로그인KAPITEL 2
ROWAN Dante Varyn sieht mich an, als wäre ich Dreck unter seinem Stiefel. Nicht genervt. Nicht beleidigt. Nicht schockiert. Nein – er sieht mich an, als hätte das Universum ihm persönlich Müll vor die Füße geliefert und ihn dann gebeten, dieselbe Luft wie dieser Müll zu atmen. Sein Kiefer zuckt einmal. Nur einmal. Sein Blick fällt auf die ruinierte Vorderseite seines Hemdes – heißer Kaffee tropft vom schwarz-goldenen Insigne – und wandert dann mit eisiger Präzision wieder zu mir hinauf. Mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb. Die Schüler starren, als würden sie gleich meine Hinrichtung live miterleben. Ich räuspere mich, meine Stimme dünn. „Ähm … ich – ich tue es wirklich leid. Es war –“ „Spar dir das.“ Dantes Stimme durchschneidet meine wie eine Klinge. Ich schließe den Mund so schnell, dass meine Zähne klappern. Lucien kichert leise. „Uff. Da ist aber jemand schlecht gelaunt.“ Kade lacht nicht. Er beobachtet mich einfach. Seine Augen sind unergründlich, sein Blick ruhig, beunruhigend ruhig. Als würde er jedes einzelne Detail katalogisieren. Aber Dante? Dante sieht aus wie der personifizierte Krieg. Er kommt näher – überragt mich, sein Schatten verschluckt meinen. Sein Gesichtsausdruck ist pure kalte Wut, nur zurückgehalten, weil er in der Öffentlichkeit ist. „Hast du Augen?“, fragt Dante mit tiefer, gefährlich ruhiger Stimme. Ich blinzle. „I-ich habe mich doch entschuldigt. Jemand hat mich gestoßen –“ „Habe ich nach einer Ausrede gefragt?“ Sein Ton wird noch schärfer. „Beantworte die Frage.“ Meine Lippen öffnen sich. „Ja, ich habe Augen.“ „Dann benutz sie.“ Sein Blick gleitet voller Verachtung über mich. „Beim nächsten Mal solltest du darauf achten, wohin du gehst. Es sei denn, Inkompetenz gehört zu deinem … akademischen Ruf.“ „Oh wow.“ Mein Sarkasmus ist schneller als mein Überlebensinstinkt. „Also kann das Königshaus einen Unfall nicht erkennen, wenn es einen vor sich hat.“ Ein erschrockenes Raunen geht durch den Innenhof. Lucien hebt beide Augenbrauen, sichtlich begeistert. „Ein Mutiger.“ Kades Augen flackern – Neugier, vielleicht. Oder eine Warnung. Schwer zu sagen. Dantes Blick wird tödlich. „Du wagst es, mir zu widersprechen?“ „Du hast eine Frage gestellt“, fauche ich. „Ich habe geantwortet. Offensichtlich war es ein Fehler. Der Kaffee ist schließlich nicht von allein aus meiner Hand gesprungen.“ „Beta“, stößt Dante hervor, „du strapazierst meine Geduld.“ „Ich teste gar nichts“, erwidere ich, während mir die Hitze ins Gesicht steigt. „Du übertreibst einfach. Ich habe mich bereits entschuldigt.“ Gelächter geht durch den Innenhof – von Adligen. Über mich. Großartig. Fantastisch. Genau das hat mir noch gefehlt. Dante lässt sich von den Blicken nicht beeindrucken. Er schreit nicht. Er bewegt sich nicht. Er beugt sich lediglich ein wenig vor, seine Stimme eiskalt wie Stahl. „Willst du einen Rat?“, fragt er. Ich öffne den Mund – und bereue es sofort. „Nicht unbedingt –“ „Du solltest lernen, wann du dich zu verbeugen hast.“ Seine Augen verengen sich. „Diese Haltung wird korrigiert werden.“ Ich sträube mich. „Korrigiert? Für wen hältst du dich –?“ Lucien pfeift. „Der bringt sich noch um.“ Kade murmelt: „Dante –“ „Nein.“ Dante unterbricht ihn, ohne den Blick von mir abzuwenden. „Lass ihn reden. Ich will hören, wie dumm er wirklich ist.“ Mein Puls dröhnt in meinen Ohren. „Ich habe gesagt, es war ein Unfall.“ Meine Stimme bricht vor Wut. „Bist du wirklich wegen einer Tasse Kaffee so sauer?