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KAPITEL DREI

Author: Jocelyne
last update publish date: 2026-07-01 04:34:36

DER VORFALL IM BADEZIMMER

Am nächsten Morgen wachte ich in der Hoffnung auf, dass die vergangene Nacht nur ein Traum gewesen sei. Doch die beiden Flaschen, die in meiner Schreibtischschublade standen, sprachen eine andere Sprache.

Ich starrte sie einige Sekunden lang an, bevor ich die Schublade zuschob.

Ich rieb mir die Augen.

„Das ist definitiv verrückt“, murmelte ich.

Es gab keine andere Erklärung.

Alte Frauen tauchten nicht unter Straßenlaternen auf und verteilten magische Flaschen. Menschen verliebten sich nicht auf magische Weise, nur weil man etwas Rotes trank. Und es gab ganz sicher keine Flasche, die jeden Traum im Leben wahr werden lassen konnte.

Und doch hatte ich sie unter einem Stapel alter Hefte versteckt, anstatt sie wegzuwerfen.

„Abigail!“, rief meine Mutter von unten.

„Ich komme.“

Die Strafe für mein Weglaufen in der vergangenen Nacht stand bereits fest, noch bevor ich überhaupt aus dem Bett gestiegen war. Zwei Wochen Hausarrest.

Und offenbar eine Liste mit Hausarbeiten, die lang genug war, um als gemeinnützige Arbeit durchzugehen.

Ich verbrachte die nächsten vierzig Minuten damit, die Küche zu putzen, während meine Geschwister frühstückten und sich über ihren Stundenplan beschwerten. Als ich endlich zur Schule aufbrach, schmerzten mir die Schultern.

Ich umklammerte die Riemen meines Rucksacks fester.

„Abigail!“

Ich hatte es gerade noch durch das Schultor geschafft, als mich jemand am Arm packte.

Veronica stand neben mir, schwer atmend, ihr dunkles, lockiges Haar tanzte um ihr Gesicht.

„Du!“

Sie zeigte mit einem anklagenden Finger auf mich. „Weißt du, wie oft ich dich angerufen habe?“

Ich zuckte zusammen. „Tut mir leid.“

„Das ist keine Erklärung.“

Schüler strömten über den Schulhof, lachten und unterhielten sich in der Morgensonne.

„Ich hatte eine schlimme Nacht“, sagte ich leise.

Veronicas Miene veränderte sich augenblicklich.

„Was ist passiert?“

Ich erzählte ihr alles, brachte es aber nicht über mich, die Frau oder die Flaschen zu erwähnen.

Veronica klappte der Mund auf. „Das hat dein Vater tatsächlich gesagt? Heiraten nach der Schule?“

Ich nickte. „Ja.“

„Nein, Abigail. Das ist nicht nur verrückt. Das ist –“

„Veronica.“

„Was?“

„Ich will nicht, dass das jeder mitbekommt.“

Sie senkte ihre Stimme.

„Entschuldige.“ Sie griff nach meiner Hand. „Du weißt doch, dass du nicht so bist, wie sie sagen, oder?“

Ich schluckte. „Ich weiß es nicht mehr.“

„Du bist die klügste Person, die ich kenne.“

„Das bedeutet nichts, wenn niemand an mich glaubt.“

„Ich glaube an dich.“

Ihre Worte trafen mich härter, als ich erwartet hatte. Ich wandte den Blick ab, bevor sie sehen konnte, wie sehr sie mich berührten.

„Danke.“

Sie drückte meine Hand. „Und du gehst nach Crestfall.“

Ich lachte bitter. „Anscheinend nicht.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Was?“

„Du wirst hingehen.“

Sie sah mich entschlossen an.

„Ich weiß noch nicht, wie. Aber du wirst hingehen.“

Zum ersten Mal an diesem Morgen lächelte ich. Dann läutete die Glocke und wir eilten hinein.

Ich nahm meinen üblichen Platz am Fenster ein und holte mein Notizbuch heraus. Ich war gerade dabei, das Datum aufzuschreiben, als sich die Klassenzimmertür öffnete und Archibald Jones hereinkam.

Mein Herz vergaß sofort, wie es sich benehmen sollte.

Er war groß, athletisch und auf natürliche Weise gutaussehend, mit hellbraunem Haar, das immer leicht zerzaust aussah, egal wie perfekt er gekleidet war. Sein blauer Blick wanderte durch das Klassenzimmer und blieb an mir hängen.

Er lächelte. Ich senkte so schnell den Blick, dass ich mich fast mit meinem Stift stach.

Veronica beugte sich zu mir herüber. „Oh mein Gott.“

„Hör auf.“

„Du starrst ihn schon an, seit wir vierzehn waren.“

„Sei still.“

Sie lachte leise vor sich hin.

Ich wagte einen weiteren Blick. Archibald nahm seinen Platz ein, und neben ihm saß Thomas Jittro, sein bester Freund aus Kindertagen.

Mir zog sich der Magen zusammen. Thomas war das genaue Gegenteil von Archibald. Während Archibald leicht lächelte, lächelte Thomas so gut wie nie. Während Archibald dafür sorgte, dass sich die Leute wohlfühlten, war Thomas ein Tyrann.

