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Kapitel 3

Author: Annie
last update publish date: 2026-07-20 01:02:23

Lillian kam zu spät.

Eine ganze Stunde des Arbeitstages war bereits vergangen, und noch immer war keine Spur von ihr zu sehen. Während ich an meinem Schreibtisch saß, bildete sich ein unangenehmer Knoten der Sorge in meinem Magen. Ich hatte sie nach dem chaotischen Vorfall im Club gestern Abend persönlich nach Hause gefahren und zugesehen, wie sie sicher durch ihre Haustür ging. Ich wusste also, dass es ihr gut ging. Doch sie ging nicht an ihr Telefon, und das war überhaupt nicht ihre Art.

Ich wäre selbst losgefahren, um nach ihr zu sehen, aber der Zeitpunkt hätte nicht ungünstiger sein können. Jeden Moment sollte der neue Firmeninhaber zu seiner offiziellen Vorstellung eintreffen. Als Leiterin der Personalabteilung konnte ich es mir schlicht nicht leisten, dieses Treffen zu verpassen.

Gerade als ich mein Handy zum zehnten Mal in die Hand nahm, um ihre Nummer zu wählen, schwang meine Bürotür auf und die Person, an die ich die ganze Zeit gedacht hatte, trat ein.

Lillian schlüpffte ins Büro. Sie sah blass und völlig erschöpft aus.

„Wo um alles in der Welt warst du?“, fragte ich und ließ die Luft aus meinen Lungen entweichen, ohne zu merken, dass ich sie die ganze Zeit angehalten hatte. „Du hast mir wirklich Sorgen gemacht.“

„Es tut mir so leid, Annie“, murmelte sie und verzog schmerzhaft das Gesicht, während sie die Tür hinter sich schloss. „Ich musste einfach noch ein bisschen zu Hause bleiben. Ich bin mit den schlimmsten Kopfschmerzen meines Lebens aufgewacht.“

„Hast du etwas dagegen genommen?“

„Ja. Ich habe vor dem Losgehen ein paar Schmerztabletten genommen. Hoffentlich wirken sie bald.“

Ich verschränkte die Arme und warf ihr meinen strengsten Chef-Blick zu.

„Das nächste Mal solltest du deinen Liebeskummer nicht mit Alkohol ertränken, wenn du weißt, dass du am nächsten Morgen arbeiten musst.“

Lillian salutierte schwach.

„Jawohl, Ma'am. Nachricht angekommen.“

Sie lehnte sich gegen meinen Schreibtisch.

„Also... freust du dich darauf, den neuen Chef kennenzulernen?“

„Weder du noch ich werden direkt unter ihm arbeiten“, sagte ich und ordnete einen Stapel Akten. „Warum freust du dich so sehr auf seine Ankunft?“

„Vor allem, weil ich es satt habe, das Gesicht dieses alten Mannes anzusehen“, gab sie zu und verdrehte die Augen, als sie vom ehemaligen Firmenbesitzer sprach. „Er ist nichts weiter als ein widerlicher, uralter Lustmolch.“

Ich schnappte erschrocken nach Luft und sah sofort zur Tür.

„Hey! Darf ich dich daran erinnern, dass wir im Büro sind? Diese Wände haben Ohren.“

Lillian winkte nur ab.

„Ach bitte. Was soll dieses alte Fossil mir jetzt noch antun?“

„Er könnte dich wegen Verleumdung verklagen, ein paar dubiose Typen anheuern, um dir eine Lektion zu erteilen, dich in der gesamten Branche auf die schwarze Liste setzen—“

„Okay, okay! Ich hab's verstanden!“, unterbrach sie mich und hob ergeben die Hände.

Ihr Blick wanderte durch mein Büro und blieb schließlich an der leeren Ecke meines Schreibtisches hängen.

„Hey... was ist eigentlich mit dem riesigen Blumenstrauß von gestern passiert?“

„Ich habe ihn weggeworfen.“

„Was?“ Ihr fiel förmlich die Kinnlade herunter.

