ANMELDENIsabella
Das Gästezimmer ist viel zu luxuriös für jemanden, der hier eindeutig nicht willkommen ist. Ein großes Bett mit dunkelblauer Bettdecke, schwere Vorhänge, die Fenster, die auf die dunkle Park-Landschaft hinausblicken. Alles alt, alles teuer. Ein Balkon, von dem aus ich Rom sehen kann – die Stadt funkelt irgendwo da draußen wie etwas, das sterben will. Ich versuche, die Zimmertür abzuschließen. Es gibt kein Schloss auf der Innenseite. Nur ein leeres, glattes Loch, wo ein Riegel hätte sein sollen. Wenn ich mein Auge daran drücke, sehe ich nur das Schwarz des Flurs dahinter. Mein Herz macht etwas Dummes. Es beschleunigt sich. Meine Hände werden kalt. Irgendwo in dieser Villa wartet jemand. Nicht sichtbar, nicht zu hören, aber er ist präsent. Ich kann das spüren. Er wartet. Sein Geruch ist noch auf meinen Haaren. Moschus und Tabak und etwas, das ich nicht benennen kann und das mich verrückt macht. Ich rieche an meinem Arm und ja, es ist noch da, und das ist beschämend und erregend zugleich. Mein Handy vibriert. Eine W******p von Anna: "Sag mir, dass du nicht wirklich in diese Villa gegangen bist." Ich schreibe nicht zurück. Ich kann nicht. Wie sollte ich ihr erklären, dass ich hier bin, um ein Verbrechen auszugraben, während ich gleichzeitig von jemandem angezogen bin, der wahrscheinlich der Täter ist? Stattdessen öffne ich G****e und suche nach Artikeln. Es gibt einen von 2019. Eine Frau, die verschwunden ist. Giulia Marini, 28, Restauratorin – verdammte Scheiße, auch Restauratorin. Die Ermittlung verlief im Sand. Es gibt ein Forum-Posting, anonym wahrscheinlich, aber es sagt: "Die De Santis Familie hat Verbindungen zur Camorra. Der Urgroßvater war mit Gallo verflochten. Die Familie macht das seit Jahrzehnten. Frauen verschwinden. Die Polizei sieht weg. Das ist der Deal." Ich scrolle schnell weg. Das bedeutet nichts. Das ist nur Internet-Müll. Aber es passt zu dem Auge im Fresko. Zu der Art, wie Enzo mir befohlen hat, nicht zu fragen. Zu seiner Warnung: "Das endet meistens unschön." Ich liege im Bett und das Haus atmet um mich herum. Es knackt, ächzt, macht Geräusche, die alte Häuser machen. Und irgendwo dort draußen wartet jemand. Der Mann, der mich angesehen hat, wie man eine Investition prüft. Der Mann mit den Tattoos und den Augen, die dunkel sind wie ein Verbrechen. Der Mann, der mich fast um den Verstand gebracht hat. Ich versuche zu schlafen, aber es funktioniert nicht. Stattdessen liege ich da und denke an sein Gesicht, an die Art, wie er mich angesehen hat, an die unterschwellige Drohung in seiner Stimme. "Schnüffeln Sie nicht an Türen herum, für die Sie keinen Schlüssel haben." Aber ich habe einen Schlüssel. Ich habe zwei Monate und ein verdammtes Fresko voller Geheimnisse. Gegen drei Uhr morgens stehe ich auf und gehe zum Fenster. Rom ist dunkel und ruhig um diese Uhrzeit. Die Villa ist auch ruhig. Zu ruhig. Es ist die Art von Stille, die vorkommt, wenn Dinge geschehen, die nicht geschehen sollen. Mein Telefon vibriert erneut. Diesmal keine W******p. Ein anonymer Anruf. Ich nehme nicht ab. Eine Minute später kommt eine SMS: "Sei vorsichtig. Du weißt nicht, mit wem du es zu tun hast." Mein Puls beschleunigt sich. Wer ist das? Jemand aus meinem Netzwerk? Jemand, der weiß, warum ich hier bin? Der erste Gedanke ist