LOGINKAPITEL 3
DANTE EINIGE STUNDEN ZUVOR Ich werde diese gesamte Akademie in Brand setzen. Das ist der erste Gedanke, der mir durch den Kopf geht, als ich in der Sitzungskammer des Komitees stehe, während der Gestank von verbranntem Kaffee noch immer an meinem Hemd haftet. Der Stoff ist steif, der goldene Besatz befleckt, und die Wärme des Kaffees ist längst erkaltet auf meiner Haut. Was nicht erkaltet ist, ist mein Temperament. Lucien steht zu meiner Rechten, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als befände er sich bei verdammten Opernaufführung statt bei einer königlichen Sicherheitsinspektion. Seine Schultern zittern – kaum merklich, aber sie zittern. Er versucht, nicht zu lachen. Kade steht zu meiner Linken, doch ich kann das kaum merkliche Anheben seines Mundwinkels sehen. Lucien lehnt sich leicht zu ihm und flüstert etwas, das ich nicht ganz verstehen kann, woraufhin Kade einen angedeuteten Grinser aufblitzen lässt. Ich werfe ihnen beiden einen warnenden Blick zu. Lucien presst die Lippen aufeinander und tut so, als würde er seinen Mantel richten. Das hält ganze drei Sekunden, bevor er leise schnaubt und ein weiteres Lachen unterdrückt. Ich presse den Kiefer zusammen. „Lass es.“ „Ich mache doch gar nichts“, flüstert er, seine Stimme vor unterdrückter Belustigung brodelnd. „Du lachst“, knurre ich. Kade summt leise. „Er hat nicht ganz Unrecht, Lucien.“ Lucien grinst. „Tragisch.“ Ich atme durch die Nase ein und erinnere mich daran, dass es in der Öffentlichkeit nicht gern gesehen wird, seine Brüder umzubringen. Bevor ich einen von beiden maßregeln kann, schwingen die Türen auf und der gesamte Verwaltungsrat der Schule kommt herein: Direktor, Dekan, Kassenverwalter, Abteilungsleiter und der Leiter der Campus-Sicherheit. Sie verbeugen sich gleichzeitig, die Köpfe so tief gesenkt, dass ich bezweifle, dass sie noch atmen können. Luciens Lächeln wird breiter. „Ihre Majestäten“, beginnt der Direktor nervös, „es ist eine Ehre –“ „Das wird es nicht sein, wenn du meine Zeit verschwendest“, unterbreche ich ihn. Der Raum erstarrt. Lucien murmelt hinter mir: „Da geht’s schon los“, woraufhin ich ihm scharf den Ellbogen in die Seite ramme. Er atmet theatralisch ein, empört. „Muss das sein?“ „Ja. Sitz still.“ Der Direktor räuspert sich. „Ä-äh. Ja, Eure Majestät. Natürlich.“ Ich setze mich. Sie beeilen sich, es mir gleichzutun. Kade nimmt neben mir Platz, still wie Eis. Lucien lässt sich auf seinen Stuhl fallen, als würde er sich auf eine Unterhaltung einstellen. „Beginnen wir“, sage ich. Der Sicherheitschef versteift sich. „Wir … wir hatten gestern Abend einen kleinen Sicherheitsverstoß.“ „Klein?“, wiederhole ich. Er schluckt. „Schnell unter Kontrolle gebracht, Eure Majestät.“ „Unter Kontrolle?“ Meine Stimme wird scharf. „Jemand ist in königliches Gebiet eingedrungen, hat ein Anwesen unter direkter Varyn-Jurisdiktion verletzt, und ihr nennt das klein?“ Lucien murmelt: „Die schaufeln gerade ihr eigenes Grab.“ Kades Finger klopfen einmal auf die Armlehne – seine Art, Missbilligung auszudrücken. Der Dekan tritt vor, Schweißperlen bilden sich an seinen Schläfen. „Wir versichern Ihnen, Eure Majestät, es war nur ein geringfügiger Vorfall.“ „Komisch“, sagt Lucien und schlägt die Beine übereinander, „wir wurden über diesen geringfügigen Vorfall nicht informiert.