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Kapitel 4

Auteur: Fiona Jan
„Die Analyse des Finanzberichts von Drumneuen muss bis zur Mittagspause fertig sein.“

Susan kehrte an ihren Arbeitsplatz zurück.

Obwohl sie auf eine unbedeutende Stelle im Sekretariat versetzt worden war, lud Sarah ihr zahlreiche Aufgaben auf, die eigentlich gar nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fielen.

Und sie nahm jede einzelne davon an.

Dass sie so unermüdlich und ohne zu klagen in der Firma ausharrte, war nichts weiter als Selbstbetrug. Ken würdigte sie keines einzigen Blickes.

Nachdem Susan die Analyse des Berichts fertiggestellt hatte, übergab sie Sarah sowohl die digitale als auch die gedruckte Version und bestellte sich dann Essen zum Mitnehmen.

Obwohl die Firma eine Kantine hatte, brachte sie sich ihr Mittagessen meistens selbst mit. Sie mied überfüllte Orte, hasste es, von anderen angestarrt zu werden, und wollte einfach nur ihre Ruhe haben, ohne mit jemandem reden zu müssen.

Heute Morgen hatte sie nichts vorbereitet, also musste eben eine schnelle Essenslieferung herhalten.

Während sie auf ihre Lieferung wartete,

kamen ein paar Kollegen nach dem Mittagessen aufgeregt plaudernd ins Büro.

„Die Freundin von Herrn Guter ist so jung, bestimmt noch eine Studentin!“

„Bestimmt, und sie ist bildhübsch, wie eine Puppe.“

„Und wie der Chef sie ansieht! Sein Blick ist so zärtlich, dass man dahinschmelzen könnte. Ich hätte nie gedacht, dass unser sonst so ernster Chef so eine gefühlvolle Seite hat. Wie im Film, der knallharte Boss und seine süße, kleine Freundin!“

„...“

Die beiden Kolleginnen unterhielten sich weiter, als sie ins Büro kamen und Susan an ihrem Platz bemerkten, wo sie wie versteinert saß.

Seit ihrer Versetzung ins Sekretariat sprach sie nur noch über die Arbeit, wurde mit der Zeit immer verschlossener und trug den ganzen Tag einen Mundschutz, als würde sie sich vor der Welt verstecken.

Kaum zu glauben, dass sie noch vor einem guten halben Jahr die glamouröse Assistentin des Geschäftsführers gewesen war.

Als Susan einen Anruf vom Lieferdienst erhielt, stand sie auf.

Als sie unten ankam, um ihr Essen abzuholen,

traf sie auf zwei Hotelangestellte, die mit Essensbehältern in der Hand an der Rezeption nach dem Weg fragten. Die Empfangsdame gab ihnen die Zugangskarte für den privaten Aufzug des Chefs.

Susan sah die Flasche Rotwein in der Hand eines der Angestellten. Allein die kostete um die dreihunderttausend Euro. Aber was waren schon dreihunderttausend Euro? Für Ken war das das Geld, das er in weniger als einer Minute verdiente.

Sie nahm ihre Currywurst mit Pommes und fuhr wieder nach oben.

Vierzehn Uhr.

Sarah kam zu ihr und sagte: „Der Chef will dich sehen.“

Susan zuckte zusammen. Ein unerklärliches, ungutes Gefühl beschlich sie.

Und tatsächlich.

Als Susan das Büro des Geschäftsführers betrat, schlug ihr eine eisige Atmosphäre entgegen. Sie trat an den Schreibtisch und sagte: „Herr Guter.“

Ken blickte mit eiskalter Miene auf und schleuderte ihr die Akte, die er in der Hand hielt, ins Gesicht. „Das soll deine Analyse sein?“

Die scharfe Kante des Papiers streifte Susans Wange und hinterließ einen stechenden Schmerz. Sie blickte auf die verstreuten Blätter zu ihren Füßen – es war der Bericht, den sie am Vormittag erstellt hatte.

Mit einer Hand auf dem Bauch bückte sie sich mühsam, um die Papiere aufzuheben.

Der Mann beobachtete mit eiskaltem Blick, wie sie langsam in die Hocke ging und sich dabei den Bauch hielt.

Susan sah sich den Bericht genau an und bemerkte sofort mehrere falsche Zahlen. „Herr Guter, das ist nicht der Bericht, den ich erstellt habe“, verteidigte sie sich.

„Schon gut, ich will deine Ausreden nicht hören.“

Susan umklammerte die Papiere in ihrer Hand.

Ken kannte ihre Fähigkeiten. Es war nicht so, dass er ihre Ausreden nicht hören wollte – er nahm einfach stillschweigend hin, dass ihr Unrecht getan wurde.

Von dem Mann, den sie so sehr liebte, derart verabscheut zu werden – sie war wirklich eine tragische und lächerliche Gestalt.

Sie atmete tief durch, schloss kurz die Augen und fasste all ihren Mut zusammen, als sie sie wieder öffnete. „Ich habe eine Sicherungskopie. Ich kann sie Ihnen sofort schicken, Herr Guter. Danach können Sie mich immer noch zurechtweisen.“

Ken kniff die Augen zusammen, sein Missfallen war unübersehbar.

