ANMELDENSeraphina Cole hat noch nie eine Krise verloren. Als „die Fixerin" rettet sie jeden Skandal. Bis Damian Voss, der vernarbte CEO, den die Presse „die Bestie der Wall Street" nennt, sie engagiert. Ein Toter. Tausende ohne Arbeit. Und ein Mann, der sich für Verbrechen nicht entschuldigt, die er nicht einmal leugnet. Aus Hass wird Spannung. Aus Spannung wird ein Vertrag, den sie nie hätte unterschreiben dürfen. Regel fünf: Niemand verliebt sich. Doch dann findet Sera eine Akte mit dem Namen ihres Vaters darin. Und Damian gesteht: „Ich weiß, wer du bist. Ich habe es immer gewusst." Den gnadenlosen Milliardär zu reparieren könnte sie alles kosten. Auch ihr Herz.
Mehr anzeigenUm 4:12 Uhr roch Hector Alvarez Rauch.
Er war einundfünfzig Jahre alt und arbeitete seit neunzehn Jahren an Linie 4 im Werk von Voss Industrial. Er kannte jedes Geräusch, das dieses Gebäude machte, so wie ein Vater die Schritte seiner Kinder kennt, und das Geräusch, das er jetzt hörte, war falsch. Ein tiefes Stöhnen im Stahl über der Laderampe, als räusperte sich etwas Riesiges.
Er sah zum Alarmkasten an der Wand.
Dunkel.
Er schlug mit der flachen Hand dagegen. Nichts. Keine Sirene, kein Blitzlicht. Jemand hatte die Sicherung gezogen.
„Raus!", brüllte Hector über den Hallenboden. „Alle raus, sofort!"
Er packte den Nächstbesten, einen Neunzehnjährigen im ersten Monat, und stieß ihn so hart zum Ausgang, dass der Junge der Länge nach hinfiel. Hinter ihnen wurde aus dem Stöhnen ein Schrei aus reißendem Metall. Die Luft färbte sich orange. In seiner Gesäßtasche vibrierte sein Handy, einmal, eine Nachricht von seiner Tochter im Studium: Papa, die Studiengebühren sind Freitag fällig. Nicht vergessen! Hab dich lieb.
Er griff gerade danach, als das Dach herunterkam.
Bei Sonnenaufgang war Hector Alvarez tot. Bis zum Mittag hatten viertausendeinhundertzwölf Menschen ihre Arbeit verloren. Bis Mitternacht hatte eine einunddreißig Sekunden lange Aufnahme jedes Telefon in Amerika erreicht: eine kalte Männerstimme, die die Schließung einer ganzen Sparte anordnete und eine Sicherheitswarnung abtat wie ein Mann, der Krümel vom Tisch wischt.
Die Stimme gehörte Damian Voss.
Am Morgen trug jeder Bildschirm in New York dieselbe Schlagzeile.
EIN TOTER. TAUSENDE OHNE ARBEIT. DIE BESTIE DER WALL STREET SCHWEIGT.
Einunddreißig Stunden nachdem das Dach heruntergekommen war, überquerte Seraphina Cole den Platz vor dem Voss Tower, umgeben von sechshundert Fremden, die nach Blut schrien.
Bestie! Mörder! Schande über Voss!
Etwas Nasses traf ihre Schulter. Ein Ei. Das Eigelb rann über die rote Seide ihrer Bluse, und sie geriet nicht ins Stocken. Sie war schon von besseren Menschenmengen angespuckt worden. Sie zog ein Taschentuch aus der Tasche, wischte die Schulter einmal ab und ging durch die Drehtür wie eine Frau, die auf einer Party eintrifft.
Neununddreißig Stockwerke höher zeigte ihr der Glasaufzug die ganze Stadt, und die Menge schrumpfte unter ihr zu einem Fleck aus Transparenten. Jede Menge bestand nur aus Menschen, die einen Ort für ihren Schmerz brauchten. Ihre Aufgabe war es, ihnen einen besseren zu geben.
Sie war in hundert Sitzungssäle gegangen, und sie wusste binnen zehn Sekunden, in welcher Sorte sie sich befand. Dies war die Sorte, in der alle schon entschieden hatten, dass jemand brennen musste.