“ Der stellvertretende Dekan öffnet seinen verdammten Mund. „Nun, wenn Sie uns vor Ihrem Besuch benachrichtigt hätten, wären wir besser vorbereitet gewesen –“ Ich bemerke Luciens Bewegung, bevor ich sie vollständig registriere. In einer einzigen fließenden, erschreckend eleganten Bewegung beugt er sich vor, legt eine Hand auf die Schulter des stellvertretenden Dekans, lächelt – – und zerquetscht das Herz des Mannes zwischen zwei Fingern. Es gibt keinen dramatischen Schrei. Kein Kampf. Nur ein leises Ausatmen. Der stellvertretende Dekan sinkt nach vorn, tot, noch bevor er den Boden erreicht. Im Raum bricht entsetztes Keuchen aus, begleitet von zitternden Körpern. Lucien wischt seine Finger an einer Serviette ab und sagt sanft: „Du warst gerade dabei?“ Niemand wagt zu antworten. Lucien ignoriert ihn. „Die nächste Person, die uns die Schuld gibt, wird mehr als nur einen Herzschlag verlieren. Fahren wir fort.“ Der Direktor schluckt so heftig, dass ich es höre. „E-Eure Majestäten, b-bitte verstehen Sie – wenn der Sicherheitsverstoß alarmierend gewesen wäre, hätten wir ihn gemeldet.“ „‚Wären gewesen‘“, wiederhole ich und lehne mich zurück. „Aber ihr habt es nicht getan.“ „Eure Majestät –“ „Wissen Sie“, unterbricht Lucien ihn freundlich, „mein Bruder ist sehr geduldig. Viel geduldiger als ich. Fordern Sie ihn nicht heraus.“ Der Raum wird erneut still. Ich lasse den Moment wirken, bevor ich fortfahre, mein Ton flach und kalt. „Wenn jemand erneut in diese Akademie eindringt, erhält er Zugang zu Schülern, die der Krone loyal sind. Er erhält Zugang zu Ressourcen. Er erhält Zugang zu den königlichen Archiven, die hier aufbewahrt werden. Wenn diese Schule kompromittiert wird, ist das Königreich kompromittiert.“ „Ja, Eure Majestät“, flüstert der Direktor. „Und warum“, frage ich, „habt ihr es versäumt, uns unverzüglich über den Sicherheitsverstoß von gestern zu informieren?“ „Wir … wir dachten nicht –“ „Das“, sagt Lucien, „ist euer erster Fehler.“ Ich ignoriere ihn. „Die Sicherheitsvorkehrungen werden verdoppelt. Jeder Eingang wird versiegelt, bis er von unserer persönlichen Leibgarde freigegeben wurde. Und von diesem Moment an kommt jede Unregelmäßigkeit – JEDE – direkt zu mir.“ „Ja, Eure Majestät.“ „Ja, selbstverständlich.“ „Ja, wir verstehen.“ Erbärmlich. Lucien gähnt theatralisch. „Nachdem das nun geklärt ist –“ „Wir sind noch nicht fertig“, sage ich. Lucien wird augenblicklich aufmerksamer. „Ich will den Namen“, sage ich langsam, „des Schülers, der heute Morgen im östlichen Innenhof für Unruhe gesorgt hat.“ Der Direktor blinzelt. „Unruhe?“ Luciens Grinsen wird schärfer. „Oh. Er will den Kaffeeboy.“ Kades Blick wandert zu mir. „Der, der frech geworden ist.“ Lucien neckt mich: „Der, der gesagt hat, du würdest überreagieren?“ Ich starre ihn an. „Genug.“ Lucien hebt beide Hände. „Ich erinnere dich nur daran.“ Der Direktor blättert durch ein Datapad. „Ä-äh. Ja. Es gab Berichte über eine Auseinandersetzung. Ein Beta-Schüler hat sich Ihnen gegenüber respektlos verhalten, Eure Majestät?“ Lucien schnaubt. „Respektlos ist noch milde ausgedrückt.“ Kade sagt leise: „Er hatte Rückgrat.“ Lucien nickt. „Und keinerlei Selbsterhaltungstrieb.“ Wut glimmt in meinen Adern. Nicht, weil er mich blamiert hat. Nicht, weil er Kaffee über mich verschüttet hat. Sondern weil er es gewagt hat, mir in die Augen zu sehen. Keine Angst. Kein Zittern. Kein Flehen. Nur Wut. Trotz. Feuer. Und das … stört mich. Mehr, als es sollte. Ich stehe auf. Der gesamte Raum versteift sich, als ich mich bereits zu den Türen wende. „Findet diesen Schüler und schickt mir seine Akte.