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Author: Yuri-Violet
last update publish date: 2026-09-25 05:37:44

Rhys stand am Rand des Ballsaals, seine Fingerknöchel weiß vor Anspannung, während er Lyras kühne Herausforderung vor dem Hof beobachtete. Er brannte darauf, vorzuspringen und sie aus der Halle zu zerren, doch den Zorn des Alpha-Königs herauszufordern war eine ganz andere Sache.

„Was zum Teufel geht in ihrem Kopf vor?“, murmelte er unter seinem Atem und grübelte verzweifelt nach einem Weg, ihre impulsiven Eskapaden zu beenden und sie zur Vernunft zu bringen. Vor dem Alpha-König zu stehen war reiner Selbstmord.

[Vater,] erreichte Rhys ihn über ihre private Gedankenverbindung und starrte zu der Marmorsäule hinüber, an der Alpha Aiden und Luna Viola wie erstarrt standen. [Tu etwas. Greif ein—]

Bevor er seine verzweifelte Bitte beenden konnte, durchschnitt der Bariton des Alpha-Königs die erdrückende Stille, die sich über die Halle gelegt hatte.

„Sehr wohl“, antwortete Kian.

Ein kollektives Keuchen durchlief den Raum.

Lyra stand wie angewurzelt, überwältigt von seiner sofortigen Antwort. Hatte er wirklich so leicht zugestimmt? Sie hatte sich immer darauf eingebildet, kühn und wagemutig zu sein – besonders darin, sich als seine Luna anzubieten –, doch sie hatte nie damit gerechnet, dass der Tyrann ohne Kampf nachgeben würde. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte es sich an, als hätte das Schicksal ihr etwas Spielraum gewährt.

„Erwägt Ihr das ernsthaft, Sire?“, murmelte Beta David an Kians Schulter, Unsicherheit färbte seinen Ton. Er schob seine drahtumrandete Brille die Nasenwurzel hinauf, seine Augen huschten zwischen Lyra und seinem König hin und her.

Da sie aufgrund der lebenslangen Freundschaft ihrer Väter praktisch wie Brüder aufgewachsen waren, kannte David Kian besser als jeder andere Lebende. Die plötzliche Entscheidung des Königs, eine Wölfin ohne bekannte Abstammung in Betracht zu ziehen, war ein völliger Überraschungscoup.

„Was ist dabei? Sie besitzt das richtige Feuer“, antwortete Kian, ein gefährliches Grinsen spielte um seine Lippen und schickte einen kollektiven Schauer durch die ungebundenen Adligen. „Und lassen wir ehrlich sein – niemand sonst in diesem Raum hat das Rückgrat, vorzutreten.“

„Verzeiht die Einmischung, Eure Majestät“, warf Alpha Aiden ein, trat aus der Menge heraus und stellte sich neben Lyra. „Ich muss mich für das rücksichtslose Verhalten meines Rudelmitglieds entschuldigen. Während meine Gefährtin und ich sie aufgenommen und wie unser eigenes Kind großgezogen haben, bleibt Lyras wahre Abstammung völlig ungeprüft. Sie trägt eine unbekannte Blutlinie und entbehrt der raffinierten Erfahrung, die die Krone verlangt. Es wäre unklug, sie zur Königin-Luna zu erheben, ohne diese entscheidenden Faktoren abzuwägen.“

Höfliche Murmeln der Zustimmung zirkulierten unter dem versammelten Adel. So verzweifelt der König auch sein mochte, eine Gefährtin zu sichern – Blutlinie und Prestige waren von größter Bedeutung. Die Königin würde nicht nur über das königliche Rudel herrschen; sie würde das gesamte souveräne Reich von Verdentia regieren.

„Habe ich um Euren Rat gebeten, Alpha Aiden? Habe ich Euch die Erlaubnis zum Sprechen erteilt?“

Kians Ton fiel auf absoluten Nullpunkt. Eine erdrückende Welle von Alpha-Autorität strömte vom Podest und sättigte den Ballsaal mit erstickender Dominanz. Lyra schluckte schwer gegen den rohen Druck, der ihre Brust einschnürte. Selbst der stolze Alpha des Incarnadine-Rudels hatte keine andere Wahl, als den Kopf in sofortiger Unterwerfung vor dem Apex-Prädator des Reiches zu beugen.

„Ich bitte um Vergebung, Eure Majestät“, flüsterte Aiden und senkte den Blick in Demut.

An seiner Seite ballten sich Luna Violas Hände zu festen Fäusten, ihre Augen schossen giftige Dolche auf Lyra für die öffentliche Demütigung, die sie ihrem Gefährten zugefügt hatte. Lyra ignorierte den mörderischen Blick und nahm langsame, abgemessene Atemzüge, um ihre zerrütteten Nerven zu beruhigen, während die Atmosphäre zunehmend tödlich wurde.

