MasukDamonIhre Stimme hat eine Nuance, die ich nicht an ihr kenne. Nicht Bitterkeit – etwas Intimeres. Müdigkeit vielleicht. Bedauern.– Was soll das heißen?Sie stellt ihr Glas langsam, vorsichtig ab, als könnte die Geste eine Explosion auslösen.– Es heißt, Damon, dass ich seit zwei Jahren Ihren Kaffee mache, Ihre Termine organisiere, Ihre Anrufe entgegennehme. Und Sie haben mich nie gefragt, wie es mir geht. Was ich mag. Was ich abends sehe, wenn ich nach Hause komme. Nichts.Ihre Stimme bleibt ruhig, fast professionell. Aber ihre Finger zittern.– Ich war nicht...– Sie waren nicht was? Nicht bereit? Nicht interessiert? Nicht fähig, etwas anderes zu sehen als Ihr eigenes Spiegelbild?Die Stille zwischen uns wird fest, greifbar.– Laurence, ich...– Ich muss raus.Sie dreht sich um und geht zum Ausgang, schnell, fast flie
DamonMein Körper erinnert sich an sie, noch bevor mein Gehirn die Entscheidung getroffen hat.Es ist dieses seltsame, fast elektrische Gefühl, das meinen Nacken durchläuft, als ich die Schwelle der Galerie überschreite. Feuchte Finger in den Manteltaschen, der Kiefer so fest zusammengepresst, dass die Zähne knirschen. Ich bin nicht gekommen, um zu verführen. Ich bin gekommen, um zu sehen. Um gesehen zu werden, vielleicht. Damit sie diesen Blick auf mich richtet, der nicht verweilt, der hindurchgeht ohne anzuhalten, und der mich zum ersten Mal in meinem Leben durchsichtig hat fühlen lassen.Die Galerie riecht nach frischer Farbe und lackiertem Holz. Halogenstrahler werfen ihr grelles Licht auf abstrakte Leinwände, Explosionen gewalttätiger Farben, Rot, das blutet, Blau, das ertrinkt. Ein paar Besucher schlendern umher, Glas Weißwein in der Hand, tauschen geziertes Gemurmel aus. Laurence ist hinten,
DamonDer Schrei ist so brutal, so aufrichtig herzzerreißend, dass ich mitten im Flur innehalte. Endlich drehe ich mich um, mein T-Shirt halb angezogen, hängt über einer Schulter. Da steht sie, mitten im Chaos – verrückte Möbel, zerknitterter Teppich, mit Sex gesättigte Luft – die Arme um ihren nackten Körper geschlungen, als wolle sie verhindern, dass ihr Herz in tausend Stücke zerbricht. Lautlose Tränen laufen über ihre Wangen, ziehen schwarze Spuren im verwischten Make-up, ihre Wimperntusche rinnt wie Trauerflüsse. Ihre Lippen zittern, geschwollen von unseren gewaltsamen Küssen. Sie war nie schöner in ihrer rohen Verletzlichkeit. Und nie erschreckender, wie ein Zerrspiegel dessen, was ich werden könnte: eine Kreatur puren Bedürfnisses, die eine Illusion anfleht zu bleiben, um nicht zu versinken.– Du liebst mich nicht, sage ich, und meine Stimme klingt seltsam
DamonSie hat unrecht. Und auf eine verdrehte Weise hat sie recht. Ich war da, ja, aber nicht so, wie sie glaubt, nicht in einer romantischen oder spirituellen Verbindung. Ich war da in der puren Furie, in dem wilden Willen zum totalen Vergessen, meine Leere im körperlichen Sturm zu ertränken. Nicht in der Liebe, nicht in ihr. Aber die Inbrunst ihrer Lüge, ihres viszeralen Bedürfnisses, an diese illusorische Verschmelzung zu glauben, ist greifbar, elektrisch. Und gefährlich wie Stacheldraht unter Spannung.Ich setze mich langsam auf, löse ihren Arm mit berechneter, aber fester, unerschütterlicher Sanftheit. Die Geste ist eine klare, deutliche Zurückweisung. Ich sehe es in ihren Augen: ein Aufflackern von Panik, das wächst, sich ausbreitet wie Strohfeuer.– Ich muss gehen, sage ich mit flacher, emotionsloser Stimme.– Warum? Wegen deines leeren Terminkalenders und deiner einsamen Nä