“ Lucien lacht. „Dante. Du jagst einen Beta?“ „Keine Jagd“, sage ich kühl. „Eine Lektion.“ Kade murmelt: „Du lässt ihn unter deine Haut gehen.“ „Er hat den Thron respektlos behandelt.“ Lucien strahlt. „Er hat dich respektlos behandelt. Das ist es, was dich stört.“ Ich widerspreche nicht. Ich bestätige es nicht. Doch das Gesicht des Jungen erscheint vor meinem inneren Auge – dieser Blick, diese Stimme, dieser Mund, diese Augen, die vor allem brannten, was er vor einem König nicht zu empfinden wagte. Ein Funke, wo Angst hätte sein sollen. Kein Beta-Schüler sollte mir jemals auf diese Weise in die Augen sehen. Geschweige denn mit mir reden, als wären wir ebenbürtig. Geschweige denn dafür sorgen, dass ich meine Konzentration verliere. Ich stoße die Türen auf, während die Wachen mir in perfekter Formation folgen. Lucien summt voller Begeisterung. „Oh, das wird lustig.“KAPITEL 20ROWANDrei Tage später kamen die Wachen genau zu der Uhrzeit an meine Tür, die auf der Einladung angegeben war. Ihre Mienen waren unter den kunstvollen silbernen Masken, die das Thema des Balls kennzeichneten, so ausdruckslos wie immer, und ich folgte ihnen ohne einen einzigen Protest durch die gewundenen Korridore, weil Widerstand ohnehin sinnlos gewesen wäre. Mein Herz schlug etwas schneller, als ich zugeben wollte, als wir uns den Türen des großen Ballsaals näherten. Mit jedem Schritt wurden die Musik und das Lachen lauter. Der Anzug, den Dante geschickt hatte, passte perfekt. Die schwarze Seide schmiegte sich auf eine Weise an meinen Körper, durch die ich mich zugleich elegant und entblößt fühlte, als würde ich allen zur Beurteilung vorgeführt. Ich richtete die Samtmaske ein letztes Mal, bedeckte damit die obere Hälfte meines Gesichts und hoffte, dass sie die Nervosität verbarg, die in meinen Augen flackerte.Als die gewaltigen Türen aufschwangen, traf mich der Anblick
KAPITEL 19DANTEIch saß am Kopf des Obsidiantisches im Kriegsraum, meine Brüder und mein Cousin Alastair um mich herum, während Nyra am anderen Ende mit ihrer perfekten Haltung und ihren berechnenden Augen stand. Der Raum war schwer von Spannung erfüllt, denn die Bedrohungen waren schlimmer geworden, und wir alle wussten, dass der Maskenball in drei Tagen der perfekte Zeitpunkt für einen Angriff sein könnte. Fackelschein flackerte über die eingravierte Karte von Varynia vor uns, und ich hielt meinen Gesichtsausdruck vollkommen kalt und beherrscht, als die Besprechung begann.„Dann schlagen wir zuerst zu“, sagte Lucien, seine Stimme schnitt wie eine Klinge durch die schwere Stille.Kades tiefes Grollen folgte unmittelbar nach Luciens Worten. „Sie testen uns. Jede Nacht. Wir können nicht warten.“Alastair beugte sich auf seinem Sitz nach vorn und sah mich direkt an. „Dante, die Zahlen sind bestätigt. Dreifache Truppenstärke. Söldner von den Inseln. Attentäter der Schatten-Gilde. Sie um
KAPITEL 18ROWANIch muss irgendwann eingeschlafen sein, nachdem Lucien gegangen war. Die Bücher lagen überall um mich herum auf dem Bett verstreut wie kleine, verräterische Geheimnisse, und dieses schmutzige Buch, Eternal Bonds, lag noch immer offen auf meiner Brust. Die Seiten waren zerknittert davon, wie fest ich sie beim Lesen umklammert hatte. Mitten in einem weiteren heißen Kapitel waren meine Augen immer schwerer geworden. Die schmutzigen Worte waren ineinander verschwommen, bis nur noch pure Hitze und Fantasie übrig geblieben waren und der Schlaf mich schließlich vollständig übermannte.Der Traum begann beinahe unschuldig. Oder zumindest so unschuldig, wie alles sein konnte, was mit den Varyn-Königen zu tun hatte.Ich lag in einem dunklen, luxuriösen Raum. Seidenlaken fühlten sich kühl und glatt auf meiner vollkommen nackten Haut an. Ich war nackt. Vollkommen entblößt. Mein Körper bäumte sich von selbst auf, als starke Hände mich überall gleichzeitig berührten – raue, selbstsi
