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Chapter 4

Author: Kjosh
last update publish date: 2026-08-13 15:41:01

Annas Perspektive

Die Nachtluft roch nach Rosen und Regen.

Der Ballsaal des Herrenhauses schimmerte in sanftem Goldlicht, das über Kristallkronleuchter tanzte. Gäste in Designeranzügen und glitzernden Abendkleidern schwebten durch den Raum, lachten in Champagnergläser und flüsterten hinter falschen Lächeln.

Ich stand an Hae-Jaes Seite in einem schlanken schwarzen Kleid, das meinen Körper umhüllte, als wäre es darauf genäht worden, mich zu erinnern. Meine Haare waren hochgesteckt, das Make-up dezent aber scharf – jedes Detail von mir schrie Eleganz, Stärke und Geheimnis.

Niemand hier wusste, wer ich einmal gewesen war.

Nicht die verzweifelte Ehefrau.

Nicht die gebrochene Frau.

Nicht das Mädchen, das um Liebe gebettelt hatte.

Sie sahen nur die Frau, die ich geworden war.

Wiedergeboren. Unantastbar.

„Du siehst wirklich gut aus", murmelte Hae-Jae neben mir und bot mir seinen Arm.

Ich nahm ihn mit einem kleinen Lächeln. „Und du bist es gewohnt, so charmant zu sein, nehme ich an?"

Er grinste. „Nur wenn es wirkt."

Er führte mich durch den Raum und blieb gelegentlich stehen, um mich CEOs, Erben und Würdenträgern vorzustellen. Ich hielt meine Stimme ruhig, meine Mienen warm, aber unlesbar. Ich spielte die Rolle makellos.

Bis er hereinkam.

Mein Atem stockte – aber nur für eine halbe Sekunde.

Er hatte sich kaum verändert. Dasselbe teure Auftreten, dieselbe scharfe Kieferlinie. Dieselben kalten Augen hinter einem charmanten Lächeln.

Ethan.

Maxs engster Freund. Sein Geschäftspartner. Derjenige, der bei unserer Hochzeit an seiner Seite stand. Derjenige, der mir zusah, wie ich zusammenbrach, und nichts sagte.

Sein Blick glitt über die Menge, bis er auf mir landete.

Und verweilte.

Nur einen Moment.

Dann lächelte er, nickte höflich und sah weg.

Als wären wir Fremde.

Als hätte er mich nicht in einem Krankenhauswarteraum weinen sehen nach einer weiteren gescheiterten Schwangerschaft.

Als wäre er nicht dabei gewesen, als Max mich demütigte.

Als hätte er nicht dabei geholfen, die Version von mir zu zerstören, die ich begraben hatte.

Meine Finger krümmten sich leicht um das Weinglas in meiner Hand. Ich hielt meine Haltung elegant, mein Gesicht unlesbar.

Er trat an Hae-Jae heran, tauschte Höflichkeiten aus, als stünde nicht der gesamte Raum unter stiller Bedrohung.

„Mr. Hae-Jae", begrüßte Ethan ihn reibungslos. „Ich habe nicht erwartet, Sie heute Abend hier zu sehen. Das muss Ihre Begleitung sein?"

Hae-Jae nickte. „Ja. Das ist Anna. Eine enge Freundin."

Ethan wandte sich mir zu. Seine Augen hielten etwas – Zögern? Schuld? Wiedererkennen?

Aber sein Lächeln war makellos. „Ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Anna."

Ich erwiderte das Lächeln und neigte den Kopf leicht. „Ganz meinerseits, Mr…?"

„Ethan", antwortete er. „Nur Ethan."

„Ein schöner Name."

Und das war es.

Kein Aufflackern der Vergangenheit.

Keine Erwähnung von Max.

Keine Anerkennung dessen, wer ich einmal war.

Nur zwei Geister, die vorgaben, sich nie auf einem Friedhof alter Erinnerungen begegnet zu sein.

---

Ich stand allein auf dem Balkon, die Nachtluft kühl auf meiner Haut. Drinnen hallten Gelächter und Musik schwach wider.

Ich hörte die Schritte, bevor er sprach.

„Ich hätte dich fast nicht erkannt", sagte Ethan leise und blieb ein paar Schritte hinter mir stehen.

Ich drehte mich nicht um. „Das liegt daran, dass ich nicht mehr dieselbe Frau bin, die du früher kanntest."

Eine Pause.

„Das sehe ich."

Schweigen dehnte sich zwischen uns wie ein straff gespannter Faden.

Er seufzte. „Weiß er es?"

„Hae-Jae?" Ich warf einen Blick über meine Schulter. „Nein. Und bemüh dich nicht, es ihm zu sagen. Es ist nicht relevant."

Ethan sah nach unten. „Du warst immer stark, Anna."

„Nein", sagte ich kalt. „Ich war früher loyal. Das ist ein Unterschied."

Er sagte nichts.

Ich drehte mich vollständig um und ging mit einer Anmut an ihm vorbei, die ich früher nie besessen hatte.

„Was auch immer für eine Schuld du mit dir trägst", flüsterte ich, als ich vorbeiging, „verwechsle sie nicht mit der Erlaubnis, mich wieder anzusprechen."

