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Kapitel 4

Author: Annie
last update publish date: 2026-07-20 01:03:47

„Wird er mich feuern? Wird er mich wegen Körperverletzung verklagen? Was, wenn hinter dieser Tür schon das Sicherheitsteam oder sogar echte Polizisten darauf warten, mich in Handschellen abzuführen?“

Ein schreckliches Szenario nach dem anderen schoss mir durch den Kopf, jedes schlimmer als das vorherige. Ich kniff die Augen fest zusammen und presste die Hände unter meinem Kinn aneinander.

Oh Gott... bitte rette mich nur dieses eine Mal.

Im Moment standen nur eine raumhohe Glaswand und eine schwere Mahagonitür zwischen mir und meinem sicheren Untergang.

Plötzlich wurde die Architektur des Flurs zum faszinierendsten Anblick der Welt. Ich starrte angestrengt auf die Maserung des Holzes, als könnte ich den ganzen Tag damit verbringen, die Einrichtung zu bewundern. Alles – wirklich alles –, nur um diesen Türgriff nicht herunterdrücken zu müssen.

„Miss Lin, gehen Sie nicht hinein?“

Der Mitarbeiter, der mich aus der Lobby heraufbegleitet hatte, riss mich aus meiner Trance.

Ich fuhr herum und zwang mir ein falsches Lächeln aufs Gesicht.

„Geben Sie mir nur eine Minute. Ich muss meine Notizen noch einmal durchgehen. Gehen Sie ruhig schon vor.“

„Na gut“, sagte er achselzuckend und richtete seine Krawatte. „Meine Aufgabe ist hier erledigt. Ich gehe dann wieder.“

„Warten Sie!“, zischte ich und sprang nach vorn, um seinen Ärmel zu packen, bevor er einen Schritt machen konnte. „Sie wollen mich doch nicht ernsthaft allein da hineingehen lassen, oder?“

Er blinzelte und blickte auf meine Hand, die seinen Ärmel umklammerte.

„Mr. Black hat ausdrücklich nach Ihnen verlangt, Miss Lin. Nicht nach Ihnen und mir.“

„Das spielt doch keine Rolle“, flehte ich mit gesenkter Stimme. „Sie können trotzdem hierbleiben. Stellen Sie sich einfach neben mich. Das kann man doch für eine Kollegin tun, oder? Gemeinsam sind wir stärker!“

Langsam löste er meine Finger von seinem Ärmel und sah mich mit einer Mischung aus Verwirrung und leichter Besorgnis an.

„Verzeihen Sie, Miss Lin... sind wir uns überhaupt so nahe?“

Ein peinliches Lachen entwich mir.

„Ha... ha... guter Witz. Wirklich urkomisch.“

Er betrachtete mich, als hätte ich völlig den Verstand verloren.

„Entschuldigen Sie mich. Ich habe tatsächlich Arbeit zu erledigen.“

Nach einer steifen Verbeugung machte er sich beinahe im Laufschritt auf den Weg zu den Aufzügen.

„Na super“, murmelte ich. „Jetzt bin ich völlig auf mich allein gestellt.“

Ich drehte mich wieder zur Tür um.

Die nächsten zwanzig Minuten lief ich rastlos auf und ab und versuchte verzweifelt, eine Rede zu formulieren, die meine Karriere retten konnte. Das Klacken meiner Absätze hallte durch den Flur, meine Füße schmerzten bereits, doch das Adrenalin in meinen Adern ließ mich nicht stillstehen.

Option A:

„Es tut mir unendlich leid, Mr. Black. Ich habe Sie im Dunkeln mit jemand anderem verwechselt.“

Nein... zu beiläufig.

Option B:

Ich gehe auf ein Knie und rufe:

„Es tut mir leid, Sir! Bitte verzeihen Sie Ihrer demütigen Dienerin!“

Nein. Viel zu dramatisch.

Option C:

„Es tut mir leid, Sir. Ich werde sofort kündigen und Ihnen nie wieder unter die Augen treten.“

Ich blieb stehen und kaute auf meiner Unterlippe.

Sollte ich einfach verschwinden?

Vielleicht gehe ich einfach zurück an meinen Schreibtisch. Vielleicht wird er mit milliardenschweren Geschäften beschäftigt sein und vergessen, dass er überhaupt nach mir geschickt hat.

Nein.

Ich konnte nicht ewig vor Angst davonlaufen.

Mein Vater hatte eine Kämpferin erzogen, keine Feigling.

Und außerdem...

Falls die Sache wirklich hässlich werden sollte, hatte ich keine Angst davor, den Einfluss meiner Familie einzusetzen. Niemand legte sich in dieser Stadt mit der Familie Lin an und kam ungestraft davon.

