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KAPITEL VIER

Author: Jocelyne
last update publish date: 2026-07-01 04:40:41

UNGWÖHNLICH

Ich hätte einfach weitergehen sollen.

Stattdessen blieb ich drei Schritte vor der Toilettentür stehen. Meine Hand war immer noch an meine Brust gepresst, weil mein Herzschlag sich noch nicht beruhigt hatte.

Warum hat er mich so angesehen? Thomas Jittro hatte mich jahrelang so angesehen, als wäre ich seiner Aufmerksamkeit nicht würdig.

Als wäre ich ein lästiges Möbelstück, an das er gelegentlich dachte, um dagegen zu treten.

Er hatte sich über meine Kleidung lustig gemacht. Mich vor anderen Schülern bloßgestellt. Grausame Bemerkungen gemacht, wann immer Archibald in der Nähe war.

So hatte er mich noch nie angesehen, noch nie.

Ich warf einen Blick zur Toilettentür.

Sie blieb geschlossen.

„Abigail?“

Ich wäre fast zusammengezuckt. Veronica stand am Ende des Flurs und hielt zwei Saftpackungen in der Hand.

„Was machst du denn da?“

„Nichts.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

„Habe ich nicht.“

„Warum bist du dann so blass?“

Ich öffnete den Mund. Bevor ich antworten konnte, schwang die Toilettentür auf.

Cheryl kam heraus. Ihr Gesichtsausdruck war mörderisch, und Thomas folgte ihr.

In dem Moment, als sein Blick auf mich fiel, veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Nicht viel, aber gerade genug, dass ich es bemerkte.

Seine Schultern versteiften sich und sein Blick heftete sich auf meinen. Und dann wandte er den Blick ab.

Ich runzelte die Stirn.

Veronica folgte meinem Blick. „Ist das nicht Thomas Jittro?“

„Leider.“

„Mit Cheryl?“

„Anscheinend.“

Veronica hob die Augenbrauen. „Oh.“

Cheryl blieb stehen, als sie uns erreichte.

Ihre grauen Augen huschten über mich hinweg. „Du.“

Ich schaute hinter mich. „Ich?“

„Wer sonst?“

Veronica trat näher an mich heran.

Cheryl lächelte ohne jede Wärme. „Du solltest besser lernen, wann du den Mund halten solltest.“

Ich starrte sie an. „Wegen was?“

Ihr Kiefer spannte sich an.

Thomas stand schweigend hinter ihr.

„Du weißt ganz genau, wovon ich rede.“

„Nein, eigentlich weiß ich das nicht.“

Cheryl machte einen Schritt auf mich zu. „Du bist in diese Toilette gegangen.“

„Weil es eine Toilette ist.“

„Du hast uns gesehen.“

„Ich habe zwei Menschen gesehen, die sich geküsst haben.“

Ihre Wangen erröteten. „Dann vergiss es.“

„Das habe ich doch schon gesagt.“

„Warum redest du dann immer noch?“

Ich hätte fast gelacht. „Weil du diejenige bist, die auf mich zugekommen ist.“

Veronica berührte meinen Arm. „Abigail …“

Ich kannte diesen Tonfall. Bitte hör auf. Aber irgendetwas in mir war müde. Müde davon, mich klein zu machen. Müde davon, den Blick zu senken. Müde davon, so zu tun, als könnten die Leute mir alles sagen, was sie wollten, nur weil sie mehr Geld, mehr Freunde oder bessere Kleidung hatten.

Cheryl verschränkte die Arme. „Glaubst du wirklich, du bist witzig?“

„Nein.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich finde nur, dass du überreagierst.“

Ihr Blick wurde hart. „Du warst schon immer verzweifelt auf der Suche nach Aufmerksamkeit.“

Mein Lächeln verschwand. „Was?“

Sie musterte mich von Kopf bis Fuß.

„Du schwebst immer um Leute herum, zu denen du nicht gehörst.“

Ich wusste genau, was sie meinte. Mein Blick huschte zu Archibalds Klassenzimmer, und sie bemerkte es. Natürlich tat sie das.

„Wartest du darauf, dass dich endlich jemand bemerkt?“, fragte sie.

Meine Finger ballten sich zu Fäusten.

Veronica trat vor. „Okay, das reicht jetzt.“

Aber Cheryl war noch nicht fertig. „Mädchen wie du denken immer, dass sie geheimnisvoll wirken, wenn sie still sind.“

Ich sah sie direkt an. „Nein. Manche von uns haben es einfach satt, Mädchen wie dir beim Reden zuzuhören.“

Veronicas Augen weiteten sich und Cheryls Mund stand offen.

Thomas sah mich an. Zum ersten Mal lag etwas fast wie Überraschung in seinem Gesichtsausdruck.

Cheryl trat einen Schritt vor. „Was hast du gesagt?“

„Du hast mich gehört.“

„Du –“

Ihre Hand bewegte sich, und ich habe es kaum kommen sehen.

Aber Thomas schon. Seine Hand schoss hervor und packte ihr Handgelenk, bevor sie mich berühren konnte.

Die Bewegung war so schnell, dass ich gar nicht begriff, was gerade passiert war.

In einem Moment hob Cheryl noch ihre Hand. Im nächsten hatte Thomas ihr Handgelenk fest im Griff.

„Genug.“ Seine Stimme war leise, aber deutlich zu hören.

