LOGINSie erwachte als Schurkin. Sie wird als ihre Erlösung sterben. Levi Kang starb voller Wut und völlig allein – und erwachte als Kaiserin eines zerfallenden Imperiums. Als die Frau, die sie einst verachtete. Als die Tyrannin, die vier mächtige Männer zugrunde richtete und sie zu ihren vergoldeten Gefangenen machte. Nun trägt sie die Krone der Grausamkeit, während sie insgeheim versucht, die Korruption ihres Reiches von innen heraus zu zerstören. Sie kann ihre plötzliche Wandlung nicht erklären. Sie darf keine Schwäche zeigen. Also lässt sie vier Männer sie hassen, während sie darum kämpft, sie am Leben zu halten. Doch das Gift in ihren Adern breitet sich immer weiter aus. Eine Prinzessin mit eisblauen Augen trachtet nach ihrem Thron. Ein Kommandant, dessen Zorn wie Feuer brennt, dürstet nach Rache. Und ihre vier Gemahle – einst Feinde, nun etwas weitaus Gefährlicheres – beginnen, hinter ihre Maske zu blicken. In einer Welt voller politischer Intrigen, Ungerechtigkeit und menschlicher Grausamkeit muss eine Frau eine Entscheidung treffen: Wird sie zu dem Monster, das alle in ihr sehen wollen, oder erhebt sie sich als Schatten, dessen Kommen niemand vorhergesehen hat? Die Schurkin war nicht das Monster. Sie war der Schutzschild.
View MoreLevi Kang wollte schreien.
Sie stand vor dem Bürodrucker und sah zu, wie er zum dritten Mal an ihrem hundertseitigen Bericht erstickte. Die Maschine piepte, als verspottete sie sie. Sie schlug auf die Seite. Nichts. Sie trat gegen die untere Schublade. Immer noch nichts.
"Komm schon, du nutzloser Haufen—"
Der Drucker spuckte eine zerknitterte Seite aus, verklemmte sich erneut und starb mit einem letzten, traurigen Surren.
Levi schloss die Augen. Zählte bis fünf. Öffnete sie. Der Drucker war immer noch tot. Ihr Bericht war immer noch nicht gedruckt. Und ihr Chef, Mark, war wahrscheinlich oben und nahm die Anerkennung für die Arbeit entgegen, die sie bis 2 Uhr morgens fertiggestellt hatte.
Sie schnappte sich die zerknitterte Seite, stopfte sie in ihre Tasche und ging zurück zu ihrem Schreibtisch. Ihre Kabine war klein, grau und deprimierend. Ein einzelnes Foto ihrer Katze stand in der Ecke. Ihre Katze hieß Varin, nach dem Fremden Prinzen in ihrer Lieblingsbuchreihe. Sie hatte ihn so genannt, weil er schön, dramatisch und immer dabei war, Dinge von Regalen zu stoßen. Es passte.
Apropos Reihe—sie hatte letzte Nacht das letzte Buch beendet. Die Fesseln der Tyrannin. Sechshundert Seiten politische Intrigen, Herzschmerz und ein befriedigendes Ende, in dem die vier männlichen Hauptfiguren endlich ihr Happy End mit den beiden weiblichen Heldinnen bekamen.
Varin, der Fremde Prinz, landete bei Kommandantin Preeya Ragvith. General Aldric Voss landete ebenfalls bei Preeya—eine geteilte Liebe, kompliziert, aber verdient. Der reichste Mann, Kael Thorne, fand Frieden mit Prinzessin Reine Vera Juldith. Und der Premierminister, Cassian Veyne, wurde der neue Kanzler einer reformierten Regierung.
Und die Kaiserin? Levi Dera Varron? Die Schurkin mit demselben Namen wie sie?
Sie starb.
Levi hatte gejubelt, als sie es las. Die Kaiserin war grausam, kalt und hatte jeden Moment ihres Untergangs verdient. Aldric stieß ihr während des letzten Angriffs auf ihren Palast ein Schwert durch die Brust. Er blickte auf ihren sterbenden Körper hinab und sagte: "Gut, dass sie weg ist."
Levi hatte diese Zeile unterstrichen. Zweimal.
Sie hasste die Kaiserin. Hasste, wie die Frau vier unglaubliche Männer in ihrem vergoldeten Käfig gefangen hatte. Hasste, wie sie Varin gedemütigt, Aldric gebrochen, Kaels Erinnerungen gestohlen und Cassian wie ein Werkzeug benutzt hatte. Die Kaiserin war alles, was Levi verabscheute: anspruchsvoll, grausam und unfähig zu lieben.
