LOGINKapitel 5Die Nachricht kam um 3:17 Uhr morgens."Hast du heute Nacht von mir geträumt?"Sie wachte vom Geräusch der Benachrichtigung auf, das Handy erhellte ihr dunkles Schlafzimmer. Ihr Herz raste, noch bevor sie las. Sie musste den Absender nicht prüfen. Niemand sonst schrieb zu dieser Stunde. Niemand sonst sprach so mit ihr.Sie tippte eine Antwort, bevor die Schläfrigkeit sie klar denken ließ."Ja."Drei Punkte erschienen. Verschwanden. Kehrten zurück."Was habe ich mit dir im Traum gemacht?"Ihre Finger erstarrten über dem Bildschirm. Denn er wusste es. Natürlich wusste er es. Im Traum hatte er sie im Archivraum der Bibliothek in die Enge getrieben, seine Hand über ihrem Mund, während die andere—Das Handy vibrierte erneut."Morgen. Archivraum. Mitternacht."Sie antwortete nicht. Musste sie nicht.Der nächste Tag verging wie im Nebel. Sie ging durch ihre Vorlesungen wie ein Geist, die Haut empfindlich an den Stellen, die er am Tag zuvor markiert hatte. Als der Literaturprofessor
Kapitel 4Das Buch war schwer in ihren Händen, eine alte Ausgabe von *Schuld und Sühne* mit vom Zeit vergilbten Seitenrändern. Die Campus-Bibliothek war fast leer, die Stille nur unterbrochen vom fernen Surren eines Beamers in irgendeinem Klassenraum. Beim Durchblättern der Seiten glitt ihm ein Zettel auf den Schoß, ein gefaltetes Stück Papier mit einer Handschrift, die sie sofort erkannte.*"Heute, Raum 204. Schließ die Tür ab. Sag nichts."*Ihr Herz raste, noch bevor ihr Verstand die Bedeutung verarbeitet hatte. Er wusste, dass sie kommen würde. Wusste, dass sie dieses Buch nehmen würde.Sie sah sich um, als könnte jemand zusehen, aber die Flure waren verlassen. Dennoch zitterten ihre Hände, als sie den Zettel in ihre Hosentasche steckte.Raum 204 lag im zweiten Stock des ältesten Gebäudes der Fakultät, wo die Neonröhren flackerten und der Geruch von Kreide und gewachstem Holz die Luft erfüllte. Sie stieg langsam die Treppe hinauf, jeder Schritt hallte wie ein verstärkter Herzschlag
Kapitel 3Der Freitag kam mit drückender Hitze, als weigerte sich die Luft, zu zirkulieren. Die Flure der Universität waren leerer als sonst. Letzte Vorlesung am Vormittag, nur wenige Dozenten auf dem Campus. Die Bewegung war fast geräuschlos – ideal für jemanden, der nicht bemerkt werden wollte.Der Name auf der gravieren Holzplakette glänzte immer noch an der Tür:*Prof. Dr. D. A. Moretti – Zeitgenössische Literatur*Im Inneren des Büros war die Atmosphäre dicht. Die hohen Fenster ließen mildes Licht herein, aber die geschlossenen Jalousien brachen den Überschuss. Regale bedeckten fast alle Wände, beladen mit dicken Büchern, manche mit Spuren intensiver Nutzung. In der Mitte ein massiver Holztisch und zwei Ledersessel. Und dahinter er – das Jackett über die Lehne gehängt, die Ärmel aufgerollt, die Finger hielten einen Stift, sein Blick versunken in Papieren.Das Klopfen an der Tür war dezent."Herein", sagte er, ohne aufzublicken.Das Geräusch des sich drehenden Türgriffs wurde vom
Kapitel 2Die Sonne des Vormittags fiel durch die großen Fenster von Raum 106 und warf rechteckige, goldene Lichtflecken auf die Tische. Es war die dritte Sitzung des Semesters, und dennoch lag eine stumme Erwartung in der Luft, als er durch die Tür trat. Sein Gang war fest, sein Blick ernst, und die Art, wie er die Bücher trug, als wären sie Werkzeuge der Macht, ließ jedes Flüstern verstummen, sobald er den kalten Boden betrat.Luna saß bereits. Erste Reihe, diesmal. Sie trug ein beiges Hemd, locker über den Körper fallend, aber die Knöpfe bis an die Grenze des Akzeptablen geöffnet. Eine dünne Halskette fiel zwischen die Brüste, die sich dezent unter dem Stoff abzeichneten. Die Beine übereinandergeschlagen, der Stift zwischen den Fingern, und die Augen, immer die Augen, auf ihn gerichtet, als wäre jede Stunde eine Fortsetzung des letzten Blickes.Er ließ seinen Blick über die Klasse schweifen, während er sich dem Pult näherte. Er schlug ein Buch auf, legte es auf die Holzplatte und k
Kapitel 1Es war der erste Montag des Semesters. Der weite, verglaste Raum 106 war bereits mit besetzten Stühlen, geöffneten Notizbüchern und aufmerksamen Blicken gefüllt, als sich der Türgriff verspätet drehte. Ein schnelles, unangenehmes Schweigen breitete sich aus, als ob die Zeit für einen Moment den Atem anhielte.Sie betrat mit entschlossenen, aber nicht eiligen Schritten den Raum, als ob die Verspätung Teil eines Rituals wäre. Der schwarze Rock schmiegte sich bei jeder Bewegung an ihre Oberschenkel, und das weiße Bluse war am Halsausschnitt leicht geöffnet – nicht aus Versehen, sondern aus Wahl. Ihre Augen suchten nicht nach Entschuldigungen, sie fixierten nur den Professor vor der Tafel, mit der Sicherheit von jemandem, der auf etwas wartete.Er hob die Augen von dem Buch, das er hielt."Name?", fragte er, seine Stimme leise, schneidend."Luna Andrade", antwortete sie mit einem halben Lächeln, das nicht um Verzeihung, sondern um Aufmerksamkeit bat.Er lächelte nicht zurück."E