„Lillian, du kannst doch nicht ernsthaft erwarten, dass ich einen riesigen romantischen Blumenstrauß in meinem Büro stehen lasse, nachdem ich gestern mit meinem Freund Schluss gemacht habe.“

Sie stöhnte laut auf.

„Zum tausendsten Mal, Annie! Diese Blumen waren nicht von Josh!“

„Wenn du meinst.“

Sie funkelte mich böse an.

„Ach übrigens“, sagte sie und presste sich die Hand gegen die Schläfe. „Was ist gestern Abend eigentlich passiert? Ich erinnere mich nur daran, dass ich nach Ethans Zurückweisung an der Bar getrunken habe... und dann bin ich heute Morgen plötzlich in meinem Bett aufgewacht.“

Mein Gesicht verdüsterte sich.

„Ethan ist mit seiner Freundin zurück in den Club gekommen, um dich zu belästigen. Aber keine Sorge. Ich habe mich darum gekümmert.“

Lillian runzelte verwirrt die Stirn.

„Warum sollte Ethan zurückkommen? Er hat doch gesagt, dass er einen Flug um Mitternacht hat und sich fertig machen muss.“

„Dann hat er eben gelogen“, sagte ich. „Erinnerst du dich wirklich an gar nichts?“

„Nicht das Geringste.“

Sie rückte näher.

„Also... wie genau hast du das geregelt?“

Ich lehnte mich zurück. Sofort spürte ich wieder das Phantomgefühl in meiner Handfläche.

Die Erinnerung war laut und chaotisch.

Ich war auf die überfüllte Tanzfläche gestürmt und hatte gesehen, wie ein großer Mann Lillians Arm festhielt.

Als ich sah, wie meine Freundin festgehalten wurde, kochte die Wut in mir hoch.

Klatsch.

Das Geräusch meiner Ohrfeige durchschnitt selbst die laute Musik.

Sein Kopf wurde heftig zur Seite geschleudert.

Die Frau neben ihm starrte mich mit offenem Mund an.

„Nur weil ihr euch gestritten habt, gibt dir das noch lange nicht das Recht, sie anzufassen!“, hatte ich ihn angefaucht, mich zwischen sie gestellt und die völlig betrunkene Lillian an meine Seite gezogen.

Als der Mann den Kopf langsam wieder hob und mich ansah, wirkten seine grauen Augen wie ein tobender Sturm.

Er war unfassbar attraktiv. Seine markanten aristokratischen Gesichtszüge kamen mir seltsam bekannt vor. Ich wusste nicht, woher ich ihn kannte, aber ich weigerte mich, mich einschüchtern zu lassen.

„Sie hat ihn zuerst angegriffen“, verteidigte die Frau ihn.

Das machte mich nur noch wütender.

„Das gibt ihm trotzdem nicht das Recht, ihr wehzutun“, erwiderte ich. „Ich weiß genau, was ich gesehen habe.“

Mein Blick fiel auf die Frau.

Es war dieselbe freundliche Dame, die mir im Café zuvor ein Taschentuch gegeben hatte.

„Und Ihnen würde ich dringend raten, diesen Mann zu verlassen, bevor Sie die Nächste sind, die er grob anfasst.“

Ich wartete ihre Antwort gar nicht erst ab.

Ich packte Lillian und zog sie aus dem Club. Ich rechnete fest damit, dass der Mann uns verfolgen würde.

Doch erstaunlicherweise tat er das nicht.

„Bist du sicher, dass das Ethan war?“, fragte Lillian und holte mich in die Gegenwart zurück.

„Absolut.“

„Er hat schließlich nicht einmal versucht, es abzustreiten.“

„Dann... danke“, sagte sie lächelnd. „Danke, dass du mich verteidigt hast.“

„Immer gern.“

„Du hast gesagt, dass du seine Freundin vorher schon im Café getroffen hast.“

Sie tippte nachdenklich gegen ihr Kinn.