Cheryl starrte ihn an. „Thomas.“

„Geh.“

Ihr Gesichtsausdruck verzerrte sich vor Ungläubigkeit.

„Du nimmst sie in Schutz?“

„Nein.“

Sein Blick wanderte zu mir. In seinen Augen lag weder Freundlichkeit noch Sanftmut. Nur dieselbe beunruhigende Intensität.

„Ich hindere dich daran, eine Szene zu machen.“

Cheryl riss ihren Arm los.

Sie sah wütend aus. „Du bist unglaublich.“

Sie stürmte davon.

Veronica sah ihr nach, wie sie um die Ecke verschwand. Dann wandte sie sich mir zu.

„Was ist gerade passiert?“

„Ich habe keine Ahnung.“

Sie sah zu Thomas, der mich immer noch anstarrte.

„Thomas?“

Er antwortete nicht.

„Geht es dir gut?“

Sein Kiefer spannte sich an.

Schließlich sah er Veronica an.

„Geh.“

Veronica blinzelte. „Wie bitte?“

„Ich sagte: Geh.“

Ich stellte mich vor sie. „Sprich nicht so mit ihr.“

Sein Blick schoss zurück zu mir. Und da war es wieder, dieses seltsame Gefühl. Die Luft schien sich um uns herum zu verdichten, und meine Haut kribbelte.

Thomas machte einen langsamen Schritt auf mich zu, aber

ich blieb standhaft.

„Was willst du?“

Er antwortete nicht. Sein Blick wanderte über mein Gesicht. Mein Haar. Meine Lippen. Meine Augen – und seine Nasenflügel blähten sich.

Er wirkte fast wütend, aber verwirrt.

„Warum riechst du so?“

Ich zog die Augenbrauen zusammen. „Wie bitte?“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich augenblicklich. „Nichts.“

„Du hast mich gerade gefragt, warum ich nach etwas rieche.“

„Ich habe nichts gesagt.“

„Das hast du aber nicht gesagt.“

Er trat näher.

Ich wich zurück. „Bleib weg von mir.“

Etwas blitzte in seinen Augen auf. Einen Moment lang dachte ich, ich hätte es mir eingebildet. Seine goldbraunen Augen schienen an den Rändern dunkler zu werden.

Ein seltsamer Schatten huschte durch sie hindurch. Schwarz, fast wie ein Blitz unter der Oberfläche.

Ich blinzelte, und schon war er verschwunden.

Thomas erstarrte. Er sah genauso erschrocken aus, wie ich mich fühlte.

„Was …“, flüsterte ich.

Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich. „Vergiss, was du gesehen hast.“

„Was hast du gerade gemacht?“

„Nichts.“

„Deine Augen …“

„Parker.“

Die Warnung in seiner Stimme ließ mich innehalten.

Er beugte sich näher zu mir. „Zwing mich nicht, mich zu wiederholen.“

Ich schluckte.

Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Etwas, das ich mir nicht erklären konnte. Und plötzlich kam mir der Flur gar nicht mehr so überfüllt vor.

Thomas’ Blick wanderte für den Bruchteil einer Sekunde zu meinem Mund, bevor er wieder in meine Augen zurückkehrte.

Sein Atem hatte sich verändert, meiner ebenfalls. Und

keiner von uns bewegte sich. Dann trat er plötzlich einen Schritt zurück.

Sein Gesichtsausdruck wurde wieder kalt. Der Thomas Jittro, den ich kannte, kehrte zurück, als hätte das, was geschehen war, nie stattgefunden.

„Halt dich von mir fern.“

Ich starrte ihn an.

„Du bist doch derjenige, der mir ständig zu nahe kommt.“

Seine Augen verengten sich. „Dann lerne, wegzugehen.“

Er drehte sich um.

„Warte.“

Er blieb stehen, sah aber nicht zurück.

„Warum hast du mich verteidigt?“

Stille.

Dann, leise –

„Das habe ich nicht.“

Er ging weg.

Ich sah zu, wie er im Flur verschwand.

Veronica kam zu mir und stellte sich neben mich. „Was war das denn?“

„Ich weiß es nicht.“

„Du zitterst.“

Ich schaute nach unten und stellte fest, dass sie recht hatte.

Meine Finger zitterten.

Ich ballte sie zur Faust. „Ich glaube, mit ihm stimmt etwas nicht.“

Veronica warf mir einen seltsamen Blick zu.

„Mit Thomas hat schon immer etwas nicht gestimmt.“

Trotz allem hätte ich fast gelächelt. Doch das Gefühl verschwand schnell, weil ich nicht aufhören konnte, an seine Augen zu denken.

Dieser unmögliche Schimmer von Dunkelheit unter dem Gold. Und die Art, wie er mich angesehen hatte. Als hätte er etwas gerochen, wonach er sein ganzes Leben lang gesucht hatte. Als täte es weh, in meiner Nähe zu sein – oder schlimmer noch, als täte es noch mehr weh, von mir entfernt zu sein.

Ich verstand es nicht und ich wollte es auch nicht verstehen. Thomas Jittro bedeutete Ärger, und das wusste ich schon seit Jahren. Doch während ich zum Unterricht ging, verfolgte mich ein Gedanke.

Zum ersten Mal war ich mir nicht sicher, ob Thomas der Einzige in diesem Flur war, der Angst haben sollte.

Denn was auch immer zwischen uns passiert war – keiner von uns hatte damit gerechnet.

Und ich hatte das schreckliche Gefühl, dass es erst der Anfang war.

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