KAPITEL 17DANTEDie Erinnerung an Rowan Hales Gesicht hatte sich wie ein Splitter unter meine Haut gebohrt, den ich nicht herausbekam.Dieser Blick im Korridor – das Kinn aus meinem Griff gerissen, die Augen voller reinem, ungefiltertem Hass, während Blut durch sein Hemd sickerte. Die Lippen zu einer schmalen, trotzigen Linie zusammengepresst. Der Körper zitternd vor Schmerz, Erschöpfung und den fünfundzwanzig Hieben, die ich selbst angeordnet hatte … und trotzdem hatte er nicht gebettelt. Kein einziges Mal.Nicht eine einzige Bitte.Und genau das war das Problem.Ich hasste ihn dafür.Ich hasste es, wie es mein Blut heißer werden ließ, wie mein Schwanz sich bei dem Gedanken augenblicklich verhärtete und schmerzhaft gegen die Vorderseite meiner Hose drückte, während ich in der Stille meines Arbeitszimmers saß. Berichte über Sicherheitsverletzungen lagen offen vor mir, doch die Worte verschwammen. Ich konnte nur ihn sehen – schlank, blass, wütend. Schön auf eine Art, die in mir den Wu
KAPITEL 16ROWANLangsam regte ich mich, mein Körper zog mich aus dem tiefsten Schlaf, den ich seit Monaten gehabt hatte. Meine Augen flatterten auf, als sanftes Nachmittagslicht durch die schweren Vorhänge drang. Der Raum fühlte sich … anders an. Wärmer. Schwerer. Dieser Duft lag noch immer überall in der Luft – Kiefer, Rauch und etwas so dunkel Männliches, dass sich mein Magen zusammenzog.Kade.Er war weg. Das Bett neben mir war inzwischen kalt, doch seine Gegenwart lag noch überall. Sein Arm hatte eine Delle im Kissen hinterlassen, und die Laken rochen genau nach ihm. Ich konnte nicht anders. Ich vergrub mein Gesicht darin und atmete tief ein, während mein Herz raste.Gott, warum riecht er nur so verdammt gut? Wie pure Gefahr, eingehüllt in Geborgenheit. Ich könnte so leicht süchtig danach werden. Nein. Hör auf, Rowan. Er ist einer von ihnen. Schweigsam. Furchteinflößend. Viel zu intensiv.Ich biss mir fest auf die Unterlippe, während Hitze meinen Hals hinaufkroch und die Erinneru
KAPITEL 15ROWANNyra rappelte sich als Erste vom Boden auf und strich mit zitternden Händen ihr zerrissenes Kleid glatt. Ihre Wange leuchtete rot von meiner Ohrfeige, ihr Haar war zerzaust und ihr Make-up verschmiert. Sie richtete sich schnell auf, hob das Kinn und begann zu sprechen, noch bevor ich überhaupt wieder richtig zu Atem gekommen war.„Eure Majestät“, sagte sie hastig, ihre Stimme trotz ihres Zustands ruhig. „Diese unverschämte Beta hat mich ohne jeden Grund angegriffen. Ich ging lediglich durch die Flure, als er sich wie ein wildes Tier auf mich stürzte. Als Leiterin des Strategischen Nachrichtendienstes habe ich mich verteidigt, aber er hat unfair gekämpft. Er hat in diesen heiligen Korridoren nichts verloren.“Ich stemmte mich vom Marmorboden hoch, mein Rücken schmerzte von dem Sturz, während die Kratzer an meinen Armen und meinem Hals brannten. Warmes Blut rann aus einem Schnitt an meiner Lippe. Ich starrte sie an, schwer atmend.„Lügnerin“, fauchte ich. „Du hast angef







