LOGINCelestes Sicht Das Foto erreichte mich auf dieselbe Weise wie irgendwann alles andere: durch eine Freundin, die unter dem Vorwand der Besorgnis anrief und mir die Neuigkeit mit kaum verhohlener Begeisterung mitteilte. „Hast du es schon gesehen?“, fragte sie. „Das Foto vom Dinner bei den Kesslers?“ Ich hatte es nicht gesehen und sagte ihr das auch. Innerhalb weniger Sekunden schickte sie es mir, ganz atemlos vor jener besonderen Aufregung, die Menschen nur dann empfanden, wenn der Ruf einer anderen Familie in sich zusammenbrach. Lange nachdem das Gespräch beendet war, starrte ich noch immer auf das Foto. Alexanders Hand auf der Schulter dieses Mädchens. Der Winkel, die Nähe, die Art, wie er den Kopf zu ihr neigte, als hätte der Rest des Tisches einfach aufgehört zu existieren. Ich hatte sie gewarnt. Wochen zuvor, in meiner eigenen Wohnung, bei einer Tasse Tee, die sie nicht angerührt hatte. Ich hatte ihr genau erklärt, was sie das alles kosten würde, wer darunter leiden wür
Alexanders Sicht Der Anruf erreichte mich während einer Besprechung, die ich nicht verlassen konnte. Es war ein alter Bekannter vom Dinner bei den Kesslers. Seine Stimme besaß jene besondere, aufgesetzte Herzlichkeit eines Mannes, der schlechte Nachrichten überbrachte und sich insgeheim daran erfreute. „Ich dachte, du solltest es zuerst von einem Freund erfahren“, sagte er, „bevor du es irgendwo noch Schlimmeres lesen musst.“ „Was lesen?“ „Sieh nach diesem Anruf auf dein Handy. Ein Foto macht die Runde. Du und das Mädchen. Jemand hat daraus eine ziemlich große Geschichte gemacht.“ Ich beendete das Gespräch und saß die verbleibenden zwanzig Minuten der Besprechung ab, ohne auch nur ein einziges Wort aufzunehmen. Meine Gedanken rasten bereits durch sämtliche möglichen Quellen und gingen jeden Gast des Dinners durch, der im genau falschen Moment sein Handy gezückt haben könnte. Marcus wartete bereits auf mich, als ich den Raum verließ. „Du hast es gehört“, sagte er. Es war
Siennas Sicht Macht ging nicht von David aus. Das hatte sie noch nie. David war ein Erbe, bequem und verwöhnt, der geduldig auf ein Imperium wartete, das er weder selbst aufgebaut hatte noch wirklich verstand. Alexander hingegen war das Imperium selbst. Und Alexander konnte offenbar zu Fall gebracht werden. Ich dachte an jede Begegnung zurück, die ich seit meiner Ankunft in diesem Haus miterlebt hatte. Das Krankenhaus. Die Gala. Der Brunch, bei dem er die Hälfte seines eigenen gesellschaftlichen Umfelds gedemütigt hatte, nur um die Ehre eines schwangeren Mädchens zu verteidigen. Der Garten, in dem ein einziges Kompliment über ihre Augen ihn beinahe in eine gefährliche Form von Eifersucht hatte abgleiten lassen. Das Dinner bei den Kesslers, bei dem seine Hand ganz selbstverständlich ihre Schulter gefunden hatte, ohne dass der beherrschte, kontrollierte Mann, den er allen anderen gegenüber vorgab zu sein, auch nur um Erlaubnis zu fragen schien. David war nicht länger mein eige
Victors Sicht Die Gelegenheit bot sich mir zwei Tage später, in Form eines Geschäftsessens, das Alexander nicht höflich ablehnen konnte. „Die Familie Kessler richtet es aus“, informierte Marcus ihn beim Frühstück. Ich hörte zu, ohne es mir anmerken zu lassen, und bestrich meinen Toast mit einer Aufmerksamkeit, die er beim besten Willen nicht verdiente. „Sie haben ausdrücklich darum gebeten, dass du mit einer Begleitung erscheinst. Sie möchten offenbar die Familie kennenlernen und nicht nur das Unternehmen.“ Alexanders Kiefer spannte sich kaum merklich an. „Ich gehe allein.“ „Sie waren ziemlich deutlich, Alexander“, sagte ich und legte mein Messer hin. „Altmodische Familien wie die Kesslers möchten wissen, mit wem sie es wirklich zu tun haben. Familie, Ehefrauen und solche Dinge.“ „Ich habe keine Ehefrau.“ „Nein“, stimmte ich freundlich zu. „Aber du hast ein Enkelkind, das bald zur Welt kommt, und eine junge Frau, die es austrägt und technisch gesehen bereits zu
Victors Sicht Ich hatte die Nachricht selbst geschickt. Wir müssen reden. Über deinen Schwiegervater. Einfach. Nicht zurückzuverfolgen – oder zumindest kaum. Präzise genug, um Unruhe zu stiften, ohne etwas preiszugeben, das ich noch nicht preisgeben wollte. Ich hatte seit Wochen einen Verdacht. Seit dem Garten. Seit Alexanders Reaktion auf ein einziges harmloses Kompliment mir alles verraten hatte, was ich über die sorgfältig verborgene Schwachstelle meines Bruders wissen musste. Aber ein Verdacht war noch kein Druckmittel. Dafür brauchte es Beweise, den richtigen Zeitpunkt und Geduld. Drei Dinge, deren Beherrschung ich über Jahre perfektioniert hatte, während Alexander seine Zeit damit verbracht hatte, ein Imperium aufzubauen, von dem er bis heute glaubte, ich hätte keinen Anspruch darauf. Ich beobachtete von meinem Fenster aus, wie Shanaya an diesem Abend den Innenhof überquerte. Das Handy ans Ohr gedrückt, wahrscheinlich den Namen der Per
Davids Sicht Die Nachricht kam von einer gesperrten Nummer. Shanaya zeigte sie mir selbst. Sie stand in der Tür meines Zimmers, während ihr Handy leicht in ihrer Hand zitterte. Wir müssen reden. Über deinen Schwiegervater. „Ich weiß nicht, wer sie geschickt hat“, sagte sie. „Ich habe nicht geantwortet.“ Ich las die Nachricht zweimal. Dreimal. Etwas Kaltes breitete sich in meinem Magen aus. Nicht wegen der Worte selbst, sondern wegen der Tatsache, dass sie überhaupt zu mir gekommen war, um sie mir zu zeigen. „Du hättest mir das nicht zeigen müssen.“ „Ich wollte, dass du es weißt.“ Ich musterte ihr Gesicht und suchte nach allem, was sie mir nicht sagte. Sie hielt meinem Blick stand, ruhig und gefasst, obwohl ihre Hände immer wieder nervös am Saum ihres Oberteils zupften. „Okay“, sagte ich schließlich. „Danke.“ Sie ging. Ich saß noch lange da und starrte auf mein Handy, nachdem sie verschwunden war. Dieser eine Satz brannte sich durch jede Ausrede, die ich mir