„Wo ist eigentlich das Taschentuch, das sie dir gegeben hat?“

Ich öffnete die oberste Schublade meines Schreibtisches, holte das weiße Leinentuch heraus und schob es über den Tisch.

Lillian betrachtete den Stoff aufmerksam.

Plötzlich weiteten sich ihre Augen.

„Annie... schau mal! Hier ist ein Monogramm eingestickt.“

„Was steht da?“

„Ein X.“

Ich lachte nervös.

„Was denn? Jetzt stellt sogar der Blumenladen Taschentücher her?“

Lillian schlug sich gegen die Stirn.

„Mein Gott, Annie! Sei doch mal ernst! Das bedeutet, dass diese geheimnisvolle Frau irgendwie mit deinem heimlichen Verehrer verbunden ist! Die Blumenkarte war mit 'X' unterschrieben, und jetzt das hier!“

„Lillian“, stöhnte ich. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich keinen heimlichen Verehrer habe.“

„Warte! Ich zeige dir einfach ein Bild von Ethan und seiner Freundin.“

Sie begann hektisch, ihr Handy zu entsperren.

Noch bevor sie das Profil öffnen konnte, erklang ein lautes doppeltes Klopfen an der Tür.

„Herein“, rief ich.

Eine junge Mitarbeiterin steckte den Kopf herein.

„Frau Lin, der neue Eigentümer ist gerade angekommen. Das Führungsteam versammelt sich bereits in der Eingangshalle, um ihn zu begrüßen.“

„Danke. Wir kommen sofort.“

Ich richtete meinen Blazer und wandte mich an Lillian.

„Den Rest deiner Verschwörungstheorie können wir später besprechen. Jetzt ruft die Arbeit.“

„Na gut“, murmelte sie und steckte ihr Handy ein.

„Aber später musst du mir wirklich zuhören.“

„Wie du meinst.“

Die Eingangshalle war von einer angespannten Atmosphäre erfüllt.

Alle Abteilungsleiter und die wichtigsten Verwaltungsmitarbeiter standen in zwei ordentlichen Reihen und bildeten einen Weg bis zu den Glastüren.

Da Lillian und ich in letzter Sekunde angekommen waren, standen wir ganz hinten.

Von meinem Platz aus konnte ich zunächst nur eine Gruppe von Männern erkennen, die jemanden umringten.

Zuerst erschien unser derzeitiger Geschäftsführer, begleitet vom ehemaligen Firmeninhaber, der völlig niedergeschlagen wirkte.

Dann folgten mehrere elegant gekleidete Männer.

Doch keiner von ihnen war die Person, auf die alle warteten.

Erst als sich die Menge teilte, trat der neue Eigentümer ins Licht.

Mein Herz blieb augenblicklich stehen.

Ich kannte dieses Gesicht.

Und zwar erschreckend gut.

Vor allem, weil sich auf seiner linken Wange noch immer deutlich der rote Abdruck meiner Hand befand.

Es war der Mann aus dem Club.

Eine Welle des Entsetzens durchfuhr mich.

Ich war erledigt.

Ich hatte einem Multimilliardär, der nun die gesamte Firma besaß, unwissentlich eine Ohrfeige verpasst.

Würde er mich sofort feuern?

Nein.

Ich ballte hinter meinem Rücken die Fäuste.

Reiß dich zusammen, Annie.

Du bereust nichts.

Du hast Lillian beschützt.

Ich warf Lillian einen Blick zu.

Ich hatte erwartet, dass sie beim Anblick des Mannes, der ihr das Herz gebrochen hatte, geschockt sein würde.

Doch stattdessen starrte sie ihn nur mit großen Augen an.

Der Geschäftsführer führte den neuen Eigentümer langsam die Reihe entlang und stellte ihm jeden einzelnen leitenden Mitarbeiter vor.

Mit jedem Schritt, den sie näher kamen, schlug mein Herz heftiger.

Dann fiel schließlich der Schatten seines großen Körpers über mich.

„Ich...“

Ich wollte ihn begrüßen.