LaurenceDie Straße ist ein lauter Tunnel, durch den ich treibe. Die Lichter der Schaufenster, die Autoscheinwerfer – alles verschmilzt zu einer klebrigen, bunten Spur. Mein Körper ist ein Schlachtfeld. Zwischen meinen Schenkeln das dumpfe, schuldige Pochen, anhaltend, feucht. In meiner Brust der Hass, kalt und scharf wie ein Skalpell. Und tief in meinem Schädel die Stimme von Damon, ruhig und endgültig, die im Echo skandiert: Die Fäulnis ist das wahre Fundament von allem.Ich gehe lange. Ohne Ziel. Nur um diese toxische Energie aufzubrauchen, dieses innere Beben zu erschöpfen. Der Tag neigt sich dem Ende zu, als meine Schritte mich schließlich von selbst zur Wohnung führen. Zur Lüge.Ich öffne die Tür. Der vertraute Geruch von Bienenwachs und Kaffee empfängt mich. Der künstliche Frieden einer gepflegten Wohnung.– Laure? Bist du das?Seine Stimme. Entspann
DamonSie steht auf. Die Bewegung ist zögerlich, als ob ihre Glieder ihr nicht mehr ganz gehorchten. Sie ist erschöpft, leer, aber ihre Augen glühen in einem neuen, fiebrigen Licht.– Und... und dann?, fragt sie, ihre Stimme ein wenig fester.– Dann wirst du leben. Du wirst weitermachen. Aber du wirst es wissen. Und ich werde wissen, dass du es weißt. Wir werden dieses Geheimnis zwischen uns haben. Es ist kein Geheimnis von Liebenden. Es ist viel tiefer. Es ist ein Geheimnis über die Natur der Dinge selbst. Über die Fäulnis, die das wahre Fundament von allem ist. Es ist eine intimere Verbindung als ein Kuss, tiefer als eine Penetration. Es ist eine Gemeinschaft in der schwärzesten Wahrheit.Ich sehe sie meine Worte aufsaugen. Sie verbrennen sie von innen. Sie vergiften sie. Und sie nähren sie. Sie senkt den Blick, aber ein seltsames, kleines Lächeln, verdreht, schmerzhaft, irrt &
ReineEr schenkt sich Kaffee ein, völlig unbeirrt von der statischen Elektrizität, die die Luft knistern lässt. Er ist glücklich. Wirklich glücklich, uns hier zu finden, zusammen, in seiner Küche, am Beginn seines Tages. Diese unschuldige Freude ist die schlimmste Folter.Er setzt sich an den Tisch
ReineGabriels Worte kreisen in meinem Kopf, eine höllische Spirale. Ein taktischer Rückzug. Die Fundamente sind brüchig. Genieße deine Erleichterung. Das Gift der Erleichterung vermischt sich mit einer dumpfen Angst und erschafft einen schädlichen Cocktail, der im Rhythmus meines viel zu schnellen
ReineDas Pfeifen des Wasserkochers durchschneidet die flache Luft der Küche, ein zu schriller, zu gewöhnlicher Laut. Ich lege die Hand auf das heiße Metall der Kaffeekanne, suche eine konkrete Empfindung, um mich zu verankern. Etwas, das beweist, dass ich hier bin, jetzt. Stehend in meiner eigenen
ReineZwei Tage. Achtundvierzig Stunden eines prekären Friedens, in dem jeder Atemzug angehalten scheint, in dem jedes Geräusch im Haus mein Herz hüpfen lässt. Richard, glücklich, sorglos, schwebt in seiner Ahnungslosigkeit wie in einem warmen Bad. Ich dagegen bewege mich auf einem Hochseil, gespan