“ Sein Kiefer spannt sich an. Und zum ersten Mal flammt echte Wut in seinen Augen auf. Keine Genervtheit. Keine Gereiztheit. Wut. Er tritt zurück – nicht aus Gnade, sondern aus Selbstbeherrschung. Als würde er sich selbst nicht trauen, wenn er in meiner Nähe bleibt. Dann spricht er. „Dafür werde ich dir eine Lektion erteilen.“ Dante dreht sich abrupt um und geht davon, während die Wachen hastig versuchen, ihm zu folgen. Lucien grinst mir über die Schulter hinweg zu. „Du bist lustig. Versuch, nicht zu sterben, bevor ich die Gelegenheit bekomme, dich zu nerven.“ Kade bleibt als Letzter zurück – schweigend, unergründlich – und folgt dann seinen Brüdern. Der Innenhof bricht in Gelächter und Geflüster aus. Ich stehe einfach da, in Demütigung gebadet, Kaffee auf dem Marmor verteilt, und habe diesen Tag endgültig satt. Ein Mädchen kichert. „Er ist so was von tot.“ Ein Junge stimmt ein. „Stell dir vor, du beleidigst den König.“ Ich möchte, dass der Boden mich verschluckt. Stattdessen murmele ich: „Dieser verdammte Kaffee ist nicht einmal mehr heiß“, und stapfe in Richtung Klassenraum, wobei ich jeden Blick ignoriere, der sich in meinen Rücken bohrt. Professor Maris bekommt ihren Kaffee nicht. Ich gehe nicht zurück in den Unterricht. Ich stürme direkt in mein Wohnheimzimmer und schlage die Tür so heftig zu, dass der Rahmen klappert. Meine Hände zittern, als ich nach meiner Flasche mit den Suppressiva greife. Meine Körpertemperatur stimmt schon wieder nicht. Mein Gehör ist wieder schärfer. Alles fühlt sich zu intensiv an. Zu laut. Zu heiß. „Was stimmt nicht mit mir?“, flüstere ich und schraube den Deckel mit zitternden Fingern ab. Ich schlucke die Tabletten trocken hinunter und würge bei der Bitterkeit. Dann lasse ich mich auf mein Bett fallen, das Gesicht ins Kissen gedrückt, noch immer vor Wut kochend. „Dieser Mann“, zische ich in die Bettdecke. „Dieser arrogante, verdammt nervtötende, selbstverliebte –“ Meine Stimme verebbt, während die Erschöpfung an meinen Gliedmaßen zerrt. Suppressiva hinterlassen bei mir immer völlige Erschöpfung. Innerhalb weniger Minuten fallen mir die Augen zu. Und ich schlafe. Ich wache von Schreien auf. Nicht von gewöhnlichem Schreien – von panischem Schreien. Stiefel donnern. Metall klirrt. Türen schlagen zu. Dann – BWOOP. BWOOP. BWOOP. Alarme dröhnen durch das gesamte Wohnheim. Ich fahre hoch, mein Herz rast. „Was –?“ Ich stolpere aus dem Bett und reiße die Tür auf. Der Flur ist ein einziges Chaos – Schüler rennen, stoßen sich gegenseitig weg, weinen. „Was passiert hier?!“, brülle ich einem vorbeilaufenden Jungen hinterher. „Abtrünnige Alphas!“, schreit er. „Sie sind durch das Osttor gebrochen!“ Abtrünnige. Alphas. Mein Magen zieht sich zusammen. Ein anderer Schüler packt meinen Ärmel. „Sie nehmen Leute als Geiseln. Wir müssen uns verstecken –“ „Bewegung!“, schreit jemand hinter uns. Dann sehe ich sie. Drei maskierte Männer in Kampfausrüstung stürmen den Flur entlang und schnappen sich Schüler wie Vieh. Ohne zu zögern. Ohne Gnade. Einer entdeckt mich. „Hey! Der da!“ Ich fluche und versuche wegzulaufen, doch am anderen Ende des Flurs taucht ein weiterer Abtrünniger auf. Gefangen. „Lasst mich los, ihr Idioten!“, brülle ich, als einer meinen Arm packt. Ich ramme ihm den Ellbogen in die Rippen – hart. Er grunzt. „Der hier schlägt zurück!“ Ich trete dem Zweiten gegen das Schienbein. Er stößt einen Schmerzensschrei aus. „Scheiße! Er hat mich gebissen!“ „LASST MICH LOS!