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Kapitel 2

Author: Nebensache
In der Ecke lag alle meine Sachen wie Müll achtlos auf einen Haufen geworfen.

Die Diamantkette, die Thorben mir geschenkt hatte, war so zertreten, dass man sie kaum noch erkennen konnte.

Ein Paar Tassen, die wir gemeinsam bemalt hatten, lag in tausend Scherben am Boden.

Thorben seufzte.

„War ja sowieso nichts Wertvolles. Wirf es weg, ich kauf dir neues, wenn du etwas brauchst.“

Nichts Wertvolles?

Mein Blick fiel auf ein buntes Glasgefäß inmitten des Chaos.

Der Deckel war zersprungen, und darunter kamen die Papiersterne zum Vorschein, die ich gefaltet hatte, als ich noch heimlich in ihn verliebt war.

Genau tausendundein Sterne – und jeder einzelne barg ein Gefühl, das ich mich nie auszusprechen getraut hatte.

Ich hob das zerbrochene Glas auf und warf die verstreuten Sterne zusammen mit den kaputten Geschenken in die Mülltonne daneben.

Thorbens Stirn legte sich augenblicklich in tiefe Falten.

Doch ich lächelte nur: „Sie haben recht. Wertlose Dinge, die schmutzig und kaputt sind, gehören in den Müll.“

Einschließlich meiner dummen, unangebrachten Gefühle.

Ich beachtete seine plötzlich verfinsterte Miene nicht weiter und zog das Kündigungsschreiben aus meiner Tasche.

„Herr Bredow, hier ist meine Kündigung…“

Noch bevor ich ausreden konnte, klingelte Thorbens Handy.

Svenjas Stimme war in der stillen Abstellkammer überdeutlich zu hören.

„Thorben, es regnet draußen! Komm schnell und hol mich ab!“

Jede Regung verschwand augenblicklich aus Thorbens Gesicht. Ohne auch nur einen Blick auf das Dokument in meiner Hand zu werfen, setzte er seine Unterschrift an die dafür vorgesehene Stelle.

„Nimm dir ein Taxi. Schreib mir, wenn du angekommen bist.“

Als Thorben losfuhr, prasselte draußen bereits der Regen in Strömen.

Die Villa lag am Hang – ein Taxi war hier nicht zu bekommen.

Also nahm ich den Schirm und kämpfte mich gegen den Wind den Berg hinunter.

Plötzlich rutschte ich aus und stürzte schwer zu Boden. Knie und Ellbogen brannten vor Schmerz.

Ich kümmerte mich nicht um die Wunden, sondern klammerte mich nur an die Tasche mit dem Kündigungsschreiben.

Wenn es nass würde, müsste ich noch einmal zu Thorben.

Ich wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Und ausgerechnet in diesem Moment näherte sich ein vertrauter schwarzer Maybach.

Der Wagen fuhr an mir vorbei, ohne auch nur ein wenig langsamer zu werden. Das Spritzwasser durchnässte mich und machte mein Elend komplett.

Durch die Scheibe der Beifahrerseite sah ich die makellos gestylte Svenja – und Thorben, der ihr sanft zulächelte.

Ich biss die Zähne zusammen und stemmte mich vom kalten Boden hoch.

Mein Knie schmerzte höllisch, doch ich straffte den Rücken und ging entschlossen davon – in die entgegengesetzte Richtung des Maybachs.

03

Nachdem das Kündigungsschreiben eingereicht war, dauerte es nur noch drei Tage.

Am letzten Tag übergab ich meine Aufgaben im Büro.

Mein Handy leuchtete auf – eine Nachricht von Thorben:

„Bring mir einen Honigtee ins Büro.“

Solange ich noch nicht offiziell ausgeschieden war, musste ich meine Arbeit zu Ende bringen.

Ich bereitete einen heißen Honigtee zu und klopfte an seine Bürotür. Wie erwartet saß Svenja drinnen.

Sie lag auf dem Sofa, den Kopf in Thorbens Schoß gebettet, und er massierte ihr sanft den Bauch.

In den letzten vier Jahren, wenn ich mich während meiner Tage vor Schmerzen am Schreibtisch krümmte und mich kaum aufrichten konnte, hatte er mir nur eine Packung Schmerztabletten hingeworfen und dazu ein gefühlloses „Lass dich davon nicht bei der Arbeit stören“ gesagt.

Und wie lächerlich – ich war damals sogar gerührt gewesen.

Ohne nach rechts oder links zu blicken, ging ich an den beiden vorbei und stellte die Tasse auf den Schreibtisch.

„Herr Bredow, der Tee steht hier.“

Ich drehte mich um, um zu gehen, doch da stand Svenja plötzlich auf.

„Moment!“

„Du bist doch … Henrik Vogts Schwester?“

Bevor ich antworten konnte, schlug Svenja mir ins Gesicht.

Meine Ohren dröhnten, und meine Wange schwoll sofort an.

Thorben sprang auf, und in seiner Stimme lag ein Anflug von Fassungslosigkeit.

„Svenja, was soll das?“

Die Frau jedoch bekam sofort feuchte Augen und deutete anklagend auf mich:

„Die Tochter der Vogts aus Kronberg! Statt ihr Luxusleben zu genießen, macht sie hier die Assistentin bei dir!“

„Und du hast mir erzählt, sie hätte keine Gefühle für dich?“

Die Luft gefror.

Thorbens Blick streifte mich für einen kurzen Moment, dann legte er sanft den Arm um Svenja und wischte ihr die Tränen ab.

In seiner Stimme lag ein Hauch von Wehmut – und eine unverkennbare Zärtlichkeit.

„Selbst wenn sie Gefühle hätte … das wäre allein ihre Sache.“

„In meinem Herzen ist nur Platz für dich.“
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