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Kapitel Vier

last update publish date: 2026-08-22 04:05:34

Wrens Perspektive

Mitternacht kam langsamer als jede Stunde in meinem Leben zuvor.

Die Halle summte noch lange nach dem formellen Teil der Nacht von der zurückgebliebenen Energie, Packmitglieder verweilten bei Getränken und erzählten sich die Zeremonie gegenseitig, als hätten sie sie nicht alle gerade gemeinsam erlebt. Die Stunden danach verbrachte ich damit, Tische abzuräumen, mein Körper bewegte sich von allein, während mein Kopf irgendwo ganz anders war. Vivian bellte Anweisungen, wie man die Tischwäsche richtig falten musste. Celeste schwebte durch die Menge und nahm Glückwünsche entgegen wie eine Königin, die Tribut empfängt, ihr Lachen schnitt alle paar Minuten durch die Halle. Edwin schüttelte den Ratsmitgliedern die Hand, die noch lange nach dem Essen geblieben waren.

Priya ging zweimal an mir vorbei, während ich arbeitete, jedes Mal langsamer als zuvor, und beobachtete mich so, wie eine Katze etwas beobachtet, bei dem sie noch nicht entschieden hat, ob sie sich die Mühe machen will. Beim zweiten Mal blieb sie stehen.

„Genießt du die Aufräumarbeit“, sagte sie. „Passt eigentlich. Du hast schon immer zu den schmutzigen Tellern gehört.“

„Mir geht’s gut, Priya.“

„Ich habe nicht gefragt, ob es dir gut geht.“ Sie nestelte an ihren Nägeln, schon gelangweilt. „Ich finde es nur interessant, dass du heute Abend ständig verschwindest. Zuerst draußen während der Zeremonie. Und jetzt driftst du beim Aufräumen ab, als wäre dein Kopf ganz woanders.“

„Ich bin müde. Es war eine lange Nacht.“

„Sicher war sie das.“ Sie lächelte, die Art Lächeln, die nie ihre Augen erreichte. „Lange Nächte machen Menschen unvorsichtig. Denk daran.“

Sie ging weg, bevor ich fragen konnte, was sie meinte, und ließ mich mit einem Stapel Teller und einem kalten Gefühl in der Brust zurück, das nichts mit der Temperatur zu tun hatte.

Maribel erwischte mich in der Nähe der Küchentür, als die letzten Teller hereinkamen. „Du siehst aus, als wärst du heute Abend woanders.“

„Lange Nacht.“

„Hm.“ Sie wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und sah mich an. „Du schleichst dich doch nicht heimlich zu ihm, oder?“

Mein ganzer Körper erstarrte. „Zu wem schleiche ich mich?“

„Ich habe keinen Namen gesagt, Liebes.“ Ein kleines, wissendes Lächeln. „Ich arbeite schon lange in diesem Haus. Ich weiß, was ein Blick bedeutet, wenn ich einen sehe.“

„Es gibt nichts zu wissen.“

„Wenn du das sagst.“ Sie drückte einmal meinen Arm und ließ mich gehen.

Niemand bemerkte, als ich mich zu den Trainingsplätzen stahl, sobald die letzten Gäste gegangen waren.

Die alte Scheune stand am Rand des Grundstücks, seit Jahren ungenutzt, außer von Wölfen, die einen privaten Ort zum Nachdenken suchten. Mondlicht schnitt in dünnen silbernen Linien durch die Lücken in der Holzverkleidung. Kade war schon drinnen, hatte die formelle Kleidung gewechselt, dunkles Hemd, Ärmel hochgeschoben. Er drehte sich in dem Moment um, als die Tür knarrte, als hätte er darauf gewartet.

„Du bist gekommen“, sagte er.

„Du hast mich darum gebeten.“

„Ich war mir nicht sicher, ob du kommen würdest.“

„Ich auch nicht.“ Ich blieb in der Nähe der Tür, die Arme um mich geschlungen gegen die Kälte. „Worüber wolltest du sprechen, Kade?“

Er ging langsam durch die Scheune und blieb so nah stehen, dass ich den Kopf heben musste, um ihn weiter anzusehen.

„Ich stand heute Abend da oben“, sagte er, „und habe mich vor dem ganzen Pack deiner Schwester versprochen.“

„Ich weiß. Ich war dabei.“

„Ich habe jedes Wort ernst gemeint. Jedes Gesetz dahinter.“ Sein Kiefer spannte sich an. „Und die ganze Zeit konnte ich nur an dich denken, in der Ecke, wie du versuchtest, mich nicht anzusehen.“

„Kade, tu das nicht.“

„Ich habe jahrelang versucht, nicht an dich zu denken. Weißt du das?“

„Versuch es härter.“ Es kam schärfer heraus, als ich es wollte. „Um Celestes willen, wenn um nichts anderes.“