„Miss Lin.“

Er unterbrach mich.

Seine tiefe, samtige Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken.

Er wusste genau, wer ich war.

Langsam streckte er mir die Hand entgegen.

Seine sturmgrauen Augen hielten meinen Blick fest.

Ich erstarrte.

„Miss Lin“, räusperte sich der Geschäftsführer neben ihm und warf mir einen warnenden Blick zu.

Erst da bemerkte ich, dass ich den mächtigsten Mann im Gebäude mit ausgestreckter Hand hatte warten lassen.

Zögernd legte ich meine zitternde Hand in seine.

Sein Griff war fest und umschloss meine Hand vollständig.

Obwohl er so kalt wirkte, war seine Hand überraschend warm.

Seine eisgrauen Augen ruhten noch einen Moment auf meinem Gesicht.

Dann ließ er meine Hand los und ging weiter.

Als die Vorstellungsrunde beendet war und die Gruppe sich Richtung Aufzug bewegte, fiel die Last von meiner Brust.

Endlich konnte ich wieder atmen.

Ich eilte beinahe zurück in mein Büro.

Lillian folgte mir.

Kaum war die Tür geschlossen, sank ich erschöpft in meinen Stuhl.

„Lillian... geht es dir gut?“, fragte ich besorgt. „Soll ich dir bezahlten Sonderurlaub genehmigen? Ich kann mir vorstellen, wie schwer es sein muss, ihn wiederzusehen.“

Lillian schüttelte langsam den Kopf.

Ein Ausdruck ehrfürchtiger Bewunderung lag auf ihrem Gesicht.

„Verdammt“, flüsterte sie. „Das ist vielleicht ein unglaublich attraktiver Mann.“

Ich blinzelte verwirrt.

„Was?“

„Hast du gesehen, wie er dich angesehen hat? Als wollte er dich mit Haut und Haaren verschlingen. Und du warst die Einzige, der er persönlich die Hand geben wollte. Annie... ich rieche hier eine Liebesgeschichte.“

Ich starrte sie sprachlos an.

Wovon redete sie überhaupt?

War sie nicht eben noch unsterblich in ihren Schwarm aus dem Fitnessstudio verliebt gewesen?

„Ich frage mich nur, welche verrückte Frau ihm diesen wunderschönen roten Handabdruck ins Gesicht verpasst hat“, murmelte sie weiter.

Mein ganzer Körper erstarrte.

„Lillian...“

„Hm?“

„Bitte... bitte sag mir, dass dieser Mann Ethan war.“

Ich schloss die Augen und betete innerlich, dass sie Ja sagen würde.

Sie runzelte die Stirn.

„Was? Nein! Das war nicht Ethan.“

„Doch!“, beharrte ich verzweifelt. „Denk doch nach! Erinnerst du dich an gestern Abend?“

„Nein.“

Sie schüttelte energisch den Kopf.

„Ethan ist viel kleiner, hat blondierte Haare und leuchtend grüne Augen. Die beiden sehen sich überhaupt nicht ähnlich.“

„Oh Gott...“

Mir wurde schlagartig übel.

„Annie? Was ist los? Warum siehst du aus, als hättest du einen Geist gesehen?“

„Mein Leben ist vorbei.“

Ich vergrub mein Gesicht in den Händen.

„Ich bin so was von erledigt.“

Noch bevor Lillian weiter nachfragen konnte, klopfte es fest an die Tür.

„Herein“, brachte ich mühsam hervor.

Die Tür öffnete sich.

Der persönliche Assistent des Geschäftsführers trat ein.

Sein Gesichtsausdruck war ernst.

„Miss Lin, Mr. Black bittet Sie umgehend in sein Büro.“

Lillians Augen wurden groß.

„Mr. Black? Wer ist das denn?“

„Der neue Eigentümer“, antwortete der Assistent.

Langsam erhob ich mich.

Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding.

Ich sah Lillian an.

„Ich bin... wirklich, wirklich erledigt.“

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