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KAPITEL ZWEI

Author: Jocelyne
last update publish date: 2026-07-01 04:28:24

DIE FREMDE FRAU

„Du bist endlich zusammengebrochen.“

Ihre Stimme war kaum lauter als der Wind. Im flackernden Licht der Straßenlaterne beobachtete sie mich – in einem langen schwarzen Mantel, mit silbernen Armbändern an den Handgelenken und grauen Haaren, die über eine Schulter geflochten waren. Doch es waren ihre Augen, die mich am meisten beunruhigten.

Ich blickte über meine Schulter, und die Straße hinter mir war leer.

„Kenne ich dich?“

„Nein.“

Ich runzelte die Stirn. „Was willst du?“

Ihre Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln. „Ich erkenne Einsamkeit, wenn ich sie sehe.“

Ein nervöses Lachen entfuhr mir.

„Okay.“ Ich machte einen Schritt zurück. „Ich glaube, ich gehe einfach weiter.“

„Das hast du dein ganzes Leben lang getan.“

Ich erstarrte.

„Weggehen“, fuhr sie fort. „Von deinen Gefühlen. Von deiner Wut. Von den Dingen, die du gerne sagen würdest.“

Mir zog sich der Magen zusammen. „Wer bist du?“

Sie musterte mich einen langen Moment lang. „Abigail Parker.“

Mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich hatte ihr meinen Namen nicht genannt.

„Woher weißt du das?“

„Du wärst überrascht, was Menschen preisgeben, ohne ein Wort zu sagen.“

„Ich verstehe das nicht.“

„Das musst du auch nicht.“

Sie trat näher, und ich wich instinktiv zurück.

„Keine Sorge“, sagte sie leise. „Ich werde dir nichts tun.“

„Genau das würde jemand sagen, der mir wehtun will.“

Sie lachte. „Du bist vorsichtiger als früher.“

Ich starrte sie an. „Was soll das heißen?“

Sie ignorierte die Frage und ließ ihren Blick zu den Tränen wandern, die noch feucht auf meinen Wangen lagen.

„Sie sehen dich nicht.“

Mir schnürte sich die Kehle zu. „Wer?“

„Deine Familie.“

Ich wandte den Blick ab.

Sie fuhr fort.

„Sie geben dir zu essen, wenn sie daran denken. Loben dich, wenn es ihnen passt. Vergleichen dich mit anderen, wenn sie dich an deinen Platz erinnern müssen.“

Meine Brust zog sich zusammen.

„Hör auf.“

„Du hast jahrelang so getan, als würde dir ihre Behandlung nichts ausmachen. Und du hast gelernt, dass das Bitten um Liebe dich bedürftig wirken lässt.“

Meine Augen brannten. „Woher weißt du das alles?“

Ihre Stimme wurde sanfter. „Weil ich dich beobachtet habe.“

„Mich beobachtet?“

„Nicht so genau, wie du denkst.“

Diese Antwort machte mich irgendwie noch unbehaglicher.

Ich schlang meine Arme um mich. „Ich sollte gehen.“

„Wohin?“

Ich öffnete den Mund, aber es kam kein Ton heraus. Nach Hause zu gehen, kam im Moment nicht in Frage.

„Ich weiß es nicht.“

Die Frau nickte, als hätte sie diese Antwort erwartet. „Genau.“

Ihre Hand tauchte auf und hielt zwei winzige Glasfläschchen. Das eine enthielt eine schimmernde goldene Flüssigkeit, das andere war tief purpurrot.

Das Gold schien zu leuchten, und das Rot bewegte sich langsam in der Flasche, fast so, als würde es atmen.

„Was ist das?“

„Möglichkeiten“, sagte sie und streckte mir ihre Hände entgegen.

Ich hätte fast gelacht. „Willst du mir etwas verkaufen?“

„Nein.“

„Warum gibst du sie mir dann?“

Ich nahm sie nicht an. „Das sind doch keine Drogen, oder?“

Sie hob eine Augenbraue. „Nein.“

„Weil ich kein Interesse daran habe.“

„Du hast noch nicht einmal gehört, was sie bewirken.“

„Was bewirken sie?“

„Das goldene öffnet Türen.“

Ich runzelte die Stirn. „Was soll das heißen?“

„Es beschert dir Erfolg bei den Dingen, die du anstrebst.“

Mein Blick wanderte zu der goldenen Flüssigkeit.

„Enttäuschung.“

Die Frau lächelte. „Vielleicht.“

Ich schluckte. „Und die rote?“

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. „Liebe.“

Ich hätte fast wieder gelacht. „Was für eine Art von Liebe?“

„Die Art, von der du glaubst, dass du sie niemals haben kannst.“

Ich hasste es, dass meine Gedanken so schnell zu Archibald Jones wanderten, dem Jungen, den ich seit Jahren heimlich mochte und der wahrscheinlich kaum wusste, dass es mich überhaupt gab.

Die Frau beobachtete mein Gesicht. „Du denkst oft an ihn.“

Ich blickte abrupt auf. „Woher weißt du von Archibald?“

„Du musst mir seinen Namen nicht sagen.“

Mein Puls schlug schneller. „Du bist wirklich unheimlich.“

„Der rote Trank hat eine Bedingung“, sagte sie.