Und sie teilte ihren Namen. Levi. Es fühlte sich wie eine persönliche Beleidigung an.
"Levi!"
Sie zuckte zusammen. Marks Stimme hallte aus seinem Büro. Sie konnte sich vorstellen, wie er sich in seinem Ledersessel zurücklehnte, die Füße auf dem Schreibtisch, und erwartete, dass sie angerannt kam.
"Wo ist dieser Quartalsbericht? Ich brauche ihn vor dem 15-Uhr-Meeting."
Sie schnappte sich die zerknitterte Seite aus ihrer Tasche. "Der Drucker hat sich verklemmt", rief sie zurück. "Ich arbeite daran."
"Arbeite schneller", sagte er. "Das wird mich gut aussehen lassen."
Natürlich würde es das. Es war ihre Arbeit. Er würde sie wie seine eigene präsentieren. Sie würde zusehen, wie er lächelte und Hände schüttelte, während sie in der Ecke stand, unsichtbar. Wieder. Immer.
" Ausgezeichnete Arbeit, Mr. Chen", hatte der CEO gesagt. "Das ist genau die Richtung, die wir brauchen."
Levi hatte in der Ecke des Konferenzraums gesessen, ein Geist in ihrem eigenen Stuhl.
Sie hatte zugesehen, wie ihr Chef das Lob annahm, zustimmend nickte und nicht einmal in ihre Richtung blickte.
Sie hatte schreien wollen.
Sie hatte aufstehen und sagen wollen: Ich habe das gemacht. Jede Zeile. Jede Berechnung. Jede schlaflose Nacht. Ich habe das gemacht, während du golfen warst.
Aber sie hatte es nicht getan.
Sie hatte gelächelt. Höflich geklatscht. Und dann war sie zurück in ihre Kabine gegangen und hatte genau fünf Minuten im Badezimmer geweint—weil das alles war, was sie sich leisten konnte.
Das war das Problem, nicht wahr? Sie konnte sich nie etwas leisten. Keine Zeit. Keine Ruhe. Nicht den Luxus, laut wütend zu sein.
Sie verbrachte die nächste Stunde damit, mit dem Drucker zu ringen. Sie schrie ihn an. Sie bedrohte ihn. Sie erwog, ihn aus dem Fenster zu werfen. Schließlich druckte sie ihren Bericht Seite für Seite und stapelte sie wie ein nervöses Ritual.
Als sie fertig war, war der Himmel draußen grau und schwer. Regen kam auf. Ihr Bus fuhr erst in zwanzig Minuten. Sie war erschöpft, wütend und hatte noch eine zweistündige Fahrt vor sich.
"Nur noch eine Sache", sagte Mark, erschien an ihrem Schreibtisch mit einem Stapel Akten. "Die müssen sortiert werden. Heute Abend. Vor der morgigen Vorstandssitzung. Okay?"
Er wartete nicht auf ihre Antwort. Er ließ die Akten einfach fallen und ging weg.
Levi starrte auf den Stapel. Sie wollte weinen. Sie wollte sie ihm an den Kopf werfen. Stattdessen stopfte sie sie in ihre Tasche neben das Foto ihrer Katze und ging zur Tür hinaus.
---
Der Regen begann, bevor sie die Bushaltestelle erreichte.
Sie fluchte unter ihrem Atem und zog ihre dünne Jacke über den Kopf. Die Vorhersage hatte klaren Himmel gesagt. Klar. Nicht einmal eine Wolke. Sie hatte heute Morgen nachgesehen.
"VERDAMMT NOCH MAL, DIE VORHERSAGE SAGTE KLAR!" schrie sie den Himmel an.
Zwei Mütter an der Bushaltestelle bedeckten die Ohren ihrer Kinder und starrten sie an. Ein Mann im Anzug rückte weg, als könnte sie gefährlich sein. Levi war es egal. Sie war durchnässt, elend und ihre Schuhe quietschten bereits.
Der Bus war zu spät.
Schon wieder.
Sie sah zum zehnten Mal auf ihr Handy. Keine Nachrichten. Keine verpassten Anrufe. Nur dieselbe Benachrichtigung von ihrer Banking-App: Kontostand: 47,32 $.
Siebenundvierzig Dollar und zweiunddreißig Cent.