Mit neu gewonnenem Mut griff ich nach der Türklinke, öffnete die Tür und marschierte entschlossen hinein – fest entschlossen, ihm die Meinung zu sagen, falls er versuchen sollte, seine Macht auszuspielen.

Doch in dem Moment, als mein Blick auf ihn fiel, blieb mir die Luft weg.

Er saß hinter einem luxuriösen Schreibtisch in einem hohen Ledersessel.

Er wirkte wie ein erbarmungsloser König auf seinem Thron.

Sein Kopf ruhte leicht gegen die Rückenlehne. Seine langen dunklen Wimpern zeichneten sich auf seinen Wangenknochen ab.

Seine Augen waren geschlossen.

Ein verschmitztes Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus.

Perfekt.

Was für eine großartige Gelegenheit.

Ich konnte einfach behaupten, ich hätte ihn nicht beim Schlafen stören wollen, wieder hinausgehen, zurück in mein Büro verschwinden und später sagen, ich hätte versucht, ihn zu wecken.

Ich drehte mich sofort zur Tür.

Doch als mein Blick auf die Glaswand fiel, erstarrte ich.

Sie war keine gewöhnliche Trennwand.

Von außen war das Glas stark getönt.

Von innen jedoch vollkommen durchsichtig.

Ein kalter Schweißfilm bildete sich auf meinem Nacken.

Das bedeutete...

Falls Mr. Black in den letzten zwanzig Minuten auch nur einen Augenblick wach gewesen war, hatte er einen Logenplatz gehabt.

Er hatte gesehen, wie ich nervös auf und ab lief.

Wie ich wild gestikulierte.

Wie ich Selbstgespräche führte.

Er musste mich für vollkommen verrückt halten.

Schon gut.

Er schläft.

Zum Glück schläft er.

flüsterte ich mir selbst zu.

Vorsichtig begann ich auf Zehenspitzen zur Tür zurückzuschleichen.

Gerade als meine Finger den kalten Türgriff berührten—

„Setzen Sie sich.“

Seine tiefe Stimme durchschnitt die Stille.

Mein Rücken versteifte sich augenblicklich.

Dieser Befehl fühlte sich wie ein Zauber an.

Wie ferngesteuert drehte ich mich um, ging langsam auf den Schreibtisch zu und setzte mich auf den Stuhl ihm gegenüber.

Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich glaubte, es würde gleich explodieren.

Ich verschränkte meine Hände fest im Schoß, damit er nicht sah, wie sehr sie zitterten.

Er hatte also nur so getan, als würde er schlafen.

Natürlich.

Er hatte meinen gesamten Nervenzusammenbruch durch die Glasscheibe beobachtet.

Von Anfang bis Ende.

Mr. Black sagte kein Wort darüber.

Er sah mich nicht einmal an.

Stattdessen klappte er seinen Laptop auf und begann zu tippen.

Das aggressive Klappern der Tastatur erfüllte die bedrückende Stille.

Ich wagte kaum zu atmen.

Fünfzehn endlose Minuten vergingen.

Dann klappte er den Laptop zu.

Er lehnte sich leicht nach vorne.

Seine sturmgrauen Augen trafen meine.

„Miss—“

„Mein Vater hat Beziehungen, und ich habe keine Angst, sie einzusetzen!“, platzte ich heraus.

Die Worte schossen aus meinem Mund, bevor mein Gehirn sie aufhalten konnte.

Seine dunklen Augenbrauen zogen sich augenblicklich zusammen.

Verwirrung spiegelte sich auf seinem Gesicht.

Sobald meine Worte verklungen waren, schlug ich mir entsetzt die Hand vor den Mund.

Was stimmt eigentlich nicht mit mir?!

Das sollte eine elegante Entschuldigung werden!

Eigentlich hatte ich sagen wollen:

„Es tut mir schrecklich leid für die Unannehmlichkeiten von gestern Abend, Sir. Ich habe Sie mit jemand anderem verwechselt.“

In diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass sich der Boden unter mir auftat und mich verschlang.

Ich hätte liebend gern den Rest meines Lebens tief in der Erdkruste verbracht, wenn ich diesem Raum dadurch entkommen könnte.

Ich holte zitternd Luft und senkte den Kopf.

„Ich werde morgen früh als Erstes meine Kündigung einreichen.“

Meine Stimme brach.

Ich konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen.

„Das wird nicht nötig sein“, erwiderte er mit eisiger Ruhe.