Elf Vorstandsmitglieder saßen um einen langen Glastisch. Keines sah den Mann an seinem Kopfende an.
Sera sah hin. Sie konnte nicht anders.
Damian Voss saß vollkommen reglos. Dunkler Anzug, hoher Kragen, schwarzes Haar aus einem Gesicht zurückgestrichen, das schön hätte sein können, wenn es nicht so hart gewesen wäre. Graue Augen, die Farbe eines Sturms, der sich noch nicht entschieden hat. Und an der linken Seite seines Gesichts, von der Schläfe bis zum Kiefer und unter dem Kragen verschwindend, die Narbe, über die die ganze Welt flüsterte und die fast niemand aus der Nähe gesehen hatte.
Die meisten Männer zuckten zurück, wenn sie sie musterte. Er musterte sie zurück.
„Frau Cole." Vivienne Hale stand nicht auf. Sie bestand aus platinblondem Haar und Perlen und lächelte, wie Menschen lächeln, die sich das Messer schon ausgesucht haben. „Danke, dass Sie gekommen sind. Ich sollte klarstellen, dass dies nicht die Entscheidung des Vorstands war."
„Das ist es nie", sagte Sera und nahm den leeren Stuhl am anderen Ende. „Daran erkenne ich meistens, dass man mich braucht."
Ein paar Leute lächelten fast. Damian nicht.
„Sie sind jünger als Ihr Ruf", sagte er. Seine Stimme war tief und ruhig, ohne irgendetwas darin.
„Sie sind wütender als Ihrer."
Jemand hustete.
„Ich bin nicht wütend."
„Sie haben seit vierzig Sekunden nicht geblinzelt", sagte Sera. „Das ist keine Ruhe, Herr Voss. Das ist ein Mann, der mit seinem ganzen Körper eine Tür zuhält."
Einen Moment lang dachte sie, sie sei zu weit gegangen. Dann bewegte sich etwas in seinem Mundwinkel, so klein, dass sie es sich eingebildet haben könnte.
„Sechzig Tage", sagte Vivienne und schob eine Mappe über den Tisch. „In sechzig Tagen ist die Abstimmung der Aktionäre. Wenn sich die öffentliche Stimmung bis dahin nicht erholt hat, tritt Herr Voss als Vorstandschef zurück, und das Unternehmen macht ohne ihn weiter."
Sera berührte die Mappe nicht. „Was soll ich reparieren? Die Aufnahme? Den Unfall? Die Aktie?"
„Alles."
„Nein", sagte Damian. „Sie repariert mich."
Der Raum wurde still. Elf Blicke schwangen zu Sera, und unter ihnen spürte sie das, was sie niemanden sehen ließ: einen kalten Puls der Überraschung. Er hatte nicht nach ihrem Honorar gefragt, nicht nach ihren Methoden, nicht nach ihrer Bilanz. Er hatte es gesagt, als sei es längst entschieden gewesen, bevor sie hereinkam.
„Herr Voss", sagte sie gleichmütig, „ich möchte mit meinem Klienten allein sprechen."
Viviennes Lächeln rutschte endlich. Damian nickte einmal, und der Vorstand zog hinaus, bis die schweren Türen sich schlossen und der Sprechchor von der Straße zu einem Murmeln verblasste.
Sera stand auf. Sie ging die Länge des Tisches ab, ihre Absätze das einzige Geräusch im Raum, und blieb ein paar Schritte vor ihm stehen. Er roch nach Regen und Zedernholz. Aus der Nähe sah sie die Anspannung in seinem Kiefer und die Schatten unter seinen Augen, den Blick eines Mannes, der seit Jahren nicht mehr richtig geschlafen hatte.
„Ich sage Ihnen, was ich sehe", sagte sie. „Einen Mann, den die Öffentlichkeit für ein Monster hält, der aussieht wie eines, sich benimmt wie eines und nicht ein einziges Wort zu seiner eigenen Verteidigung gesagt hat. Sie haben keinen Skandal, Herr Voss. Sie haben ein Imagedesaster im Maßanzug."
„Ich habe nicht um Ihre Meinung gebeten."
„Sie haben mich dafür engagiert." Sie stützte eine Hand auf den Tisch. „Ich habe drei Regeln. Voller Zugang. Volle Kontrolle. Und keine Lügen. Wenn Sie eine brechen, gehe ich."