“, schreie ich und beiße ihm zur Sicherheit erneut ins Handgelenk. Das gefällt ihnen nicht. Überhaupt nicht. Der erste Abtrünnige knurrt, packt mich an den Haaren und reißt meinen Kopf zurück. „Jetzt reicht’s, du kleiner –“ „Fass mich noch einmal an und ich reiße dir den –“ Er presst mir eine Hand auf den Mund. „Sediert ihn“, befiehlt er. „Nein – NEIN – NICHT –“ Mein Protest wird gegen seine Hand gedämpft. Eine Nadel blitzt auf. Ich wehre mich heftig, trete, winde mich und versuche, mich loszureißen. Ein Abtrünniger drückt meine Beine nieder. Ein anderer hält meinen Kopf fest. „Hör auf, dich zu wehren!“, schreit jemand. „Ich sagte, LASST MICH LOS –!“ Die Nadel bohrt sich in meinen Hals. Kälte breitet sich augenblicklich in meinen Adern aus. Mein Körper wird schlaff. Mein Blick verschwimmt. Ich versuche noch ein letztes Mal zu fluchen – „Fahrt zur – Hölle –“ Doch die Worte verlieren sich auf meiner Zunge. Das Letzte, was ich höre, bevor die Dunkelheit mich verschlingt, ist das Murmeln eines Abtrünnigen: „Der Anführer wird den hier lieben.“ Und dann verschwindet alles.KAPITEL 20ROWANDrei Tage später kamen die Wachen genau zu der Uhrzeit an meine Tür, die auf der Einladung angegeben war. Ihre Mienen waren unter den kunstvollen silbernen Masken, die das Thema des Balls kennzeichneten, so ausdruckslos wie immer, und ich folgte ihnen ohne einen einzigen Protest durch die gewundenen Korridore, weil Widerstand ohnehin sinnlos gewesen wäre. Mein Herz schlug etwas schneller, als ich zugeben wollte, als wir uns den Türen des großen Ballsaals näherten. Mit jedem Schritt wurden die Musik und das Lachen lauter. Der Anzug, den Dante geschickt hatte, passte perfekt. Die schwarze Seide schmiegte sich auf eine Weise an meinen Körper, durch die ich mich zugleich elegant und entblößt fühlte, als würde ich allen zur Beurteilung vorgeführt. Ich richtete die Samtmaske ein letztes Mal, bedeckte damit die obere Hälfte meines Gesichts und hoffte, dass sie die Nervosität verbarg, die in meinen Augen flackerte.Als die gewaltigen Türen aufschwangen, traf mich der Anblick
KAPITEL 19DANTEIch saß am Kopf des Obsidiantisches im Kriegsraum, meine Brüder und mein Cousin Alastair um mich herum, während Nyra am anderen Ende mit ihrer perfekten Haltung und ihren berechnenden Augen stand. Der Raum war schwer von Spannung erfüllt, denn die Bedrohungen waren schlimmer geworden, und wir alle wussten, dass der Maskenball in drei Tagen der perfekte Zeitpunkt für einen Angriff sein könnte. Fackelschein flackerte über die eingravierte Karte von Varynia vor uns, und ich hielt meinen Gesichtsausdruck vollkommen kalt und beherrscht, als die Besprechung begann.„Dann schlagen wir zuerst zu“, sagte Lucien, seine Stimme schnitt wie eine Klinge durch die schwere Stille.Kades tiefes Grollen folgte unmittelbar nach Luciens Worten. „Sie testen uns. Jede Nacht. Wir können nicht warten.“Alastair beugte sich auf seinem Sitz nach vorn und sah mich direkt an. „Dante, die Zahlen sind bestätigt. Dreifache Truppenstärke. Söldner von den Inseln. Attentäter der Schatten-Gilde. Sie um
