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Kapitel 2

Author: Annie
last update publish date: 2026-07-20 01:01:11

Lillian stürmte in mein Büro und durchbrach die erdrückende Stille. „Das Dokument, um das Sie gebeten haben, ist fertig“, verkündete sie mit heller Stimme.

Mitten im Schritt blieb sie stehen. Ihr Blick fiel auf mein Gesicht, und die Unterlagen in ihrer Hand sanken langsam herab, als sich ihr Ausdruck sofort mit Besorgnis füllte. „Was ist passiert?“, fragte sie leise.

Ich brauchte keinen Spiegel, um zu wissen, dass meine Augen geschwollen und gerötet waren. Es war offensichtlich, dass ich geweint hatte. Ich holte tief Luft und versuchte, den Kloß in meinem Hals loszuwerden. „Ich... ich habe mit Josh Schluss gemacht.“

Lillian erstarrte. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich, wie ein triumphierendes Lächeln auf ihren Lippen erscheinen wollte, doch sie biss es entschlossen zurück und setzte stattdessen eine mitfühlende Miene auf. „Das... das tut mir so leid.“

Sie eilte zu mir und zog mich in eine feste, warme Umarmung. Ich musste mir nichts vormachen – ich brauchte diese Umarmung mehr als alles andere.

„Warum so plötzlich?“, fragte sie sanft, als sie sich ein Stück zurückzog, um mich neugierig anzusehen.

„Er hat mich nur herbestellt, damit er mich anschreien konnte“, sagte ich, während sich die Traurigkeit in meiner Brust in glühende Wut verwandelte. „Er hat mich als Unglücksbringer bezeichnet, Lillian. Er meinte, ich hätte ihm nur Pech gebracht, und dann hatte er auch noch die Dreistigkeit, meinem Vater die Schuld an seiner zerstörten Karriere zu geben. Kannst du das glauben?“

„Was für ein absoluter Idiot!“, zischte Lillian, ihre Augen funkelten vor Wut. „Wie kann er es wagen, dir die Schuld für sein eigenes Versagen zu geben?“

„Er hat all die Jahre unserer Freundschaft und unsere gesamte einjährige Beziehung einfach bedeutungslos gemacht.“

„Ehrlich gesagt habe ich nie verstanden, warum du ihn überhaupt ausgehalten hast“, sagte Lillian und schüttelte den Kopf. „Er war immer eifersüchtig auf dich und hatte eine viel zu spitze Zunge. Er hat sich ständig so benommen, als würde sich die ganze Welt nur um ihn drehen.“

Ein leises Lachen entkam meinen Lippen. „Er war nicht immer so.“

„Du musst ihn nicht mehr verteidigen, Annie. Du hast mit ihm Schluss gemacht, schon vergessen?“

„Ich weiß, ich weiß. Tut mir leid“, sagte ich und lachte leise.

Mein Blick glitt über ihre Schulter hinweg zu dem riesigen Pfingstrosenstrauß auf der Ecke meines Schreibtisches. Eine seltsame, stille Ruhe überkam mich. In diesem Moment wurde mir klar, dass die Tränen im Café nicht nur wegen des Herzschmerzes geflossen waren. Sie waren vor allem Ausdruck der Erschöpfung, weil ich so lange versucht hatte, den Schatten einer längst zerbrochenen Beziehung zusammenzuhalten.

Die Wahrheit war, dass ich den Glauben an Josh schon vor Monaten verloren hatte. Unzählige schlaflose Nächte hatte ich damit verbracht, seine distanzierten Nachrichten, seine versteckten Beleidigungen und das Gefühl zu analysieren, niemals gut genug zu sein.

Tief in meinem Inneren hatte ich das Ende unserer Beziehung längst akzeptiert. Ich war nur noch nicht bereit gewesen, es mir selbst einzugestehen. Ich musste Josh in die Augen sehen und seine schlimmste Seite erleben, um endlich aufzuwachen. Seine Grausamkeit heute war nur der letzte Stoß, den ich brauchte, um zu erkennen, dass ich längst frei war.

„Also...“, durchbrach Lillians Stimme meine Gedanken und holte mich zurück in die Gegenwart. „Wie feiern wir das?“

Verwirrt zog ich die Augenbrauen zusammen. „Was feiern?“

„Deine Freiheit natürlich!“, quietschte sie begeistert und klatschte in die Hände. „Du bist offiziell wieder zu haben!“

„Ich passe“, seufzte ich und lehnte mich in meinem Stuhl zurück.

„Ach komm schon, sei keine Spaßbremse. Das wird richtig lustig!“, sang sie beinahe und beugte sich mit einem flehenden Blick über meinen Schreibtisch.