Das war jetzt ihr Leben. Eine Zahl so klein, dass sie wie ein Witz wirkte.
Sie schob das Handy zurück in ihre Tasche und drückte ihre Umhängetasche an ihre Brust.
Darin waren Blaupausen, an denen sie die letzten drei Wochen gearbeitet hatte.
Entwürfe, die sie bis 3 Uhr morgens verfeinert hatte.
Ideen, die ihr Chef heute Morgen dem Vorstand präsentiert hatte—ohne ihren Namen auch nur einmal zu erwähnen.
"Na gut", murmelte sie. "Ich gehe zu Fuß."
Sie begann zu gehen, während der Regen schlimmer wurde.
Autos spritzten Pfützen auf ihre Hose.
Ihre Tasche war schwer mit Akten und einer toten Druckerseite und einem Foto ihrer Katze, die wahrscheinlich gerade auf ihrem Kissen schlief, warm und trocken und völlig ahnungslos von ihrem Leid.
Sie war wütend.
Nicht nur auf Mark oder den Drucker oder den Bus.
Auf alles; ihr Leben, die Art, wie sie so hart arbeitete und nichts bekam, die Art, wie sie jahrelang unsichtbar, übersehen, erschöpft gewesen war.
"Wenigstens gibt es die Fortsetzung", sagte sie zu sich selbst und lächelte. "Wenigstens darauf kann ich mich freuen."
Der Autor hatte am Tag, als das letzte Kapitel erschien, ein neues Buch angekündigt. Ein Prequel.
Sie hatte es bereits vorbestellt. Es war das Einzige, was sie an manchen Tagen weitermachen ließ.
Herzen zurückerobert. Der letzte Teil. Das Leben der vier Gemahle nach dem Tod der Kaiserin. Sie war aufgeregt.
Levi hatte die Reihe dreimal gelesen und kannte jedes Detail.
Sie wusste, dass Varin—der Fremde Prinz—über alle Maßen gedemütigt worden war.
Dass Aldric—der Kriegsgeneral—seinen Bruder durch die Grausamkeit der Kaiserin verloren hatte.
Dass Kael—der Handelslord—bankrott und der Erinnerung an seine Frau beraubt worden war.
Dass Cassian—der Premierminister—der Kaiserin geholfen hatte, die Macht zu ergreifen, und dann wie Müll weggeworfen worden war.
Sie hatte die Kaiserin leidenschaftlich gehasst und gefeiert, als die Kaiserin endlich starb.
Sie hatte sich vorgestellt, dort im Thronsaal zu sein und zuzusehen, wie die Tyrannin fiel.
Wie befriedigend das gewesen sein musste.
Sie war so in Gedanken verloren, dass sie das herannahende Auto nicht hörte.
Sie sah die Scheinwerfer nicht.
Sie spürte den Aufprall nicht.
Sie wusste nur, dass sie in einem Moment ging und im nächsten flog, als die Welt kippte.
Der Regen wirbelte und sie hörte Schreie—die Mutter an der Bushaltestelle, vielleicht. Sie hörte Reifen quietschen.
Sie hörte, wie ihr eigener Körper auf das Pflaster traf.
Das spürte sie auch nicht.
Sie spürte nichts.
Überhaupt nichts.
Dann Dunkelheit.
—
Sie öffnete die Augen und bemerkte, dass ihre Hand wehtat.
Sie sah hinunter und sah, dass sie ein Schwert umklammerte. Ein echtes Schwert.
Schwer und kalt und glitschig von etwas Nasses, während Hunderte Augen sie anstarrten.
Levi blinzelte. Der Raum schob sich in den Fokus. Kerzen. Überall.
Goldenes Licht ergoss sich über Seidenwandteppiche und polierte Böden. Musik, die abrupt aufgehört hatte.
Eine Menge fein gekleideter Adliger, mitten im Tanz erstarrt, die Gläser in der Luft, die Münder offen.
Sie sah hinunter und sah, dass ein Mann zu ihren Füßen kniete.
Er trug Seidengewänder—zerrissen, zerfetzt, in Streifen von seinem Körper hängend.
Sein Haar war honigblond, verfilzt mit Blut.
Sein Gesicht war auf eine schlanke, scharfe Art schön und seine Augen waren bernstein-gold, brannten vor Hass, so rein, dass sie zusammenzuckte.
Er kniete auf zerbrochenem Glas.