„Welche Bedingung?“

„Die erste Person, die derjenige, den du begehrst, nach dem Trinken sieht, wird an das Gefühl gebunden sein, das der Trank in ihm weckt.“

„Gebunden?“

„Er wird sich in dich verlieben.“

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Das ist unmöglich.“

„Die meisten Dinge sind unmöglich, bis sie es nicht mehr sind.“

Ich schüttelte den Kopf. „Das ist verrückt.“

„Dann trink es nicht“, sagte sie und streckte mir die Flaschen erneut entgegen.

„Warum gibst du sie mir dann, wenn du nicht willst, dass ich es trinke?“

„Weil etwas zu wollen nicht bedeutet, dass man es auch haben sollte.“

Ich starrte sie an. „Warum dann?“

Für einen seltsamen Moment glaubte ich, hinter ihren Pupillen etwas aufblitzen zu sehen, doch es verschwand, bevor ich mir sicher sein konnte.

„Weil du am Rande eines Lebens stehst, das du niemals leben solltest.“

Mir lief ein Schauer über den Rücken. „Was soll das heißen?“

„Es bedeutet, dass du zu lange geglaubt hast, du seist gewöhnlich.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin gewöhnlich.“

„Nein.“

Sie lächelte. „Nicht einmal annähernd.“

Plötzlich ertönte hinter uns eine Autohupe, und ich zuckte zusammen. Sie legte mir einfach die Flaschen in die Hände.

Ich starrte auf sie hinunter. „Wie viel?“

„Nichts. Du hast schon genug Schulden, die du nie hättest tragen sollen.“

Sie wandte sich ab.

„Warte“, sagte ich. „Wer bist du?“

Sie warf einen Blick über die Schulter zurück. „Jemand, der weiß, was kommen wird.“

„Was kommt denn?“

Ihr Lächeln war fast traurig. „Das wirst du schon bald verstehen.“

Dann ging sie weg, ich blinzelte, und

schon war sie ganz verschwunden. Es gab keine Gasse, in die sie abgebogen war.

Ich sah mich um. „Okay, Abigail. Du verlierst offiziell den Verstand.“

Ich starrte auf die Flaschen. Ich hätte sie wegwerfen sollen, aber ich steckte sie vorsichtig in die Tasche meines Hoodies.

Als ich zu Hause ankam, war es still im Haus. Ich ging durch die Hintertür hinein und erwartete, dass jemand auf mich warten würde.

Ich stieg leise die Treppe hinauf und schlüpfte in mein Schlafzimmer. Mein Zimmer war klein im Vergleich zu Emmas, aber ich hatte schon vor Jahren aufgehört, mich darüber zu beschweren.

Ich schloss die Tür hinter mir ab und holte die Flaschen aus meiner Tasche. Im gelben Schein meiner Schreibtischlampe sahen sie noch seltsamer aus.

Ich stellte sie neben meinen Laptop, auf dessen Bildschirm mein Fantasy-Roman noch offen war.

Die Heldin, über die ich geschrieben hatte, stand am Rande eines Königreichs, das sie verstoßen hatte,

machtlos. Bis sie eines Tages entdeckte, dass das Blut, das durch ihre Adern floss, kein gewöhnliches war.

Ich starrte auf den unvollendeten Absatz, bis ich beschloss, den Gedanken zu verdrängen.

„Lächerlich.“

Ich griff nach der goldenen Flasche mit der wirbelnden Flüssigkeit darin. Für einen Moment glaubte ich, ein winziges silbernes Symbol unter dem Glas auftauchen zu sehen, doch als ich blinzelte, war es schon wieder verschwunden.

Meine Finger umklammerten die Flasche fester. Ich hatte mir schon immer die Crestfall-Universität gewünscht. Keine Magie oder irgendein unmögliches Versprechen. Nur eine Chance.

Eine Chance zu beweisen, dass ich nicht nutzlos war. Dass ich nicht die überzählige Tochter war. Dass ich etwas werden konnte, ohne dass jemand das für mich entschied.

Ich stellte die Flasche zurück auf den Schreibtisch.

„Morgen“, flüsterte ich.

Ich würde herausfinden, ob die Frau verrückt war.

Ich würde herausfinden, was es mit dem Trank auf sich hatte und

ob er mir wirklich geben konnte, was ich wollte. Vielleicht würde ich endlich aufhören, darauf zu warten, dass jemand anderes mich auswählte.

Vor meinem Fenster frischte der Wind plötzlich auf und die Vorhänge flatterten. Und irgendwo in der Dunkelheit jenseits der Scheibe heulte etwas.

Ich erstarrte völlig, als das Geräusch erneut zu hören war. Leise, fern und fast wie der Schrei eines verwundeten Tieres.

Ich starrte in die Dunkelheit. Aus Gründen, die ich mir nicht erklären konnte, lief mir ein Schauer über den Rücken. Dann verschwand das Geräusch.

Ich zog langsam meine Vorhänge zu. Ich wusste es damals noch nicht, aber in dieser Nacht sollte sich mein Leben zum letzten Mal ganz normal anfühlen.

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