Ich verdrehte die Augen. „Ganz bestimmt.“

Eine Sache war bei Lillian immer sicher: Ihre Vorstellung von Spaß stimmte niemals mit meiner überein.

„Bitte?“ Sie zog einen Schmollmund und legte die Hände auf die Knie, als wolle sie sich gleich vor mir auf den Boden werfen und betteln.

Ich seufzte tief. „Sei ehrlich zu mir. Es geht dir gar nicht darum, mich aufzumuntern, oder? Du brauchst einfach nur jemanden, der dich begleitet.“

Lillians Augen wurden riesengroß. „Sag das doch nicht so! Das lässt mich total egoistisch klingen.“

„Hab ich's mir doch gedacht“, sagte ich trocken. „Also los. Was ist wirklich los?“

Eine tiefe Röte überzog ihre Wangen. „Der Typ, von dem ich dir erzählt habe. Ethan.“

„Ethan? Der aus deinem Fitnessstudio?“

„Ja“, bestätigte sie mit aufgeregtem Flüstern. „Er hat mich eingeladen, heute Abend mit ihm in einen Club zu gehen.“

„In einen Club? Auf gar keinen Fall.“ Ich schüttelte sofort den Kopf. „Mein Vater bringt mich um, wenn er das herausfindet. Außerdem klingt Tanzen in einem überfüllten, verschwitzten Raum voller Fremder unglaublich langweilig.“

Lillian verschränkte die Arme. „Sagt das Mädchen, das freiwillig drei ganze Tage durch die Wildnis gewandert ist.“

„Das war etwas anderes. Das hat Spaß gemacht.“

„Wie auch immer, Annie. Aber bitte.“

„Ich komme nicht.“

„Na schön“, schnaubte Lillian dramatisch. „Wenn du nicht mitkommst, kündige ich morgen, und dann musst du dir eine neue Assistentin suchen, die deine Launen erträgt.“

Ich deutete gelassen auf die Tür. „In Ordnung. Du kannst deine Kündigung bis fünf Uhr einreichen.“

„Was? Du willst mich nicht einmal bitten zu bleiben? Was bist du denn für eine herzlose Chefin?“

„Die Sorte, die sich von billiger Erpressung nicht beeindrucken lässt.“

„Na gut! Wenn du nicht mitkommst, gehe ich eben allein.“ Sie stampfte mit dem Fuß auf den Teppich und marschierte zur Tür.

Schweigend wartete ich und zählte die Sekunden, bis ihre Hand den Türgriff umfasste.

„Um wie viel Uhr soll ich fertig sein?“, fragte ich.

Langsam drehte sich Lillian um. Ein breites Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Zehn Uhr wäre perfekt.“

„Alles klar. Jetzt verschwinde aus meinem Büro.“

Ich hatte nicht nachgegeben, weil ich plötzlich Lust aufs Feiern hatte. Ich tat es, weil sich ein kalter Knoten der Sorge in meinem Magen bildete. Lillian hatte absolut kein Gespür dafür, wie man sich in der Öffentlichkeit benimmt, sobald sie zu viel getrunken hatte, und ich vertraute diesem geheimnisvollen Ethan nicht genug, um sie allein mit ihm zu lassen. Ich kannte ihn nur aus ihren endlosen Geschichten und hatte keine Ahnung, welche Absichten er wirklich hatte.

Ich hoffte nur, dass ich nicht vor Mitternacht vor Langeweile sterben würde.

…

Wegen eines unerwarteten Berges an Monatsberichten musste ich Lillian direkt im Club treffen, statt gemeinsam mit ihr hinzufahren. Als ich schließlich vor dem Club parkte, zeigte die Uhr im Armaturenbrett längst nach Mitternacht.

Als ich ausstieg, überkam mich in der dunklen Gasse vor dem Club sofort ein unheimliches Gefühl. Der Bass aus dem Inneren ließ den Boden unter meinen Absätzen vibrieren.

Plötzlich durchschnitt ein lautes Pfeifen die Nacht.

Ich drehte den Kopf in die Richtung des Geräuschs und erstarrte augenblicklich. Drei zwielichtig aussehende Männer lehnten an einer Backsteinmauer und musterten mich schamlos. Ein Schauder lief mir über den Rücken.

„Komm her, Süße“, murmelte der Mann in der Mitte und trat einen Schritt auf mich zu. Er war eindeutig der Anführer der kleinen Gruppe.

„Nicht mal in deinen kühnsten Träumen, Kleiner“, rief ich zurück.

Noch bevor er richtig begriff, was ich gesagt hatte, drehte ich mich um und sprintete durch die Eingangstür des Clubs hinein in die schützende Menge. Heute war ganz sicher nicht der Tag, an dem ich mich von drei hässlichen Kerlen in einer Gasse belästigen lassen würde.