„Warum sollte ich Sie anlügen?"
„Weil jeder seine Fixerin anlügt." Sie hielt seinen Blick. „Ein Mann ist tot. Haben Sie die Schließung angeordnet? Haben Sie die Warnungen ignoriert?"
Ein Muskel bewegte sich in seinem Kiefer. Eine Sekunde lang sah sie etwas hinter dem Eis aufflackern. Es war keine Schuld. Es war schwerer als das, und es sah fast aus wie Angst.
„Die Aufnahme ist meine Stimme", sagte er.
Es war keine Antwort, und sie wussten es beide.
Sera richtete sich auf. Sie las Schweigen für ihren Lebensunterhalt, und seines war ein verschlossener Raum, in dem jemand gefangen war. Was immer er verbarg, er würde damit untergehen, bevor er es preisgab. Jede kluge Beraterin hätte sich für seine Zeit bedankt und wäre gegangen.
Aber mit sechzehn hatte sie vor einem Gerichtssaal gestanden, während die Presse den Namen ihres Vaters durch den Dreck zog, und sie hatte die eine Lektion gelernt, auf der ihre ganze Laufbahn beruhte: Der lauteste Schurke ist fast nie der wahre.
„Gut", sagte sie. „Dann fangen wir mit dem an, was Sie nicht verbergen können."
„Und das wäre?"
„Dass Sie noch nie jemand menschlich gesehen hat." Sie rief das Foto auf, das die Boulevardblätter am meisten liebten, Damian Voss vor drei Jahren, das Gesicht von den Kameras abgewandt, die Narbe hinter einer erhobenen Hand verborgen. „Die Welt hasst einen Mann, den sie nicht versteht. Also geben wir ihr etwas zu verstehen."
„Ich werde kein Interview geben."
„Das wollte ich auch nicht vorschlagen." Sie legte das Handy ab. „Sie brauchen eine Freundin."
Zum ersten Mal, seit sie hereingekommen war, blinzelte Damian Voss.
„Nein."
„Keine echte", sagte Sera mit einem leichten Lächeln. „Eine überzeugende. Jemand an Ihrer Seite, der Sie weicher macht und die Welt fragen lässt, was sie übersehen hat. Drei Wochen Fotos. Eine Gala. Eine Geschichte mit einer Frau darin."
„Und wer", sagte er langsam, „wäre töricht genug, diese Rolle zu spielen?"
Sie nahm die Mappe, die Vivienne zurückgelassen hatte, und klemmte sie sich unter den Arm.
„Ich", sagte sie. „Und, Herr Voss? Versuchen Sie, weniger so auszusehen, als wollten Sie mich vernichten. Wir sind jetzt verliebt."
Sie schaffte es bis zum Aufzug, bevor ihre Knie zu zittern begannen.
Es war nicht die Narbe und nicht das Schweigen und nicht die Art, wie er sie angesehen hatte, als präge er sich ihr Gesicht ein. Es war das, woran sie den ganzen Morgen nicht hatte denken wollen.
Jede Fixerin in New York hatte ihm zur Verfügung gestanden. Die besten Kanzleien und Agenturen der Stadt wären für diesen Auftrag über Scherben gekrochen.
Und Damian Voss hatte nach ihr verlangt.
Mit Namen.
Und während sich die Aufzugtüren hinter ihr schlossen, spürte Sera zum ersten Mal seit zwölf Jahren etwas, das sie sich geschworen hatte, nie wieder zu fühlen: das Gefühl, dass jemand sie schon lange erwartet hatte.
