LOGINEnzo
Ich beobachte sie über die Monitore in meinem Büro. Vier Kameras im Atelier, zwei im Flur und eine im Treppenhaus. Die Bilder sind gestochen scharf, so klar, dass ich jedes Staubkorn sehen kann, das im Morgenlicht durch den Raum treibt. Technik hat ihre Vorteile. Menschen lügen, Kameras nicht. Isabella steht vor dem Fresko und hält den Spachtel so vorsichtig in der Hand, als würde sie etwas Lebendiges berühren. Ihre Finger zittern leicht, kaum sichtbar, aber mir entgeht so etwas nicht. Sie konzentriert sich so sehr auf die dünne Gipsschicht vor sich, dass sie alles andere um sich herum zu vergessen scheint. Es ist sechs Uhr fünfzehn. Sie ist zu früh gekommen, und das war nicht Teil meines Plans. „Hat sie geschlafen?“ fragt Carlotta hinter mir. Sie steht wie immer ein paar Schritte entfernt, ruhig, geduldig, die Hände vor dem Körper verschränkt. Carlotta wartet auf Antworten oder Befehle, je nachdem, was ich gerade brauche. Sie wartet schon mein ganzes Leben lang. Ich lehne mich im Stuhl zurück und beobachte Isabella weiter auf dem Monitor. „Nein“, sage ich schließlich. „Sie war um drei Uhr wach. Stand am Fenster. Und sie hat die SMS nicht gelöscht.“ Carlotta schweigt einen Moment. Dann fragt sie ruhig: „Wer hat sie geschickt?“ Ich vergrößere das Bild, bis Isabellas Gesicht den Bildschirm ausfüllt. „Paolo Rossini.“ Hinter mir verändert sich die Luft kaum merklich. Carlotta reagiert selten auf irgendetwas, aber dieser Name reicht aus. Rossini gehört zu den Menschen, die alte Geschichten mit sich tragen, und keine davon endet gut. „Dann sollten wir vielleicht eingreifen“, sagt sie. „Nein“, antworte ich sofort und drehe mich nicht einmal zu ihr um. „Noch nicht.“ Isabella arbeitet weiter, ohne zu wissen, dass sie beobachtet wird. Wenn sie sich auf ihre Arbeit konzentriert, verschwindet die Nervosität aus ihrem Gesicht. Auch der Trotz, mit dem sie mir sonst begegnet, ist dann nicht mehr zu sehen. Es bleibt nur diese konzentrierte Ruhe, die Menschen haben, wenn sie etwas wirklich können. Ich merke erst nach einer Weile, dass ich sie länger anstarre, als ich sollte, und das gefällt mir nicht. Mein Vater hat Frauen angestarrt. Er hat geglaubt, dass Gefühle keine Konsequenzen haben. Ich war siebzehn, als ich gelernt habe, wie falsch er damit lag. Ihr Name war Mirella, und ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem mein Vater wegen ihr einen Fehler gemacht hat. Einen einzigen Moment der Schwäche, in dem er nicht mehr der Mann war, der alles kontrolliert. Dieser Moment hat gereicht, um Dinge in Gang zu setzen, die niemand mehr aufhalten konnte. Seitdem halte ich Abstand, denn Gefühle machen Männer blind, und blinde Männer verlieren früher oder später alles. Auf dem Monitor kratzt Isabella eine weitere dünne Schicht Gips vom Fresko. Kleine Stücke lösen sich und fallen auf den Boden. Das Auge darunter wird klarer, intensiver, als würde es langsam aus der Wand auftauchen. Noch ein paar Zentimeter, dann wird das ganze Gesicht sichtbar. Das Gesicht des Mannes, den wir längst hätten vergessen sollen. Ein Klopfen an der Tür reißt mich aus dem Gedanken. Vittorio steht im Türrahmen und wartet, wie er es immer tut. Er kommt nie einfach so herein. „Paolo Rossini ist am Tor“, sagt er ruhig. „Er verlangt, Isabella zu sprechen.