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4

Author: Yuri-Violet
last update publish date: 2026-09-25 05:35:41

„Zieh deine Kapuze hoch“, befahl Rhys, seine Stimme schnitt durch die abendliche Kühle, als sie sich dem grandiosen Eingang des Palastes näherten.
Anya kuschelte sich eng an seine Seite und warf Lyra ein spöttisches Grinsen zu, ihre Augen verengten sich, während sie auf die reichen, rotbraunen Wellen blickten, die Lyras Rücken hinabfielen.
„Wir wollen einfach unnötige Aufmerksamkeit auf dein Aussehen vermeiden“, bemerkte Anya, ihr Ton triefte vor falscher Süße, während ihr Lächeln sich verbreiterte. „Angesichts dessen, wie ähnlich unsere Haare und Augen sind, wäre es furchtbar peinlich, wenn jemand anfinge zu fragen, wer von uns die echte ist – besonders innerhalb königlicher Mauern, findest du nicht?“

Lyra bewahrte ein ruhiges, unbewegtes Lächeln und hob die Hände, um die raue Leinenkapuze über ihren Kopf zu ziehen, genau wie sie es verlangten.
„Verstanden“, antwortete sie und ließ einen leisen, wissenden Ausdruck über ihre Züge gleiten.
Sie wusste, dass ihr beständiger Gehorsam ihnen weit mehr auf die Nerven ging als offene Auflehnung. Egal, wie erniedrigend oder kleinlich der Befehl war – Lyra führte ihn ohne Spur von Groll aus. Sie waren verzweifelt darauf aus, einen Ausbruch zu provozieren, und sie hatte nicht die Absicht, ihnen diesen Sieg zu gönnen.

„Wir gehen zuerst hinein“, verkündete Luna Viola glatt, hakte ihren Arm in den von Alpha Aiden und begann, die breiten Marmorstufen hinaufzusteigen.
Eine frische Nachtbrise strich über das Gelände und schickte trockene Blätter über die Hofsteinplatten tanzen, bevor das königliche Paar durch die großen Bogenportale verschwand. Zurückgelassen wurde die Stille zwischen den dreien dicht und erstickend, wie ein kriechender Nebel.

„Erfülle jede Bitte Anyas, und denke nicht einmal daran, Aufmerksamkeit auf dich zu lenken“, warnte Rhys, seine kalten Augen musterten Lyra von Kopf bis Fuß.
Selbst unter einem schlichten Umhang und der Uniform einer Küchenmagd fing ihre auffällige Schönheit immer noch seinen Blick – eine unbequeme Wahrheit, die ihn sichtlich wütend machte. Er biss die Zähne zusammen, sichtbar verstört von ihrer unerschütterlichen Haltung und dem leichten, ruhigen Lächeln auf ihren Lippen.
„Ja, junger Herr“, antwortete sie glatt.
Rhys runzelte die Stirn, legte einen Arm um Anyas Taille und zog sie vorwärts in den Palast.

Lyra stieß einen leisen Seufzer aus, als sie ein paar Schritte hinterherging. Nach drei unerbittlichen Monaten der Qual berührte ihre Feindseligkeit sie kaum noch. Sie hatte längst jede verbliebene Zuneigung zu Rhys ausgelöscht; ihre gemeinsame Geschichte hatte sich als Illusion erwiesen, und sie hatte kein Verlangen danach, Geistern nachzujagen. Ihr einziges Ziel jetzt war das Überleben in einer Umgebung, die von Tag zu Tag gefährlicher wurde.

„Unglaublich“, hauchte Lyra leise vor sich hin, als sie den großen Ballsaal betraten.
Der Raum war leicht dreimal so groß wie die große Halle von Incarnadine, mit hohen Gewölbedecken und vergoldeten Bögen. Edle Gäste füllten den Boden, Streichinstrumente gossen melodische Wärme in die Luft, und opulente Blumenarrangements rahmten jede Ecke. Eine seltsame, flüchtige Nostalgie zerrte an ihrem Hinterkopf, erinnerte an einen flüchtigen Ort aus ihrer frühen Kindheit.

