ANMELDENMichelle hat sich nie für besonders gehalten – bis Paul, ihre Jugendliebe aus Kindertagen, plötzlich wieder in ihr Leben tritt und sie mit einer Aufmerksamkeit überschüttet, von der sie nie zu träumen gewagt hätte. Wenige Wochen später steht sie vor dem Traualtar, das Herz randvoll mit Hoffnung auf das große Glück. Doch kaum sind die Ringe getauscht, zerbricht die Illusion: Pauls Antrag war kalkuliert – eine Ehe nur auf dem Papier, um sein Familienerbe zu sichern. Kein Gefühl, keine Nähe. Nur ein goldener Käfig. Doch Michelle lässt sich nicht brechen. Mit ihrer neu gewonnenen Freiheit beginnt sie, sich selbst neu zu erfinden – und gerät dabei in einen Strudel aus Begehren, Eifersucht und unerwarteten Gefühlen, der alles auf den Kopf stellt, was sie über Liebe und sich selbst zu wissen glaubte. Wie weit würdest du gehen, um endlich die Liebe zu finden, die du wirklich verdienst?
Mehr anzeigenDie Heizung machte wieder dieses Geräusch. Ein leises Klopfen, fast wie ein Herzschlag, der nicht ganz im Takt war. Ich hatte mich längst daran gewöhnt, so wie an vieles in dieser Wohnung – an das Fenster, das nur einen Spalt weit aufging, an den Fleck an der Decke, der aussah wie ein Kontinent auf einer Landkarte, die niemand je gezeichnet hatte. Ich nannte ihn insgeheim Atlantis. Es klang besser als "Wasserschaden, den ich mir nicht leisten kann zu reparieren."
Draußen war es bereits dunkel, obwohl es gerade erst sechs war. November in dieser Stadt bedeutete: Die Sonne ging schlafen, bevor irgendjemand überhaupt richtig wach geworden war. Ich hatte eine Lichterkette um das Fensterbrett gewickelt – fünf Euro im Sale, aber wenn sie brannte, sah meine Küchenecke aus wie aus einem dieser Filme, in denen jemand gerade dabei ist, sich neu zu verlieben. Kleine Lüge, die ich mir selbst erzählte. Aber eine schöne.
Ich rührte in meiner Nudelsuppe – die mit dem Hühnchen-Geschmack, der eigentlich nach gar nichts schmeckte, aber für 39 Cent durfte man nicht meckern – und öffnete mit der freien Hand die Banking-App. Kontostand: 213,47 Euro. Noch elf Tage bis zum Gehalt.
„Du schaffst das", sagte ich zu mir selbst, so wie ich es jeden Monat tat, ungefähr um diese Zeit, ungefähr mit diesem Tonfall, der zwischen Motivation und Galgenhumor schwankte.
Mein Handy leuchtete auf. Eine Nachricht von Sophie.
Sophie: Und? Wie wars mit Tinder-Tom??
Ich seufzte und tippte mit einer Hand, während ich mit der anderen weiterrührte.
Ich: Er hat die ganze Zeit über seinen Crossfit-Coach geredet. Ich glaube, er war eigentlich in IHN verliebt, nicht in mich.
Sophie: OMG. Hat er wenigstens bezahlt?
Ich: Wir haben uns die Rechnung geteilt. Für einen Aperol, den ich nicht mal wollte.
Sophie: Michelle. Das ist offiziell der schlechteste Mann seit dem Typen, der dir seine Steuererklärung zeigen wollte als „erstes Date-Highlight".
Ich musste lachen, trotz allem. Das war das Gute an Sophie – sie schaffte es immer, aus einer Enttäuschung eine Anekdote zu machen, die man später erzählen konnte, ohne dass es wehtat. Sie war die einzige Konstante in meinem Leben, seit der Schulzeit, durch jeden Umzug, jeden Job, jede Trennung. Manchmal fragte ich mich, was ich ohne sie getan hätte. Wahrscheinlich würde ich gerade allein in meiner Küche stehen und mich selbst bemitleiden. Stattdessen lachte ich über Steuererklärungen.
Ich: Ich glaube langsam, ich bin einfach nicht gemacht für das hier.
Sophie: Für Dating? Oder für Männer mit Crossfit-Obsessionen?