“ Ich sehe wieder zum Monitor, auf dem Isabella weiterarbeitet, als hätte sie keine Ahnung, dass gerade ein Polizist vor meiner Villa steht. „Wie lange ist er schon da?“ „Zehn Minuten. Er ist direkt vom Flughafen gekommen, er hatte es sehr eilig und hat mehrere rote Ampeln überfahren.“ Ich muss leise lachen, denn das passt zu Rossini. Der Mann war immer emotionaler als klug, und genau das hat ihn zu einem guten Polizisten gemacht. Es macht ihn allerdings auch zu einem schlechten Gegner. „Lass ihn warten“, sage ich. Vittorio hebt leicht eine Augenbraue. „Am Tor?“ Ich stehe auf und streife mir die Ärmel meines Hemdes ein Stück höher. „Nein. Bring ihn in die untere Lounge.“ Vittorio nickt und verschwindet wieder. Ich werfe noch einen letzten Blick auf den Monitor, bevor ich das Büro verlasse. Dann gehe ich selbst hinunter ins Atelier. Der Raum fühlt sich anders an, wenn man wirklich darin steht. Auf den Monitoren wirkt alles ruhig und kontrolliert, fast steril. Hier riecht es nach Staub, nach altem Putz und feuchtem Stein. Ich höre Isabella, bevor sie mich bemerkt, denn das Kratzen ihres Spachtels über den Gips hallt leise durch den Raum. „Du machst Fortschritte“, sage ich schließlich. Sie zuckt zusammen und dreht sich um, wirkt aber nicht wirklich überrascht. Wahrscheinlich hat sie damit gerechnet, dass ich irgendwann auftauche. „Das Auge ist fast frei“, sagt sie und deutet auf die Stelle im Fresko. Ich gehe näher heran und betrachte das Bild. „Ich weiß.“ Sie verengt die Augen. „Du beobachtest mich.“ Das ist keine Frage. Ich bleibe neben ihr stehen und sehe mir weiterhin das Fresko an. „Natürlich beobachte ich dich. Du bist in meinem Haus und arbeitest an etwas, das mir gehört. Außerdem bist du jemand, der sich nicht besonders gern an Regeln hält. Also ja, ich sehe nach, was du tust.“ Sie verschränkt die Arme. „Das nennt man Vertrauensbruch.“ „Ich nenne es Sicherheit.“ Ich sehe wieder zum Fresko, denn das Auge darin wirkt inzwischen fast lebendig. Der Blick ist falsch, zu intensiv, als würde der Mann aus der Wand heraus zurückstarren. Ich hasse dieses verdammte Bild. „Das Auge kannst du freilegen“, sage ich schließlich. „Aber alles andere bleibt bedeckt.“ Sie runzelt die Stirn. „Warum?“ Ich sehe sie an. „Weil ich es sage.“ Sie zögert kurz, und ich erkenne sofort, dass ihr diese Antwort nicht reicht. „Das ist nicht gut genug“, sagt sie. Ich drehe mich ganz zu ihr um. Sie ist kleiner als ich, deutlich kleiner, aber sie weicht keinen Schritt zurück. In ihren Augen steht Wut, nicht Angst, und das überrascht mich mehr, als ich zugeben würde. „Was wäre denn gut genug?“ frage ich ruhig. „Die Wahrheit.“ Ich muss lachen. „Die Wahrheit ist, dass dieser Mann einen Fehler gemacht hat“, sage ich und nicke in Richtung Fresko. „Und dass sein Gesicht Beweise trägt, die ich nicht sehen will.“ „Wer war er?“ „Jemand, der dachte, er könnte gegen mich arbeiten.“ Sie dreht sich wieder zum Fresko und betrachtet das Auge. „Er verdient es, gesehen zu werden.“ „Vielleicht“, sage ich. „Aber nicht von mir.“ In diesem Moment öffnet sich die Tür hinter uns. Vittorio steht im Rahmen, und sein Blick sagt mir sofort, dass Rossini ungeduldig wird. Ich sehe wieder zu Isabella. „Paolo Rossini ist hier“, sage ich ruhig. „Ein Polizist, der sich früher mit dem Verschwinden einer Frau beschäftigt hat. Giulia Marini.