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Kapitel 2

Author: Genesis
last update publish date: 2026-05-26 04:13:54

Ich schlüpfte leise in Milas Zimmer und kletterte vorsichtig in ihr kleines Bett, darauf bedacht, sie nicht zu wecken. Sie hatte sich unter ihrer weichen Decke zusammengerollt, den rosa Teddybären fest an sich gedrückt, und atmete langsam und friedlich.

Ich saß in der Dunkelheit und betrachtete ihr unschuldiges Gesicht im Schlaf. Ob sie wohl eine Ahnung hatte, was vor sich ging? Wusste sie von ihrem Vater und der Frau, die sie so sehr bewunderte? Konnte sie die Wahrheit irgendwie spüren, oder war sie noch völlig ahnungslos? Ich vergrub mein Gesicht im Kissen neben ihr, kämpfte gegen die Tränen an, die immer wieder aufsteigen wollten, und versuchte mit aller Kraft, still zu bleiben, damit sie nicht aufwachte. Doch mein Herz hämmerte wild in meiner Brust.

Ich kann ehrlich sagen, dass das eine der schlimmsten Nächte meines Lebens war. Früher dachte ich, die Nacht, in der ich meinen Vater verlor, wäre der Tiefpunkt gewesen. Oder jene anderen schmerzhaften Abende, an denen ich neue Reizwäsche angezogen hatte, voller Hoffnung und Sehnsucht, nur damit Ethan mir einen flüchtigen Kuss auf die Lippen gab und murmelte, die Arbeit sei einfach zu stressig gewesen. Diese Momente hatten wehgetan, aber dieser Schmerz war auf einer ganz anderen Ebene – schärfer, schwerer und unendlich zerstörerischer.

Ich lag neben Mila, den Blick starr an die Decke gerichtet, während mein Herz so schnell raste, dass es sich anfühlte, als könnte es jeden Moment zerspringen. Ein Teil von mir wollte direkt ins Schlafzimmer stürmen, Ethan wachrütteln und ihn zwingen, mir alles zu erklären.

Doch etwas sagte mir, dass es jetzt nur zu einem lauten Streit kommen würde. Ich konnte mir schon vorstellen, wie wir die Stimmen erheben würden, und ich wollte auf keinen Fall, dass Mila etwas davon mitbekam. Morgen war ihr erster Schultag nach den Ferien – ein Tag der offenen Tür mit lauter tollen Aktivitäten, von denen sie seit Wochen aufgeregt erzählt hatte. Ich würde meinen persönlichen Albtraum nicht zulassen, dass er ihr diesen Tag verdarb.

Ich rückte näher an sie heran und bemerkte, wie ihre kleinen Finger den Rand der Decke umklammerten. Wieder zog sich meine Brust schmerzhaft zusammen.

„Gott, bitte schick mich einfach ins Koma, damit ich schlafen kann“, flüsterte ich in die stille Dunkelheit. „Ich muss diesem Albtraum für eine Weile entkommen.“

Ich schloss die Augen, aber richtiger Schlaf kam nicht. In meinem Kopf liefen die Videos und Fotos in einer Endlosschleife ab.

Am nächsten Morgen riss Milas Tablet mich aus meinem unruhigen Halbschlaf. Sie saß bereits aufrecht im Bett, wischte fröhlich über den Bildschirm, und ihr kleines Gesicht leuchtete in den bunten Farben der Cartoons.

„Mila“, sagte ich und versuchte, streng zu klingen, obwohl meine Stimme rau und erschöpft klang, „ich habe dir schon öfter gesagt – gleich nach dem Aufwachen beten, nicht sofort in die Cartoons springen.“

„Entschuldigung, Mommy“, antwortete sie leise und pausierte das Video sofort.

Dann sah sie mich neugierig an und fragte: „Warum hast du in meinem Zimmer geschlafen?“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Sagt man so Guten Morgen?“

Sie verdrehte spielerisch die Augen und lächelte ein bisschen. „Guten Morgen, Mommy.“

Ich konnte nicht anders, als zurückzulächeln. Für einen kurzen Moment wurde der schwere Schmerz in meiner Brust etwas leichter. „Mommy wollte einfach nur mit ihrer kleinen Prinzessin kuscheln“, sagte ich, zog sie in eine warme Umarmung und dachte daran, wie distanziert wir in letzter Zeit zueinander gewesen waren.

„Mum… deine Augen sehen anders aus“, sagte sie und zeigte auf die geschwollenen, roten Lider.

