LOGIN„Alles wieder gut?“ Ich drehte mich um. Julian ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf den freien Stuhl neben mir fallen. Er fuhr sich erschöpft durch die Haare und lockerte den Kragen seines schwarzen Hemdes. „Bei mir schon aber du siehst aus als ob du definitiv nicht mehr lange stehen könntest ohne einzuschlafen. Geht es dir gut Julian?“ Ich zog fragend eine Augenbraue hoch. „Für die nächsten fünf Minuten wahrscheinlich schon“, murmelte er. „Bis Markus wieder irgendeine spontane Idee hat.“ Ich musste unwillkürlich lachen. „Ist das bei jedem Auftritt so?“ Er sah mich kurz an und schmunzelte. „Nicht bei jedem.“ Er machte eine kleine Pause. „Manchmal ist es sogar schlimmer.“ „Das beruhigt mich jetzt irgendwie überhaupt nicht.“ Er lachte leise und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. „Mich auch nicht.“ „Warum lässt du es dir überhaupt gefallen?“ murmelte ich mehr zu mir selber. Für einen Moment schwiegen wir beide und beobachteten die Bühne. Markus
Dieser Abend war definitiv nicht das, was ich erwartet hatte. Aber eigentlich erwartete ich schon seit Langem gar nichts mehr. Das war wahrscheinlich auch gesünder so. Wer nichts erwartet, kann schließlich auch nicht enttäuscht werden. Julian war bis jetzt fast die ganze Zeit unterwegs gewesen. Ich wusste nicht genau, was seine eigentliche Aufgabe hier war. Aber anscheinend war er der Einzige, der dafür sorgte, dass Markus’ gesamter Auftritt überhaupt funktionierte. Mal schleppte er Lautsprecher durch die Gegend, dann verschwand er wieder hinter der Bühne. Kurz darauf stand er am Mischpult, sprach mit irgendeinem Mitarbeiter und war Sekunden später wieder auf dem Weg zur Bar. Ich fragte mich ernsthaft, wie ein einzelner Mensch gleichzeitig an fünf verschiedenen Orten sein konnte. Trotzdem kam er immer wieder kurz zu unserem Tisch. Und jedes Mal brachte er etwas mit. Mal zwei neue Getränke. Mal eine Portion Pommes, weil Mia behauptet hatte, sie würde verhungern. Ein anderes
Es war ein kleines Lokal. Eine Art Bar.Ich glaube, eigentlich war das hier eher ein Ort, an dem Stand-up-Comedians auftraten. Das würde zumindest besser passen als irgendein Nullachtfünfzehn-Sänger, der sich für den Besten hält.Was er definitiv nicht ist.Aber egal.Es muss mir ja nicht gefallen.Und das würde es auch ganz bestimmt niemals. Ich bin hier wegen Julian.…Das klang falsch.Ganz falsch.Ich bin nicht wegen ihm hier.Ich bin hier, weil es sonst zu langweilig geworden wäre und er einfach jemanden zum Reden dabeihaben wollte.Macht das mehr Sinn?Ach, ich habe schon längst keine Ahnung mehr.Es war wesentlich voller, als ich es für möglich gehalten hätte.Für einen kurzen Moment fing ich an mir Sorgen zu machen ob Sara wohl auch da sein würde. Aber ich versuchte ihn beiseite zu schieben. Selbst wenn. Soll sie doch. Kaum hatten wir das Lokal betreten, wurde Julian auch schon von mehreren Leuten begrüßt. Er schien hier wirklich jeden zu kennen.„Ich bin gleich wieder da“,
Julian hatte ich zugesagt. Warum auch nicht? Ich hatte doch sonst eh nichts zu tun. Ich stand vor dem Spiegel und überlegte, was ich anziehen sollte. Da war es schon wieder. Dieses komische Gefühl in mir. Sara hatte mir sonst immer gesagt, was mir stand und was nicht. Zumindest ihrer Meinung nach. Ich hatte es bei ihr auch getan. Aber an der Art und Weise, wie wir jeweils darauf reagiert hatten, konnte man einen deutlichen Unterschied erkennen. Wenn ich ihr sagte, dass ihr Hintern in einer Hose nicht gerade vorteilhaft aussah, war sie beleidigt und sauer. Sie trug die Sachen dann nicht mehr. Außer sie war ohne mich unterwegs. Dann trug sie ausgerechnet die Kleidung, bei der ich ihr ehrlich gesagt hatte, dass ich finde, sie steht ihr nicht. Wenn sie mir dagegen sagte: „Ich finde, das Kleid macht dich dick.“ Dann warf ich das Kleid ganz nach hinten in den Schrank. Ich war doch eh unsicher. Und da sie meine beste Freundin war, würde sie mich schließlich nicht anlügen.
Der ganze Abend – oder besser gesagt die halbe Nacht – fühlte sich an wie ein einziger Fiebertraum. Julian hatte kein einziges böses Wort über Sara verloren. Nicht einmal. Und trotzdem tat es weh. Sehr sogar. Denn ausgerechnet ein Mann, den ich erst seit einem Tag kannte, hörte mir besser zu als meine beste Freundin. Gleichzeitig fühlte es sich zum ersten Mal seit Langem gut an. Endlich hatte ich das Gefühl, dass mir jemand wirklich zuhörte. Nicht, um gleich etwas über sich selbst zu erzählen. Nicht, um mich zu unterbrechen. Sondern einfach nur, um zu verstehen. Unser Gespräch wurde gar nicht so tiefgründig. Es ging nicht darum, was ich ihm gestern Abend alles erzählt hatte. Und auch nicht darum, wie genau der Abend in der Bar geendet hatte. Stattdessen sprachen wir fast die ganze Zeit über Sara. Und über Markus. Zum ersten Mal verstand ich überhaupt, woher die beiden sich kannten. Julian erzählte mir, dass sie zusammen zur Schule gegangen waren und sich dort angefre
„…weil ich mich für dich interessiere.“ Seine Worte hallten noch immer in meinem Kopf nach. War ich seit gestern in irgendeinem Paralleluniversum gelandet, ohne es zu merken? Was zur Hölle war eigentlich passiert? Meine beste Freundin verlor sich immer mehr in einem Typen, der viel zu jung für sie war. Nicht nur das. Sie glaubte ihm inzwischen jedes einzelne Wort. Mir dagegen… Nicht einmal mehr das Offensichtliche. Schon verrückt. Über zehn Jahre Freundschaft schienen plötzlich weniger wert zu sein als die Aussagen eines selbstverliebten Möchtegern-Playboys. Und dann gab es da noch Julian. Dieser Mann war das reinste Rätsel. Er tauchte gestern Abend aus dem Nichts auf und gab mir einfach einen Cocktail aus. Er brachte mich nach Hause, nachdem ich völlig betrunken auf seiner Schulter eingeschlafen war. Er bezahlte meine Getränke. Gab mir seinen Hoodie, weil mir kalt war. Vergaß darin auch noch sein Portemonnaie. Und jetzt… Jetzt stand er mitten in