Enzo, dass er mich vielleicht testet, aber nein, das macht keinen Sinn. Enzo würde nicht warnen. Enzo würde befehlen. Ich antworte nicht, das traue ich mich nicht. Wenn jemand mich warnt, bedeutet das, dass dieser jemand etwas weiß. Und wenn jemand etwas weiß, bedeutet das, dass ich in Gefahr bin. Eine Art von Gefahr, die nicht mit einem Sicherheitsausweis oder einem guten Lebenslauf zu kontrollieren ist. Oder es ist ein Sicherheitstest von Enzo? Ein Test, um zu sehen, ob ich nervös werde, ob ich Fragen stelle, oder ob ich versuche, die Villa zu verlassen? Ich lege das Telefon weg und versuche, nicht zu denken. Es funktioniert nicht. Die Uhr an der Wand tickt lauter, je stiller das Haus wird. Jede Sekunde zieht sich hin. Ich starre auf die Decke und verfolge, wie das Mondlicht über sie wandert. Gegen vier Uhr sind meine Gedanken wie ein Schwarm Fliegen – überall und nirgends. Um fünf Uhr ergebe ich auf. Gegen sechs Uhr morgens wird mir klar, dass ich nicht geschlafen habe. Ich bin von einer Art Adrenalin-Rausch in Bewegung geblieben – einen Teil meines Gehirns beschäftigt sich mit den Codes, die ich im Fresko gesucht habe, einen anderen Teil mit Enzo und mit der Frage, ob ich verrückt bin. Tödlich verrückt. Ich dusche. Das Wasser ist heiß und dann plötzlich kalt. Die Temperaturveränderung schockiert meinen Körper. Ich ziehe Arbeitskleidung an. Eine alte Jeans, altes T-Shirt und Arbeitshandschuhe. Nicht, weil ich heute beginne, sondern weil ich bereit sein muss. Bereit für was? Ja, das weiß ich selbst nicht. Dann gehe ich hinunter. Das Atelier ist leer. Das Fresko wartet auf mich wie eine Bedrohung. Ich trete näher heran und betrachte das Auge, das ich gestern Nacht freigekratzt habe. Es starrt mich an. Es ist die Art von Blick, der nicht losgelassen wird. "Ich weiß, wer du bist" flüstere ich zum Auge hin. "Und ich werde herausfinden, wer dir das angetan hat." "Schön zu sehen, dass du so engagiert bist." Ich wirble herum. Enzo steht in der Tür – nicht wie ein Besucher, sondern wie jemand, der hierher gehört. Die Breite seiner Schultern füllt den Rahmen. Das harte Licht macht seine Züge scharf wie ein Messer. "Ich bin nicht engagiert" sage ich. "Ich mache nur meinen Job." "Dein Job ist, das Fresko zu restaurieren. Nicht, mit den Toten zu sprechen." Er kommt näher. "Du hast lange gezögert, bevor du die SMS weggedrückt hast. Vierundvierzig Sekunden. Die ganze Zeit hast du auf dein Handy gestarrt." Mein Blut gefriert. Er hat mich beobachtet. Von außen, oder durch Kameras? "Wie hast du...?" "Ich weiß alles, was in diesem Haus geschieht, Isabella." Er steht jetzt direkt neben mir und betrachtet das Auge. "Das war eine Warnung. Von jemandem, der nicht will, dass du hier bist." "Und du willst, dass ich hier bin?" "Ich will, dass du arbeitest." Er wendet sich mir zu. Sein Gesicht ist ausdruckslos. "Und ich will, dass du nicht mehr nachts umherirrst. Das Haus hat Sicherheitssysteme. Es wäre schade, wenn du einen Unfall hättest." Es ist eine Drohung und Warnung zugleich. Es ist auch etwas anderes – etwas, das nach Besorgnis klingt, wenn man nicht zu genau hinhört. "Verstanden" sage ich. "Gut. Du fängst heute um acht an. Der Raum ist vorbereitet. Alles, was du brauchst, ist hier." Er deutet auf eine Ecke, wo Werkzeuge aufgebaut sind – Gips-Spachtel, Bürsten, Schutzausrüstung. "Und Isabella?" "Ja?" "Das Auge. Das war ein Fehler. Bedecke es wieder, bevor du anfängst. Ich will nicht, dass irgendjemand – und das schließt mein Personal ein – sieht, was dort am anderen Ende wartet." Er verlässt den Raum, bevor ich antworten kann. Ich starre auf das Auge und dann auf die Werkzeuge und dann zurück auf das Auge. Ich weiß, was ich zu tun habe. Ich weiß auch, dass ich es nicht tun werde. Der Mann auf dem Fresko verdient es, gesehen zu werden. Auch wenn das bedeutet, dass ich diesen Job verliere. Auch wenn das bedeutet, dass ich diese Villa vielleicht nicht lebend verlasse.IsabellaDas Schlauchboot wirkt auf dem offenen Meer wie eine Nussschale. Die Wellen sind nicht hoch, aber langgezogen und schwarz; sie heben uns an und lassen uns mit einem harten Schlag wieder in die Täler krachen. Der Motor hustet. Er spuckt unregelmäßig blauen Qualm aus, und jedes Mal, wenn er stottert, setzt mein Herz einen Schlag aus.Ich knie im Wasser, das im Boot hin und her schwappt. Es ist eine ekelhafte Mischung aus Salzwasser, Benzin und Enzos Blut. Der Gestank ist so penetrant, dass er mir die Kehle zuschnürt.„Enzo“, sage ich. Meine Stimme ist rau vom aufgewirbelten Staub der Explosion.Er reagiert nicht. Er liegt auf dem Rücken, den Kopf gegen den Gummirand gepresst. Sein Gesicht ist jetzt so weiß, dass es in der Morgendämmerung fast leuchtet, eine Maske aus blassem Marmor. Die Hände, die er eben noch gegen seine Flanke gepresst hat, sind schlaff zur Seite gefallen. Sie treiben leblos in der roten Brühe am Boden des Bootes. Der Stoff seines Hemdes ist schwarz gesä
Isabella Das Donnern der Rotoren über dem Haus wird ist so extrem laut . Der Winddruck presst die Gischt gegen die Fensterfront, bis das Glas in den Rahmen vibriert. Vittorio packt mich am Oberarm und zerrt mich zurück in den dunklen Flur. „Der Schacht ist hinter der Küche“, schreit er gegen den Lärm an. Wir rennen durch den Wohnbereich. Enzo schwankt, eine Hand fest gegen seine blutige Flanke gepresst, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. Er flucht bei jedem Schritt, ein abgehacktes, heiseres Keuchen. Oben auf dem Dach knallt es. Schwere Stiefel auf Beton. Sie sind da. Vittorio tritt gegen eine unscheinbare Holzverkleidung neben dem Vorratsschrank. Das Holz splittert, und eine schmale, dunkle Öffnung wird frei. Es riecht nach Moder und nassem Stein. „Isabella, zuerst! Da ist eine Leiter. Halt dich an den Seiten fest, sie ist locker.“ Ich schiebe die Glock in den Hosenbund – das kalte Metall brennt auf meiner Haut – und schwinge meine Beine in das Loch. Die Leiter ist r
Isabella Der Kaffee in der Blechtasse ist kalt und schmeckt nach verrostetem Eisen. Ich starre in die dunkle Brühe, während Vittorio am Laptop hantiert. Das einzige Geräusch im Raum ist das unregelmäßige Klicken der Tasten und das Pfeifen des Windes an den Betonecken des Hauses. Es ist ein fieser, grauer Morgen. Das Licht draußen macht alles flach und leblos. Vittorio flucht leise. „Die Datei ist korrupt. Oder verschlüsselt.“ „Mach es einfach auf“, sage ich. Meine Stimme ist belegt, ein trockenes Krächzen. Vittorio dreht den Bildschirm zu mir. Da ist kein glatter Ladebalken. Nur ein verzerrtes Fenster, das nach einem Scan verlangt. Ich beuge mich vor. Die kleine Kameralinse leuchtet kurz rot auf, spiegelt sich in meiner Iris. Ein hässliches, mechanisches Surren, dann springt ein Fenster auf. Es ist kein sauberes Video. Es ist eine Überwachungskamera, schwarz-weiß, grieselig. Man sieht einen klinischen Raum. Mein Vater steht an einem Tisch, den Rücken zur Kamera. Er bewegt si