„Dann... was kann ich tun, um meine Schuld wiedergutzumachen?“

„Sehen Sie Menschen grundsätzlich nicht in die Augen, wenn Sie mit ihnen sprechen, Miss Lin?“

„Nein... so ist das nicht.“

Ich starrte weiter auf meine Hände.

Meine Augen begannen zu brennen.

Verzweifelt blinzelte ich gegen die Tränen an.

Ich hatte versucht, stark zu wirken.

Mich hinter dem Namen meiner Familie zu verstecken.

Doch die Wahrheit war...

Ich hatte panische Angst.

Wenn ich diese Stelle verlor, würde mein Vater mich sofort nach Hause zurückholen und mir jede Freiheit nehmen.

Dieser Job war mein Beweis gewesen, dass ich aus eigener Kraft bestehen konnte.

Alles, wofür ich jahrelang gearbeitet hatte, drohte gerade zu zerbrechen.

Wenn ich diesen Tag noch mit meinem Job überstehe, dachte ich verzweifelt, rufe ich sofort meinen Bruder an und sage ihm, dass ich ihn liebe.

Plötzlich raschelte Stoff.

Schwere Schritte näherten sich.

Oh nein...

Mein Herz zog sich zusammen.

War er aufgestanden?

Kam er auf mich zu?

Noch bevor ich reagieren konnte, schob sich eine warme, große Hand sanft unter mein Kinn.

Mit erstaunlicher Vorsicht hob er mein Gesicht an.

In dem Moment, als sich unsere Blicke trafen...

brach mein letzter Widerstand.

Die Tränen, die ich so verzweifelt zurückgehalten hatte, liefen unaufhaltsam über meine Wangen.

Mr. Blacks Gesichtsausdruck wurde augenblicklich weich.

Ein intensiver Schmerz huschte über seine Züge.

Doch nur einen Wimpernschlag später verwandelte sich dieser Ausdruck in furchteinflößende Wut.

„Wer hat Sie zum Weinen gebracht?“, fragte er mit gefährlich ruhiger Stimme.

„Nennen Sie mir sofort seinen Namen.“

„Ich werde ihn das Zehnfache dafür bezahlen lassen.“

Sein Blick schoss durch das Büro.

Sein Kiefer spannte sich so fest an, dass die Muskeln hervortraten.

Er wirkte wie ein uralter Kriegsherr auf der Suche nach einer Waffe.

Ich konnte nur den Kopf schütteln.

Ein hässliches Schluchzen entrang sich meiner Kehle.

„War es der Mann draußen im Flur?“, knurrte Mr. Black.

Seine Hand unter meinem Kinn blieb erstaunlich sanft.

„Er hat viel zu lange mit Ihnen gesprochen.“

„Ich wusste in dem Moment, als ich ihn sah, dass er verschwinden musste.“

Die Adern an seinem Hals traten deutlich hervor.

Doch meine größte Sorge galt nicht seiner Wut.

Sondern der Tatsache...

dass er gerade bestätigt hatte, meinen kompletten Nervenzusammenbruch draußen beobachtet zu haben.

Die Scham traf mich wie eine riesige Welle.

Noch mehr Tränen brachen hervor.

Ich wusste gar nicht, dass ein Mensch überhaupt so viel weinen konnte.

„Warten Sie hier.“

Seine Augen funkelten vor tödlicher Entschlossenheit.

„Ich werde mich persönlich um ihn kümmern.“

Er ist unschuldig!

Der eigentliche Schuldige sind Sie!

Mr. Black machte sich mit großen Schritten auf den Weg zur Tür.

An seiner Körpersprache erkannte ich sofort, dass der arme Mitarbeiter draußen gleich vernichtet werden würde.

Panik überkam mich.

Ich sprang auf.

Meine Absätze rutschten über den Boden, während ich ihm hinterherlief.

Kurz bevor seine Hand den Türgriff erreichte, stürzte ich mich nach vorn, packte seine große Hand mit beiden Händen und zog mit aller Kraft daran.

In genau diesem Moment passierte etwas absolut Grauenhaftes.

Durch die plötzliche Anspannung meiner Gesichtsmuskeln – oder vielleicht einfach durch die Wucht, mit der ich zog – schoss eine peinlich große Menge Nasenschleim aus meiner Nase.

Und weil ich mit aller Kraft versucht hatte, einen Mann zurückzuziehen, der beinahe doppelt so groß war wie ich, stolperte Mr. Black rückwärts direkt gegen mich.

Mein Gesicht prallte mitten gegen seine Brust.

Direkt auf sein teures Jackett.

Zusammen mit dem gesamten feuchten Inhalt meiner Nase.

Ich erstarrte.

Könnte bitte einfach jemand abdrücken und mich auf der Stelle erschießen?

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