Die Scherben drückten in seine Knie. Blut sammelte sich unter ihm.
Levi starrte.
Der Raum war riesig. Marmor. Gold.
Seidenbanner hingen von Decken, die sie nicht sehen konnte.
Männer in Militäruniform standen im Kreis um sie herum.
Frauen in Juwelen beobachteten aus den Schatten.
Alle waren erstarrt. Warteten.
Was zur Hölle?
Levi hatte keine Ahnung, was geschah.
Sie öffnete den Mund, um zu fragen.
Bevor sie sprechen konnte, trat ein Mann vor.
Er wirkte etwas älter, schwarzhaarig mit Silbersträhnen, zurückgebunden, Drahtgestellbrille auf einer schmalen Nase.
Er war schlank und groß, in formelle Gewänder gekleidet. Seine Stimme war ruhig und vorsichtig.
"Eure Majestät", sagte eine Stimme. Glatt. Ruhig. Berechnend. "Es ist Euer Geburtstagsbankett. Bitte trübt Eure Stimmung nicht wegen Varin."
Levis Herz setzte aus.
Varin.
Sie kannte diesen Namen.
Varin Vel Dorn. Der Fremde Prinz.
Der Mann, der—im Buch—endlich Freiheit und Liebe mit Kommandantin Preeya Ragvith gefunden hatte.
Ihr liebster Hauptcharakter, und dieser Mann kniete jetzt zu ihren Füßen, blutete auf Glas und wartete darauf, dass sie beendete, was sie begonnen hatte.
Levi sah auf das Schwert in ihrer Hand, dann auf den Mann auf dem Boden und schließlich auf den silbersträhnigen Mann, der gesprochen hatte.
Da machte es Klick.
Sie war nicht mehr in Chicago. Sie war nicht Levi Kang.
Sie war Kaiserin Levi Dera Varron.
Die Schurkin.
Die Frau, die sie verachtete.
Und alle hier wollten, dass sie diesen blutenden, gebrochenen Prinzen tötete.
Sie kannte diese Szene. Kannte sie genau.
Die Kaiserin hatte Varin an ihrem Geburtstag vor dem gesamten Hof gedemütigt.
Sie hatte seine Gewänder zerrissen, seine Bastardabstammung verspottet und befohlen, ihn in die Kerker zu schleifen, weil er Gefühle für eine andere hegte und ausdrückte.
Es war der erste Schritt in einem Muster der Grausamkeit, das drei Jahre dauern würde.
Und im Buch hatte die Kaiserin es genossen.
Levi sah auf Varin hinunter. Seine bernsteinfarbenen Augen brannten immer noch.
Aber unter dem Hass sah sie etwas anderes. Angst. Erschöpfung.
Einen Mann, der so oft gebrochen worden war, dass er sich nicht mehr erinnerte, wie man aufstand.
Sie hatte über diese Szene siebenmal gelesen. Sie hatte für Varin gejubelt. Sie hatte die Kaiserin gehasst.
Sie hatte Aldrics Worte unterstrichen, als er sie endlich tötete.
"Gut, dass sie weg ist."
Aber jetzt war sie die Kaiserin.
Und Varin kniete vor ihr.
Ihr Herz schlug so heftig, dass sie es in ihren Ohren hörte. Ihre Handflächen waren schweißnass. Ihr Magen drehte sich.
Sie wusste nicht, was sie tun sollte.
Sie wusste nicht mehr, wer sie war.
Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Sich zu entschuldigen. Zu erklären. Um Hilfe zu schreien. Irgendetwas.
Aber ihr modernes Gehirn—geschärft durch Jahre des Überlebens in der Unternehmenswelt—schaltete sich ein.
Wenn du Schwäche zeigst, töten sie dich.
Wenn du zugibst, nicht die Kaiserin zu sein, exekutieren sie dich.
Wenn du grundlos freundlich handelst, denken sie, du verlierst den Verstand, und das gibt ihnen die Gelegenheit, dich zu zerreißen.
Was aus ihrem Mund kam, war nicht, was sie geplant hatte.
Es war ein Lachen.
Ein kaltes, scharfes, grausames Lachen, das den Raum verstummen ließ. Es hallte durch den Ballsaal wie brechendes Glas.
Sie trat näher an Varin heran, das Schwert noch in der Hand, und hob sein Kinn mit der Spitze der Klinge an.
Er zuckte zusammen, sah aber nicht weg, den Kiefer angespannt und die Hände zitternd.