„Hol mir ein Glas Wasser“, befahl Anya unvermittelt und riss Lyra aus ihren Gedanken.
„Sofort.“
Lyra eilte zum nächsten Erfrischungstisch, nahm ein Kristallglas mit gekühltem Wasser und drehte sich um – nur um den Platz, an dem sie sie zurückgelassen hatte, völlig leer vorzufinden.
Verwirrt musterte sie den Raum und suchte durch das lebhafte Meer aus Seide und maßgeschneiderten Anzügen. Jemanden in einer so dichten Menge auszumachen war nahezu unmöglich.
Wohin konnte sie so schnell verschwunden sein? fragte sich Lyra, ihre Instinkte prickelten vor Vorsicht.
Als sie die obere Ebene absuchte, erhaschte sie einen Blick auf Anya, die durch eine Bogentür auf die Terrasse im zweiten Stock glitt. Dem plötzlichen Drang in ihrer Brust vertrauend, bewegte sich Lyra rasch durch die geschäftige Menge und nahm die Seitentreppen zwei Stufen auf einmal.

Als sie sich dem Terasseneingang näherte, versteckte sie sich hinter den schweren Samtvorhängen und spähte durch die schmale Öffnung. Anya war nicht allein; sie stand dicht bei einem breitschultrigen Mann, dessen Haltung unverkennbar nördliche Autorität ausstrahlte.
„Ist dieses Gift wirklich so tödlich, wie du versprochen hast, Vater?“, flüsterte Anya und musterte ein Fläschchen in ihrer Handfläche.
Lyras Atem stockte in ihrer Kehle. Die kalte Erwähnung von Gift schickte Eis ihren Rücken hinunter.
„Ohne Zweifel“, antwortete der Beta des Silber-Rudels mit tiefem, selbstbewusstem Grollen. „Ein einziger Tropfen, und das Ziel wird den nächsten Sonnenaufgang nicht erleben.“
Ein scharfes, bösartiges Lächeln breitete sich über Anyas Lippen aus, als sie das kleine Glasfläschchen im Mondlicht neigte, bevor sie es diskret in ihre Seidenclutch steckte.
„Und wer ist das unglückliche Opfer?“, fragte der Beta und beobachtete seine Tochter mit berechnender Neugier. „Diese Waisenmagd?“
„Kaum. Es ist für Alpha Aiden“, antwortete Anya ohne eine Sekunde Zögern.
Hinter den Vorhängen wurde Lyra völlig kalt.
„Ich werde es in seinen Becher mischen und dafür sorgen, dass die Schuld direkt auf diese erbärmliche Dirne fällt“, erklärte Anya, ihre Stimme ohne jede Reue. „Zwei Fliegen mit einer Klappe. Sobald Aiden tot ist, wird Rhys sofort den Alpha-Mantel übernehmen. Ich werde meinen Platz als Luna einnehmen, und Lyra wird wegen Hochverrats hingerichtet. Es ist makellos.“
Ein leises, unheimliches Lachen entwich der Brust des Betas und ließ Lyras Haut kribbeln. Absolute Stille bewahrend, zog sie sich von der Terrasse zurück, bevor einer der Wölfe sie wittern konnte, ihr Puls raste wild gegen ihre Rippen.