Bis zum Mittag war das Werk ein Tatort, Damian hatte elf Stiche im Unterarm, und Sera hatte gelernt, dass man mit einem Mann, der schweigend blutet, keinen Streit gewinnen kann.„Du wirst der Polizei nichts von dem Vorhängeschloss sagen", sagte er im Wagen. „Wenn sie es zu einer Voss-Bestellung zurückverfolgen, wird es eine Geschichte über meine Familie, bevor wir wissen, wessen Hand es hielt."„Ein Mann hat uns in einem Gebäude eingesperrt und es angezündet."„Ich werde meinen Bruder nicht auf die Grundlage einer Nachricht eines Fremden einem Kommissar ausliefern."„Dann beschützt du die Geschichte, die du dir über ihn erzählst." Sie bereute es sofort. „Es tut mir leid. Ich bin seit zwölf Stunden wütend und hatte noch keine Minute, um Angst zu haben."„Dann hab Angst", sagte Damian leise. „Ich fahre."Sie setzte ihn mit Desinfektionsmittel und der Anweisung, zu bleiben, im Penthouse ab und fuhr dann zu ihrer Mutter, an einem Tag, der kein Sonntag war.Willowbrook war ein helles Stein
Sera drehte sich nicht um.Sie stand in der dunklen Tür, den Ordner gegen die Rippen gepresst, und zählte bis fünf, so wie sie es tat, bevor sie ans Rednerpult trat. Eins: die Handschrift ihres Vaters. Zwei: die rote Tinte. Drei: ein Mann hinter ihr, der ihren Namen seit zwölf Jahren kannte. Vier: ein Unbekannter, der wusste, welche Tür er sie als Nächstes aufstoßen lassen wollte. Fünf.„Wer ist Lucian für dich?", fragte sie den Flur.Hinter ihr hörte sie einen Mann, der sich daran erinnerte, wie man atmet, langsam und vorsichtig, wie jemand, der dünnes Eis prüft.„Dreh dich um, Sera."„Nein. Wenn ich dein Gesicht sehe, verliere ich die Beherrschung, und die würde ich gern behalten." Sie hielt, ohne sich umzudrehen, ihr Handy hoch und hörte, wie er durch den Raum kam. „Das ist die zweite Nachricht. Die erste kam nach der Gala. Jemand füttert mich mit deinen Geheimnissen, genau in der Reihenfolge, in der ich sie finden soll."Er las den Bildschirm. Als sie sich schließlich umdrehte, wa
Sera las die Akte zweimal, bevor ihre Hände aufhörten zu zittern.Es war mehr, als sie sich vorgestellt hatte. Die Sicherheitsverstöße in Werk 3 waren real gewesen, und sie waren von jemandem weit über ihrem Vater verborgen worden. Die Compliance-Freigaben ihres Vaters lagen in der Mappe, manche echt und manche, das sah sie jetzt, gefälscht von einer Hand, die seiner nur ähnelte. Ein Zahlungsbeleg einer Briefkastenfirma. Ein versiegeltes Gerichtsdokument, von dem sie bisher nur als Gerücht gehört hatte. Und hinten angeheftet eine handgeschriebene Notiz in derselben roten Tinte wie die Warnung:Bring es in Ordnung, was es auch kostet. A.V.A.V. Alistair Voss. Damians Vater.Der Mann, der Voss Global vor zwölf Jahren geleitet hatte. Der Mann, dessen Name in keinem Artikel, den Sera tausendmal gelesen hatte, je neben der Schande ihres Vaters aufgetaucht war.„Das hättest du nicht finden sollen."Sie zuckte nicht zusammen. Ein Teil von ihr hatte es in dem Moment gewusst, als die Tür des A
Das Penthouse war ein Glaskasten, der über der Stadt hing, und Sera wohnte seit vier Tagen darin.Es war Noors Idee gewesen. „Die Demonstranten wissen, wo du wohnst", hatte sie gesagt, „und die Boulevardblätter lagern vor deinem Haus. Zieh bei ihm ein. Näher an der Geschichte, näher an den Kameras." Es war eine gute Strategie. Es war auch eine furchtbare Idee, denn Damian Voss lief in seinem eigenen Zuhause in einem schwarzen Hemd mit bis zu den Ellbogen aufgerollten Ärmeln herum, und Sera vergaß ständig, ihn zu hassen.Es waren die kleinen Dinge, die sie aus dem Gleichgewicht brachten. Die Art, wie er ihr jeden Morgen wortlos den Kaffee auf die Küchentheke stellte. Die Art, wie sie ihn eines Abends am Esstisch ertappt hatte, wie er einen Stapel handgeschriebener Briefe von den Familien seiner Arbeiter las, und er sie umgedreht hatte, sobald er sie bemerkte. Die Art, wie er in der ersten Nacht in der Tür ihres Zimmers gestanden hatte, eine Hand am Rahmen abgestützt, und gesagt hatte:











