MasukLaurence
Die Straße ist ein lauter Tunnel, durch den ich treibe. Die Lichter der Schaufenster, die Autoscheinwerfer – alles verschmilzt zu einer klebrigen, bunten Spur. Mein Körper ist ein Schlachtfeld. Zwischen meinen Schenkeln das dumpfe, schuldige Pochen, anhaltend, feucht. In meiner Brust der Hass, kalt und scharf wie ein Skalpell. Und tief in meinem Schädel die Stimme von Damon, ruhig und endgültig, die im Echo skandiert: Die Fäulnis i
Ich trete ein, ohne anzuklopfen. Ich habe den Code für das Gebäude, die Wohnung, die Eingangstür behalten. Seit Jahren. Für den Fall. Für Notfälle. Für Momente wie diesen.Die Wohnung ist still. Ich gehe durch die Diele, das Wohnzimmer. Er steht vor der Glasfront, ein Glas Whiskey in der Hand. Er sieht Paris an. Er dreht sich nicht um.»Raphaël. Was für eine Überraschung.«Seine Stimme ist ruhig. Zu ruhig.»Spiel nicht den Blöden mit mir. Du hast sie gesehen.«»Ja.«»Was hast du ihr vorgeschlagen?«»Eine Stelle. Bei der Stiftung.«»Eine Stelle. Sonst nichts?«Endlich dreht er sich um. Er sieht mich an. Seine grauen Augen sind ausdruckslos. Er zeigt nichts. Niemals.»Was glaubst du?«»Ich glaube, du hast es ausgenutzt, mit ihr allein zu sein, um Druck
Seine Hand hört nicht auf. Seine Finger wandern meinen Hals hinab, streifen meinen Nacken, mein Schlüsselbein. Ich zucke zusammen. Ich halte den Atem an. Ich werde sterben.»Oder das hier?«Er öffnet den ersten Knopf meiner Bluse. Nur einen. Seine Finger berühren meine Haut, direkt über meinem Herzen. Brennend. Elektrisierend. Ich spüre, wie meine Brustwarze unter dem Stoff hart wird.»Oder das hier?«Er öffnet den zweiten Knopf. Seine Hand gleitet hinein, schiebt die Bluse zur Seite, streift die Spitze meines BHs. Sein Daumen streichelt den Ansatz meiner Brust, genau dort, wo die Haut am feinsten, am empfindlichsten ist.Ich sollte das hier beenden. Ich sollte aufstehen, gehen, fliehen. Das ist sein Büro. Das ist der Hauptsitz seiner Firma. Jeder kann hereinkommen. Das ist verrückt. Das ist gefährlich. Das ist …Ich kann nicht.Ich bin dort festgenagelt,
Dann eine Tür. Seine.Sie öffnet sich.Sein Büro.Gigantisch. Atemberaubend. Eine Glasfront auf ganz Paris, vom Arc de Triomphe bis zum Eiffelturm, von Montmartre bis Notre-Dame. Die Stadt liegt ihm zu Füßen. Ihm. Designermöbel, puristisch, kalt. Glas, Stahl, schwarzes Leder. Nichts steht über. Nichts ist ohne Absicht.Er steht vor der Glasfront, mit dem Rücken zu mir. Dunkler Anzug, perfekt geschnitten. Weißes Hemd, graue Krawatte. Keine Falte, kein Haar aus der Reihe. Er ist perfekt. Tadellos. Unerreichbar.Er dreht sich langsam um. Seine grauen Augen treffen meine.»Chloé. Komm rein. Setz dich.«Seine Stimme ist ruhig, gelassen, professionell. Aber seine Augen … seine Augen sagen etwas anderes. Sie wandern über mich von Kopf bis Fuß, verweilen auf meinen Beinen, auf meinen Lippen, auf meinen Brüsten unter der Bluse. Sie entkleiden
Dann sind sie beide da. Matthias hinter mir, Raphaël vor mir. Ihre Glieder gleichzeitig in mir. Ihre Münder auf mir. Ihre Hände überall.Es ist verboten. Es ist verrückt. Es ist genau das, was ich brauche. Was ich immer gebraucht habe, ohne es zu wissen.Ich bin zwischen ihnen. Ihre Wärme. Ihr Geruch. Ihre Liebe.Ich komme schreiend. Einmal. Zweimal. Ich weiß nicht mehr. Ich bin nur noch ein Gefühl, ein Schrei, ein Körper, der zwischen zwei Männern, die mich lieben, vor Lust explodiert.In meinem Bett, allein, komme ich wirklich. Mein Körper krümmt sich, meine Beine umschließen meine Hand, ich schreie ins Kissen. Lange. Heftig. Die Zuckungen wollen nicht enden, erschüttern meine Hüften, meine Schenkel, mein ganzes Sein.Danach liege ich da, zitternd, verschwitzt, mit Tränen in den Augen. Mein Herz schlägt so stark, dass ich glaube, es springt mir au