Unten holte sie mehrere abgemessene Atemzüge, um ihre zitternden Hände zu beruhigen. Sie kehrte zur Erfrischungsstation zurück und setzte das Glas Wasser auf den leinenbedeckten Tisch zurück.
„Was tust du hier? Wo ist Anya?“
Rhys’ scharfe Stimme ließ sie zusammenzucken. Sie drehte sich zu ihm um und fand seine Stirn vor ungeduldigem Verdacht gerunzelt. Ein trockener Kloß bildete sich in ihrer Kehle, während sie ihre Optionen abwog.
Sollte sie es ihm sagen?
Der Gedanke verdampfte so schnell, wie er gekommen war. Wen wollte sie denn veralbern? Er würde einer in Ungnade gefallenen Waise nie über seine schicksalhafte Gefährtin glauben; er würde sie wahrscheinlich auf der Stelle der Verleumdung beschuldigen.
Bevor sie sich eine Ausrede ausdenken konnte, glitt Anya an ihre Seite und hakte ihren Arm besitzergreifend in Rhys’ ein.
„Habe ich etwas unterbrochen?“, schnurrte Anya und blickte zwischen ihnen hin und her mit verengten Augen, doch Lyras Aufmerksamkeit blieb auf die eng unter Anyas Arm geklemmte Clutch gerichtet. „Versuchst du, mit meinem Gefährten zu flirten?“
„Keineswegs“, antwortete Lyra flach.

Bevor der Streit eskalieren konnte, durchdrang die dröhnende Stimme eines Herolds die Halle und durchschnitt Musik und Gespräche:
„Seine Kaiserliche Majestät, der Alpha-König!“

Der Raum versank in sofortiger, ehrfürchtiger Stille. Jeder Kopf senkte sich unisono, als die schweren Eichentüren am oberen Ende der zentralen Treppe aufschwangen. Der König stieg hinab, flankiert von zwei turmhohen königlichen Wachen und seinem persönlichen Beta. Sein Schritt war langsam, bedächtig und befehlend. Als er das Podest am Fuß der Treppe erreichte, ließ er sich auf den geschnitzten Obsidianthron nieder.

Lyras Puls hämmerte, während sie den Monarchen aus dem Schatten ihrer Kapuze musterte. Langes, mitternachtsschwarzes Haar fiel über seine breiten Schultern und umrahmte eine kunstvolle silberne Maske, die die obere Hälfte seiner Züge verbarg. Trotz der schrecklichen Gerüchte, die ihn als missgestaltetes Monster darstellten, verrieten die scharfe Linie seines Kiefers und sein kraftvoller Körperbau eine unbestreitbare, rauhe Autorität.

„Ich habe heute Abend keine Lust, Zeit zu verschwenden“, sprach der König, sein tiefer Bariton hallte durch die weite Halle, reich an einer Aura, die die stärksten Wölfe die Köpfe noch tiefer beugen ließ. „Wie ihr alle wisst, markiert dies meinen dritten Versuch, eine Königin-Luna zu ernennen. In diesem Jahr werde ich, anstatt eine erschöpfende, sinnlose Parade von Kandidatinnen zu erdulden, meine Auswahl direkt aus den Porträts jeder berechtigten, ungebundenen adligen Wölfin treffen, die anwesend ist.“

Sein Beta trat vor und legte einen dicken Stapel Porträts auf den kleinen Tisch neben dem Thron.
Eine Welle unterdrückter Panik durchlief die Versammlung. Ungebundene Wölfinnen, die von ehrgeizigen Rudelführern in die Hauptstadt geschleppt worden waren, duckten sich an ihre Beschützer, ihre Gesichter blass vor Schrecken. Jede Frau im Raum bat die Mondgöttin still, sie vor dem verfluchten Thron zu verschonen.

Während König Kian die Porträts lässig wie ein Kartenspiel mischte, drifteten Lyras Augen zurück zu Anyas Tasche.
Eine scharfe, kristallklare Klarheit legte sich über ihren Geist. Selbst wenn sie dem Gift-Komplott heute Abend entkommen konnte, würden Anya und das Silber-Rudel nie aufhören, sie zu jagen, bis sie sechs Fuß unter der Erde lag. Ihr Leben im Incarnadine-Rudel war bereits faktisch vorbei; der einzige Unterschied war jetzt, wie sie dem Ende begegnete.

