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Kapitel Vier: Die Letzte Tür

Auteur: Freyaah
last update Date de publication: 2026-07-09 18:17:51

Rheas Sicht

Als ich die Tore des Rudels erreichte, begann der Himmel bereits zu verdunkeln.

Ich schleppte mich weiter, bis der Innenhof in Sicht kam.

Dann sah ich sie.

Sie standen dort in einer Reihe, als hätten sie genau darauf gewartet, dass ich jeden Moment durch diese Tore zurückkehren würde.

"Was macht sie wieder hier?"

"Ist sie nicht mit Alpha Vander gegangen?"

Geflüster breitete sich durch die versammelte Menge aus.

Mein Vater stand in der Mitte, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Mit meinen müden Augen konnte ich seinen Gesichtsausdruck kaum erkennen, doch Lydia neben ihm wirkte wie immer elegant und beherrscht, eine Maske, die alle täuschte.

Celeste und Calvin standen hinter ihr. Als sie mich bemerkten, erschien sofort ein zufriedenes Lächeln auf ihren Gesichtern.

Meine Finger zuckten an meinen Seiten.

Für einen kurzen Moment wollte ich mich einfach umdrehen und verschwinden...

...bevor sie auch nur ein Wort sagen konnten.

„Nun“, sagte Lydia. Ihre Stimme durchschnitt die Stille wie ein Messer. „Sieh mal einer an... genau wie erwartet ist sie zurück.“

„Sieht so aus, als hätte der Alpha wohl doch daneben gegriffen“, bemerkte Celeste spöttisch.

„Genug“, befahl mein Vater, bevor sein Blick auf mich fiel.

„Du wurdest fortgegeben, um den Frieden zu sichern, Rhea. Warum bist du zurück?“

Ich holte zitternd Luft.

„Der Alpha... hat beschlossen, dass er einen schrecklichen Fehler gemacht hat.“

„Was habe ich dir gesagt, Liebling?“ Lydia sah mich mit kaltem Blick an. „Ich wusste, dass sie uns zur Lachnummer machen würde. Wer weiß, was sie ihm angetan hat.“

„Ich habe gar nichts getan!“, rief ich.

„Das musst du auch nicht, liebe Schwester“, lächelte Celeste. „Genau das ist doch dein Talent.“

Ich wollte etwas erwidern, doch Lydia fiel mir ins Wort.

„Weißt du, was mich am meisten enttäuscht?“ sagte sie. „Dass du überhaupt zurückgekommen bist.“

„Ich habe alles getan, was von mir verlangt wurde... alles“, brachte ich mühsam hervor.

„Offensichtlich nicht“, erwiderte mein Vater ohne Zögern.

Das Loch in meiner Brust wurde noch tiefer.

„Vater...“

„Du hast keine Ahnung, was das unserem Rudel antut, Rhea. Wenn Alpha Vander dich für ungeeignet hält, was soll er dann von mir denken?“

„Du hast mich nicht einmal gefragt, was passiert ist...“

„Das spielt keine Rolle“, unterbrach er mich kalt.

Meine Lippen öffneten sich.

„Also ist es egal, ob ich verletzt wurde...?“

„Die Pflicht gegenüber dem Rudel steht an erster Stelle!“, donnerte er.

„Zum Glück hat deine Mutter Lydia bereits eine bessere Lösung gefunden, um uns vor der Schande zu bewahren, die du über uns gebracht hast.“

Meine Hände ballten sich zu Fäusten.

All die Jahre hatte ich geglaubt, irgendwo tief in seinem Herzen würde mein Vater mich lieben.

Jetzt wusste ich die Wahrheit.

Ich war für ihn nichts weiter als das verfluchte Kind.

Das Kind, das er um jeden Preis loswerden wollte.

„Sie hat bereits Kontakt zu einem mächtigen Rudel im Osten aufgenommen“, fuhr er fort.

Ich konnte kaum glauben, was ich hörte.

„Sie haben großes Interesse gezeigt und bieten eine beträchtliche Menge Gold sowie einen Treueschwur.“

Langsam schüttelte ich den Kopf.

