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Chapter 5

last update Veröffentlichungsdatum: 13.08.2026 15:41:26

Hae-Jaes Perspektive

„Aber im Ernst… warum würdest du eine fremde Frau bewusstlos auf der Straße finden, sie in dein Zuhause bringen und sie dann zu einer hochkarätigen Veranstaltung mitnehmen?"

Raymonds Stimme durchschnitt die Stille meines Büros wie eine Klinge.

Ich sah nicht auf. Ich hielt meine Augen auf den Stapel Papierkram vor mir gerichtet, aber seine Worte trafen tiefer, als ich zugeben wollte.

Er verstand es nicht.

Er konnte es nicht.

„Sie spielt Spielchen mit dir, Alter", fügte er hinzu und lachte trocken. „Du kennst sie nicht einmal."

Ich legte meinen Stift langsam hin und hob schließlich den Blick, traf seine Augen mit einem ruhigen, bedächtigen Starren.

„So spricht man nicht über eine Frau", sagte ich, die Stimme leise, aber bestimmt.

Raymond zog eine Augenbraue hoch und schaute sich um, als könnte er nicht glauben, was er hörte. Dann lachte er wieder – kurz, spöttisch.

„Du machst Witze. Sag mir nicht, dass sie dich tatsächlich erwischt hat."

Ich atmete aus, der Kiefer spannte sich an.

Er hatte keine Ahnung.

Anna war nicht irgendwer.

Sie war eine Heimsuchung, die ich nicht abschütteln konnte. Ein Geheimnis, das jedes Mal an meiner Brust kratzte, wenn ich sie ansah. Eine Vergangenheit, die das Schicksal auf eine Weise mit meiner Gegenwart verknüpft hatte, die ich nicht erklären konnte – nicht einmal mir selbst.

Und die Wahrheit?

Die Wahrheit war, dass ich derjenige war, der gespielt wurde.

Nicht von ihr – sondern vom Schicksal. Von Erinnerungen. Von Schuld.

Der Teil von mir, der noch immer mit Fragen und Reue brannte, flüsterte, dass vielleicht – gerade vielleicht – meine Gebete erhört worden waren.

Denn als sie aufwachte…

Erinnerte sie sich nicht an alles.

Nicht an den Schmerz.

Nicht an den Verrat.

Nicht… an mich.

Das hätte es einfacher machen sollen. Sauberer.

Aber das tat es nicht.

Raymond schnaubte. „Was auch immer. Zieh nur keinen persönlichen Drama in die Geschäfte. Anna sollte in diesem Büro kein Gesprächsthema sein."

Er gestikulierte in den Raum um uns.

„Das hier ist ein Sitzungssaal, kein verdammter Aufenthaltsraum für Frauenprobleme."

Ich wandte meinen Blick zurück zu den Papieren. „Genau", sagte ich kühl. „Also hör vielleicht auf, so zu reden, als wäre es das."

Er stand abrupt auf. Ich musste nicht aufschauen, um zu wissen, dass sein Temperament aufflammte. Ich konnte es von ihm ausstrahlen spüren.

„Nimm wenigstens diesen Rat mit nach Hause", murmelte er scharf. „Lass dich nicht von einem Mädchen einfangen, das du in der Nähe eines Flusses gefunden hast. Du weißt nicht, was sie verbirgt."

Dann zischte er leise und stürmte hinaus, schlug die Tür hinter sich zu.

Die folgende Stille war schwer.

Zu schwer.

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und fuhr mit einer Hand durch mein Haar. Meine Brust schmerzte, mein Kopf summte.

Anna.

Allein ihr Name rührte Dinge auf, die ich nicht kontrollieren konnte.

Und dann traf mich die Erinnerung.

Hart.

Ungebeten.

Jene Nacht. Ihr gebrochener Körper. Das Blut. Der Klang ihrer Stimme, als sie flüsterte: „Warum?"