„Ich weiß, was ich tun sollte.“ Er trat näher, nah genug, dass Kiefer und Regen den Raum zwischen uns füllten. „Ich sage dir, was ich tatsächlich tue. Jeden Tag. Ob ich will oder nicht.“

„Das macht es nicht richtig, Kade.“

„Ich habe nie behauptet, dass es richtig ist.“ Er sah mich ruhig an, ohne Entschuldigung. „Ich bin fertig damit, so zu tun, als wäre es einfach. Es war nie einfach. Nicht seit wir als Kinder auf die Eiche hinter den Trainingsplätzen geklettert sind.“

„Das war anders. Wir waren Kinder.“

„Und ich denke immer noch genauso an dich wie damals, nur dass es jetzt überhaupt nicht mehr unschuldig ist.“ Sein Kiefer arbeitete, als kosteten ihn die Worte etwas, sie laut auszusprechen. „Willst du, dass ich darüber lüge? Dir sage, dass ich nichts fühle?“

„Ich will, dass du dich daran erinnerst, was heute Abend war.“

„Ich erinnere mich genau daran, was heute Abend war.“ Seine Stimme wurde rauer. „Das ist das ganze Problem, Wren.“

„Kade—“

„Lass mich ausreden.“ Seine Stimme wurde leiser. „Ich denke an dich, wenn ich aufwache. In Ratssitzungen, wenn ich eigentlich den Ältesten zuhören sollte, die über Grenzpatrouillen sprechen. Ich habe heute Abend an dich gedacht, da oben, während ich jemandem, der nicht du bist, die Ewigkeit versprochen habe.“

„Du kannst so etwas nicht sagen. Nicht jetzt.“

„Warum nicht?“

„Weil es nichts ändert.“ Ich zwang mich, seinen Blick zu halten. „Du wirst sie trotzdem beanspruchen. In ein paar Wochen wird nichts davon mehr eine Rolle spielen.“

„Es spielt jetzt eine Rolle.“

„Es darf nicht.“

Er hob langsam die Hand und gab mir Zeit, zurückzuweichen. Ich tat es nicht. Seine Finger streiften meinen Kiefer, und etwas in seinen Augen wurde dunkel, als hätten Jahre des Zurückhaltens gerade eine kleine Öffnung gefunden.

„Sag mir, dass ich aufhören soll“, sagte er. „Jetzt sofort, und ich gehe weg und bringe das nie wieder zur Sprache.“

Das Wort lag direkt da. Ich sagte es nicht.

„Wren.“

„Kade, wir können das nicht.“

„Ich weiß.“ Seine Stirn sank gegen meine, beide atmeten schwerer, als der Moment es rechtfertigte. „Sag mir, dass ich aufhören soll.“

Keiner von uns bewegte sich. Dann knallte draußen ein Geräusch, Holz splitterte irgendwo an der fernen Wand, und wir rissen uns schnell auseinander. Kades ganzer Körper verwandelte sich in etwas Wachsames und Gefährliches in einer halben Sekunde.

„Bleib hinter mir.“

Die Tür auf der anderen Seite der Scheune hing offen und schwang in einer Brise, die einen Moment zuvor noch nicht dagewesen war. Kade ging schnell darauf zu. Ich folgte, obwohl jeder Instinkt mir sagte, in die andere Richtung zu rennen. Draußen, in der Nähe der Baumgrenze, bewegte sich etwas durch die Schatten, niedrig und schnell, verschwunden, bevor einer von uns einen klaren Blick erhaschen konnte.

„Was war das?“, flüsterte ich.

Kade antwortete nicht, die Augen auf die Baumgrenze gerichtet, der Körper angespannt wie ein Wolf, der bereit war, sich zu verwandeln. Er trat vor, die Nasenlöcher geweitet, und prüfte die Luft nach einem Geruch, den ich nicht fangen konnte.

„Kade.“

„Sei still.“

Ich stand hinter ihm erstarrt, das Herz hämmerte, und sah zu, wie seine Augen etwas Unsichtbares durch die Dunkelheit verfolgten. Irgendwo tiefer in den Bäumen knackte ein Ast, und jede Muskel in ihm spannte sich auf einmal an, als könnte er ohne Vorwarnung aus seiner eigenen Haut fahren.

„Sollen wir Grier holen?“, flüsterte ich.

„Keine Zeit.“ Er sah nicht zu mir zurück. „Wer auch immer es war, er ist jetzt weg. Schon lange weg.“

„Woher weißt du das?“

„Weil sie gesehen werden wollten.“ Seine Stimme war flach, kontrolliert auf eine Weise, die mich mehr erschreckte, als wenn er ängstlich geklungen hätte. „Das war kein Zufall, Wren. Jemand wollte, dass wir wissen, dass sie zugesehen haben.“

Schließlich drehte er sich zu mir um, und was auf seinem Gesicht lag, war nichts, was ich je an ihm gesehen hatte, nicht ein einziges Mal, nicht in über zwanzig Jahren, in denen ich diesen Mann kannte.

„Das“, sagte er, „war keiner von uns.“

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