Mag-log inKapitel 113Das belagerte AnwesenPerspektive: CatalinaDie Tür öffnete sich nicht und gab den Blick weder auf Rodrigo noch auf irgendeine Rettung frei, die ich sofort hätte erkennen können. Stattdessen stand dort einer von Felix’ Männern – außer Atem, die Waffe bereits im Anschlag. Er rief etwas über die Schulter zurück; auch ohne die genauen Worte zu verstehen, begriff ich, dass er Anweisungen forderte, die er nicht schnell genug erhielt.„Beweg dich“, sagte er zu mir auf Französisch mit starkem Akzent und deutete grob zur Tür. „Sofort. Ihr beide.“---„Wohin?“, fragte ich fordernd, ohne mich von der Stelle zu rühren; Mateo hielt ich fest an meine Seite gepresst.„Felix will euch verlegen lassen, bevor sie weiter vordringen“, sagte er. An der echten Angst, die in seiner Stimme mitschwang, erkannte ich, dass die Lage außerhalb dieses Zimmers für unsere Bewacher bereits katastrophal außer Kontrolle geraten war.Ich rührte mich nicht. Jeder Instinkt in mir schrie, dass der Weg an den O
Kapitel 112Geräusche von draußenPerspektive: CatalinaDie Veränderung kündigte sich zunächst durch einen Wandel der Stimmen hinter der Tür an – nichts, was ich genau hätte deuten können, nur ein Unterschied im Tonfall, den ich nach Tagen aufmerksamen Lauschens sofort erkannte. Die flache, gemächliche Ruhe, die jedes Gespräch geprägt hatte, das ich bisher mitangehört hatte, war einer schärferen, hastigeren Stimmung gewichen.Ich richtete mich ein wenig auf – darauf bedacht, Mateo nicht zu wecken, der an meiner Seite endlich wieder in einen erschöpfungsbedingten Schlaf gefallen war – und lauschte angestrengter.---Schritte – mehr als sonst –, die eine andere Dringlichkeit verrieten als der gewöhnliche Wachwechsel, dessen Ablauf ich über Tage hinweg genau kennengelernt hatte. Irgendwo hinter unserer Tür öffnete und schloss sich rasch eine Tür. Eine Stimme wurde kurz laut, verstummte aber fast augenblicklich wieder, als wäre jemand scharf daran erinnert worden, leiser zu sprechen.Ich
Kapitel 111Mateos FragePerspektive: CatalinaMateo wachte irgendwann an dem auf, was meiner Einschätzung nach der fünfte Morgen war. Seine Augen waren noch schwer vom Schlaf, und er blickte zu mir auf – mit einem Ausdruck, den ich seit der ersten Stunde dieser Gefangenschaft gefürchtet hatte. Eine Frage zeichnete sich auf seinem Gesicht ab, noch bevor sie seine Lippen verließ.„Wann gehen wir nach Hause?“, fragte er.Ich spürte, wie die Worte genau dort einschlugen, wo ich es erwartet hatte – mitten in meiner Brust –, und mir wurde klar, dass ich keine ehrliche Antwort hatte, die der schlichten, unerträglichen Einfachheit seiner Frage gerecht werden konnte.---„Bald“, sagte ich. Es war dasselbe Wort, das ich ihm schon zuvor gesagt hatte, doch nun wirkte es dünner, abgenutzt durch die ständige Wiederholung; weniger wie ein Versprechen und mehr wie ein Gebet, das ich immer wieder sprach, weil ich nichts anderes anzubieten wusste.„Das hast du gestern auch schon gesagt“, stellte Mateo
Kapitel 110Gedanken an LucienPerspektive: CatalinaIrgendwann am vierten Tag schweiften meine Gedanken zu ihm ab – ungebeten, so wie Gedanken auftauchen, wenn die Erschöpfung endlich die sorgsame Disziplin zermürbt, die sonst alles zusammenhält. Lucien, der in irgendeinem Raum stand – wo auch immer er sich gerade aufhielt – und Nachrichten bei sich trug, deren Ausmaß ich mir nur ausmalen konnte.Ich fragte mich, ob er es gewesen war, der die Wohnung zuerst entdeckt hatte, oder ob Rodrigos Anruf ihn erreicht hatte, bevor er selbst in diese Stille hineingetreten war. Ich fragte mich, welche Version des Schreckens er gerade durchlebte: jene, in der er es mit eigenen Augen entdeckte, oder jene, in der ihm die Nachricht durch die Stimme eines anderen übermittelt wurde.---„Du denkst an ihn“, sagte Mateo und ließ mich zusammenfahren. Seine Stimme klang leise, aber fest; in den letzten Tagen hatte sich eine neue Widerstandskraft in ihm entwickelt, die mir das Herz brach und mir zugleich H
Kapitel 109Die Güte eines WärtersPerspektive: CatalinaDer junge Wächter kehrte irgendwann in der – wie ich vermutete – dritten Nacht zurück. Er trug eine zusammengelegte Decke unter dem Arm und legte sie wortlos neben die Matratze; dabei mied er meinen Blick mit jener besonderen Vorsicht eines Mannes, der nicht wollte, dass seine eigene Güte allzu genau beobachtet wurde.„Nach Mitternacht wird es kalt im Raum“, sagte er kaum mehr als flüsternd. „Mir ist vorhin aufgefallen, dass der Junge gezittert hat.“---Auch mir war das aufgefallen – wie sich Mateos kleiner Körper immer enger an meinen schmiegte, je tiefer die Nacht wurde. Doch ich hatte nichts gesagt; ich wusste, dass der Hinweis auf unser Unbehagen bei Männern, die uns eher als Druckmittel denn als Menschen betrachteten, womöglich das Gegenteil von Hilfe bewirkt hätte.„Danke“, sagte ich und hielt meine Stimme ebenso leise und vorsichtig wie seine; ich wollte nicht, dass meine Dankbarkeit in etwas umschlug, das ihm vor den an
Kapitel 108Stunden, die nicht vergehenPerspektive: CatalinaIrgendwann um den zweiten Tag herum – so schätzte ich es zumindest ein – hörte ich auf, meinem eigenen Zeitgefühl zu trauen. Das kleine, vergitterte Fenster bot nur einen schmalen Streifen wechselnden Lichts: von Grau zu hellerem Grau und wieder zurück zu Dämmerlicht. Ich ertappte mich dabei, wie ich diese Veränderungen zählte – so wie Seeleute einst die Sterne zählten: unsicher, ungenau, aber besser als nichts.Mateo schlief endlich richtig; die Erschöpfung hatte sogar seine Angst besiegt. Sein kleiner Körper lag schwer und schlaff an mich gelehnt – ein Zeichen dafür, dass sein Geist den Terror einfach nicht mehr ertragen konnte.Ich beneidete ihn um dieses Zusammenbrechen. Ich selbst konnte es mir nicht leisten.---Ich teilte meine Hoffnung so ein, wie ich einst alles andere Wichtige eingeteilt hatte: vorsichtig und bedacht. Ich weigerte mich, sie auf einen Schlag für den einen, zerbrechlichen Glauben zu verschwenden, da