Ein tiefes, guttурales Stöhnen entwich meiner Kehle, bevor ich es aufhalten konnte – roh, voller Frustration und Hilflosigkeit. Ich hatte nicht vorgehabt, es herauszulassen.

Aber es war zu spät.

Es hallte im stillen Raum wider wie ein Geständnis, das ich nicht wusste, wie ich es zurücknehmen sollte.

Das Stöhnen, das mich verließ, hallte in der Stille wider, und für einen Moment… hasste ich mich dafür.

Ich sollte mich nicht so fühlen.

Nicht schon wieder.

Ich stand langsam auf und bewegte mich zum Fenster. Mein Spiegelbild begegnete mir im Glas – scharfer Anzug, ruhige Augen, ausdrucksloses Gesicht. Aber dahinter… Chaos.

Ich presste meine Handfläche gegen das Glas.

„Warum musste sie es sein?" flüsterte ich ins Nichts.

Aber ich kannte die Antwort.

Das Schicksal hat einen grausamen Sinn für Humor.

Als ich sie aus dem Fluss zog, dachte ich, sie sei eine Fremde. Nur eine weitere Seele, die das Schicksal in meinen Weg geworfen hatte. Aber in dem Moment, als ich in ihr Gesicht sah, durchnässt und leblos…

War sie es.

Anna.

Die Frau, die ich einmal zu retten versäumt hatte.

Die Frau, die sich jetzt nicht mehr an mich erinnerte.

Und vielleicht war das ein Segen.

Denn wenn sie sich erinnerte, was ich getan hatte…

Wenn sie sich an die Rolle erinnerte, die ich in ihrem Leid gespielt hatte…

Würde sie mich nie wieder in ihre Nähe lassen.

Ich wandte mich vom Fenster ab und schritt durch das Büro, als schlossen sich die Wände um mich.

Ich erinnerte mich an das erste Mal, als ich sie sah – nicht am Fluss.

Jahre zuvor.

Vor Max.

Vor dem Ring.

Damals, als sie noch eine Frau war, die allein in einem Café saß und ein abgenutztes Gedichtbuch las, als würde es ihr nichts ausmachen, wenn die Welt um sie herum brannte.

Ich beobachtete sie von der anderen Seite des Raumes.

Sie hatte dieses Licht in den Augen. Sanft. Warm. Als würde sie noch an Güte glauben.

Ich ging nicht auf sie zu.

Ich hatte Angst.

Angst, dass sie aufschauen und die Dunkelheit in mir sehen würde.

Also ließ ich sie gehen.

Und Max fand sie stattdessen.

Ich hätte es aufhalten sollen.

Ich hätte etwas sagen sollen.

Aber ich war zu spät.

Immer zu spät.

Und jetzt hatte das Universum sie zurück in mein Leben geworfen. Gebrochen. Verletzt. Halb tot.

Und ich sollte vorgeben, das sei ein Zufall?

Nein.

Das war eine zweite Chance.

Eine grausame, unverdiente zweite Chance, mit der ich nicht wusste, was ich anfangen sollte.

Ein sanftes Klopfen tippte gegen die Tür.

Ich drehte mich um und maskierte alles hinter einem glatten Ausdruck. „Herein."

Es war Mira, Annas Assistentin.

„Mr. Hae-Jae", sagte sie vorsichtig, „Miss Anna fragt nach Ihnen. Sie sagte… sie möchte nur reden."

Meine Brust zog sich zusammen.

Ich nickte. „Ich komme."

Sie ging leise, und ich stand einen Moment lang erstarrt.

Reden.

Wenn sie sich jemals erinnerte…

Wäre ich bereit, ihr die Wahrheit zu sagen?

Würde sie mir vergeben?

Oder würde sie mich so ansehen, wie sie ihn ansah – wie einen Fremden, der dabei geholfen hatte, sie zu zerstören?

Ich fuhr mit einer Hand über mein Gesicht und griff nach meinem Sakko.

Was auch immer das war, was auch immer es bedeutete –

Ich würde dieses Mal nicht weggehen.

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