Ich: Für... beides? Keine Ahnung. Ich seh's einfach nicht. Das, was andere sehen sollen, wenn sie mich anschauen.
Ich bereute den Satz, sobald ich ihn abgeschickt hatte. Zu ehrlich für einen Dienstagabend. Aber Sophie antwortete nicht mit einem Spruch. Stattdessen kam ein einzelnes Herz, und dann:
Sophie: Du siehst mehr, als du denkst. Die anderen sind nur zu blöd, es zu merken.
Ich starrte eine Sekunde zu lange auf den Bildschirm. Manchmal reichte ein Satz von der richtigen Person, um den ganzen Abend ein bisschen leichter zu machen. Nicht reparieren. Nur leichter.
Ich stellte die Suppe ab, wickelte mich in die Decke vom Sofa – die mit dem Loch, das ich mit einem Patch in Herzform geflickt hatte, weil ein normaler Flicken mir zu trist gewesen wäre – und scrollte durch mein Handy, ohne wirklich etwas zu suchen. So wie man es eben tut, wenn der Abend zu lang und die Wohnung zu still ist.
Mein Spiegelbild im dunklen Display erinnerte mich kurz daran, wie ich aussah, wenn ich nicht aufpasste: müde Augen, Haare, die ich seit dem Aufstehen nicht mehr angefasst hatte. Ich schob den Gedanken weg, so wie ich es immer tat. Es gab Wichtigeres. Zum Beispiel die Frage, ob ich mir bis zum Gehalt noch ein zweites Mal Nudelsuppe leisten konnte, oder ob ich auf die Reste vom Wochenende zurückgreifen musste.
Ich öffnete I*******m, mehr aus Gewohnheit als aus Interesse. Bilder von Leuten, die gerade in irgendwelchen warmen Ländern am Strand saßen, während ich hier mit einer Heizung kämpfte, die klang, als hätte sie ein eigenes, unglückliches Leben. Ich klickte weiter, ohne hinzusehen, bis ein Name in der „Personen, die du kennen könntest"-Leiste mein Scrollen abrupt stoppte.
Paul Hartensteiner.
Mein Daumen blieb über dem Bildschirm hängen.
Ich kannte diesen Namen. Hatte ihn seit – wie lange war das jetzt her? Fünfzehn Jahre? Mehr? – nicht mehr gehört, aber er war sofort da, wie ein Lied, das man jahrelang nicht gehört hat und trotzdem jede Zeile mitsingen kann. Paul. Der Junge aus der Nachbarschaft, mit dem ich als Kind stundenlang auf dem Spielplatz gegenüber gesessen hatte, bevor seine Familie in eine andere Welt umgezogen war – eine, die mit Villen und Nachnamen zu tun hatte, die in der Zeitung standen.
Ich tippte auf das Profilbild, bevor ich mich dagegen entscheiden konnte.
Es lud einen Moment zu lange. Dann erschien er.
Älter natürlich. Aber das Gesicht – dieses Lächeln, das ich aus einer Kindheitserinnerung sofort wiedererkannte, nur jetzt eingerahmt von einem makellos sitzenden Anzug, auf einem Bild, das aussah, als wäre es für ein Magazin gemacht worden, nicht für ein Telefon. Mein Finger zögerte über dem kleinen blauen Knopf, der „Folgen" sagte.
Ich legte das Handy weg, ohne zu klicken. Dann nahm ich es wieder hoch.
Manche Türen, dachte ich, klopfen einfach von selbst an, egal wie lange sie verschlossen waren.
Ich klickte auf „Folgen". Und genau in diesem Moment – als hätte das Universum nur auf dieses eine Klicken gewartet – leuchtete eine neue Benachrichtigung auf.
Paul Hartensteiner hat begonnen, dir zu folgen.
Mein Herz machte etwas, das ich seit sehr langer Zeit nicht mehr gespürt hatte.