Bevor ich einen Schritt von ihm weggehen konnte, ergriff er meine Hand. „Was ist mit Max?"

„Warum fragst du nach ihm?" Die Frage entfachte Wut in mir.

„Nur—"

Ich unterbrach ihn. „Stell mir nie wieder so eine Frage."

Und damit ließ ich ihn auf dem Balkon zurück, umgeben von einer Stille, schwerer als jede Entschuldigung.

---

**Zurück im Auto**

Hae-Jae warf mir einen Blick zu. „Alles okay?"

Ich lächelte. „Besser als je zuvor."

Und diesmal meinte ich es so.

---

Das Auto summte leise, während wir von den glitzernden Lichtern des Ballsaals wegfuhren. Stadtlichter zogen an den Fenstern vorbei, ein Schleier aus Gold und Rot.

Ich saß still, die Beine übereinandergeschlagen, die Hände im Schoß – aber innen brodelte es in mir.

Ich hatte einem Geist aus meiner Vergangenheit in die Augen geschaut und nicht gezuckt.

Ethan.

Ich hatte nie gedacht, ihn wiederzusehen, geschweige denn Höflichkeiten auszutauschen, als wären wir einander nichts. Aber ich hatte es getan. Ich hatte gelächelt. Ich war zuerst gegangen.

Diese Version von mir – die zerbrechliche, naive Ehefrau – war wirklich verschwunden.

„War er jemand Wichtiges?" Hae-Jaes Stimme durchschnitt die Stille, sanft aber nachdenklich.

Ich wandte mich ihm langsam zu, die Augenbrauen hochgezogen. „Wer?"

„Der Mann auf dem Balkon. Ethan", sagte er, ohne die Augen von der Straße zu nehmen. „Deine Energie veränderte sich in dem Moment, als er erschien."

Ich lachte leise. „Ich wusste nicht, dass du mir so viel Aufmerksamkeit schenkst."

„Ich achte immer auf", antwortete er reibungslos. „Du warst zu still. Zu ruhig. Als würdest du den Atem anhalten."

Ich lehnte mich zurück und lächelte für mich. „Vielleicht mag ich einfach keine Männer in überteuerten Anzügen, die denken, die Welt schulde ihnen Gnade."

„Mm", sinnierte er. „Das klang… persönlich."

Ich drehte den Kopf und traf seinen Blick im Rückspiegel.

„War es."

Wir fuhren einen Moment schweigend.

Dann sprach er wieder, diesmal leiser. „Du musst mir nichts erzählen, Anna. Ich werde nicht fragen, was du durchgemacht hast. Aber wisse dies – niemand, der in mein Leben tritt, bleibt lange unsichtbar."

Ich sah ihn wieder an, diesmal nicht mit Misstrauen – sondern mit etwas Weicherem.

„Danke", sagte ich. „Dafür, dass du nicht drängst."

„Ich muss nicht drängen", sagte er. „Wenn du bereit bist, wirst du es mir erzählen. Oder nicht. So oder so stehe ich auf deiner Seite."

Seine Worte umhüllten etwas Zerbrochenes in mir. Nicht so wie Max früher Dinge sagte, nur um mich zu manipulieren. Das war anders.

Beständig. Solide. Real.

Ich sah wieder aus dem Fenster und beobachtete, wie die dunklen Bäume vorbeizogen.

„Früher habe ich darum gebettelt, dass jemand auf meiner Seite steht", flüsterte ich, fast zu mir selbst. „Lustig, dass ich erst sterben musste, um es zu finden."

Er warf mir einen Blick zu, seine Kinnlade spannte sich leicht an – aber er sagte nichts.

Weil er verstand.

---

**Zurück im Herrenhaus**

Das Auto fuhr in die runde Auffahrt ein. Das Herrenhaus stand groß und still im Mondlicht, als hätte es darauf gewartet, dass ich zurückkehre.

Als Hae-Jae ausstieg und um das Auto herumkam, um meine Tür zu öffnen, zögerte ich.

„Darf ich dich etwas fragen?" sagte ich, gerade als er mir die Hand reichte.

„Alles."

Ich sah zu ihm auf, meine Finger streiften seine.

„Warum hast du mir geholfen?"

Er lächelte nicht. Er wich nicht aus. Er sah mich nur an, die Augen dunkel und ruhig.

„Weil mir etwas sagte, dass du noch nicht fertig bist."

---

Ich stand vor dem Spiegel in meinem Zimmer und zog langsam die Nadeln aus meinem Haar, ließ es um meine Schultern fallen.

Ich betrachtete mich. Nicht das Kleid. Nicht das Make-up.

Die Augen.

Augen, die einst voller Angst gewesen waren.

Jetzt erfüllt von etwas anderem.

Entschlossenheit.

Die Vergangenheit war noch da draußen – trug Anzüge, trank Champagner, spielte Theater.

Aber ich war wiedergeboren worden – in Stille, in Schmerz, in Feuer.

Und wenn ich aufgestiegen war…

Würden sie alle meinen Namen erinnern.

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