Isabella Der Sand knirscht unter meinen Stiefeln, als ich Enzo vom Boot auf den Strand hieve. Er ist schwer, ein nasser Klotz, der nach Eisen und Salzwasser riecht. Sein Arm liegt schwer um meinen Nacken, und jedes Mal, wenn er ausatmet, spüre ich die feuchte Hitze seines Atems an meiner Schläfe. Vittorio geht vor, ohne ein Wort zu sagen, die Stiefel fest im weichen Boden. Oben an der Klippe wartet das Haus – ein dunkler Block aus Beton und Glas. Drinnen ist es klamm. Die Luft steht. Vittorio verschwindet sofort wieder nach draußen, die Tür fällt mit einem trockenen Klicken ins Schloss. Wir sind allein. Im Schlafzimmer drücke ich Enzo auf die Matratze. Das Laken ist kühl und riecht nach Staub. Er sitzt auf der Kante, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. Sein Hemd ist eine Ruine, der Stoff steif und dunkel verfärbt. Ich trete zwischen seine Knie. Meine Finger sind taub von der Kälte draußen, und die kleinen Knöpfe seines Hemdes gleiten mir immer wieder weg. Sie sind
Isabella Der Motor dröhnt in einem tiefen, mahlenden Rhythmus, der mir bis in die Zähne vibriert. In der Kabine ist es eng und stickig; es riecht nach Diesel, altem Fisch und diesem stechenden Wodka-Geruch, der von Enzos Haut aufsteigt. Das Boot schlägt hart auf die Wellen auf, und bei jedem Aufprall knackt es im Gebälk. Ich knie im Dreck auf dem Boden. Enzo hat den Kopf gegen die Wand gelehnt, seine Haut ist nass und glänzt im fiesen, grünlichen Licht des Radars. Seine Augen sind nur noch schmale Schlitze. Als ich den Verband zur Seite schiebe, sehe ich, dass das Blut mit dem Stoff verkrustet ist. Ich reiße es vorsichtig ab. Das Geräusch, als sich die Fasern von der Wunde lösen, ist ekelhaft. Enzo atmet scharf ein und seine Finger graben sich in mein Handgelenk. Sein Griff ist feucht und heiß. Er sagt nichts, aber seine Knöchel treten weiß hervor. Ich tupfe mit einem nassen Lappen über den Riss in seiner Schulter. Das Wasser verfärbt sich sofort dunkel. In diesem Moment gibt es
Isabella Vittorio tritt das Gaspedal bis zum Boden durch. Der Wagen macht einen Satz, die Reifen kreischen auf dem Asphalt, und mein Kopf knallt gegen die Seitenscheibe. Ein stechender Schmerz schießt mir durch den Nacken. Auf meinem Schoß liegt Enzo. Er ist eine glühende, schwere Last. Sein Atem geht stoßweise, ein feuchtes Rasseln, das bei jeder scharfen Kurve lauter wird. Ich kralle meine Finger in sein Hemd, das an meinen Händen klebt. Es riecht im Auto nach Schweiß, altem Polster und dem metallischen Dunst von frischem Blut. „Wie weit noch?“, presse ich hervor. Meine Zunge klebt am Gaumen. „Halt den Mund und halt ihn fest“, knurrt Vittorio. Er starrt starr auf die Fahrbahn, seine Unterarme vibrieren vom harten Griff am Lenkrad. Im Rückspiegel tauchen zwei Lichtpunkte auf. Sie tanzen über die dunklen Baumstämme am Straßenrand, kommen näher, werden größer. „Sie sind dran“, sage ich. Mein Puls hämmert gegen meine Schläfen wie ein gefangener Vogel. Vittorio antwortet ni