KAPITEL 18ROWANIch muss irgendwann eingeschlafen sein, nachdem Lucien gegangen war. Die Bücher lagen überall um mich herum auf dem Bett verstreut wie kleine, verräterische Geheimnisse, und dieses schmutzige Buch, Eternal Bonds, lag noch immer offen auf meiner Brust. Die Seiten waren zerknittert davon, wie fest ich sie beim Lesen umklammert hatte. Mitten in einem weiteren heißen Kapitel waren meine Augen immer schwerer geworden. Die schmutzigen Worte waren ineinander verschwommen, bis nur noch pure Hitze und Fantasie übrig geblieben waren und der Schlaf mich schließlich vollständig übermannte.Der Traum begann beinahe unschuldig. Oder zumindest so unschuldig, wie alles sein konnte, was mit den Varyn-Königen zu tun hatte.Ich lag in einem dunklen, luxuriösen Raum. Seidenlaken fühlten sich kühl und glatt auf meiner vollkommen nackten Haut an. Ich war nackt. Vollkommen entblößt. Mein Körper bäumte sich von selbst auf, als starke Hände mich überall gleichzeitig berührten – raue, selbstsi
KAPITEL 17DANTEDie Erinnerung an Rowan Hales Gesicht hatte sich wie ein Splitter unter meine Haut gebohrt, den ich nicht herausbekam.Dieser Blick im Korridor – das Kinn aus meinem Griff gerissen, die Augen voller reinem, ungefiltertem Hass, während Blut durch sein Hemd sickerte. Die Lippen zu einer schmalen, trotzigen Linie zusammengepresst. Der Körper zitternd vor Schmerz, Erschöpfung und den fünfundzwanzig Hieben, die ich selbst angeordnet hatte … und trotzdem hatte er nicht gebettelt. Kein einziges Mal.Nicht eine einzige Bitte.Und genau das war das Problem.Ich hasste ihn dafür.Ich hasste es, wie es mein Blut heißer werden ließ, wie mein Schwanz sich bei dem Gedanken augenblicklich verhärtete und schmerzhaft gegen die Vorderseite meiner Hose drückte, während ich in der Stille meines Arbeitszimmers saß. Berichte über Sicherheitsverletzungen lagen offen vor mir, doch die Worte verschwammen. Ich konnte nur ihn sehen – schlank, blass, wütend. Schön auf eine Art, die in mir den Wu
KAPITEL 16ROWANLangsam regte ich mich, mein Körper zog mich aus dem tiefsten Schlaf, den ich seit Monaten gehabt hatte. Meine Augen flatterten auf, als sanftes Nachmittagslicht durch die schweren Vorhänge drang. Der Raum fühlte sich … anders an. Wärmer. Schwerer. Dieser Duft lag noch immer überall in der Luft – Kiefer, Rauch und etwas so dunkel Männliches, dass sich mein Magen zusammenzog.Kade.Er war weg. Das Bett neben mir war inzwischen kalt, doch seine Gegenwart lag noch überall. Sein Arm hatte eine Delle im Kissen hinterlassen, und die Laken rochen genau nach ihm. Ich konnte nicht anders. Ich vergrub mein Gesicht darin und atmete tief ein, während mein Herz raste.Gott, warum riecht er nur so verdammt gut? Wie pure Gefahr, eingehüllt in Geborgenheit. Ich könnte so leicht süchtig danach werden. Nein. Hör auf, Rowan. Er ist einer von ihnen. Schweigsam. Furchteinflößend. Viel zu intensiv.Ich biss mir fest auf die Unterlippe, während Hitze meinen Hals hinaufkroch und die Erinneru
KAPITEL 15ROWANNyra rappelte sich als Erste vom Boden auf und strich mit zitternden Händen ihr zerrissenes Kleid glatt. Ihre Wange leuchtete rot von meiner Ohrfeige, ihr Haar war zerzaust und ihr Make-up verschmiert. Sie richtete sich schnell auf, hob das Kinn und begann zu sprechen, noch bevor ich überhaupt wieder richtig zu Atem gekommen war.„Eure Majestät“, sagte sie hastig, ihre Stimme trotz ihres Zustands ruhig. „Diese unverschämte Beta hat mich ohne jeden Grund angegriffen. Ich ging lediglich durch die Flure, als er sich wie ein wildes Tier auf mich stürzte. Als Leiterin des Strategischen Nachrichtendienstes habe ich mich verteidigt, aber er hat unfair gekämpft. Er hat in diesen heiligen Korridoren nichts verloren.“Ich stemmte mich vom Marmorboden hoch, mein Rücken schmerzte von dem Sturz, während die Kratzer an meinen Armen und meinem Hals brannten. Warmes Blut rann aus einem Schnitt an meiner Lippe. Ich starrte sie an, schwer atmend.„Lügnerin“, fauchte ich. „Du hast angef







