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Sie schickten mich fort. Ich blieb weg.

Sie schickten mich fort. Ich blieb weg.

By:  Jasmine FlowerCompleted
Language: Deutsch
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In der Nacht unserer Abschlussfeier überredeten mich die vier Jungen, mit denen ich aufgewachsen war, zu einer Runde „Wahrheit oder Pflicht“. Als Lyra Ashford an der Reihe war – das Mädchen, das unser Rudel erst vor Kurzem aufgenommen hatte –, schlug sie vor, dass jeder seine Wunschakademie verraten sollte. Einer nach dem anderen zeigten alle vier dieselbe Antwort auf. Die Frostland-Akademie – fast fünftausend Kilometer entfernt, im Gebiet des Nordrudels. Lächelnd schob Damian mir ein Bewerbungsformular über den Tisch. „Traust du dich, mit uns zu kommen? Sobald wir im Norden sind, markiere ich dich.“ Also unterschrieb ich den Vertrag der Frostland-Akademie über die vorzeitige Aufnahme in ihr Wolfskern-Forschungsprogramm. Erst als die Zulassungsbescheide eintrafen, stieß ich zufällig auf einen anderen Gruppenchat. Sein Name: „Für Lyra bei Blutmond bleiben“. „Hat Aria unterschrieben?“ „Ja. Vier gefälschte Bewerbungen haben gereicht, um sie fünftausend Kilometer in den Norden zu schicken.“ „Sobald sie weg ist, kann Lyra ihren Platz einnehmen.“ „Damian bringt das größte Opfer. Er muss bis zum Semesterbeginn so tun, als ob er auf sie steht.“ In Wahrheit hatten sich alle vier an der Mondtal-Akademie beworben – direkt hier im Blutmond-Territorium. Lyra war gerade erst ins Rudel zurückgekehrt. Die vier ertrugen den Gedanken nicht, dass sie auch nur ein bisschen mehr leiden musste. Und ich? Ich war seit meiner Kindheit auf mich allein gestellt. In ihren Augen konnten sie mich überallhin schicken – ich würde schon durchkommen. Die vier dachten, ich würde weinen, ein paar Tage lang toben und mich am Ende mit allem abfinden. Was sie nicht wussten: Ich hatte keine gewöhnliche Akademiebewerbung unterschrieben. Ich hatte außerdem einen Vertrag über einen fünfjährigen Rudelwechsel unterzeichnet. In achtundvierzig Stunden würde mich das Transferfahrzeug der Frostland-Akademie aus dem Blutmond-Territorium bringen. Sobald der Wechsel wirksam würde, würden mein Name, mein Geruch und sogar mein Aufenthaltsort aus dem mentalen Netzwerk meines alten Rudels verschwinden. Sie hatten sich so viel Mühe gegeben, mich aus achtzehn Jahren gemeinsamer Erinnerungen zu tilgen. Bald würden sie genau das bekommen, was sie wollten. Eine Zukunft ohne Aria.

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Chapter 1

Kapitel 1

Hinter mir ging die Tür auf.

Damian, Rowan, Julian und Asher erstarrten im Türrahmen, Lyra an ihrer Seite. Mit Champagnerflaschen in den Händen – eigentlich hatten sie ihre Zulassungen an der Mondtal-Akademie feiern wollen.

Ich zog mein Handy heraus und fotografierte jede einzelne Nachricht auf der Projektionsfläche.

Damian fing sich als Erster.

Als Sohn des amtierenden Alphas und designierter Erbe des Blutmond-Rudels war er es gewohnt, für alle anderen zu entscheiden.

„Du hast es sowieso gesehen. Also werde ich dir nichts vormachen.“

„Lyra ist gerade erst nach Blutmond zurückgekommen. Sie hat draußen genug durchgemacht, und ihre Gesundheit ist angeschlagen. Das Klima im Norden würde sie niemals überleben.“

Damian sah mir direkt in die Augen, ohne die geringste Spur von Schuld.

„Bei dir ist das anders. Du hast schon immer gewusst, wie du auf dich selbst aufpasst.“

Lyras Augen röteten sich, und sie hielt Damian am Ärmel fest.

Ich sah sie nicht an.

Stattdessen zeigte ich auf den Bildschirm.

„Wer hat die vier gefälschten Bewerbungen für Frostland gemacht?“

Damian antwortete, ohne zu zögern.

„Ich.“

„Und wessen Idee war das mit ‚Wahrheit oder Pflicht‘?“

Sofort füllten sich Lyras Augen mit Tränen.