“ Isabella reagiert nicht sofort, aber ich erkenne an ihrem Blick, dass sie den Namen kennt. Natürlich hat sie recherchiert. „Er glaubt, du bist in Gefahr“, fahre ich fort und lehne mich gegen die Wand. „Er wird dir gleich erklären, dass meine Familie gefährlich ist und dass du so schnell wie möglich mit ihm gehen solltest.“ Isabella sagt nichts. Sie starrt nur auf das Auge im Fresko. Ich trete einen Schritt näher und sehe sie direkt an. „Die Frage ist nicht, ob du gehen kannst. Rossini würde dich sofort mitnehmen, wenn du willst. Die eigentliche Frage ist nur, ob du überhaupt gehen möchtest.“ Als sie mich ansieht, erkenne ich die Antwort sofort. Sie wird bleiben. Menschen wie sie können nicht anders, denn ihre Neugier ist stärker als ihre Angst. Und genau deshalb wird sie früher oder später in Schwierigkeiten geraten.IsabellaDas Schlauchboot wirkt auf dem offenen Meer wie eine Nussschale. Die Wellen sind nicht hoch, aber langgezogen und schwarz; sie heben uns an und lassen uns mit einem harten Schlag wieder in die Täler krachen. Der Motor hustet. Er spuckt unregelmäßig blauen Qualm aus, und jedes Mal, wenn er stottert, setzt mein Herz einen Schlag aus.Ich knie im Wasser, das im Boot hin und her schwappt. Es ist eine ekelhafte Mischung aus Salzwasser, Benzin und Enzos Blut. Der Gestank ist so penetrant, dass er mir die Kehle zuschnürt.„Enzo“, sage ich. Meine Stimme ist rau vom aufgewirbelten Staub der Explosion.Er reagiert nicht. Er liegt auf dem Rücken, den Kopf gegen den Gummirand gepresst. Sein Gesicht ist jetzt so weiß, dass es in der Morgendämmerung fast leuchtet, eine Maske aus blassem Marmor. Die Hände, die er eben noch gegen seine Flanke gepresst hat, sind schlaff zur Seite gefallen. Sie treiben leblos in der roten Brühe am Boden des Bootes. Der Stoff seines Hemdes ist schwarz gesä
Isabella Das Donnern der Rotoren über dem Haus wird ist so extrem laut . Der Winddruck presst die Gischt gegen die Fensterfront, bis das Glas in den Rahmen vibriert. Vittorio packt mich am Oberarm und zerrt mich zurück in den dunklen Flur. „Der Schacht ist hinter der Küche“, schreit er gegen den Lärm an. Wir rennen durch den Wohnbereich. Enzo schwankt, eine Hand fest gegen seine blutige Flanke gepresst, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. Er flucht bei jedem Schritt, ein abgehacktes, heiseres Keuchen. Oben auf dem Dach knallt es. Schwere Stiefel auf Beton. Sie sind da. Vittorio tritt gegen eine unscheinbare Holzverkleidung neben dem Vorratsschrank. Das Holz splittert, und eine schmale, dunkle Öffnung wird frei. Es riecht nach Moder und nassem Stein. „Isabella, zuerst! Da ist eine Leiter. Halt dich an den Seiten fest, sie ist locker.“ Ich schiebe die Glock in den Hosenbund – das kalte Metall brennt auf meiner Haut – und schwinge meine Beine in das Loch. Die Leiter ist r
Isabella Der Kaffee in der Blechtasse ist kalt und schmeckt nach verrostetem Eisen. Ich starre in die dunkle Brühe, während Vittorio am Laptop hantiert. Das einzige Geräusch im Raum ist das unregelmäßige Klicken der Tasten und das Pfeifen des Windes an den Betonecken des Hauses. Es ist ein fieser, grauer Morgen. Das Licht draußen macht alles flach und leblos. Vittorio flucht leise. „Die Datei ist korrupt. Oder verschlüsselt.“ „Mach es einfach auf“, sage ich. Meine Stimme ist belegt, ein trockenes Krächzen. Vittorio dreht den Bildschirm zu mir. Da ist kein glatter Ladebalken. Nur ein verzerrtes Fenster, das nach einem Scan verlangt. Ich beuge mich vor. Die kleine Kameralinse leuchtet kurz rot auf, spiegelt sich in meiner Iris. Ein hässliches, mechanisches Surren, dann springt ein Fenster auf. Es ist kein sauberes Video. Es ist eine Überwachungskamera, schwarz-weiß, grieselig. Man sieht einen klinischen Raum. Mein Vater steht an einem Tisch, den Rücken zur Kamera. Er bewegt si