Getrieben von dem verzweifelten Bedürfnis, sich ein für alle Mal von ihren Peinigern zu befreien, hob Lyra das Kinn. Sie holte einen ruhigen Atemzug, hob die rechte Hand hoch in die Luft und trat vor.
„Ich melde mich freiwillig, Eure Majestät.“

Ihre klare, klingende Stimme durchschnitt die angespannte Stille des Ballsaals.
Jeder Kopf in der Halle riss in ihre Richtung. Rhys sah aus, als hätte ihn der Blitz getroffen, sein Kiefer schlaff vor Unglauben.
„Was zum Teufel tust du da?“, zischte er durch zusammengebissene Zähne und streckte die Hand aus, um ihren Arm zu greifen.
Lyra wich seinem Griff mühelos aus, warf ihm einen kalten, trotzigen Blick zu und trat dann in den offenen Gang. Die Menge wich verwundert um sie herum auseinander. Bevor sie einen weiteren Schritt auf das Podest zu machen konnte, kreuzten zwei königliche Wachen ihre Speere und versperrten ihr den Weg mit unverhohlener Feindseligkeit.

„Du hast wirklich Nerven, kleiner Wolf“, grollte Kians dunkle Stimme vom Thron. Er lehnte sich in die dunklen Samtkissen zurück und stützte das Kinn lässig auf die Fingerknöchel. „Zieh deine Kapuze herunter.“

„Lyra, hast du den Verstand verloren?“, hallte Stellas panische Stimme in ihrem Kopf wider.
Die Warnung ignorierend, griff Lyra hoch und zog den rauen Stoff zurück. Ihr feuerrotes Haar fiel in reichen Wellen über ihre Schultern, und sie begegnete dem durchdringenden Blick des Alpha-Königs ohne den Hauch von Angst.
„Guten Abend, Alpha-König“, sprach sie und verneigte sich in einer makellosen, anmutigen Verbeugung. „Ich bin Lyra, vom Incarnadine-Rudel.“

Ein leises, amüsiertes Lachen entwich Kians Lippen. Sein Blick huschte kurz an ihr vorbei zu Anya, die wie erstarrt vor Schock dastand, bevor er sich mit einem interessierten, gefährlichen Glanz wieder auf Lyra legte.
„Ah. Die verdrängte zukünftige Luna von Incarnadine“, sann Kian glatt. „Beiseitegeschoben für eine wahre Gefährtin. Sag mir … was bringt eine verworfene Braut dazu, sich freiwillig für einen Thron zu melden, der ein frühes Grab garantiert?“

„Würdet Ihr die diplomatische Antwort bevorzugen oder die Wahrheit, Eure Majestät?“, konterte sie.
Kians Braue hob sich hinter der Maske. Normalerweise machte die Angst Wölfe unfähig, in seiner Gegenwart zu sprechen, doch dieses Mädchen blickte ihm direkt in die Augen, ohne zu zucken. Ihre Kühnheit weckte seine Neugier, selbst während sie seine Autorität herausforderte.
Den dunklen Unterton in seiner Haltung lesend, drängte Lyra vor, bevor der Raum wieder Atem schöpfen konnte.
„Die Wahrheit“, sagte sie, ihre Stimme fest und bedacht, hallte klar durch die stille Halle, „ist, dass niemand sonst in diesem Raum bereit ist, an Eurer Seite zu stehen. Aber ich bin es.“

Murmeln brach wie Lauffeuer unter den adligen Zuschauern aus, Keuchen des Unglaubens hallte aus jeder Ecke. Die ungebundenen Wölfinnen starrten in einer Mischung aus Entsetzen und Ehrfurcht, während Rhys wie erstarrt dastand, sein Gesicht vor Empörung glühte.
„Nennt mich Eure Königin-Luna“, sagte Lyra und hielt den Blick des Tyrannen. „Ich werde jede Pflicht erfüllen, die die Krone verlangt, und ich werde beweisen, dass ich des Throns würdig bin.“

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