Ich lächelte sanft. Wenigstens fiel es ihr auf. „Ist nichts, mein Schatz.“ Ich setzte mich richtig auf, küsste sie auf die Stirn und hielt sie ein wenig fester. „Also… heute ist der große Wiederanfangstag. Du bist bestimmt total aufgeregt, oder?“

„Ja!“, quietschte sie und hüpfte begeistert auf der Matratze. „Tante Sienna hat gesagt, sie kommt extra zum Tag der offenen Tür – nur für mich! Meine Lehrer freuen sich so, und alle anderen auch. Die Schule bezahlt sie nicht mal – sie macht es umsonst!“

Sie kicherte vor lauter Freude. „Sie ist wirklich nett, Mommy.“

Mein Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen, als ich ihren Namen hörte.

„Magst du Tante Sienna so sehr?“, fragte ich leise und versuchte, meine Stimme so ruhig wie möglich zu halten.

„Ja! Ich hab sie lieb, Mommy. Tante Sienna ist so schön. Sie trägt hohe Schuhe wie echte Erwachsene, nicht nur langweilige Sneakers wie du. Ihre Schuhe glänzen immer, und sie zieht wunderschöne Kleider mit Glitzer an. Ihre Haare macht sie so –“ Mila drehte ihre kleinen Hände dramatisch um ihren Kopf. „Und sie riecht nach Blumen. Sie singt Lieder mit mir, liest mir Geschichten vor und kauft mir Geschenke, sogar wenn Daddy es vergisst.“

Ich hörte still zu, während sich mein Herz bei jedem Wort enger zusammenzog. Sie wollte mir nicht wehtun – sie war einfach ein glückliches Kind, das von dem erzählte, was sie zum Lächeln brachte. Trotzdem tat es furchtbar weh zu hören, wie viel Platz Sienna in ihrer Welt eingenommen hatte. Es fühlte sich an, als hätte Mila unsere besonderen Momente langsam vergessen.

„Mila… du hast Mommy doch auch noch lieb, oder?“, fragte ich leise und kämpfte darum, dass meine Stimme nicht brach.

„Ich hab dich lieb, Mommy“, antwortete sie sofort, ohne zu zögern.

„Aber… liebst du Tante Sienna mehr als Mommy?“ Die Frage rutschte mir heraus, obwohl ich wusste, wie kindisch sie klang. Mein Magen verkrampfte sich. Ich konnte nicht ignorieren, dass Sienna mich nicht nur bei Ethan, sondern auch bei Mila zu ersetzen schien. Oder wurde ich einfach nur paranoid?

„Mum–“, begann sie, doch Ethans Stimme unterbrach sie plötzlich von der Tür aus.

„Guten Morgen, meine Königin und meine kleine Prinzessin“, sagte er fröhlich.

Mila sprang mit einem glücklichen Quietschen auf und rannte in seine Arme. Er hob sie hoch, drückte sie fest an sich und beugte sich dann herunter, um mir einen Kuss auf die Wange zu geben. Ich zwang mich zu einem Lächeln und nickte, aber er schien weder meine geschwollenen, müden Augen noch die schlaflose Nacht dahinter zu bemerken.

Die beiden legten sofort ihre übliche Geheim-Handschlag-Routine hin, flüsterten und lachten über Dinge, die nur sie verstanden. Es sollte eigentlich niedlich sein, aber in diesem Moment fühlte es sich an, als würde ich von außen in ihre kleine Welt hineinschauen – komplett ausgeschlossen.

„Ich geh mich für die Arbeit fertig machen. Die Nanny ist da, Luna – Mila, Zeit zum Anziehen“, sagte Ethan.

Ich blieb sitzen und starrte wie betäubt auf den Boden.

„Schatz… warum hast du hier geschlafen und nicht in unserem Zimmer?“, fragte Ethan.

„Ist es ein Verbrechen, wenn ich eine Nacht bei meiner eigenen Tochter verbringen will?“, fuhr ich ihn an, schärfer als beabsichtigt.

Er zuckte leicht zusammen und sah verwirrt aus, warum eine so harmlose Frage diese Reaktion auslöste.

„Ich zieh mich dann mal an“, murmelte er und verließ das Zimmer. Ich war schockiert – er hatte nicht einmal etwas zu meinen offensichtlich verquollenen Augen gesagt.

Ich konnte alles nicht mehr in mir behalten. Ich wollte explodieren, schreien, alles herausweinen.

„Ethan“, rief ich ihm hinterher…

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