Isabella Der Sand knirscht unter meinen Stiefeln, als ich Enzo vom Boot auf den Strand hieve. Er ist schwer, ein nasser Klotz, der nach Eisen und Salzwasser riecht. Sein Arm liegt schwer um meinen Nacken, und jedes Mal, wenn er ausatmet, spüre ich die feuchte Hitze seines Atems an meiner Schläfe. Vittorio geht vor, ohne ein Wort zu sagen, die Stiefel fest im weichen Boden. Oben an der Klippe wartet das Haus – ein dunkler Block aus Beton und Glas. Drinnen ist es klamm. Die Luft steht. Vittorio verschwindet sofort wieder nach draußen, die Tür fällt mit einem trockenen Klicken ins Schloss. Wir sind allein. Im Schlafzimmer drücke ich Enzo auf die Matratze. Das Laken ist kühl und riecht nach Staub. Er sitzt auf der Kante, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. Sein Hemd ist eine Ruine, der Stoff steif und dunkel verfärbt. Ich trete zwischen seine Knie. Meine Finger sind taub von der Kälte draußen, und die kleinen Knöpfe seines Hemdes gleiten mir immer wieder weg. Sie sind
Isabella Der Motor dröhnt in einem tiefen, mahlenden Rhythmus, der mir bis in die Zähne vibriert. In der Kabine ist es eng und stickig; es riecht nach Diesel, altem Fisch und diesem stechenden Wodka-Geruch, der von Enzos Haut aufsteigt. Das Boot schlägt hart auf die Wellen auf, und bei jedem Aufprall knackt es im Gebälk. Ich knie im Dreck auf dem Boden. Enzo hat den Kopf gegen die Wand gelehnt, seine Haut ist nass und glänzt im fiesen, grünlichen Licht des Radars. Seine Augen sind nur noch schmale Schlitze. Als ich den Verband zur Seite schiebe, sehe ich, dass das Blut mit dem Stoff verkrustet ist. Ich reiße es vorsichtig ab. Das Geräusch, als sich die Fasern von der Wunde lösen, ist ekelhaft. Enzo atmet scharf ein und seine Finger graben sich in mein Handgelenk. Sein Griff ist feucht und heiß. Er sagt nichts, aber seine Knöchel treten weiß hervor. Ich tupfe mit einem nassen Lappen über den Riss in seiner Schulter. Das Wasser verfärbt sich sofort dunkel. In diesem Moment gibt es
Isabella Vittorio tritt das Gaspedal bis zum Boden durch. Der Wagen macht einen Satz, die Reifen kreischen auf dem Asphalt, und mein Kopf knallt gegen die Seitenscheibe. Ein stechender Schmerz schießt mir durch den Nacken. Auf meinem Schoß liegt Enzo. Er ist eine glühende, schwere Last. Sein Atem geht stoßweise, ein feuchtes Rasseln, das bei jeder scharfen Kurve lauter wird. Ich kralle meine Finger in sein Hemd, das an meinen Händen klebt. Es riecht im Auto nach Schweiß, altem Polster und dem metallischen Dunst von frischem Blut. „Wie weit noch?“, presse ich hervor. Meine Zunge klebt am Gaumen. „Halt den Mund und halt ihn fest“, knurrt Vittorio. Er starrt starr auf die Fahrbahn, seine Unterarme vibrieren vom harten Griff am Lenkrad. Im Rückspiegel tauchen zwei Lichtpunkte auf. Sie tanzen über die dunklen Baumstämme am Straßenrand, kommen näher, werden größer. „Sie sind dran“, sage ich. Mein Puls hämmert gegen meine Schläfen wie ein gefangener Vogel. Vittorio antwortet ni