Er war breitschultrig und unglaublich groß, mit aschgrauen Haaren, die ihm lässig über die Stirn fielen. Sein Gesichtsausdruck war stets unlesbar, seine Augen kalt genug, um andere dazu zu bringen, wegzuschauen.

Ich kannte ihn schon seit Jahren. Und seit Jahren hatte er dafür gesorgt, dass ich genau wusste, wo mein Platz war.

Zur Mittagszeit brauchte ich frische Luft. Ich ließ Veronica in der Cafeteria zurück und ging in Richtung der Mädchentoilette. Der Flur war zu dieser Stunde ungewöhnlich still.

Ich stieß die Tür auf. „Hallo?“

Da keine Antwort kam, trat ich ein und blieb auf halbem Weg stehen.

Da war schon jemand. Thomas und Cheryl Pierce.

Meine Augen weiteten sich. Cheryl lehnte mit dem Rücken an der Theke, ihr platinblondes Haar fiel ihr über die Schultern. Thomas stand vor ihr, eine Hand zwischen ihren Beinen, während sie sich küssten.

Ich erstarrte. Oh mein Gott.

Ich drehte mich sofort um. „Entschuldigung!“

Ich griff nach der Türklinke.

„Parker.“

Thomas’ Stimme hielt mich auf, und ich schloss die Augen.

Natürlich. Von allen Toiletten in der ganzen Schule – warum hatte ich ausgerechnet diese hier ausgesucht? Langsam drehte ich mich wieder um.

Cheryl starrte mich wütend an, Thomas jedoch nicht.

Er sah einfach nur zu. Und irgendwie war das noch schlimmer.

„Was machst du hier?“, fragte Cheryl schroff.

Ich starrte sie an. „Das ist die Mädchentoilette.“

Sie blinzelte. Ich konnte Veronicas Stimme fast in meinem Kopf hören.

‚Du wirst sterben.‘

„Ich meine …“, ich deutete unbeholfen auf die Kabinen. „Ich musste auf die Toilette.“

Cheryl verschränkte die Arme. „Hättest du nicht woanders hingehen können?“

Ich starrte sie an. „Das ist die Mädchentoilette.“

Thomas stieß sich vom Tresen ab.

„Geh einfach.“

Ich runzelte die Stirn. „Gerne.“

„Parker.“

Ich blieb stehen. Seine Stimme klang diesmal anders, tiefer und schärfer.

„Komm her.“

Ich blickte langsam über meine Schulter. „Warum?“

Er machte einen Schritt auf mich zu. Irgendetwas an dieser Bewegung ließ meine Haut kribbeln.

„Ich sagte, komm her.“

Ich lachte nervös. „Du hast mir nichts zu befehlen.“

Sein Kiefer spannte sich an, und Cheryl blickte zwischen uns hin und her.

„Thomas?“

Er ignorierte sie. Sein Blick blieb auf mich geheftet. Für eine seltsame Sekunde schien es im ganzen Waschraum still zu werden.

Ich konnte meinen eigenen Herzschlag hören und bemerkte nun, wie sich Thomas’ Nasenflügel weiteten. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich – Verwirrung und fast schon Schock.

Er machte einen weiteren Schritt auf mich zu, und ich wich instinktiv zurück.

„Was ist los mit dir?“

Seine Augen verengten sich. „Nichts.“

„Du benimmst dich seltsam.“

„Tue ich nicht.“

„Doch, tust du.“

Sein Blick wanderte über mein Gesicht, als würde er nach etwas suchen.

Dann verhärtete sich sein Gesichtsausdruck. „Du hast nichts gesehen.“

Ich blinzelte. „Was?“

„Du hast mich verstanden.“

Ich verschränkte die Arme. „Es ist mir egal, was du und Cheryl gemacht habt.“

Cheryl schnaubte. „Du erzählst das besser niemandem.“

Ich sah sie an.

„Ich habe Wichtigeres zu tun.“

Irgendetwas an meiner Antwort schien sie zu irritieren. Aber Thomas starrte mich immer noch an, und ich konnte mir nicht erklären, warum.

Seine Augen sahen seltsam intensiv aus, nicht wie sonst. Für einen winzigen Moment schienen sie fast … heller zu sein. Ich blinzelte, und schon waren sie wieder normal.

Thomas trat näher, und mein Rücken stieß gegen die Tür. Er blieb nur wenige Zentimeter entfernt stehen.

Seine Stimme wurde leiser. „Dann vergiss, dass du hier warst.“

Ich blickte zu ihm auf.

„Vertrau mir.“

Ich griff nach der Türklinke. „Das will ich schon.“

Ich ging hinaus, ohne mich umzusehen. Doch in dem Moment, als sich die Tür hinter mir schloss, presste ich eine Hand gegen meine Brust.

Mein Herz raste. Nicht, weil ich Thomas und Cheryl überrascht hatte. Nicht einmal, weil er mir gedroht hatte. Es lag daran, wie er mich angesehen hatte.

Als hätte er etwas erkannt. Etwas, von dem ich nicht einmal wusste, dass es existierte.

Und zum ersten Mal in all den Jahren, in denen Thomas Jittro mich schikaniert hatte, hatte ich das seltsame Gefühl, dass er Angst vor mir hatte.

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