"Es scheint, du hast die Hand vergessen, die dich füttert?" Ihre Stimme war glatt, grausam, ganz anders als ihre eigene.
Sie hörte die Worte aus ihrem Mund kommen, als gehörten sie jemand anderem.
"Du bist der Bastardprinz deiner Nation. Von deinem eigenen Vater ungewollt. Ich habe dich aufgenommen. Dich zu einem Gemahl gemacht. Dir Seide und Gold gegeben. Und du willst nicht einmal deine Loyalität schwören?"
Varins Augen verengten sich. Er öffnete den Mund—um sie zu verfluchen, wahrscheinlich.
Sie konnte die scharfe Erwiderung auf seinen Lippen entstehen sehen.
Im Buch hatte er etwas Bissiges gesagt. Die Kaiserin hatte befohlen, ihn dafür auszupeitschen.
Levi drückte das Schwert ein winziges Stück näher an sein Kinn. Nicht genug, um zu schneiden. Gerade genug, um zu warnen.
Sein Gesicht war weiß und die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst, während sie darauf wartete, dass er sprach.
Er sagte nichts.
Sie konnte spüren, wie der Raum den Atem anhielt, das Gewicht jedes Blicks; Wachen, Adlige und der silbersträhnige Mann.
Sie warteten darauf, zu sehen, was sie tun würde.
Wenn sie ihn tötete, wäre sie das Monster, das sie erwarteten.
Wenn sie ihn verschonte, wäre sie schwach.
Es gab keine dritte Option.
Sie senkte das Schwert.
Nicht um ihn zu verschonen. Nicht aus Gnade. Sondern um es auf sein Kinn zu richten—eine Drohung, kein Schlag.
"Erhebe dich", sagte sie. "Ich bin noch nicht fertig mit dir."
Er bewegte sich nicht.
Sie packte seinen Kragen und riss ihn auf die Füße. Seine Hände—hinter dem Rücken gefesselt—ließen ihn stolpern.
Sie fing ihn an der Schulter und stieß ihn zu dem silbersträhnigen Mann.
"Bringt ihn in seine Gemächer. Säubert ihn. Ich werde mich morgen mit ihm befassen."
Der silbersträhnige Mann verneigte sich. Er nahm Varins Arm und führte ihn weg.
Der Raum stieß einen kollektiven Atemzug aus.
Sie wandte sich der Menge zu und breitete die Arme aus wie eine Darstellerin. Das Schwert glänzte im Kerzenlicht.
"Will noch jemand heute Abend seine Kaiserin infrage stellen?"
Stille. Die Adligen starrten sie an, blass, erstarrt. Niemand bewegte sich. Niemand atmete.
"Gut", sagte sie. Sie ließ das Schwert fallen. Es klirrte auf dem Marmorboden. Das Geräusch hallte in dem stillen Raum wider.
Sie wandte sich an einen Minister, der noch immer verbeugt war. "Das Bankett geht weiter", befahl sie. "Tanzt. Esst. Trinkt. Es ist mir egal."
Die Musiker beeilten sich, wieder zu spielen.
Paare begannen zu tanzen, steif und unbeholfen, während die Adligen hinter vorgehaltener Hand flüsterten.
Im Buch starb die Kaiserin durch die Hände ihrer Gemahle während eines Angriffs auf ihren Palast.
Sie starb allein, ungeliebt, unbeweint. Aldric stieß ihr ein Schwert durch die Brust.
Und jetzt trug Levi Kang—das Niemand, die Unsichtbare, die Vergessene—ihr Gesicht.
Drei Jahre.
Sie hatte drei Jahre, bevor die Rebellion sie tötete.
Sie begann, das Bankett zu verlassen, und ging zu ihren Gemächern.
Der Regen fiel draußen überraschenderweise noch immer und traf den Marmor wie Tränen auch in dieser Welt.
Aber sie war noch immer die Kaiserin, die Schurkin, und sie hatte nur drei Jahre, um das Ende zu ändern.
Denn sie würde nicht durch Aldrics Schwert in ihrer Brust sterben.
Gut, dass sie weg ist, dachte sie bitter. Nicht heute.
