Wald.Ich habe gehört, dass Connor wieder einmal von seinen Brüdern schikaniert wurde.Ich muss ihn retten...Ich kann Vater nichts sagen – er würde es mir verbieten, in den südlichen Wald zu gehen.Also muss ich allein los.Frostmond, 18. TagIst der nächtliche Wald wirklich so furchteinflößend?Zum Glück habe ich ihn gefunden.Ich entdeckte ihn am Rand einer Falle –sein silberweißes Fell war von giftigem Efeuschleim bedeckt, seine goldenen Augen mit einem grauen Schleier verhüllt.Er... er konnte nicht mehr sehen?Frostmond, 23. TagEr fragte mich, wer ich sei.Wenn
Connor rannte dem Wagen, auf dem mein Leichnam lag, noch lange hinterher.Schließlich brach er, erschöpft und verwundet, zusammen.Belinda eilte zu ihm und half ihm auf.„Alpha, geht es Ihnen gut?“Connor blickte schmerzverzerrt in die Richtung, in der Halr und die anderen verschwunden waren.Dann schien ihm plötzlich etwas einzufallen.Er drehte sich zu Belinda um und fragte drängend:„Belinda... als ich zwölf war, wurde ich wieder einmal von meinen Brüdern hintergangen und in der Wildnis ausgesetzt.“„Damals vergifteten mich die Dornen einer Giftpflanze – ich war wochenlang blind.“„Du hast mich damals gerettet.Allein bist du durch die Nacht gewandert – und hast seither Nachtblindheit.“„Warst... warst du das wirklich?“Belindas Blick wich aus.„Natürlich war ich das, Alpha. Warum fragen Sie denn plötzlich sowas?“Connor beobachtete sie genau.Je länger sie sprach, desto unnatürlicher wirkte ihr Gesichtsausdruck.Nach einer langen Stille fragte er weiter:„Wenn du mich im südlichen
Connor erstarrte, seine Nackenhaare stellten sich auf.Ungläubig wich er ein paar Schritte zurück.„Wer... wer hat dieses abscheuliche Ding in den Schacht gelegt?!“Sein Atem ging stoßweise, seine Brust hob und senkte sich heftig.„Wo ist Clara? Holt sie sofort her! Sie denkt wohl, sie kann mir eine
In diesem Moment zog sich Connors Mund zu einem höhnischen Lächeln.„Wie sollte sie so leicht sterben? Ich weiß genau, wie zäh sie ist.“Belinda lächelte ebenfalls.„Ja, Luna ist doch die Frau, die sogar lebendige Schlangen essen kann. Auch ohne Wasser und Nahrung wird sie das sicher durchstehen.“D
Ich beobachtete Connor ganz genau, suchte in seinem Gesicht nach dem kleinsten Anzeichen von Mitleid.Doch er runzelte nur leicht die Stirn. „Was hast du gesagt? Clara ist tot?“Der Untergebene wagte nicht, ihm direkt in die Augen zu sehen.„Ja, Luna... sie war über zehn Tage in diesem tiefen Schach
Connors Worte, mit denen er Belindas Unrecht beklagte, waren für mich einfach nur lächerlich.Vor zwei Wochen hatte ich den Handelskonvoi begleitet, um mit einem benachbarten Rudel Geschäfte zu machen. Dort begegnete man mir mit Respekt – schließlich war ich die Luna. Doch genau das machte Belinda r





