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Kapitel 27 – Michelle

last update Veröffentlichungsdatum: 01.07.2026 13:37:28

Mir fiel erst beim Aufräumen des Büros auf, wie lange es her war, dass Sophie und ich uns wirklich Zeit füreinander genommen hatten, ohne dass ein Lieferant, ein Vertrag oder eine Krise zwischen uns stand. Wir hatten uns durch die letzten Wochen gehetzt, Schulter an Schulter, aber immer mit einem Stapel Aufgaben zwischen uns, der jedes Gespräch auf das Nötigste reduzierte.

"Heute Abend", erklärte ich, als sie gerade dabei war, eine Rechnung zu archivieren, "gibt es keine Verträge, keine Locati
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  • Was ich mir wert bin    Kapitel 64 – Michelle & Sophie

    Sophies Nachricht kam an einem Mittwochvormittag, kurz, sachlich, auf die Art, wie sie schrieb, wenn sie etwas Wichtiges sagen wollte, ohne Raum für ein größeres Gespräch zu lassen:Wegen Hartmann – der Termin nächste Woche. Kannst du kurz? Ich würde sagen, wir treffen uns lieber außerhalb.Der Kunde Hartmann war ein gemeinsamer – ein Auftrag, den wir zusammen akquiriert hatten, noch bevor die Dinge zwischen uns kompliziert geworden waren, und der nun die etwas unbequeme Qualität besaß, uns auch nach allem noch zusammenzubringen, wenn auch nur für zwanzig Minuten über Lieferanten und Budgets.Ich antwortete: Klar. Das Café an der Mertensgasse?Sie: Passt.Das war keine Einladung und kein Vorzeichen. Es war ein Termin. Und genau das brauchte es manchmal – einen sachlichen Grund, damit zwei Menschen, die sich mieden hatten, denselben Raum bet

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 63 – Paul

    Es gab eine bestimmte Art von Stille, die ich kannte – die Stille nach einem Statement, das man in die Welt entlassen hatte und das jetzt nicht mehr einem selbst gehörte. Ich hatte sie in den Tagen nach der Veröffentlichung gespürt, diese eigenartige Leere, die folgt, wenn man etwas getan hat, das man nicht zurücknehmen kann, und die kein Gefühl der Erleichterung war, nur ein Zustand danach.Michelle hatte danke geschrieben. Und dann, mein eigener Satz zurück an mich: Zu spät für das Fragen. Nicht zu spät für den Rest. Jetzt, eine Woche später, mit ihrem Schweigen im Handy, fragte ich mich, ob ich mich geirrt hatte. Ob danke alles gewesen war, was noch kommen würde. Eine höfliche, schmerzhaft knappe Bestätigung, dass sie das Statement gelesen hatte und dass es gut war, und danach: nichts.Sie meldete sich nicht.Das war ihr gutes Recht. Das sagte ich mir tä

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 62 – Michelle

    Die erste vollständige Woche ohne Sophie hatte eine Konsistenz, die ich nicht erwartet hatte: Sie war jeden Tag gleich schwer, auf dieselbe, stille, körperlose Art, die nichts mit Dramatik zu tun hatte. Kein Zusammenbruch, keine Tränen, keine Szene. Nur das tägliche kleine Stutzen, wenn ich zur falschen Seite des Büros schaute und den leeren Schreibtisch sah, und dann das bewusste Wegsehen, und das Weitermachen.Das Weitermachen war das, was ich am besten konnte. Das wusste ich seit Monaten. Ich war darin geübt, weiterzumachen, wenn etwas nicht so war, wie ich es mir gewünscht hatte – ich hatte damit gute Ergebnisse erzielt, immer. Die Frage, die mir in dieser Woche zum ersten Mal wirklich begegnete, war, ob Weitermachen auch dann die richtige Antwort war, wenn das, woran man vorbeimachte, etwas war, das man eigentlich hätte anhalten und anschauen sollen.Ich machte trotzdem weiter. Aber ich schaute hin, diesmal, währe

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 61 – Michelle

    Sophies Tasse stand noch auf dem Regal.Das war das Erste, das ich bemerkte, am Montagmorgen, als ich das Licht anschaltete – die alte weiße Tasse, die Sophie immer benutzt hatte, wenn sie bei mir war, schlicht, ohne Aufdruck, mit einem kaum sichtbaren Sprung am Griff, den sie "Charakter" nannte und den ich nie ersetzt hatte, weil es mir nicht aufgefallen war, als sie noch da war. Jetzt stand sie auf dem Regal, zwischen meinem Fuchsbecher und dem kleinen Stapel Notizbücher, und sah aus wie etwas, das vergessen worden war, ohne sich das anmerken zu lassen.Ich ließ sie stehen. Ich ließ sie noch eine Woche stehen.Dann setzte ich meinen Laptop auf, machte Kaffee, öffnete meine E-Mails – und beschloss, in den nächsten acht Stunden das Produktivste zu tun, das ich mir vorstellen konnte. Nicht weil es eine bewusste Entscheidung war, die ich mit mir besprochen hatte. Sondern weil die Alternative – stillzusitzen und zu

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 60 – Michelle

    Das Statement erschien am Montagnachmittag, über seinen eigenen Kanal, ohne Pressemitteilung, ohne Familienabsprache, ohne Berger als Absender:Meine Ehe ist eine private Angelegenheit, und ich beabsichtige nicht, das zu ändern. Was ich sagen möchte, ist folgendes: Meine Frau ist eine Unternehmerin, der ich nichts als Respekt schulde – für das, was sie aufgebaut hat, und für die Art, wie sie es getan hat. Ich bitte darum, dass diese Einschätzung geteilt wird.Keine Erklärung. Keine Entschuldigung. Keine Stiftungsrhetorik. Nur das.Ich las es dreimal, auf meinem Handy, in meinem Büro, während Sophie am anderen Schreibtisch saß und auf ihren eigenen Bildschirm sah. Ich sagte nichts. Legte das Handy weg. Nahm es wieder auf, las es ein viertes Mal.Dann schrieb ich ihm: Das hättest du mich fragen sollen. Eine kurze Pause, bevor ich weitertippte. Aber danke.Er schr

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 59 – Paul

    Das Treffen fand, wie die meisten Dinge, die mein Vater für unausweichlich hielt, in dem Salon statt, in dem Verhandlungen immer stattfanden. Berger saß bereits, als ich ankam, mit zwei Dokumenten vor sich auf dem Tisch, die ich kannte, ohne sie lesen zu müssen – ich hatte sie schon einmal gesehen, in einer anderen Version, vor einer anderen Entscheidung, die damals einfacher gewesen war, weil ich damals weniger wusste.Mein Vater nahm seinen Platz ein, ohne Begrüßung. Das bedeutete, dass er vorbereitet war."Die Presse", begann er, nach einem Moment, "hat uns ein Zeitfenster gegeben. Nicht weil sie das wollten – sondern weil niemand eine Geschichte haben will, die sich nicht entwickelt. In zwei Wochen wird das nächste Stück kommen, entweder mit unserem Statement oder ohne. Beides hat Konsequenzen.""Ich kenne die Konsequenzen", sagte ich."Dann kennst du auch die Optionen." Er deutete auf Bergers Dokumente

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