Zum Glück hatte Lillian mir ihren genauen Standort geschickt, sodass ich mich trotz der blinkenden Lichter und der vollen Tanzfläche schnell zurechtfand. Als ich sie schließlich in einer Sitzecke nahe der Bar entdeckte, sank mir das Herz.

Sie weinte hemmungslos. Noch schlimmer als ich heute Morgen.

Sofort überkam mich eine Welle der Sorge. Hatte dieser Ethan ihr etwas angetan? Schnell setzte ich mich neben sie. Kaum bemerkte sie mich, brach sie erneut in lautes Schluchzen aus und nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas. Schon am beißenden Geruch erkannte ich, dass es hochprozentiger Alkohol war.

„Was ist passiert?“, fragte ich besorgt und strich beruhigend über ihren Rücken. „Und wo um alles in der Welt ist Ethan?“

„Er... er ist gegangen“, schluchzte sie.

„Ich schätze, dein Traumdate ist nicht ganz so gelaufen wie geplant.“

Lillian nickte traurig. Es war äußerst selten, sie so am Boden zerstört zu sehen. Das bedeutete wohl, dass sie sich wirklich in ihn verliebt hatte.

„Möchtest du darüber reden?“

„Er hat gesagt... dass er mich nicht so sieht“, jammerte sie und wischte sich die Nase. „Er meinte, ich wäre wie eine Schwester für ihn. Und dann hat er auch noch seine Freundin mitgebracht!“

Ich blinzelte verblüfft. „Moment mal. Willst du mir sagen, dass du die ganze Zeit mit einem vergebenen Mann geflirtet hast?“

„Ich wusste das doch nicht!“, rief sie verzweifelt. „Er hat mir so viele Signale geschickt, Annie. Ich war mir sicher, dass er mich mag.“

„Das tut mir wirklich leid, Lil“, seufzte ich und zog sie näher an mich. „Komm, wir verschwinden von hier und suchen eine Eisdiele. Dann können wir gemeinsam unseren Liebeskummer mit Eis ertränken und uns über unser schreckliches Glück in der Liebe beschweren.“

„Nein“, sagte sie stur und stellte ihr leeres Glas mit einem Knall auf den klebrigen Tisch. „Ich will tanzen.“

„Du kannst auch in deinem Wohnzimmer tanzen.“

„Ich habe Nein gesagt!“ Sie zeigte mit einem zitternden, leicht unkoordinierten Finger auf mich. „Sei keine Spaßbremse, Boss.“ Sie war völlig betrunken.

Ich seufzte. Mit einer Betrunkenen zu diskutieren war völlig sinnlos. „Du bekommst genau fünf Minuten auf der Tanzfläche. Danach gehen wir. Abgemacht?“

„Juhu!“ Sie klatschte begeistert in die Hände und taumelte Richtung Tanzfläche.

Jedes Mal, wenn Lillian trank, fühlte ich mich weniger wie ihre Freundin und mehr wie eine erschöpfte Mutter, die einem Kleinkind hinterherlief. Apropos hilflose Geschöpfe – ich fragte mich plötzlich, wie es meinem Kater allein zu Hause ging. Wenigstens trank er keinen Tequila.

Plötzlich durchschnitt ein schmerzerfüllter Schrei die laute Musik.

Sofort schrillten bei mir alle Alarmglocken. Ich sprang aus der Sitzecke auf und ließ den Blick über die tanzende Menge schweifen. Ich hätte sie keine einzige Sekunde unbeaufsichtigt lassen dürfen.

Nur wenige Meter entfernt hielt ein außergewöhnlich großer Mann Lillian am Arm fest. Neben ihm stand eine Frau und beobachtete die Szene. Sein Griff sah so fest aus, dass er garantiert blaue Flecken hinterlassen würde.

Blinde Wut schoss durch meine Adern. Das musste Ethan sein – zusammen mit seiner Freundin. Wie konnte er es wagen, zurückzukommen und meine Freundin anzufassen?

Ich stapfte entschlossen auf sie zu. Die Menge wich meinem wütenden Blick aus. Als ich näher kam, schoss mir kurz ein Gedanke durch den Kopf: Die Frau an seiner Seite kam mir seltsam bekannt vor. Sie sah aus wie die Dame, die mir heute im Café das Taschentuch gegeben hatte. Doch ich hatte keinen Nerv, darüber nachzudenken.

„Hey!“, rief ich laut, als ich sie erreichte. „Nimm sofort deine Hände von meiner Freundin.“

Und angetrieben von all der Frustration, dem Herzschmerz und der kochenden Wut in mir...

gab ich ihm eine schallende Ohrfeige.

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