Levi schlief auch in dieser Nacht nicht.Sie lag in dem riesigen Bett, starrte auf den Baldachin über sich, ihr Verstand wirbelte von allem, was sie erfahren hatte.Das Tagebuch war noch immer unter ihr Kissen gesteckt.Das Gewicht davon drückte gegen ihren Schädel wie ein zweiter Kopf.Aber es war nicht das Tagebuch, das sie wach hielt.Es waren ihre Erinnerungen.Die Erinnerung an die kalten Augen ihres Vaters.Die Erinnerung an den Rücken ihrer Mutter, als sie wegging.Die Erinnerung an Jahre, die sie damit verbracht hatte, Liebe zu verdienen, die nie kam.Levi Kang war falsch geboren.Sie hatte es gewusst, seit sie Worte verstehen konnte.Ihr Vater war ein Unternehmenskonglomerat—wohlhabend, mächtig, angesehen.&nb
Levi schlief nicht.Sie lag in dem riesigen Bett, starrte auf den Baldachin über sich und ihr Verstand drehte sich mit allem, was sie erfahren hatte.Das Tagebuch war unter ihr Kissen gesteckt.Das Gewicht davon drückte gegen ihren Schädel wie ein zweiter Kopf.Sie hatte es dreimal gelesen.Jedes Wort. Jedes Geständnis. Jeden verzweifelten Hilferuf.Die Kaiserin hatte sie beschützt, war im Sterben gelegen und hatte auf sie gewartet.Und jetzt war Levi hier. In ihrem Körper. In ihrer Welt. In ihrem Albtraum.Sie schloss die Augen und versuchte, sich an das Buch zu erinnern. Jedes Detail, jeden Handlungspunkt und jede Wendung.In der Geschichte starb die Kaiserin in drei Jahren von jetzt an.Aldric stieß ihr während des letzten Angriffs auf den Palast ein Schwert durch die Brust.Varin sah zu, Kael atmete erleichtert auf und Cassian starrte nur.Sie alle sahen zu, dann feierten sie alle.Levi hatte auch gejubelt. Sie hatte die Worte unterstrichen und den Fall der Schurkin gefeiert.Aber
Levi stand in den privaten Gemächern der Kaiserin, ihre Brust hob und senkte sich, ihre Hände zitterten gegen die kalte Marmorwand.Sie musste nachdenken.Sie musste atmen.Aber ihre Lungen weigerten sich zu gehorchen. Ihr Herz schlug so laut, dass sie es in ihren Ohren hörte. Ihre Sicht verschwamm von Tränen, die sie nicht vergießen wollte.Sie war gestorben.Sie war sich sicher.Sie erinnerte sich an den Regen. Den Bus, der nie kam. Den langen Heimweg durch den Sturm. Die Scheinwerfer. Das Quietschen der Reifen und das Gefühl, durch die Luft zu fliegen, schwerelos und voller Angst.Sie hatte nicht gespürt, wie sie landete, aber sie musste irgendwo gelandet sein.Denn sie war hier. In diesem Körper. In dieser Welt. In diesem Albtraum.Sie presste ihre Stirn gegen den kalten Stein und zwang sich zu atmen.Ein durch die Nase. Aus durch den Mund.Eins. Zwei. Drei.Langsam ließ das Zittern nach.Sie richtete sich auf und sah sich im Raum um.Er war prunkvoller, als sie je etwas gesehen h
Levi Kang wollte schreien.Sie stand vor dem Bürodrucker und sah zu, wie er zum dritten Mal an ihrem hundertseitigen Bericht erstickte. Die Maschine piepte, als verspottete sie sie. Sie schlug auf die Seite. Nichts. Sie trat gegen die untere Schublade. Immer noch nichts."Komm schon, du nutzloser Haufen—"Der Drucker spuckte eine zerknitterte Seite aus, verklemmte sich erneut und starb mit einem letzten, traurigen Surren.Levi schloss die Augen. Zählte bis fünf. Öffnete sie. Der Drucker war immer noch tot. Ihr Bericht war immer noch nicht gedruckt. Und ihr Chef, Mark, war wahrscheinlich oben und nahm die Anerkennung für die Arbeit entgegen, die sie bis 2 Uhr morgens fertiggestellt hatte.Sie schnappte sich die zerknitterte Seite, stopfte sie in ihre Tasche und ging zurück zu ihrem Schreibtisch. Ihre Kabine war klein, grau und deprimierend. Ein einzelnes Foto ihrer Katze stand in der Ecke. Ihre Katze hieß Varin, nach dem Fremden Prinzen in ihrer Lieblingsbuchreihe. Sie hatte ihn so gen

