All die Jahre, in denen ich ihn als einen fernen Bruder sah, beeindruckend, unerreichbar, begehrte er mich. Während ich mein Leben lebte, anderswo liebte, mich anderen hingab, sah er mich aus der Ferne an, die Hände in die Taschen vergraben, um nicht die Arme nach mir auszustrecken.Ich denke an all die Male, wo er da war, still, präsent. An den Familienessen, wo er mir gegenübersaß. An die Sommer, wo er am Pool las, während ich schwamm. An die Weihnachten, wo er mir beim Auspacken meiner Geschenke zusah mit diesem halben Lächeln, das ich nicht verstand.Alles wird klar. Alles bekommt einen neuen Sinn.Ich räume die Fotos mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen weg, wie Reliquien. Ich weiß nicht, was ich damit tun werde. Aufbewahren? Matthias zeigen? Sie ihm zurückgeben und sagen »jetzt weiß ich es«?Die Nacht bricht herein. Ich habe nicht bemerkt, wie die Zeit verging. Dur
Die ersten Fotos sind dreißig Jahre alt. Matthias als Baby, in den Armen seiner Mutter. Eine Frau, die ich nicht kannte, starb, als er fünf war. Sie ist schön, brünett, mit denselben grauen Augen wie er. Matthias als Kind, mit einem Drachen an einem Strand, rennend, lachend, frei. Matthias als Jugendlicher, schon ernst, vor dem Herrenhaus stehend, mit einem Blick, der die Welt zu wägen scheint.Dann erscheint Raphaël. Jünger, anders. Seine hellen Augen, sein schüchternes Lächeln. Fotos von ihm in der Schule, am Strand, mit seiner ersten Staffelei. Ein Foto, auf dem er acht ist, voller Farbe, stolz wie ein König vor einer abstrakten Leinwand. Papa ist neben ihm, lächelnd. Ein Lächeln, das ich gut von ihm kenne.Ich blättere um, zu Tränen gerührt. Sie waren schöne Kinder. Sie sind zu prachtvollen Männern geworden. Und ich, wo war ich damals? Noch nicht geboren. Noch nicht in ihr Leben getreten.Je mehr ich durchwühle, desto näher kommen die Fotos der Gegenwart. Ich erkenne Sommer, Weihn
Gabriel Unsere Atemzüge vermischen sich wie zwei Flammen, die umeinander tanzen, heiß, unvorhersehbar. Ich spüre ihren Atem auf meinem Mund, sanft und leicht alkoholisch, ein Überrest des Rotweins, den wir früher geteilt hatten, als wir zu nah auf diesem abgenutzten Ledersofa saßen. Ihre Lippen st
REINEIch verschränke meine Handgelenke in der Kuhle meiner Nieren. Die Haltung wölbt meine Brust, macht mich noch gefälliger, noch abhängiger von seiner Kontrolle. Er legt eine Hand auf meinen Kopf, führt den Rhythmus. Ich bin seinem Willen ausgeliefert. Die Demütigung ist total, berauschend. Gedä
REINEDie Nachricht trifft mich wie ein Peitschenhieb, vibriert auf dem Bildschirm meines Telefons auf dem Schminktisch.Du hast fünf Minuten. Danach komme ich hoch. Und du weißt genau, was passiert, wenn ich dich holen muss.Gabriels Worte stehen schwarz auf weiß da, ohne Emoji, ohne Abschwächung
ReineEr schenkt sich Kaffee ein, völlig unbeirrt von der statischen Elektrizität, die die Luft knistern lässt. Er ist glücklich. Wirklich glücklich, uns hier zu finden, zusammen, in seiner Küche, am Beginn seines Tages. Diese unschuldige Freude ist die schlimmste Folter.Er setzt sich an den Tisch