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Kapitel 66 – Paul

last update publish date: 2026-07-22 15:06:22

Ich hatte das Handy zu spät weggelegt.

Das war der eigentliche Fehler des Abends gewesen – nicht die zweite Stunde Arbeit, nicht das Glas Wein, das ich mir kurz vor Mitternacht eingeschenkt hatte, sondern das Handy, das ich weiter bei mir behalten hatte, weil irgendetwas in mir nicht loslassen wollte. Markus hatte mir einmal gesagt, Schlaf sei das Erste, das man opferte, wenn man ein Problem nicht lösen konnte – und dann, mit dieser ruhigen Logik, die er für

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  • Was ich mir wert bin    Kapitel 67 – Michelle

    Seine Nachricht kam um 11:23 Uhr.Ich sah sie zuerst als Vorschau auf dem Sperrbildschirm – die ersten Wörter, abgeschnitten, gerade genug, um zu wissen, dass es keine freundliche Nachricht war. War das wenigstens diskret genug— Ich nahm das Handy hoch, las sie vollständig, legte es wieder hin.Stand auf. Ging zum Fenster. Kam zurück.Las sie nochmals.War das wenigstens diskret genug für dich? Oder zählst du auf meine Geduld, während du dein Leben lebst und mich als Platzhalter hältst?Die erste Reaktion war Wut. Sauber, klar, sofort da, auf eine Art, die ich fast respektieren konnte, weil sie keine Verzögerung hatte – kein Zögern, kein Abwägen, nur die unvermittelte Schärfe von jemandem, der genau das gesagt hatte, was er meinte, und der damit vollständig unrecht hatte.Platzhalter.Ich war kein Platzhalter. Das war das Un

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 66 – Paul

    Ich hatte das Handy zu spät weggelegt.Das war der eigentliche Fehler des Abends gewesen – nicht die zweite Stunde Arbeit, nicht das Glas Wein, das ich mir kurz vor Mitternacht eingeschenkt hatte, sondern das Handy, das ich weiter bei mir behalten hatte, weil irgendetwas in mir nicht loslassen wollte. Markus hatte mir einmal gesagt, Schlaf sei das Erste, das man opferte, wenn man ein Problem nicht lösen konnte – und dann, mit dieser ruhigen Logik, die er für solche Sätze hatte: "Als ob Schlafen das Problem aufgeben bedeutet."Ich hatte ihn ausgelacht. Damals.Jetzt lag ich um kurz vor sieben noch halbwach, das Handy in der Hand, und sah, dass mir eine Nummer geschrieben hatte, die ich als Pressemanagement gespeichert hatte – eine Frau, die ich bezahlte, um genau solche Nachrichten abzufangen, bevor sie mich um sieben morgens erreichten.Ihre Nachricht: Dringend. Bitte sofort lesen.Darunter: ein Link.

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 65 – Michelle

    Der Link öffnete sich langsam, wie Dinge sich langsam öffneten, wenn das Netz an einem Freitagmorgen träge war und man noch nicht wach genug, um ungeduldig zu sein. Ich hatte erwartet, einen weiteren Artikel über Pauls Stiftungsabgabe zu sehen, vielleicht einen Follow-up zum Statement. Irgendetwas Sachliches, das Vivians Kommentar erklärte.Was sich auf dem Bildschirm aufbaute, war kein sachlicher Artikel.Das Hauptbild lud zuerst. Groß, gestochen scharf, in dem klaren Licht des Mittwochmittags: Sophie und ich, auf dem Gehweg vor dem Café an der Mertensgasse. Die Umarmung. Ihr Kopf leicht gesenkt zu meiner Schulter, meine Arme um sie, beide Augen geschlossen, das Halten von zwei Menschen, die – auf dem Bild, ohne Kontext, für jemanden, der nicht da gewesen war – aussahen wie etwas, das sie nicht waren.Die Überschrift stand darunter, fett, reißerisch, in der Schriftgröße, die Boulevardm

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 64 – Michelle & Sophie

    Sophies Nachricht kam an einem Mittwochvormittag, kurz, sachlich, auf die Art, wie sie schrieb, wenn sie etwas Wichtiges sagen wollte, ohne Raum für ein größeres Gespräch zu lassen:Wegen Hartmann – der Termin nächste Woche. Kannst du kurz? Ich würde sagen, wir treffen uns lieber außerhalb.Der Kunde Hartmann war ein gemeinsamer – ein Auftrag, den wir zusammen akquiriert hatten, noch bevor die Dinge zwischen uns kompliziert geworden waren, und der nun die etwas unbequeme Qualität besaß, uns auch nach allem noch zusammenzubringen, wenn auch nur für zwanzig Minuten über Lieferanten und Budgets.Ich antwortete: Klar. Das Café an der Mertensgasse?Sie: Passt.Das war keine Einladung und kein Vorzeichen. Es war ein Termin. Und genau das brauchte es manchmal – einen sachlichen Grund, damit zwei Menschen, die sich mieden hatten, denselben Raum bet

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 63 – Paul

    Es gab eine bestimmte Art von Stille, die ich kannte – die Stille nach einem Statement, das man in die Welt entlassen hatte und das jetzt nicht mehr einem selbst gehörte. Ich hatte sie in den Tagen nach der Veröffentlichung gespürt, diese eigenartige Leere, die folgt, wenn man etwas getan hat, das man nicht zurücknehmen kann, und die kein Gefühl der Erleichterung war, nur ein Zustand danach.Michelle hatte danke geschrieben. Und dann, mein eigener Satz zurück an mich: Zu spät für das Fragen. Nicht zu spät für den Rest. Jetzt, eine Woche später, mit ihrem Schweigen im Handy, fragte ich mich, ob ich mich geirrt hatte. Ob danke alles gewesen war, was noch kommen würde. Eine höfliche, schmerzhaft knappe Bestätigung, dass sie das Statement gelesen hatte und dass es gut war, und danach: nichts.Sie meldete sich nicht.Das war ihr gutes Recht. Das sagte ich mir tä

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 62 – Michelle

    Die erste vollständige Woche ohne Sophie hatte eine Konsistenz, die ich nicht erwartet hatte: Sie war jeden Tag gleich schwer, auf dieselbe, stille, körperlose Art, die nichts mit Dramatik zu tun hatte. Kein Zusammenbruch, keine Tränen, keine Szene. Nur das tägliche kleine Stutzen, wenn ich zur falschen Seite des Büros schaute und den leeren Schreibtisch sah, und dann das bewusste Wegsehen, und das Weitermachen.Das Weitermachen war das, was ich am besten konnte. Das wusste ich seit Monaten. Ich war darin geübt, weiterzumachen, wenn etwas nicht so war, wie ich es mir gewünscht hatte – ich hatte damit gute Ergebnisse erzielt, immer. Die Frage, die mir in dieser Woche zum ersten Mal wirklich begegnete, war, ob Weitermachen auch dann die richtige Antwort war, wenn das, woran man vorbeimachte, etwas war, das man eigentlich hätte anhalten und anschauen sollen.Ich machte trotzdem weiter. Aber ich schaute hin, diesmal, währe

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