„Das könnt ihr nicht...“

„Geh hinein und mach dich sauber, Rhea“, sagte mein Vater mit unbewegter Stimme. „Bei Sonnenaufgang wirst du erneut verkauft.“

Ich blinzelte.

Es war schon schlimm genug gewesen, diese Worte von allen anderen zu hören.

Aber aus dem Mund meines eigenen Vaters...

In diesem Augenblick riss etwas in mir.

„An das Bloodfang-Rudel“, fügte er hinzu. „Dort wirst du...“

„Nein.“

Das Wort verließ meinen Mund, bevor ich darüber nachdenken konnte.

Plötzlich wurde es vollkommen still.

Dann begann die Menge zu tuscheln.

Doch diesmal war das Gefühl in meiner Brust kein Schmerz.

Es war Leere.

Eine tiefe, kalte Leere.

Als wäre der letzte Grund, mich zurückzuhalten, einfach verschwunden.

Meine Stiefmutter trat einen Schritt vor.

„Was hast du gerade gesagt?“

Ich hob langsam den Kopf und sah ihr direkt in die Augen.

„Ich sagte... nein.“

Lydia schnaubte.

„Dir ist klar, dass du keine Wahl hast.“

„Du hast recht“, sagte ich ruhig. „Aber ich nehme mir jetzt eine.“

„Rhea! Vergiss deinen Platz nicht!“, fuhr mein Vater mich an.

Ich schüttelte langsam den Kopf.

„Nein, Vater... ich erinnere mich endlich daran.“

Endlich verstand ich, wer ich in ihren Augen immer gewesen war.

Das enttäuschende Kind, das niemals gut genug sein würde.

Ich weiß jetzt, wer du bist... nur eine verzweifelte, bemitleidenswerte Tochter, die sich an jeden klammert, der ihr ein wenig Zuneigung schenkt.

Vanders Worte hallten in meinem Kopf wider.

Doch er hatte sich geirrt.

Ich brauchte nicht einmal Zuneigung.

Ich hatte mich einfach zu lange an Menschen geklammert, die mich nie wollten.

Ich machte einen Schritt zurück.

„Ich bleibe nicht hier“, sagte ich. „Ich werde nicht noch einmal verkauft. Mein ganzes Leben lang musste ich hören, dass ich meine Mutter getötet habe und ein Fluch bin... aber heute endet das.“

„Du weißt nicht, wovon du sprichst“, sagte mein Vater.

„Nein... vielleicht nicht.“

Ich begegnete seinem Blick.

„Aber ich weiß, dass ich hier nicht gewollt bin. Und ich weiß jetzt, dass es besser ist zu gehen, als an einem Ort zu bleiben, an dem mein eigener Vater mich nie als seine Tochter angesehen hat.“

Ich wusste nicht, woher dieser Mut kam.

Vielleicht deshalb, weil ich endlich begriffen hatte, dass ich nichts mehr zu verlieren hatte.

Keine Hoffnung.

Keine Familie.

Nichts.

Mein Blick glitt ein letztes Mal über sie.

Über die Menschen, die mich Stück für Stück zerbrochen hatten.

Zum ersten Mal...

...empfand ich nichts außer Leere.

Ich drehte mich um.

Das Rudel lag hinter mir.

Vor mir erstreckte sich nur der Wald.

„Wenn du auch nur einen weiteren Schritt machst, Rhea, bist du nicht länger meine Tochter!“

Meine Fäuste zitterten.

„Aber ich war nie deine Tochter, Vater...“

Ich hielt kurz inne.

„...Ich war nur der Erbe, den du nie bekommen hast.“

Als keine Antwort kam, setzte ich einen Schritt nach vorn.

Dann noch einen.

Niemand hielt mich auf.

Niemand rief meinen Namen.

Und ich sah kein einziges Mal zurück.

Erst als ich das Territorium des Rudels hinter mir gelassen hatte...

...und das Leben, das ich einst mein Zuhause genannt hatte, endgültig hinter mir ließ.

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