„Wurde sie nicht bis vor kurzem zur zukünftigen Luna Eures eigenen formidablen Rudels erzogen?“, fragte Kian glatt, die Frage hing wie eine Guillotine. „Sicherlich habt Ihr und Eure Luna ihre Ausbildung in den schweren Pflichten nicht vernachlässigt, die erforderlich sind, um eines der zehn stärksten Territorien der Nation zu führen.“

Aiden und Viola zuckten sichtbar zusammen. Ein paar Schritte entfernt verkrampfte sich Rhys’ Kiefer so sehr, dass seine Zähne schmerzten, sein Körper zitterte unter der erdrückenden Aura, die vom Thron ausstrahlte. Es kam nicht überraschend, dass der Souverän über die internen Angelegenheiten ihres Territoriums bestens informiert war; das Incarnadine-Rudel war viel zu prominent, um der königlichen Prüfung zu entgehen.

„Dennoch erkenne ich die Berechtigung Eurer Bedenken an“, fuhr Kian fort, sein Blick driftete zurück zu Lyra. Ihre Augen trafen sich für einen Bruchteil einer Sekunde, bevor er wegsah, als schirme er aktiv seine Gedanken vor ihrem Blick ab. „Daher wird sie geprüft, bevor man ihr die Krone anvertraut.“

Eine angespannte Stille legte sich über die Halle, als der König sich vorlehnte.

„In einer Woche werde ich sie persönlich in den Ardan-Wald geleiten.“

Ein Chor entsetzter Keuchlaute zerriss die Halle.

Der Ardan-Wald war die berüchtigtste Todesfalle des Reiches – ein urzeitlicher Wald, überrannt von wilden, blutrünstigen Abtrünnigen. Kein vernünftiger Wolf betrat ihn, es sei denn, er wurde von Elite-Kriegsbataillonen unterstützt. Es war eine tückische Einöde, die vollständig von Feralen beherrscht wurde, die Eindringlinge in Stücke rissen.

Lyras Puls schoss heftig in die Höhe, kalter Schweiß brach auf ihren Handflächen aus, während die Farbe aus ihren Wangen wich.

Der Ardan-Wald war genau der Albtraum, aus dem Alpha Aiden sie vor zwölf Jahren den Klauen des Todes entrissen hatte. Es war eine dunkle, blutige Narbe in ihrer Erinnerung, die sie nie hatte begraben können.

Sie schluckte die Galle hinunter, die in ihrer Kehle aufstieg, und zwang sich, den Blickkontakt mit dem König zu halten. Sein Ausdruck blieb völlig unleserlich, während er die Bedingungen ihrer Prüfung verkündete.

„Wenn es ihr gelingt, drei Stunden im Wald zu überleben, werde ich sie offiziell zu meiner Luna ernennen“, verfügte Kian glatt. „Und wenn sie fällt, wird sie zumindest eines ehrenvollen Todes gestorben sein, der der kühnen Wölfin gebührt, die es wagte, sich für den Thron zu melden.“

Ein heftiger Schauer durchlief Lyras Rücken. Die Erinnerung an diesen dunklen Wald war wie ein Brandmal in ihren Geist gebrannt. Sie erinnerte sich, wie sie mit zehn Jahren blind durch die Dornen gerast war, verzweifelt vor rücksichtslosen Entführern floh, nur um geradewegs in die Klauen wilder Wölfe zu rennen. Sie erinnerte sich noch an das widerliche Knirschen von Knochen, als Rudelkrieger vor ihren Augen abgeschlachtet wurden, und an den blanken Schrecken, in einem winzigen, erschöpften Körper um Atem zu kämpfen. Hätte Aiden nicht genau dann eingegriffen, wäre sie in Stücke gerissen worden.

Dieser Albtraum hatte ihre Kindheit verfolgt. Doch nun, da sie Kian in seiner vollen, turmhohen Gestalt aufstehen sah, übernahm ein anderer Überlebensinstinkt.

Die schiere Präsenz des Königs schickte Wellen der Beklemmung durch das Bankett, jede bedachte Bewegung eine Erinnerung an die tödliche Macht, die er über den Raum innehatte.

„Nun denn … genießt den Rest des Abends“, sagte Kian abweisend, sein intensiver Blick haftete erneut auf Lyra. „Du. Folge mir.“

Mit diesem scharfen Befehl sprang ihr Herz in die Kehle, doch sie zögerte nicht. Sie trat vor und folgte dem König zur großen Treppe. Jeder Schritt fühlte sich unnatürlich schwer an, als hätte sich die Schwerkraft im Raum verdoppelt.

