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Kapitel 3

Author: Genesis
last update publish date: 2026-05-26 04:14:53

Ethan blieb mitten in der Türöffnung stehen, als könnte er bereits spüren, dass etwas Schweres auf ihn zukam. Langsam drehte er sich um, die Stirn gerunzelt, und wartete darauf, dass ich sprach.

Meine Kehle zog sich schmerzhaft zusammen. Alles, was ich mir in der Nacht im Kopf zurechtgelegt hatte, brach auf einmal aus mir heraus – völlig durcheinander. Ich schluckte schwer und zwang die Worte heraus.

„Kannst du heute früher nach Hause kommen?“ Meine Stimme brach ein wenig. „Wir müssen uns hinsetzen und reden.“

Er runzelte die Stirn, als hätte ich etwas Unmögliches von ihm verlangt. „Worüber reden?“

Noch bevor ich anfangen konnte zu erklären, kam Mila voller Energie und Vorfreude ins Zimmer gerannt. Sie schnappte sich ihre Schultasche und ein paar andere Sachen aus der Ecke.

Ich warf ihr einen kurzen Blick zu. Sie war gerade damit beschäftigt, ihre Schulschuhe anzuziehen, deshalb senkte ich die Stimme.

„Es ist wichtig, Ethan.“

Er stieß einen langen, schweren Seufzer aus – genau die Art von Seufzer, die schon klar machte, dass er meine Gefühle als lästige Belastung empfand. „Aria, du weißt doch, wie mein Job ist. Ich habe den ganzen Tag Meetings. Wahrscheinlich schaffe ich es nicht mal zum Abendessen.“

Natürlich. Wieder das Abendessen. Die Mahlzeit, die er inzwischen fast nie mehr zu Hause aß. Und ich war die naive Ehefrau, die weiterhin jede Ausrede schluckte. Schließlich arbeitete mein Mann bei The Newton Group, da wurde von mir erwartet, stolz und verständnisvoll zu sein, wenn es hieß: „viele Meetings“.

Mila sah plötzlich mit leuchtenden Augen auf. „Daddy, gehe ich heute nach der Schule immer noch zu Tante Sienna? Du hast es versprochen“, fragte sie und strahlte, als wäre das das Schönste auf der Welt.

Mir drehte sich der Magen so heftig um, dass mir kurz schwindelig wurde.

Ethan lächelte warm zu ihr hinunter. „Ja, Prinzessin. Das wirst du.“

Diese eine Antwort reichte aus. Etwas in mir zerbrach endgültig.

„Du planst, meine Tochter nach der Schule irgendwohin mitzunehmen, ohne mir überhaupt etwas zu sagen?“, fragte ich, viel schärfer, als ich eigentlich wollte.

Mila blinzelte mich verwirrt an. „Mommy, ich habe doch nur gefragt, weil–“

„Sei still und mach dich fertig für die Schule“, unterbrach ich sie. „Ich spreche gerade mit deinem Vater. Bitte geh.“

Der verletzte Ausdruck auf ihrem kleinen Gesicht traf mich sofort. Ihre Lippen zitterten. Sie schluckte schwer.

„Okay, Mom“, flüsterte sie mit leiser, unsicherer Stimme. Langsam verließ sie das Zimmer, die Schultern bei jedem Schritt ein wenig mehr gesenkt.

Sofort überkam mich heftige Schuld. Es war das erste Mal, dass ich so mit ihr gesprochen hatte. Aber ich drängte das Gefühl beiseite. In diesem Moment fühlte ich mich wirklich, als würde ich den Verstand verlieren.

Ethan starrte mich an, als hätte ich etwas völlig Ungeheuerliches getan.

„Was sollte das denn, Aria?“, fragte er. Sein Tonfall hatte diese vertraute, genervt-gelassene Note, die er immer anschlug, wenn er mich wie eine Irre dastehen lassen wollte.

„Darf ich meine eigene Tochter jetzt nicht mehr zurechtweisen?“, erwiderte ich und konnte das bittere Lächeln nicht unterdrücken, das sich auf meine Lippen legte.

„Nennst du das zurechtweisen?“, schoss er zurück. Dann murmelte er leise, aber laut genug, dass ich es hören konnte: „Das ist wahrscheinlich der Grund, warum sie dich nicht so sehr um sich haben will.“

Ich erstarrte. „Was hast du gerade gesagt?“

Ich stand vom Bett auf und ging direkt auf ihn zu, sah ihm fest in die Augen. „Wer genau soll meine Tochter dann um sich haben wollen, wenn nicht ich?“

Er rieb sich die Stirn, sichtlich genervt, als wäre ich diejenige, die den Morgen ruinierte. „Aria, es ist noch viel zu früh für so etwas. Ich will weder mir noch Mila den Tag verderben.“

Er drehte sich um und wollte gehen.

„Ethan.“

Meine Stimme hielt ihn erneut zurück.

Er wandte sich gerade so weit um, dass seine Verärgerung deutlich wurde – von echter Sorge keine Spur.

„Dein iPad“, sagte ich. „Ich habe es gestern Abend unten gesehen und dir ins Schlafzimmer gebracht.“

Kaum waren die Worte heraus, hielt ich meinen Blick fest auf sein Gesicht gerichtet und beobachtete ihn genau – wie jemand, der gerade etwas Gefährliches auf den Tisch gelegt hat.

Er zuckte zusammen. Es war eine kurze, scharfe Reaktion, die er sofort zu verbergen versuchte. Für den Bruchteil einer Sekunde huschten seine Augen hin und her, während er meine Miene zu lesen versuchte.

„Hast du?“, fragte er. Er klang verwirrt. Oder er tat nur so. Ich konnte es nicht mehr unterscheiden.

Ich antwortete nicht. Ich starrte ihn einfach weiter an und ließ das schwere Schweigen zwischen uns wachsen.

„Hast du?“, fragte er noch einmal. Diesmal war seine Stimme merklich tiefer. Er versuchte, die Kontrolle zu behalten, doch seine Augen verrieten ihn. Dieser winzige Anflug von Panik. Die Art, wie er zu schnell nachdachte, während er so tat, als wäre alles normal.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust – nicht um ihn einzuschüchtern, sondern um mich selbst zusammenzuhalten, damit ich nicht direkt hier zusammenbrach. „Ja. Es lag auf der Arbeitsplatte, und ich wollte nicht, dass Mila es nimmt. Ich habe es sauber gemacht und hochgetragen.“

Diesmal blinzelte er langsam, ganz offensichtlich, um sich ein paar Sekunden zu erkaufen. „Aria… du hast mein iPad angefasst?“

„Ist das ein Problem?“, fragte ich leise.

Sein Kiefer spannte sich sichtbar an. „Nein. Ich… habe nur nicht damit gerechnet, dass du meine Sachen anfasst.“

„Ich habe nie gesagt, dass ich in deinen Sachen herumgeschnüffelt habe“, antwortete ich. „Ich habe gesagt, ich habe es aufgehoben und ins Zimmer gebracht. Das ist ein großer Unterschied.“

Wir standen da und starrten uns an. Die Luft zwischen uns fühlte sich dick und erstickend an. Er schaute als Erster weg. Das allein sagte mir alles, was ich wissen musste.

Ethan stieß scharf die Luft aus, als wäre er es leid, Theater zu spielen. „Weißt du was, Aria… statt dich durch all diesen Stress zu quälen…“

„Stress?“, wiederholte ich.

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