Susan war bis zum Zerreißen angespannt. Tief in ihr saß die Furcht vor Ken, die Furcht vor seiner Autorität. Besonders wenn er diese kalte Miene aufsetzte, wagte sie nicht, ihm auch nur ein Wort zu widersprechen.

Doch jetzt zwang sie sich zur Ruhe. Die Scheidung stand ohnehin kurz bevor. Sie würde ihm seinen Wunsch erfüllen, diesen Ort nie wieder betreten und keinerlei Erwartungen mehr in ihn setzen. Was gab es also noch zu fürchten?

„Du fühlst dich ungerecht behandelt?“ Die Stimme des Mannes war schneidend kalt und voller Spott.

Susan blickte ihm direkt in die kalten, scharfen Augen, ihre Fingernägel bohrten sich tief in ihre Handflächen. Mit festerer Stimme sagte sie: „Herr Guter, Sie beschuldigen mich ohne Grund. Sollte ich mich da nicht verteidigen dürfen?“

Ken Guters Gesicht verfinsterte sich endgültig. „Das hast du dir selbst zuzuschreiben.“

Susan spürte einen heftigen Stich im Herzen, und ihr Gesicht wurde schlagartig kreidebleich.

In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Ruheraum.

Ein junges Mädchen in einem rosafarbenen Seiden-Nachthemd mit Spaghettiträgern trat heraus. Sie hatte langes, glänzendes schwarzes Haar, eine Haut, die fast leuchtete, und so feine Gesichtszüge, dass man den Blick nicht von ihr abwenden konnte.

„Ken!“

Ihre Stimme war sanft und zart, wie ein milder Frühlingsregen.

Susan konnte nun das Gesicht des Mädchens klar erkennen. Sie war von einer Schönheit, die einen fast einschüchterte.

Kaum hatte sie einen Blick auf sie geworfen, hörte sie den scharfen Befehl des Mannes: „Raus hier!“

Susan wandte den Blick ab, unterdrückte die aufwallenden Gefühle und drehte sich um, um zu gehen.

Kaum war sie aus dem Büro, hörte sie die sanften, beruhigenden Worte des Mädchens, woraufhin der Mann sich schnell wieder fasste.

„...“

Susan hob den Kopf und blinzelte die Tränen zurück, die ihr in die Augen stiegen.

Sie flüchtete sich in eine verlassene Ecke des Treppenhauses, stützte sich mit einer Hand am Geländer ab, und konnte ihre Gefühle nicht länger zurückhalten. Die Tränen strömten ihr über die Wangen, ein stechender Schmerz durchfuhr ihr Herz und ihr Magen drehte sich um.

Einen Mann, den man acht Jahre lang geliebt hat, aus seinem Herzen zu reißen, ist, als würde man sich Fleisch von den Knochen schneiden. Aber es würde schon wieder werden. Alles würde gut werden. Sie würde ihn vollständig vergessen.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war.

Als sie sich endlich beruhigt hatte und zurück zu ihrem Arbeitsplatz ging, kam ihr das Mädchen entgegen. Sie trug maßgeschneiderte Designerkleidung, war von Kopf bis Fuß perfekt gestylt und sah aus wie jemand, der in Reichtum und Liebe aufgewachsen war.

Martin Muller begleitete sie persönlich. Martin war Kens persönlicher Assistent.

Als das Mädchen Susan sah, lächelte sie, ging auf sie zu und blieb vor ihr stehen. Mit sanfter Stimme sagte sie: „Es ist alles wieder gut. Ken ist nicht mehr böse auf dich.“

Dabei

holte sie eine Perle aus ihrer Tasche, nahm Susans Hand und legte sie hinein. „Hier, die ist für dich. Sei nicht mehr traurig. Und vergiss nicht, die Wunde an deiner Wange zu versorgen. Eine Narbe im Gesicht einer Frau ist doch nicht schön.“

Was für ein schönes, gütiges Mädchen.

Verglichen mit diesem strahlenden, lebensfrohen Mädchen kam sie sich vor wie ein Clown, der in einer dunklen, schattigen Welt lebte.

Als Susan keine Reaktion zeigte,

runzelte Martin die Stirn und ermahnte sie mit kalter Stimme: „Bedanken Sie sich gefälligst bei Frau Spiegel.“

Spiegel war also ihr Name.

Anna Spiegel zog ihre Hand zurück und sagte: „Schon in Ordnung. Gehen wir!“

Die beiden gingen.

Susan blieb stehen und betrachtete die silberblaue Südseeperle in ihrer Hand. Sie war makellos, so rein wie das junge Mädchen selbst.

Sie fragte sich nur, ob diese Frau Spiegel wusste, dass Ken verheiratet war.

Zurück an ihrem Arbeitsplatz,

druckte sie das Originaldokument erneut aus und legte es Sarah vor. Als Sarah sie sah, zeigte ihr Gesichtsausdruck nicht die geringste Scham, sondern pure Genugtuung.

„Jetzt siehst du mal, was für eine Frau an die Seite des Chefs gehört.“

Susan knallte die Unterlagen vor ihr auf den Tisch. „Genau. Ich bin es nicht wert, und du bist es auch nicht. Du kannst nichts außer billige Tricks anwenden. Mit dir wird es im Leben nichts mehr. Du bist über dreißig, such dir lieber schnell einen Mann zum Heiraten und hör auf, von Luftschlössern zu träumen.“
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