Als sie über die Schulter blickte, erhaschte sie einen Blick auf Rhys und Anya, die sie in betroffener Stille anstarrten, als hätte sie den Verstand verloren. Keiner von beiden rührte sich, um einzugreifen; sie wussten besser, als königliche Autorität auf die Probe zu stellen. Neben Rhys weißten sich Anyas Knöchel an ihrer Clutch, ihr Gesicht blass vor bitterer Wut. Ihr sorgfältig ausgeheckter Plan, Alpha Aiden zu vergiften und den Mord Lyra in die Schuhe zu schieben, war soeben zu Staub zerfallen.

„Halte dein Tempo“, durchbrach Davids feste Stimme ihre Gedanken und veranlasste sie, ihre Schritte die Marmorstufen hinauf zu beschleunigen.

Sie passierten die Doppeltüren, aus denen der Monarch zuvor hervorgetreten war, und betraten einen atemberaubenden privaten Korridor. Die Wände waren mit herrlichen Ölgemälden geschmückt, die die alten Helden von Verdentia darstellten, durchwoben mit üppigen Blumengirlanden, die einen kurzen Hauch von Ruhe in ihren rasenden Puls brachten.

Gerade als die stille Pracht des Palastes den Knoten in ihrer Brust zu lösen begann, zerschnitt Kians tiefe Stimme die Halle.

„Halt.“

Der König blieb abrupt stehen, woraufhin die Wachen und der Beta erstarren. Er drehte sich auf dem Absatz um und ragte direkt über Lyra.

„Erinnere mich an deinen Namen.“

„M-mein Name ist Lyra, Eure Majestät“, antwortete sie, ihre Stimme zitterte leicht unter der erstickenden Hitze seiner karmesinroten Augen. Aus der Nähe war die rohe Anziehungskraft seiner Präsenz überwältigend.

„Lyra“, wiederholte er und trat einen Schritt näher, bis sein Schatten sie vollständig umhüllte. „Ich biete dir diese einzige Chance zum Rückzug: Beabsichtigst du wirklich, diesem Wahnsinn nachzugehen, wohl wissend, welche Prüfung ich vor dich gestellt habe?“

Lyras Atem stockte, ihre Finger krallten sich in die Falten ihres Reiseumhangs. Drei Stunden allein im Ardan-Wald waren praktisch ein Todesurteil – eine Prüfung, die nur für Selbstmörder oder Wahnsinnige geeignet war.

Doch sie hatte ihr Herz darauf gesetzt, den Platz an der Seite des verfluchten Königs zu beanspruchen, und sie weigerte sich, in den Zwinger zurückzulaufen, den sie für sie in Incarnadine geschaffen hatten.

Sie war nicht länger jenes wehrlose zehnjährige Mädchen, das blind durch die Dornen rannte. Sie war erwachsen geworden, und sie hatte Stella an ihrer Seite. Zwölf lange Jahre hatte Lyra ihre Nächte still und heimlich damit verbracht zu trainieren, zu lernen, wie man kämpft, aushält und notfalls tötet.

Tief einatmend straffte Lyra ihren Rücken, hob das Kinn und begegnete Kians Blick mit fester Entschlossenheit.

„Ja, Eure Majestät.“

Kian musterte ihre unblinzenden Smaragdaugen mehrere Sekunden lang. Ohne ein Wort griff er hoch und löste den Verschluss seiner kunstvollen silbernen Maske.

Das Metall fiel weg und enthüllte ein verblüffend schönes Gesicht.

Er besaß messerscharfe, aristokratische Züge, eine starke, gemeißelte Kinnlinie und eine befehlende Ausstrahlung, die den monströsen Gerüchten, die durch die Territorien geisterten, völlig widersprach. Er wirkte wie ein ungezähmter Kriegsherr, aus Stein gemeißelt – atemberaubend, tödlich und unbestreitbar königlich.

Lyras Atem stockte in der Kehle. Für einen flüchtigen Augenblick verschwand die schreckliche Legende des Tyrannen aus ihrem Geist, und ihr Filter versagte völlig.

„So hübsch…“, platzte es aus ihr heraus.

Hitze schoss ihr sofort den Nacken hinauf, und sie schlug beide Hände über den Mund, zutiefst beschämt über ihre eigene mangelnde Zurückhaltung.

Zu ihrem absoluten Erstaunen fuhr Kian sie nicht an und verspottete ihren Fauxpas auch nicht. Stattdessen zuckten seine Lippen vor leichtem Amüsement, bevor er seine Aufmerksamkeit seinem Beta zuwandte, der ebenso floh von Lyras ungefilterter Kühnheit aussah.

„Geleite sie in den Westflügel und richte ihr vorübergehende Quartiere ein“, befahl Kian glatt.

Beta David verneigte sich knapp. „Sofort, Sire.“

Ohne ein weiteres Wort drehte sich der Alpha-König um und schritt den großen Korridor hinab, sein Umhang wehte hinter ihm her, während seine bewaffnete Wache in Formation trat.

Als der Klang ihrer schweren Stiefel in der Ferne verklang, fand sich Lyra allein in der stillen Galerie mit dem Beta wieder.

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