Rowan, der künftige Beta von Blutmond, stellte sich sofort schützend vor sie.

„Das haben wir alle zusammen entschieden. Schau Lyra nicht so an.“

Ich nickte und wandte mich wieder Damian zu.

„Und dein Versprechen, mich im Norden zu markieren? War das auch Teil des Plans?“

Damian schluckte.

Sein Blick wich meinem aus.

„Du hast mir mal gesagt, du würdest dir nie einen Gefährten aussuchen, der dich allein in einem fremden Territorium zurücklässt.“

„Hätte ich dir nicht versprochen, mit dir nach Frostland zu gehen, hättest du nie unterschrieben.“

Damian wusste, was ich für ihn empfand.

Und vor allem wusste er genau, welches Versprechen mich dazu brachte, mich so zu entscheiden, wie sie es wollten.

Plötzlich griff Lyra nach Julians Handy.

„Das ist alles meine Schuld. Ich rufe sofort bei Frostland an.“

„Ich gehe mit Aria in den Norden. Ihr vier bleibt hier.“

Sofort drängten sich alle vier um sie.

Asher, der künftige Delta von Blutmond, ist zuständig für Spurensuche und Kampfeinsätze. Er riss ihr das Handy aus der Hand.

„Unsere Zulassungen von Mondtal sind schon da. Was soll ein Anruf bei Frostland jetzt noch bringen?“

„Aber was ist mit Aria?“

Lyras Schultern bebten, während sie weinte.

„Sie ist dann ganz allein, so weit weg. Sie wird furchtbar unglücklich sein.“

Damian zog ein Taschentuch hervor und wischte ihr sanft die Tränen ab.

„Sie kann auf sich selbst aufpassen.“

„Du bist doch kaum wieder im Rudel. Wirf deine Zukunft nicht weg, nur weil du gerade traurig bist.“

Ich stand nur ein paar Schritte entfernt und sah zu, wie sich alle vier um Lyra scharten, um sie zu trösten.

Das war Antwort genug.

Lyra in den Norden zu schicken, brachten sie nicht übers Herz.

Mich dagegen mit einer Lüge allein dorthin zu schicken, war für sie kein Problem.

Julian, der künftige Gamma von Blutmond, rückte seine Brille zurecht. Seine Stimme klang ruhig, als würde er einen Strategiebericht analysieren, statt zu erklären, warum sie mich verraten hatten.

„Aria, ich gebe zu, dass wir nicht ganz ehrlich vorgegangen sind. Aber das Ergebnis ist für alle von Vorteil.“

„Frostland gehört immer noch zu den besten Akademien in den Werwolf-Territorien. Mit deinen Noten wirst du es in jedem Programm weit bringen. Du gehst ja nur zum Studieren hin. In den Ferien kannst du trotzdem nach Blutmond zurückkommen.“

„Wir bleiben hier bei Lyra, du gehst nach Frostland, und keiner muss auf etwas verzichten.“

„Außer auf mein Recht, selbst zu entscheiden.“

Im Raum wurde es still.

Rowans Miene verfinsterte sich.

„Du wolltest doch sowieso nach Frostland. Deren Mentoren haben sich zweimal bei dir gemeldet. Du hast jedes Mal abgesagt und konntest es trotzdem nie ganz loslassen.“

„Wir haben dir nur bei der Entscheidung geholfen.“

„Etwas selbst zu wollen, ist das eine. Von den Menschen, denen man am meisten vertraut, mit einer Lüge zu einer Unterschrift gebracht zu werden, ist etwas völlig anderes.“

„Ihr habt mir nicht bei der Entscheidung geholfen.“

„Ihr habt nur dafür gesorgt, dass meine Entscheidung Lyra zugutekommt.“

Rowan öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

Denn ich wollte ja tatsächlich nach Frostland.

Mein Vater war der leitende Wolfskernforscher des Blutmond-Rudels, und ich war in seinem Labor aufgewachsen.

Seit über zehn Jahren träumte ich von der Forschung in Frostland.

Aber weil ich es nicht übers Herz brachte, die vier zu verlassen, hatte ich Frostland zweimal abgesagt.

Ich hatte sogar überlegt, mein liebstes Forschungsprogramm aufzugeben, nur um hierzubleiben und mit ihnen auf die Mondtal-Akademie zu gehen.

Erst jetzt wurde mir klar, wie knapp ich davor gewesen war, meine Zukunft für vier Menschen zu opfern, denen es völlig egal war, was ich wollte.