Der Anruf kam um sieben Uhr morgens, was bei meinem Vater ungefähr so viel bedeutete wie ein Feueralarm bei jedem anderen Menschen. Er rief nie vor neun an, außer es war wichtig genug, um seinen eigenen, sorgfältig kultivierten Tagesrhythmus zu durchbrechen."Der Notar braucht eine Entscheidung. Sofort", sagte er, ohne Begrüßung, ohne Umweg. "Klaus hat angefragt, ob die Stiftungsanteile schon final geregelt seien, falls—" Er machte eine Pause, die genauso viel sagte wie der ganze restliche Satz. "Falls sich an deiner Situation nichts ändert."Klaus. Natürlich. Mein Cousin hatte ein bemerkenswertes Talent dafür, genau im richtigen Moment beiläufig nachzufragen, wann meine Frist eigentlich ablief, mit der Unschuld eines Mannes, der zufällig gerade in dieser Woche eine neue Familienfoto-Wand in seinem Flur hatte aufhängen lassen."Verstanden", sagte ich, während ich mit der freien Hand meine Krawatte band, vor einem Spiegel, der mir morgens zuverlässiger sagte, wer ich zu sein hatte, als
Die nächsten Tage fühlten sich an, als hätte jemand heimlich die Farbsättigung meines Lebens hochgedreht. Alles, was vorher grau und gewöhnlich gewesen war – der Weg zur Arbeit, der Geruch von Regen auf heißem Asphalt, sogar die quietschende dritte Stufe meiner Treppe – schien jetzt einen Hauch von Glanz zu tragen, als wäre die Welt selbst beschlossen hätte, mir mal eine Pause zu geben.Paul und ich sahen uns, seit dem Abend mit dem Geiger und den gefährlich gut versteckten Wassergläsern, fast täglich. Manchmal nur für einen Kaffee zwischen seinen Terminen, manchmal für einen ganzen Abend, der sich anfühlte, als hätte die Zeit beschlossen, an diesem einen Tag großzügiger zu sein als sonst.Ein Spaziergang durch den Park, an dem die ersten Kirschblüten wie rosa Konfetti von den Bäumen fielen, während er mir mit absoluter Überzeugung erklärte, dass Enten "heimlich die intelligentesten Tiere der Stadt" seien, nur um direkt darauf von einer besonders unbeeindruckten Ente angeschnattert zu
Ich hatte das Restaurant selbst ausgesucht, kleines, unaufdringliches Lokal, das aussah, als hätte es nie etwas mit "unaufdringlich" zu tun gehabt, bevor ich anrief. Kerzen, handgeschriebene Menükarten, ein Geiger, den ich extra gebeten hatte, sich diskret im Hintergrund zu halten und nicht, wie sonst üblich, direkt an den Tisch zu treten und romantische Lieder ins Gesicht zu spielen. Manche Dinge übte man eben oft genug, bis sie sich wie Talent anfühlten statt wie Strategie.Ich war fünfzehn Minuten zu früh dort. Auch das: Übung. Eine Frau warten zu lassen war der erste Fehler, den ich nie machte – nicht aus Höflichkeit allein, sondern weil ich gelernt hatte, dass die ersten zehn Minuten eines Abends den Ton für alles Folgende setzten. Mein Vater hätte das wahrscheinlich anders genannt. Er hätte es Investition genannt.Mein Handy vibrierte, während ich auf die Uhr über der Bar starrte. Vater: Notar drängt auf einen baldigen Termin. Klaus wird ungeduldig. Bring das zu Ende. Ich schob
Die Nachricht kam an einem ganz gewöhnlichen Dienstag, zwischen einer überfälligen Stromrechnung und einer Werbe-Mail für Zahnbleaching, die mein Postfach offenbar für besonders verbesserungswürdig hielt. Mitten in diesem trostlosen digitalen Einheitsbrei leuchtete plötzlich sein Name auf, klein und unscheinbar, und löste trotzdem ein Beben in mir aus, als hätte jemand eine Champagnerflasche in meinem Magen geöffnet.Hey Michelle! Krass, dich nach all den Jahren wiederzufinden. Ich musste sofort an den Sommer denken, als wir versucht haben, im Nachbargarten einen Pool zu bauen, der am Ende eher eine Schlammgrube war. Hast du noch Kontakt zu den ganzen Verrückten von damals? Würde mich riesig freuen, dich mal wiederzusehen, falls du Lust hast! ☺️Ich starrte so lange auf den Bildschirm, dass mein Handy beschloss, von selbst in den Energiesparmodus zu wechseln, als hätte es genug von meiner Unentschlossenheit gesehen. Eine Schlammgrube. Er erinnerte sich an die Schlammgrube. Ich erinner