Ich drehte mich um und wollte gehen.

Instinktiv stellte sich Damian mir in den Weg.

„Wo willst du hin?“

„Nach Hause.“

„Und was ist mit uns?“

Ich sah ihn an.

Damians Miene erstarrte.

„Aria, sag nichts, was du bereust, nur weil du wütend bist.“

„Ich gebe zu, dass ich dir nur versprochen habe, dich im Norden zu markieren, damit du unterschreibst. Aber das heißt nicht, dass meine Gefühle für dich nicht echt sind.“

Damian runzelte die Stirn, als würde er mir einen unglaublich großzügigen Kompromiss anbieten.

„Ich kann bis zum Semesterbeginn weiter mit dir zusammen sein. Und wenn ich Zeit habe, besuche ich dich in Frostland.“

„Du wolltest doch immer mit mir zusammen sein. Jetzt habe ich Ja gesagt. Was passt dir denn noch nicht?“

In seinen Augen reichte es also, mir zwei Monate lang Liebe vorzuspielen, um den ganzen Verrat wiedergutzumachen.

Leise nahm Lyra ihn in Schutz.

„Aria, Damian liegt wirklich etwas an dir.“

„Als du gestern Abend auf dem Sofa eingeschlafen bist, hat er dich sogar zugedeckt.“

Beinahe hätte ich gelacht.

Damian hatte mich mit einer Lüge um meine Zukunft gebracht – und mir dann im Schlaf eine Decke übergelegt.

Da hatte ich ja offenbar richtig Glück gehabt.

„Dann wünsche ich euch fünf, dass ihr für immer zusammenbleibt.“

Ich nahm den Mondsteinanhänger ab, den ich um den Hals trug, und legte ihn vor Lyra hin.

In den Stein waren fünf Wolfswelpen geschnitzt, die Seite an Seite liefen.

Wir hatten ihn angefertigt, nachdem wir fünf uns mit zehn Jahren zum ersten Mal gemeinsam verwandelt hatten.

„Du hast doch immer gesagt, dass du es bereust, unsere Kindheit verpasst zu haben, oder?“

„Den kannst du auch haben.“

Lyra zögerte, bevor sie ihn nahm.

Damians Stirnrunzeln wurde nur noch tiefer.

„Was ist heute bloß los mit dir?“

„Hast du nicht immer gesagt, dass wir fünf uns nie trennen werden?“

„Das war einmal.“

Ich ging an ihm vorbei zur Tür.

In meiner Tasche vibrierte das Handy.

【Das Transferfahrzeug der Frostland-Akademie trifft in achtundvierzig Stunden im Blutmond-Territorium ein.】

【Mit der Bestätigung Ihrer vorzeitigen Aufnahme in das fünfjährige geheime Forschungsprogramm wird zugleich Ihr Rudelwechsel eingeleitet. Nach Abschluss des Wechsels werden alle seelischen Verbindungen zu Ihrem bisherigen Rudel automatisch getrennt.】

【Bestätigen?】

Frostland war nicht einfach nur eine Akademie.

Ihre Abteilung für Wolfskernforschung betrieb eine geheime Einrichtung im Territorium des Nordrudels.

Gewöhnliche Studenten besuchten ganz normal ihre Kurse und fuhren in den Ferien nach Hause.

Für die Forscher im Geheimprogramm galt das nicht.

Wir mussten unsere Rudelzugehörigkeit auf das Nordrudel übertragen und durften das Programm fünf Jahre lang weder verlassen noch in ein anderes Rudel wechseln.

Damian und die anderen hatten gewöhnliche Bewerbungen für Frostland gefälscht.

Der Vertrag, den ich unterschrieben hatte, trug dasselbe Akademiewappen.

Aber meiner galt dem Geheimprogramm.

Die vier hatten sich nie die Mühe gemacht, nach dem Unterschied zu fragen.

Stattdessen gingen sie einfach davon aus, dass ich in allen Ferien nach Hause kommen würde.

Mit einer Lüge hatten sie eine Entscheidung für mich getroffen.

Diesmal würde ich meine eigene treffen.

Ich tippte auf „Bestätigen“.

Die vier dachten, es würde genauso laufen wie bei jedem anderen Streit zwischen uns.

Ich würde wütend werden, mich wieder beruhigen und am Ende zurückkommen – so hatten sie es sich gedacht.

Doch diesmal würden sie mich für immer verlieren.

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